Glücklich macht, was wir nicht kontrollieren können

Glück lässt sich nur wenig kontrollieren. Wir können Voraussetzungen schaffen, die es dem Glück erleichtern, zu uns zu kommen. „Good things come to people who can wait“, heisst es. Wir können eine gute Atmosphäre schaffen, um gute Gespräche leichter zu ermöglichen. Aber wir können nicht alles steuern. Und deswegen neigen wir manchmal dazu, das Schlechte zu lenken. Denn das ist auf gewisse Art einfach. Wenn ich für eine Prüfung gelernt habe und alles gebe, dann bin ich dennoch abhängig von vielen Dingen, damit ich die Prüfung bestehe. Wenn ich mich jedoch dumm stelle, dann habe ich’s im Griff.

Wir können leicht einen Unfall bauen – wir müssen nur auf das andere Auto zusteuern. Schwieriger kann es sein, einen Unfall zu verhindern – dazu müssen wir dem anderen ausweichen.

Das Schlechte ist stabiler als das Gute

Krank werden ist leicht – wir müssen nur etwas machen, dass wir ordentlich frieren und wenig schlafen. Gesund bleiben hingegen ist weitaus schwieriger. Vertrauen müssen wir über Jahre aufbauen, doch nur wenig müssen wir tun um Vertrauen zu zerstören. Das Schlechte ist oft leichter lenkbar als das Gute. Sich auf das Unkontrollierbare einzulassen, ist weitaus schwieriger, als sich auf kontrollierbares Terrain zu begeben – aber das Unkontrollierbare kann so viel befriedigender sein.

Dinge, die uns gut tun, passieren genau dann, wenn wir die Kontrolle aufgeben. Wir schlafen ein, wenn wir unsere quälenden Gedanken ziehen lassen, wir können lieben, wir können uns entleeren, unserer Intuition folgen, befreit lachen, plötzlich weinen, wenn wir nicht krampfhaft denken, sondern uns auf das Fühlen und Atmen konzentrieren. „Ja, aber wenn ich als Kind nicht aufpasste, bekam ich eine Strafe, eh ich mich versah“, sagt der Patient. Ja. Und dann kam die Kontrollwut. Sie diente zunächst dem Überleben. Doch sie blieb oft zu lange und hindert heute vielleicht daran, ein unbeschwerteres Leben zu führen.

„Ich habe dieses furchtbare Problem“, sagt der Psychoanalyse-Patient. „Und ich weiß nicht, ob es sich jemals verändern wird oder ob ich es überhaupt verändern kann. Ich lege meine Hände in den Schoß, komme einfach weiter hierher und vertraue darauf, dass ‚es‘, die Veränderung, geschieht.“

„Patienten brauchen eine maßgeschneiderte Psychotherapie!“, ruft’s aus den Reihen der Psychotherapieforscher. „Intervention X führt zu Reaktion Y“, so der Wunsch. Zum Glück sind wir keine Laborratten. Der Wunsch, alles kontrollieren zu wollen, ist in der Psychotherapie genauso vorhanden wie in anderen Bereichen des Lebens. Doch die entscheidenden Veränderungen geschehen meistens in dem Moment, in dem wir uns vergessen haben. „Es geht mir besser“, sagt der Patient. „Ich spüre, dass diese Verbesserung von der Psychoanalyse kommt. Aber ich weiß nicht, welche Faktoren genau dazu geführt haben. Ich denke, es ist die Mischung aus Ritual, Regelmäßigkeit, Präsenz, Verstandenwerden und Verlässlichkeit des Analytikers.“ Gerade in der Psychoanalyse zeigt sich oft: Wir können einen guten Rahmen schaffen, unser Bestes geben und dann warten. Die Seele lässt sich nicht kontrollieren.

Wenn wir etwas kontrollieren können, dann ist es gut und wenn wir etwas nicht kontrollieren können, dann ist es schlecht, so meinen wir. Allzu oft gehen wir davon aus, dass etwas, das wir nicht kontrollieren können „in die Hose geht“. Aber dass vielleicht genau das, was wir nicht kontrollieren, vielleicht besonders gut wächst, blüht und gedeiht, daran denken wir seltener. Wenn wir etwas nicht kontrollieren können, dann können wir uns zurücklehnen und beobachten. Dann können wir uns erfreuen, erschrecken, überraschen lassen. Dann wird’s spontan, berührend, nicht-sprachlich und vegetativ.

Kontrolle abgeben weckt Lebenslust

Ich halte mein Rad immer fester. Ich muss immer mehr wissen, mehr fragen, ich muss immer achtsam sein. Ich brauche Sicherheit. Ich kann das nicht so laufen lassen! Wenn ich sterbe, muss ich auf meine Gedanken achten. Ich glaube, dass ich an einer bestimmten Stelle aufpassen muss, damit ich nicht die falsche Abzweigung nehme. Damit mir im neuen Leben nicht wieder die Hölle passiert, die ich in diesem Leben gleich nach der Geburt erleben musste. Ich muss den anderen unbedingt noch informieren! Das muss wirklich noch geklärt werden! Ich zähle alles genau nach. Und denke: Wenn ich noch mehr kontrolliere, habe ich bald alles im Griff.

Doch das Leben ist zu groß für mich. Die Lösung liegt nicht im Noch-mehr-Festhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich sterbe, dann ist es sinnvoller, die Kontrolle abzugeben, damit ich da lande, wo ich wirklich hin will.

So fahre ich auf meinem Rad und dachte lange, ich könne nur freihändig fahren, wenn ich den Sattel fest zwischen meinen Beinen einklemme. Und dann stellte ich fest: Ich kann freihändig fahren, wenn ich locker lasse, denn nur dann kann ich auf die kleinen Abweichungen reagieren. Ich nehme Kontrolle auf, wenn ich Angst habe. Ich bekomme auf gewisse Weise aber auch wieder mehr Sicherheit, wenn ich Kontrolle abgebe. Wenn ich Kontrolle abgebe, heißt es, mich meiner Angst hinzugeben. Das ist wie Achterbahnfahren.

Doch wenn ich darauf vertraue, dass trotz all meiner Angst das Bessere passiert ohne Kontrolle, dann geschehen wunderbare Dinge.

Es ist, wie wenn sich zwei Menschen rasch aufeinander zu bewegen und darüber nachdenken, was sie machen sollen, damit sie nicht zusammenstoßen. Der sicherste Ausweg kann es sein, wegzuschauen, den anderen nicht anzugucken. So finden beide Körper unbewusst ihren Weg aneinander vorbei. Wer Kontrolle abgibt, der findet seine Freiheit zurück. Wie die Vögel im Frühling können die wertvollsten Dinge zurückkehren: die Liebe, die Erotik, die Freude am Leben, der freie Atem, das Weinen, die Begegnung, der unverstellte Blick, die Spontanität, der Schlaf und der Traum.

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 3. Februar 2017
Aktualisiert am 2. September 2024

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