Hass – ein tiefes Gefühl. Es geht um Leben und Tod.

Hass taucht dann auf, wenn wir zutiefst verletzt werden. Die Mutter hasst den Vater, der ihr das Baby wegnimmt – oder umgekehrt. Es ist ein Hass ohne Boden, ein Leere-Hass, ein Angst-Hass, ein Verzweiflungs-Hass, ein unerträgliches Gefühl der Ohnmacht. Du wirst fallen gelassen. Das Kind hasst die Lehrerin, die es zu etwas zwingt, was es nicht will.
Man kann einen Menschen allein deshalb hassen, weil er nicht da ist. Hass kommt auf, wenn Liebe nicht erwidert wird. Hass entsteht, wenn man dauerhaft nicht verstanden wird – emotional oder auch sprachlich. Das deutsche Wort „Hass“ spiegelt das Gefühl lautsprachlich sehr gut wieder. Mit heißer Luft möchte man ausstoßen, was man zutiefst verabscheut.
Hass entsteht, wo einer von einem anderen abhängig ist und wo einer dem anderen Böses tut oder etwas abverlangt, was völlig gegen den eigenen Willen ist. Es gibt Hassgefühle, die entstehen durch einen gewaltsamen Kontakt, aber auch Hassgefühle, die entstehen, weil etwas gewaltsam entzogen wird. Je tiefer der Schaden, desto größer der Hass.
„Wir wissen, dass beginnende Verliebtheit häufig als Hass wahrgenommen wird und dass Liebe, der die Befriedigung versagt ist, sich leicht zum Teil in Hass umsetzt …“ Sigmund Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Projekt Gutenberg. (Ehrlich gesagt habe ich den ersten Teil dieses Satzes nie nachvollziehen können.)
Hass überdeckt andere Gefühle
Hass überdeckt alle anderen Gefühle. Er kann sogar Angst wegwischen. Hass ist Härte. Er ist real und ein Gegenmittel gegen Gefühle der Unwirklichkeit. Hass holt einen auf den Boden zurück. Hass und Himmel passen nicht zusammen. Hassen ist ein starkes Gefühl. Sein Geschmack ist bitter, sein Geruch ist verbrannt, seine Farbe ist schwarz und rot wie Blut und Scham. Hass ist pure Verzweiflung und Verzweiflung heißt Hoffnungslosigkeit. Hilflosigkeit. Ein ungeheurer Zerstörungsdrang. Wenn Aufbau nicht geht, geht Zerstörung fast immer.
Aktives Hassen fühlt man stark. Gehasst zu werden ist jedoch etwas anderes. Es kann zu Gegenhass führen, aber vielleicht führt es nur zu einem müden Lächeln, vielleicht aber auch zu Traurigkeit, Ratlosigkeit oder zu dem Gefühl, unverstanden zu sein. War es das Ziel, dass der andere einen hasst, kommen Triumphgefühle auf. Aber auch die Angst vor Rache.
Wohl die schlimmste Form des Hasses ist der Selbsthass, denn man kann ihm nicht entfliehen. Selbsthass entsteht oft, wenn der Hass vorher auf jemand anderen gerichtet war, man den anderen aber nicht mehr erreicht. Oder wenn man unwiderbringlich etwas zerstört hat. Selbsthass kann sich gegen sogenannte „innere Objekte“ richten, also zum Beispiel gegen Vater und Mutter, die man emotional und in Gedanken in sich trägt. Bei Selbsthass hilft gutes Zureden kaum. Man kann immer wieder nur versuchen, sich selbst zu verstehen.
Hass zieht einen in den Bann und hält gefangen. Es ist oft extrem schwer, Hass aufzugeben. Hass ist einseitig, denn man sieht nur noch ihn. Lässt man den Hass los, kommen andere Gefühle, die sich furchtbar anfühlen können. Oft kommen schreckliche Schuldgefühle. Es ist ein furchtbarer „Loslass-Schmerz“.
Hass spürt man in den Oberarmen, in den Fäusten, im Kopf, im Mund, auf der Zunge. Er zieht sich die Speiseröhre entlang hinunter bis in den Magen. Hass sitzt auch im Herzen. Die Stirn ist wie eingezwungen in ein Band, die Muskeln am unteren Rücken, am Kreuz, verkrampfen sich. Der Darm schlägt vielleicht wild um sich und man bekommt Montezumas Rache zu spüren. Vielleicht will man den anderen oder etwas Nahrhaftes in sich auch auskotzen. Schweiß wird in Sekundenschnelle von Bakterien zersetzt. Man erstarrt und verbittert. Hass ist unflexibel. Die Beine laufen nicht mehr. Hass glüht in den Augen, die Tränen sind heiß. Hass ist ein Ganzkörpergefühl. Er brennt wie Feuer. Und will zerstören.
„(Bei Hass) handelt es sich um eine permanente Organisation einer wütenden Selbstrepräsentanz in Beziehung zu einer wütend machenden Objektrepräsentanz.“ Otto Kernberg: „Hass“. In: Mertens/Waldvogel: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Kohlhammer, 3. Auflage 2008, S. 283
Liebe und Hass
Liebe und Hass sind in ihrer Intensität vergleichbar stark. Beides sind leidenschaftliche Gefühle, die einen ganz und gar umfangen. Manchmal bestehen Hass und Liebe nebeneinander, doch dann wollen wir meistens den Hass verdrängen. Hass ist böse, Liebe ist gut, so lautet die Gleichung.
Hass durch Frühtraumatisierung
Es ist immer wieder dieser selbe Hass. Als Kind schwer beschädigt, bemerkst du den Schaden besonders dann bewusst, wenn du genau das bräuchtest, was beschädigt wurde. Manche Misshandelte merken, dass die Misshandlung ihnen vielleicht die Fähigkeit genommen hat, sich berühren zu lassen, sich zu binden, einen Partner zu finden, vielleicht eine Familie zu gründen, ein Kind zu bekommen. Häufig ist von Menschen zu lesen, die es sehr schwer hatten. Doch bei genauerem Hinsehen steht dort dann: „Verheiratet, drei Kinder.“
Das heißt, dass es diesen Menschen zumindest gelungen ist, eine Beziehung aufzubauen. Wer an diesem Punkt „behindert“ ist, der hat es doch noch viel schwerer, oder? Dann lese ich von einem Suizid. Der Mann war verheiratet und hatte vier Kinder. Wer will ermessen, was ein „sehr schweres Leiden“ ist?
Hilfos zuschauen
Das Leben rast vorbei. Klappen tut es bei den anderen. Man selbst sitzt auf seinem Müll. Die Täter bleiben ungestraft und ohne Einsicht. Die Heilung schreitet zu langsam voran, um sich noch einige wichtige Wünsche erfüllen zu können. Und dann kommt dieser Hass auf. Immer wieder. Man möchte Bomben werfen – in alle Vorgärten. Man möchte die Täter, die Eltern töten – zwar müsste man Strafe und Gefängnis erdulden, doch fände man wenigstens Ruhe und Frieden, so die Vorstellung.
Leid könnte man noch ertragen, wenn man wenigstens jemanden an seiner Seite hätte, der das Leid mitträgt. Doch wer misshandelt oder schwer vernachlässigt wurde, erscheint wie zur Einsamkeit verdammt.
Man wartet auf Wiedergutmachung, auf Anerkennung des Leids. Wenn man sie bekommt, kann das sehr heilsam sein – oder aber auch ernüchternd. Viele warten vergebens – wie aus meiner Sicht zum Beispiel die unzähligen Opfer der frühen Vojta-Therapie. Doch immer wieder merkt man: Der Hass bringt nichts. Er blockiert. Er blockiert das weitere Leben. „Soll ich jetzt noch den Hass ablegen?“, fragt man sich. „Was würde das bringen? Ist jetzt nicht schon alles zu spät?“
Man will irgendwie am Hass festhalten, weil man das Gefühl hat, dieses Festhalten würde irgendetwas nutzen. Ob diese Vorstellung trügerisch ist oder ob der Hass tatsächlich nutzt, findet nur jeder für sich heraus.
Konstruktiv werden? Ich bin noch nicht fertig mit hassen.
Wenn morgen die Welt unterginge und man am Ende des Lebens stünde, so würde es sich doch lohnen, den Hass loszulassen, oder? Aber kann man sich überhaupt gegen Gefühle entscheiden und diese abstellen? Manchmal ja. „Ich will nicht länger wütend oder neidisch sein“, können wir mitunter beschließen. Teilweise ist es ein Verdrängen, teilweise ein Transformieren. Hass liegt so nah an der Liebe, dass sich das nutzen lässt. Wir können die gewaltigen Kräfte, die im Hass gebunden sind, in Tatkraft umlenken, in neue Projekte, in Kreativität oder auch in Stille. Wir können unserem Hass lauschen. Er ist da. Er hat seinen Sinn. Er bewegt (sich in) uns.
Der Stein namens „Hass“, namens „Beschädigung“, steht da wie ein Fels in der Brandung. Wir können nur davor niederknien, darüber verzweifeln, ihn umschiffen, ihn beklettern, ihn behauen. Und doch bleibt er auf gewisse Weise da.
Über Hass sprechen heißt, ihn zu verdauen
Wenn dem Baum ein Hauptast abgeschlagen wurde, wachsen viele Nebenäste nach, aber eben nicht dieser Hauptast. Doch können wir Psychisches auf diese Weise mit Materiellem vergleichen? Nach welchen Bildern wir auch immer suchen: Der Hass lässt sich nur schwer verdauen, weil das Geschehene kaum verdaubar ist. Doch darüber zu sprechen, ist ein bisschen wie verdauen. Den Hass zu fühlen und darüber zu sprechen kann ein wichtiger Weg zur Heilung sein.
Wie mit Hass umgehen?
- Durch Verdrängen ist Hass nicht wirklich weg, sondern er besteht oft unterschwellig weiter. Besser ist es, den Hass bewusst wahrzunehmen. Wie fühlt er sich an? Darüber kann man nachdenken. Man kann auf den Hass achten und dadurch einen Schritt zurücktreten. Hass erscheint manchmal so, als würde er einen von außen gefangen nehmen. Aber man kann in ruhigeren Phasen lernen, Hass auch in sich zu halten, also zu „containen“. Die höchste Kunst ist es, im Hass weiter nachdenken zu können.
- Hass ist ein Beziehungs-Gefühl. Oft hilft es, zunächst Abstand zu nehmen und sich Menschen zu suchen, die einem helfen, den Hass zu verdauen.
- Hass sitzt oft da, wo ursprünglich ein tiefer Schmerz saß. Wenn man die ursprüngliche Verletzung findet und die Wunde versorgt, kann der Hass nachlassen.
- Hass ist mit Ohnmacht verbunden. Sich mit Ohnmachtsgefühlen auseinanderzusetzen ist oft ein guter Weg, um vom Hass Abstand zu nehmen. Auch hier kann man fragen: Wie fühlt sich Ohnmacht an? Ist es ein eher weiches Gefühl, bildet es also ein Gegengewicht zum Hass?
- Hass ist mit Abhängigkeit verbunden. Man kann versuchen, Auswege aus der Abhängigkeit zu finden, z.B. durch Stärkung des Ichs oder durch das Verdienen eigenen Geldes. Manchmal befindet man sich in Situationen, aus denen man nicht fliehen kann. Jemanden, der einem den liebsten Menschen weggenommen hat, hasst man. Man kann nichts schönreden. Und man kann nichts an der Situation ändern. Der andere hat die Macht, man selbst ist ohnmächtig. Und doch kann man versuchen, zumindest innere Auswege zu finden, z.B. im Geiste. Man kann gedanklich oder gefühlsmäßig Verbindung zu dem verlorenen Menschen aufnehmen. Man kann versuchen, die Geschichte des verhassten Menschen zu erfassen. Es hilft auch, Dinge zu tun, bei denen man sich nicht ohnmächtig fühlt und wo man etwas steuern kann. Für sich selbst ein Projekt zu suchen und daran zu arbeiten, kann immer wieder hilfreich sein.
„Der, welcher wandelt diese Straße voll Beschwerden, wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden.“ Die zwei Geharnischten aus Mozarts Zauberflöte, Youtube
„Ich hasse mich!“ Was passiert eigentlich bei Selbsthass?
Was passiert eigentlich, wenn wir sagen: „Ich hasse mich!“? Wer ist „Ich“ und wer ist „mich“? „Ich“ bin der Steuermann, während das „Mich“ unser Kern ist, unser Selbst, insbesondere auch unser Körper („Ich schneide mich“). Das „Ich“ ist der Aktuer, das „Mich“ ist derjenige, der erlebt, der erfährt, dem etwas widerfährt. Allerdings gibt es viele Definitionen von „Ich“ und „Selbst“, die dann dieses Bild auch wieder durcheinanderbringen. Sigmund Freud sagte: „Das Ich ist vor allem ein Körperliches“ (Freud: Das Ich und das Es, 1923, Projekt Gutenberg. Zeichnung dort: Vdgt = Verdrängtes). Wir spüren unser Ich durch unseren Körper und sagen: „Ich habe Hunger. Ich bin hungrig.“
Freud vergleicht das „Ich“ mit etwas Oberflächlichem, nämlich mit dem „Hirnmännchen“ (Homunculus, siehe Wikipedia), das oben auf der Hirnrinde sitzt und unseren Körper repräsentiert. Dort enden die Nervenstraßen, die die Informationen aus unserem Körper in unser Gehirn senden. Beispielsweisen sind die Lippen im Hirnmännchen sehr dick, weil wir in unseren Lippen sehr viele, sehr dicht beieinander liegende Nervenzellen haben. Unsere Lippen erscheinen uns daher relativ groß.
Wir fühlen, wer wir sind
Im Nervensystem liegen diejenigen Nervenzellen weiter außen, die erst später in der Entwicklungsgeschichte des Menschen hinzugekommen sind. Die Hirnrinde ist ein relativ neues System. Älter sind die Hirnteile, die weiter innen im Gehirn sitzen, wie z.B. das limbische System, das besonders für die Gefühle zuständig ist, aber auch das Atemzentrum im Hirnstamm. „Neu“ ist alles das, was den Menschen auszeichnet, wie z.B. die Fähigkeit, sich als ein „Ich“ erleben und bewusst zu handeln zu können. Ich bewege meinen Körper willentlich (so ich es kann). So ist das „Ich“ vom Gefühl her ein „Akteur“ und der Körper ist vom Gefühl her unserem Willen ausgeliefert. Es kann sich aber auch umdrehen: Ist unser Körper beschädigt, dann macht er mit mir, „was er will“. Der Körper kann „mich“ (= mein „Ich“), zum Opfer machen.
Das vegetative Nervensystem scheint sich kaum steuern zu lassen. Auch, wenn ich bewusst noch so sehr zu einer Veranstaltung gehen will: Wenn mein Magen rebelliert und „ich mich übergebe“, dann kann ich noch so sehr wollen: „Ich“ bin dann sozusagen Opfer meines Körpers.
Das Ich-Ideal macht uns zu schaffen
Wir haben ein Ich-Ideal und wissen: So will ich sein. Doch das „bockige Selbst“ geht andere Wege. „Ich hörte mich ‚Arschloch!‘ sagen, dabei wollte ich das gar nicht“, sagen wir manchmal. Da überkommt ES uns. Auch wenn wir träumen, sind wir nicht so richtig Herr über uns selbst. Wir sind in den ersten Schlafphasen „Opfer“ unserer Träume. Gegen Morgen hin, wenn sich wieder mehr Bewusstsein in den Schlaf mischt, können wir unsere Träume teilweise auch aktiv steuern (luzide Träume) – aus „mir träumt“ wird „ich träume“.
Selbsthass hat auch mit unseren frühesten Körpererfahrungen zu tun. Wie wurde ich gewickelt? Auf welche Weise wurde ich gehalten? Wurde ich misshandelt? Manche Wissenschaftler sagen, wir haben ein Kern-Selbst, das teilweise unveränderlich scheint, wie z.B. der Charakter oder unser Temperament. Wenn wir sagen: „Ich hasse mich“, meinen wir oft damit, dass unser bewusstes, handelndes „Ich“ dieses scheinbar unveränderliche Selbst hasst. Wir hassen den Teil in uns, der ursprünglich ist und dem wir uns ausgeliefert fühlen. Dazu zählt auch das Unbewusste.
Das Unbewusste kann stark sein und unsere bewussten Pläne durchkreuzen: Wir wollen eine Rede halten, aber plötzlich wissen wir nicht mehr, was wir sagen sollen oder unsere Stimme versagt. Dann hassen „wir uns selbst“, das heißt, unser wollender, steuernder, vernünftiger Teil hasst das „innere, bockige Kind“ in uns oder dieses Selbst, was da zu tun scheint, was immer es will.
Alternativen zum Täter-Opfer-System
Wie stark wir in Täter-Opfer-Systemen denken hat stark damit zu tun, was wir draußen in unserer Umwelt und bei unseren Eltern erlebten. Haben uns die Eltern nicht ernstgenommen oder gar unterdrückt, dann neigen wir dazu, auch in anderen Beziehungen vom Täter-Opfer-Denken auszugehen. Wenn wir unsere Mutter/unseren Vater liebten, aber von ihnen keine Liebe zurück erhielten, dann hassten wir sie, aber dann schließlich dachten wir vielleicht auch, dass mit uns selbst etwas nicht stimmt. Wenn die Mutter/der Vater/der Partner/die Partnerin mich nicht liebt, dann muss ja etwas mit mir, mit meinem Ursprung, nicht stimmen, so lautet die Gleichung. Den Hass, den wir zuerst auf einen anderen richteten, der unsere Liebe nicht erwiderte, richten wir dann oft gegen uns selbst.
Beim Selbsthass spielen auch die sogenannten „Repräsentanzen“ eine wichtige Rolle. Repräsentanzen sind Vorstellungen, die wir über uns selbst und vor allem über Vater und Mutter (über unsere Primär-Objekte) in uns tragen. Ähnlich wie wir körperlich aus den Genen von Vater und Mutter bestehen und doch ein eigener Mensch geworden sind, so besteht unsere Psyche auch aus Anteilen von anderen Menschen, insbesondere aus Anteilen von Mutter und Vater.
Vater und Mutter werden in die Psyche aufgenommen
Wir nehmen in unserer frühkindlichen Entwicklung Mutter und Vater in uns auf: Behandelten Mutter und Vater unsere Seele und unseren Körper vorwiegend zärtlich, dann übernehmen wir das. Wir behandeln uns selbst so, wie uns einst Vater und Mutter behandelt haben. Oft sagen wir bewusst: „Huch, jetzt rede ich schon wie meine Mutter!“ Oft aber sind uns die Teile von Mutter und Vater in uns nicht so getrennt bewusst. Sie sind sozusagen mit unserer Psyche, mit unserem eigenen Selbst verschmolzen. „Schau mal, der hat denselben Gang, dieselben Gesten, dieselben Floskeln wie sein Vater“, sagen andere dann.
Wenn wir sagen: „Ich hasse mich selbst“, kann man das oft auch aufdröseln in: „Ich hasse die mütterlichen/die väterlichen Anteile, die in meiner Psyche sind, ich hasse Mutter und Vater in mir selbst“, oder „Ich hasse mich, weil meine Psyche mit Mutter und Vater verschmolzen zu sein scheint und sich das nun anfühlt, als ließe es sich nicht mehr trennen.“
Was wir loswerden wollen
Diese „Verpappung“ von Vater und Mutter mit uns selbst äußert sich häufig in dem Gefühl, dass wir etwas aus uns herausschneiden, herausreißen wollen. So mancher, der einen Suizidversuch unternimmt, will eigentlich nicht „sich selbst“ umbringen, sondern sozusagen Vater oder Mutter in ihm. An diesen Punkten versucht man in der Psychoanalyse, diese gehassten Anteile besser kennenzulernen.
In einer Psychoanalyse untersucht man, welche Anteile in einem selbst Opfer und Täter sind. Das spielt sich häufig zunächst außen ab: Der Therapeut wird als Täter und Angreifer erlebt, während der Patient sich ausgeliefert fühlt. Oder umgekehrt: Der Patient greift den Therapeuten an (siehe Kapitel „Hass“ von Otto Kernberg in Mertens/Waldvogel: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Kohlhammer, 3. Auflage, 2008: S. 284).
Außenwelt gleich Innenwelt
Man kann dieses „Spiel“, was sich da außen abspielt, untersuchen und auf die inneren Kräfte, die inneren „Objekte“ übertragen. Werden wir von anderen respektvoll, verstehend und liebevoll behandelt, so spüren wir, dass wir auch mit unseren negativen Seiten liebenswert sind. Wir können uns nur schwer einfach so selbst lieben – es ist leichter, wenn wir von außen Liebe erfahren. Wir können danach suchen, z.B. in einer Psychotherapie, auf einer Reise, bei guten Lehrern und anderen Menschen, aber dabei müssen wir gelassen bleiben. Sie Liebe „herbeizumachen“, klappt meistens nicht. Wir müssen warten und davon ausgehen, dass wir liebenswert sind – auch, wenn wir einfach nur dasitzen und nichts tun.
Selbsthass ist ein furchtbares Gefühl, das großes Leiden verursacht und immer wieder über einen kommen kann. Doch Hass liegt auch nahe bei der Liebe. Hier kann es interessant sein, danach zu fragen, wo sich denn die Liebe versteckt hat und wo sie enttäuscht wurde. Neben Selbsthass kann es dann zunehmend auch Selbstmitleid (im guten Sinne), Trauer, Selbstbemutterung und Selbstliebe geben.
Sich vom Hass befreien
Sich vom Hass zu befreien, heißt nicht, alles niederzuschlagen. Es heißt nicht, sich zu rächen. Es heißt nicht, laut herumzuschreien oder jemandem gegen das innere Gefühl gezwungenermaßen zu vergeben. Sich vom Hass zu befreien, fängt oft damit an, dass ich mir erlaube, ihn zu zeigen – und zwar mit meiner Mimik. Wie oft sind wir damit beschäftigt, unsere Wut und unseren Hass hinter einem Lächeln zu verbergen. Keiner soll merken, wie es in uns drinnen aussieht. Doch obwohl wir glauben, es würde uns gelingen, tut es das nicht. Die anderen können auf einer bestimmten Ebene wahrnehmen, wie es uns geht. Unsere unwillkürliche Gesichtsmimik und Körperhaltung zeigen es.
Die anderen können sehen und fühlen, dass da in mir Hass mitschwingt. Wir halten ungewollt am Hass fest, wenn wir versuchen, ihn zu verbergen. Doch wenn man ihn uns eh schon an der Nasenspitze ansieht, dann können wir auch damit aufhören, unsere Mimik und Körperhaltung zu beanspruchen. Wenn wir nicht mehr versuchen, zu verbergen, dann lassen wir ein Stück los. Wenigstens schon mal unsere Gesichtsmuskulatur. Wut und Hass einfach „rauszulassen“ bringt niemandem etwas – besser ist es, zu versuchen, den Hass in sinnvolle Zusammenhänge zu stellen, also ihn zu verstehen.
Wenn uns diese Kombination gelingt – uns nicht mehr zu verstecken und die Kräfte, die aus unseren Hass- und Rachegefühlen kommen, in etwas Bedeutungsvolles zu investieren, dann können wir loslassen – in dem Wissen, dass das eine immer wiederkehrende, vielleicht lebenslange Aufgabe sein kann, weil wir so schwer verletzt wurden. Und: Wer hasst, fühlt sich manchmal wie versteinert oder wie in einem Mantel aus Metall – er hat eine „Hasskappe“ auf. Der Hass lässt einen zur Salzsäule erstarren. Bewegung kann helfen. Und das Lesen des Romans „Der Graf von Montechristo“.
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Französisch: Hass = La haine. Tu craches du feu = du spuckst Feuer
Dieser Beitrag wurde estmals veröffentlicht am 14.6.2015
Aktualisiert am 15.9.2025
11 thoughts on “Hass – ein tiefes Gefühl. Es geht um Leben und Tod.”
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Ganz herzlichen Dank, liebe Hubi, für diesen ehrlichen Kommentar. Sie beschreiben das so gut! Oft bleibt einem vielleicht nichts anderes, als die Zeit verstreichen zu lassen … Alle guten Wünsche und eine gute Weihnachtszeit!
liebe frau voos,
ich finde diesen beitrag sehr wertvoll und hilfreich und möchte mich unbedingt bei ihnen hiermit dafür bedanken.
hass lähmt so sehr, und ich möchte ihn „einfach“ loslassen, dass er einfach endlich verschwindet und ich mein leben leben kann. es ist wahrlich ein blödes gift. es bringt einfach nichts, denke ich mir. und doch ist er da?!?! also hat er eine funktion?!?! ich schäme mich für den hass, den ich empfinde, dass es mir so schwer fällt, ihn loszulassen und „wie die anderen zu sein“. das verstärkt sogar oft das gefühl… es wirkt so aussichtslos. aber ich sehne mich danach ohne ihn zu leben, es gut sein lassen. nicht ständig anzukämpfen. in kontakt zu kommen mit mir und der umwelt, vor allem anderen menschen. sie verbinden so treffend den hass mit der ohnmacht. manchmal spüre ich beides gleichzeitig. ich gebe nicht auf, weil ich den festen glauben an das gute nicht aufgebe. ich weiß nicht, wie der weg dahin aussieht, das muss ich noch lernen/bin dabei es zu lernen.
in diesem sinne,
liebe grüße und alles gute an alle, die den kommentar lesen und auch mit diesem schwierigen gefühl zu kämpfen haben. ihr seid nicht allein!
Zum Kommentar von Darth Nihilus möchte ich folgendes anmerken:
Mich hassen auch eine Reihe von Menschen, sogar in der eigenen Familie.
Ich hätte auch einen Grund dieses Menschen zu hassen.
Ich denke gar nicht daran. Soll ich mit damit selbst zerstören …nein niemals
Das gleiche gilt für mich.
Ich hasse mich nicht, ich liebe mich und das Leben.
Es gibt soviel Schönes auf der Welt:
Die Schöpfung Gottes
Die Tiere
Die Natur
Die Musik
Und ein paar Menschen, die den Hass nicht kennen.
Ich habe es gelesen. Ich sage sowas selten, jedoch muss ich an dieser Stelle die Autorin Dunja Voos loben. Großes Lob muss ich verrichten. Da hat sich jemand Gedanken gemacht bevor er den Mund aufgemacht hat. Und die Gedanken sind wahrheitsgetreu ausgelegt. Und nicht durch Wunschdenken, Realitätsflucht oder sowas wie Unwissenheit verlaufen. Des Weiteren ist es ein feiner Artikel zum gesuchten Thema. Solche Vorgehensweisen sollten öfter im Netz auftauchen. Es ist im Grundkonzept für den gegebenen Rahmen einfach sauber und Gleichgewichtig abgestimmt. Sieht gesund aus.
Zu den Kommentaren, es sind traurig wenige im Verhältnis wie gerne andere Dinge kommentiert werden. Die Mehrheit ist wahrscheinlich im Stimulanzbereich im Internet :D. Die Kommentare fallen meines Erachtens in unseren niederen gesellschaftlichen Umständen positiv aus. Man merkt auch das die Verfasser im Umgang mit Ihren Gefühlen vertraut sind.
Eine Abneigung zum Mensch selbst ist wie jede Meinung irgendwo vertretbar. Aber die schlechten Verhältnisse kommen doch nur aus der Lage in der wir uns befinden. Wäre da mehr Sympathie und ein enger Grundzusammenhalt zum jeglichen Gegenüber als Mensch, Artgenosse,Mitspieler, dann würd auch da keiner heulen und sich mit Hass „ertränken“ wollen. Die Menschheit die ist halt noch ein bisjen Faul. Das Leben ist ja auch schnell vorbei, und für die Zukunft produktiv und gleichzeitig alles gelernt zu haben um erfolgreich Verantwortung zu übernehmen, das ist eine Herausforderung. Meistens macht ein Mensch im Durchschnitt eher Miese denke ich. Aber da brauch man nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Nein, das wäre einer Lebensform an sich auf einer Welt doch gar nicht passend. Der Blick muss für einen gesunden Verstand nach vorne gerichtet sein. Deshalb gibt es nur eines, an die Gewehre. Löst doch die Problematik. Das ist der Job doch von Dingen die Leben. Aber lasst mich in Ruhe wenn ich grad nicht mitmachen kann :‘D.
@Judith,wenn ich mir das ansehe und lese ,bist Du gefühlsmäßig ein Täter .
Ich weiss,dass Du diesen Menschen am liebsten beseitigen würdest und sehen ,wie er gerichtet wird,und glaube mir,bei Gott (und ich bezweifel mittlerweile,dass es ihn gibt )
Ich kenne das noch mehr .
Mit Vergebung meinen sie Leute,lass den Hass los ,denn es ist projezierter Hass aus Ungerechtigkeit,und du kommst nicht an den Menschen Ran und er grinste dir wharscheinlich noch ins Gesicht ,wenn es nur das ist und behandelt dich weiter so und noch schlimmer und vergeht sich an dir.Dieser Mensch hindert dich daran ,stehst du in Kontakt.Brich den Kontakt ab und dann geht es daran ,das Band zwischen dieser Person und Dir zu brechen,die Loyalität dem Täter gegenüber.
Dieser Mensch wird immer ein Täter bleiben ,Du kannst es besser machen.Du hast also den Kontakt nicht mehr.Avet Du hast den Hass,dass dieser Mensch nicht verurteilt ist.Was ist die Lösung?
Entweder du sorgst dafür,oder Du bist Dir sicher ,dass dieser Mensch bekommt,Wader verdient.Die Frage ist,hast du die Geduld dafür,bevor Du selbst zu Grunde gehst,daran zerbrichst ?
Gut,dass du erkennst,dass Hass nicht gut ist,du musst eine Person gehabt haben,von der Du volle Liebe und Wärme bekommen hast.
*****
Ich verstehe Darth Nihilus sehr,sehr gut.
Und es ist so,die Menschen sind in Ihrem Machenschaften selbst dafür verantwortlich,denn Sie habe sich zuvor an einem friedfertigen und freudigen Menschen vergangen ,aus purer Lust und Wonne .
Auch,dass dies schon in der Kindheit war,und man einfach zu schwach ,um sich zu Wehren ,oder dies gesagt hat,und einem nicht geglaubt wurde ,und sich diese Person als unschuldig präsentierte.
Ich denke,der Schlüssel ist,dieser Person ins Gesicht zu sagen,dass Sie sich nie wieder vergehen wird,dass sie dafür bezahlen wird,für alles,was sie tut.Ich weiss die Worte,leeres Gerede,es tut eh keiner was.Doch,projeziere deinen ganzen Hass auf diese Person und stell dir in Gedanken vor,wie du dich befreist aus einer schlimmen Situation und sie dann in die Finger bekommst. Das Problem ist,das kannst du nicht reell tun,sonst landest du im Gefängnis-wie paradox,es hilft keiner und wehren dürfte man sich auch nicht ,weil man sonst im Knast landet .
Du hasst diese Regeln für Täter ,die sich das hier deswegen erlauben dürfen .
Willst aber nicht so böse sein und dich trotzdem an Regeln halten .
Eine Therapie bringt da nichts,solange es nicht den Opfer,sondern Täterschutz gibt.
Eine Therapie wird nie was bringen ,solange der Täter frei herum läuft (und komm mir jetzt nicht mit den Ausreden ,der Rock war zu kurz,du bist selbst schuld,dass Du vergewaltigt wurdest ).
Abartig.
Es muss unabdingbar die Gerechtigkeit gezeigt und erfahren werden.
Die Nachlässigkeit in dieser Sache ist zusätzlich ein Schlag ins Gesicht.
Lieber Darth Nihilus,
sehr bewegend ausgedrückt. Besser lässt sich Hass kaum darstellen.
Ich bin dankbar für meinen Hass. Er hält mich davon ab, andere Menschen an mich heran zu lassen, die mich immer wieder furchtbar enttäuscht und verletzt haben. Ich liebe es sie alle zu hassen, sie zu demütigen, und sie darauf aufmerksam zu machen, wie wertlos sie alle für mich sind. Ich liebe es allein zu sein, mich abzuschotten und sie einfach nur alle zu hassen. Der Hass ist das Beste was mir jemals passieren konnte. Ich bin geschaffen worden von Menschen, der wohl verabscheungswürdigsten Kreatur auf der ganzen Welt. Ich schaue in den Spiegel und will mich übergeben, weil ich dieser widerlichen Spezies angehören muss. Ich ekel mich vor mir selbst, weil ich ein Mensch bin. Weil ich derselben Spezies angehöre, die mich für immer unwiderruflich zerstört hat. Und jetzt kommt mir nicht mit irgendwelchen Billo Kalendersprüchen, oder „mach mal ne Therapie“. Ich hatte seit meiner Kindheit mehrere Therapien, auch stationäre Aufenthalte, Ich bin jetzt Mitte 30 und habe die Schnauze voll und will nicht mehr, ich will einfach nur noch hassen und meine Ruhe haben
Hass zu erfahren ist sehr unangenehm und tut richtig weh.
Gefühle sind im Gegensatz zu Worten und Taten nicht greifbar. Hass ist in jedem Leben, auch wenn ich mich davon distanzieren möchte, es in eine Zelle einsperren will, er ist da, sowie die Angst, die Traurigkeit, die Enttäuschungen…er hat nichts mit mir zu tun, aber er existiert, ich lasse mich nicht von ihm vereinnahmen, aber er sperrt mich ein, ich suche Liebe und Freundschaft, aber mit ihm kann ich dies nicht erleben, weil er es nicht will: der Hass.