Depersonalisation und Derealisation: Wenn alles so komisch ist, hilft Kneifen

Es gibt Momente, da wird’s einem ganz komisch. In unangenehmer Weise meint man, neben sich zu stehen oder in einer anderen Realität zu sein. Die Angst, verrückt zu werden, ist ganz nah. Diesen Zustand nennen Psychotherapeuten „Depersonalisation“. Dieses Gefühl tritt häufig ab der Pubertät auf sowie bei psychischer Anspannung, Einsamkeit und körperlicher Erschöpfung. Besonders gut kennen es schwer traumatisierte Patienten, z.B. frühtraumatisierte Menschen mit einer schweren Angststörung. Da erscheint einem vielleicht die eigene Hand ganz fremd und die eigene Stimme klingt wie ein Hall von irgendwoher. Nach ein paar Momenten vergeht dieses Gefühl häufig wieder.

Möglicherweise kennen wir dieses unangenehme Gefühl aus der ganz frühen Zeit unseres Lebens. Vielleicht erging es uns im Mutterleib oder nach der Geburt so wie den Katzenbabys, die plötzlich ihre Pfoten oder ihren Schwanz entdecken (z.B. auf Instagram). Auch bei Babys lässt sich beobachten, wie sie oft fasziniert erst ihre Händchen und später ihre Füßchen entdecken.

Das gleiche Fremdheits-Gefühl kann sich auch in Bezug auf die Umwelt entstehen. Alles um einen herum kommt einem dann fremd vor. Das bezeichnet man als „Derealisation“. Meistens sind die Zustände „Derealisation“ und „Depersonalisation“ kaum zu trennen. Wenn Du akut unter diesem unangenehmen Gefühl leidest, kannst Du z.B. Deine Oberschenkel, Arme oder den Brustbereich mit der flachen Hand abklopfen. Auch kann Hyperventilation die Ursache dieser unangenehmen Gefühle sein. Dann kann es helfen, gegen Widerstand auszuatmen, z.B. mittels Ujjayi-Atmung.

Der Psychoanalytiker Paul Federn (1871-1950) beschrieb die Depersonalisation bereits im Jahr 1928 sehr treffend im International Journal of Psycho-Analysis (9: 401-419: Narcissism in the Structure of the Ego, Pep-Web.org): (Frei übersetzt von Voos:) „Die Außenwelt erscheint im Grunde unverändert und doch ganz anders. Sie scheint nicht wirklich existierend oder lebendig zu sein – es ist eher wie in einem Traum und doch ganz anders als im Traum. Der Betroffene fühlt sich, als sei er tot und er fühlt sich so, weil er überhaupt nicht fühlt … Und doch sind sein Wissen, seine Wahrnehmung, sein Intellekt und sein logisches Denken nicht beeinträchtigt.“
(Original:) „The outer world appears substantially unaltered, but yet different, not … truly existing and alive, more as if in a dream and yet different from a dream. At heart the patient feels as if he were dead and he feels like this because he does not feel. … And yet the patient knows everything correctly, his faculties of perception, of intellect and of logic have not suffered at all.“

Paul Federn schreibt auch, dass der Zustand als Traum-artig beschrieben wird. Allerdings gebe es im Traum meist nicht dieses Fremdheitsgefühl (vielleicht, weil wir da natürlich atmen?). Auch, wenn im Traum der Wille reduziert zu sein scheint, so gehe dies nicht mit einem Fremdheitsgefühl einher. Es gehe bei der Depersonalisation um die Verfremdung des Willens, um „the alienation of the will“, so Paul Federn – der eigene Wille scheint einem fremd zu werden. Paul Federn schreibt weiter (übersetzt von Voos): „Viele Betroffene klagen über einen Automatismus ihrer Aktionen, so, als hätten sie kein eigenes Wollen. Sie sagen, dass sie handeln würden wie in einem Traum. In anderen Zusammenhängen wiederum beschreiben die Betroffenen, dass ihnen die Welt traumartig erscheint. Im echten (Nacht-)Traum jedoch gibt es diese Fremdheitsgefühle nicht.“ (Original:) „Many of these patients complain of the automatism of their actions, as if they were not aware of any volition. They say that they act as if in a dream. In other contexts depersonalization patients describe the alienated world as dream-like. In actual dreams, however, there is no alienation feeling.“

Ein Symptom, kein eigentständiges Krankheitsbild

Depersonalisation und Derealisation treten bei vielen Menschen in schwierigen Lebensphasen auf, in denen viel Neues oder Unangenehmes passiert. Sobald in einer Psychotherapie die grundlegenden Probleme bearbeitet werden, gehen die unangenehmen Depresonalisations- und Derealisationsgefühle oft deutlich zurück. Besonders empfehlenswert ist meiner Erfahrung nach auch regelmäßiges Yoga über längere Zeit.

Eine Studie aus dem Jahr 2001 mit 1000 Teinehmern zeigte, dass die Depersonalisation bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern (26% vs. 19%). Studienteilnehmer mit chronischen Schmerzen und „unregelmäßigen Kirchenbesuchen“ waren besonders stark betroffen. Hingegen findet sich die Depersonalisation seltener bei älteren Menschen und bei Menschen, die sich in einem Angestelltenverhältnis befinden. (Aderibigbe YA et al. 2001: Prevalence of depersonalization and derealization experiences in a rural population. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2001 Feb;36(2):63-9. doi: 10.1007/s001270050291. PMID: 11355447, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11355447/)

Und für Kinder und Jugendliche noch eine wichtige Anmerkung des Kinderanalytikers Hans Hopf: „Die Depersonalisation bzw. Derealisation kann auch ein vorübergehendes Geschehen während der Adoleszenz sein. Es wird allzu leicht mit psychotischer Entwicklung verwechselt! Es ist wichtig, den Jugendlichen die Angst vor psychotischer Dekompensation zu nehmen.“

Auch schon in ganz alten Schriften wird das Gefühl der Depersonalisation beschrieben, z.B. von Teresa von Avila in ihrem Text „Die innere Burg“ (1577): „Meint ihr, man erschrecke nicht, wenn man hellwach bei Sinnen ist und merkt, wie einem die Seele fortgerissen wird, ohne dass man weiß, wohin und von wem und auf welche Weise sie entführt wird? Es scheint dabei wirklich so, als verlasse der Geist den Leib, wobei es andererseits keinen Zweifel gibt, dass die betreffende Person nicht tot ist; zumindest einige Augenblicke lang aber kann sie selbst nicht sagen, ob sie im Körper ist oder nicht.“

Die Angst vor den eigenen Händen

Manchmal schauen wir unsere Hände an und finden sie unheimlich. Bin ich das, der diese Hand bewegen kann? Wir spüren unsere Subjektivität, weil wir unseren Willen direkt an unseren Handbewegungen sehen können. Wir sehen, dass wir leben. Und manchmal wollen wir das gar nicht. Das Baby, das im Mutterleib das erste Mal seine Händchen bewusst entdeckt, fühlt sich vielleicht auch so. Doch wie wir zu unseren Händen stehen, hängt auch damit zusammen, wie wir angeblickt werden.

Hat sich unsere Mutter über uns im Bauch gefreut? Hat sie sich an unserer Subjektivität erfreut? Oder war es ihr unheimlich? Freud sagt, dass das Unheimliche oft das ist, was uns einst sehr vertraut war. Als wir noch nicht über unsere Hände nachdachten und sie uns nicht bewusst waren, waren sie uns vielleicht sehr vertraut. Sie waren selbstverständlich da.

Hände stehen für Forschergeist, Entdeckungsdrang, für Begreifen, Berühren, Zeigen, Festhalten, Loslassen, aber auch für Kämpfen.

Es gibt das „Fremde-Hand-Syndrom“, ein neurologisches Erscheinungsbild, bei dem die eigene Hand als nicht zu einem selbst zugehörig erscheint, nachdem unser Gehirn zu Schaden gekommen ist, z.B. nach einem Unfall. Es gibt Experimente, bei denen mit Spiegeln und der Hand von einem anderen der Effekt auftritt, dass wir die fremde Hand für unsere eigene halten.

Es ist kompliziert mit den Händen. Auch bei der Depersonalisation schauen wir mitunter auf unsere Hände. Sie erscheinen uns fremd. Oder erscheinen sie uns als so sehr zu uns gehörend, dass wir an unserem unheimlichen Selbst leiden? Interessant, dass das Wort „Hand“ in so vielem steckt: in der Manipulation (Manus = lateinisch: Hand), in Masturbation und gehört auch in „Manie“, doch „Manie“ kommt vom Griechischen: „mania“ = Wut, Raserei, Wahnsinn. In der Manie fühlen wir uns unabhängig von anderen Menschen – wir scheinen endlos kraftvoll zu sein.

Die Angst vor der eigenen Hand ist oft dann wieder verschwunden, wenn wir sie gebrauchen können, z.B. wenn wir nach einem Glas Wasser greifen, einen Hund streicheln oder ein „Hand-Werk“ ausüben. Dann können wir sie wieder fühlen und selbstverständlich nutzen und müssen nicht mehr in quälender Weise über sie nachdenken.

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Links:

Dunja Voos:
Schatten der Vergangenheit.
Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden

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Fuchs, Thomas (200)
Phänomenologie von Leib und Raum.
In: Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie.
PSYCHIATRIE, volume 102: S. 9-97
Steinkopff, Heidelberg.
doi.org/10.1007/978-3-642-52489-9_2
link.springer.com/…

CDS – Cambridge Depresonalisation Scale – deutsche Fassung
Sierra M. and Berrios GE, 1996
Michal M. 2005
zpid Leibnitz-Institut für Psychologie
doi.org/10.23668/psycharchives.366
www.psycharchives.org/…

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 4.12.2006.
Aktualisiert am 9.1.2024

One thought on “Depersonalisation und Derealisation: Wenn alles so komisch ist, hilft Kneifen

  1. Mandy sagt:

    Leider gibt es das Syndrom auch als chronisches Symptom… Es verschwindet dann leider auch nach Jahren nicht. Ich leide schon mehrere Jahre darunter, gebe die Hoffnung aber nicht auf, dass ich mich eines Tages wieder spüren kann.
    In Mainz gibt es eine Klinik, die Menschen mit chronischer Depersonalisation und Derealisation hilft.

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