Übertragung, Gegenübertragung und Wiederholungszwang (Transference, Countertransference, Repetition Compulsion)

Wenn ich krank bin, habe ich Glück, wenn ich an einen weisen, wohlwollenden Arzt gerate. Durch die Krankheit bin ich geschwächt und hoffe nun, dass der Arzt mir hilft. In dieser Situation liegt es nahe, dass ich in dem helfenden Arzt einen „guten Vater“ sehe. Den Vorgang, dass ich mir dieses Bild von dem Arzt mache und dann mit dieser inneren Haltung auf den Arzt zugehe, nennt man „Übertragung“ (englisch: Transference). Der Arzt selbst spürt, dass ich Hilfe suche und in ihm einen guten Vater sehe. Er entwickelt mir gegenüber väterliche Gefühle und will mir helfen (= Gegenübertragung).

Den Vorgang, dass der Arzt in dieser Situation in Bezug auf mich spezielle Gefühle entwickelt, die ich teilweise in ihm ausgelöst habe, nennt man „Gegenübertragung“ (englisch: Counter-Transference). Wenn ich jedoch wieder gesund bin und denselben Arzt wiedertreffe, finde ich ihn vielleicht unangenehm, besserwisserisch und arrogant.

Sigmund Freud definierte die Gegenübertragung als den „Einfluss des Patienten auf das unbewusste Fühlen des Arztes“. Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie (1910), Kleine Schriften II – Kapitel 43, projekt-gutenberg.org/…

Wann tauchten die Begriffe „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ erstmalig auf?
„So wird beispielsweise der Begriff ‚Übertragung‚ bereits in den Studien über Hysterie im Jahr 1895 verwandt, aber erst zehn Jahre später, 1905, in der Darstellung des Falls ‚Dora‘ als psychoanalytischer Begriff definiert.“ Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen. Psychosozial-Verlag 2011: S. 19

„Bei Freud taucht der Begriff der Gegenübertragung erstmals 1909 in einem Antwortbrief an C.G. Jung im Zusammenhang mit dessen Verhältnis zu Sabina Spielrein auf (Briefwechsel, 255; 7.6.1909).“ Erika Krejci (Freiburg): Abstinenz: ein zentrales technisches Konzept der Psychoanalyse im historischen Wandel.
Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXVII, 2012, 3/4: S. 410

Das Gegenübertragungsgefühl ist ein Gefühl, das der Patient in mir als Analytikerin auslöst. Zum Beispiel kann ich Trauer spüren, während der Patient sehr nüchtern etwas Trauriges erzählt. Dem Patienten selbst ist das Gefühl der Trauer in dem Moment vielleicht gar nicht bewusst.

Erspüren, Sortieren und Analysieren

„Übertragung“ und „Gegenübertragung“ spielen in jeder Beziehung eine Rolle. Besonders wichtig sind sie jedoch in der Psychoanalyse. Hatte der Patient keine gute Beziehung zu seinem Vater, so mag er dem Therapeuten schon zu Beginn der Therapie feindlich gegenübertreten, ohne dass er es selbst bemerkt. In der Gegenübertragung spürt der Therapeut die Feindseligkeit und denkt möglicherweise: „Das ist ja ein argwöhnischer Patient. Er macht mich ganz ärgerlich mit seinem Misstrauen.“

„Wir bemerken also, daß der Patient, der nichts anderes suchen soll als einen Ausweg aus seinen Leidenskonflikten, ein besonderes Interesse für die Person des Arztes entwickelt. Alles, was mit dieser Person zusammenhängt, scheint ihm bedeutungsvoller zu sein als seine eigenen Angelegenheiten und ihn von seinem Kranksein abzulenken.“ Sigmund Freud (1917): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse: 27. Die Übertragung. www.projekt-gutenberg.org/…)

Genau hinschauen

Im Gegensatz zum „echten Leben draußen“ bietet die Psychoanalyse an dieser Stelle einen Raum, um diese Reaktionen unter die Lupe zu nehmen. Doch es ist nicht einfach mit der Übertragung und Gegenübertragung. Nicht immer lässt sich sagen, ob der Patient ein Gefühl im Analytiker ausgelöst hat oder ob der Analytiker dieses Gefühl sowieso schon hatte oder ob im Analytiker ganz eigene Probleme aktiviert werden, die nicht direkt etwas mit dem Patienten zu tun haben.

Wie wackelig der Begriff „Gegenübertragung“ sein kann, sehen wir, wenn wir uns im Auto von unserem Navi leiten lassen. Wenn es sagt: „Bitte wenden“ und wir tun es nicht, dann erscheint uns jedes erneute „Bitte wenden!“ viel strenger, obwohl die Stimme dieselbe geblieben ist. Oder sorgt KI am Ende doch für eine Steigerung der Strenge in der Stimme?

Der amerikanische Psychoanalytiker Harold Searles war ein Meister darin, Übertragungs-Gegenübertraguns-Reaktionen zu analysieren und zu beschreiben.

Auch der Körper spielt eine Rolle. Bei der Übertragung spielt auch unsere körperliche Verfassung eine große Rolle. Wenn mir übel ist, empfinde ich den anderen vielleicht als lästig und aufdringlich. Wenn ich Angst habe, empfinde ich den anderen vielleicht als bedrohlich. Wenn ich körperliche Spannungen loslassen kann, erscheint mir auch der andere wieder „normaler“. In der Psychoanalyse geht es häufig darum, die Spannungen zu erkennen und zu schauen, wie sie sich entwickeln.
In der Gegenübertragung zeigen sich körperliche Reaktionen beim Analytiker oft dann, wenn es um frühe Phasen des Lebens eines Patienten geht. Der Psychoanalytiker Thomas Ogden schreibt zum Beispiel: „Für den autistisch-berührenden Modus ist eine Gegenübertragungserfahrung typischer, bei der körperliche Empfindungen dominieren.“ (Thomas Ogden: Frühe Formen des Erlebens, Psychosozial-Verlag, 2006: S. 45) Zu diesen körperlichen Empfindungen zählen zum Beispiel: Zuckungen von Hand und Arm, Magenschmerzen, Völlegefühle, Kälte oder Wärme als Hautempfindungen, Kribbeln, Gefühllosigkeit oder Engegefühle durch einengende Kleidung.

„Die Gegenübertragung … ist die unvermeidliche Begrenzung des Psychoanalytikers: sie manifestiert sich als das ‚Unerträgliche‘ der analytischen Situation, und steht mit archaischen Phantasien, mit Narzißmus und Todestrieb in tiefgehender Beziehung.“ Aus der Kurzinformation zu: Victor Smirnoff, Friedrich-Wilhelm Eickhoff, Wolfgang Loch, Hermann Beland, Edeltrud Meistermann-See: Die Gegenübertragung. So lebt der Analytiker – Jahrbuch der Psychoanalyse, 1988, frommann-holzboog-Verlag

Was da ist, wird ernstgenommen

Zur Ausbildung eines jeden Psychoanalytikers gehört die Lehranalyse. Hier geht der angehende Psychoanalytiker selbst zu einem Lehranalytiker in die Therapie. So lernt er sich selbst gut kennen. Die Gefühle, die der Analytiker entwickelt, wenn er einem Patienten begegnet, dienen ihm als Werkzeug. Zusammen mit dem Patienten kann der Analytiker beobachten, wie sich die Beziehung gestaltet. Dabei gibt es keine falschen oder richtigen Gefühle. Jedes Gefühl und jeder Gedanke hat seine Berechtigung – sowohl beim Therapeuten als auch beim Patienten.

Verstehen löst alte Muster auf – ein Beispiel:

Ein Kind hat eine Mutter, die dem Kind nicht viel Gutes gönnt. Dieses Kind wird erwachsen. Der Erwachsene sucht eine Therapeutin auf, weil er unter seinen Beziehungsschwierigkeiten leidet. Schon bald wird er das Gefühl haben, dass die Therapeutin ihm nichts Gutes gönnt. Dann können Therapeutin und Patient schauen, inwieweit das stimmt oder ob der Patient generell dazu neigt, in anderen die wenig gönnerhafte Mutter zu sehen.

Übertragungen und Gegenübertragungen kommen besonders dann in Gang, wenn eine Beziehung enger wird. Je größer die Nähe zu einem anderen Menschen, desto eher erinnert uns die Beziehung an die nahe Beziehung zu Mutter und Vater. Je jünger wir waren, desto näher war die Beziehung zu den Eltern und desto einprägsamer waren die Erlebnisse, die wir mit ihnen gemacht haben. Deshalb fällt es uns oft relativ leicht, mit fremden Menschen umzugehen, wohingegen mehr und mehr Schwierigkeiten auftauchen können, je besser wir jemanden kennen.

„Die neue Tatsache, welche wir also widerstrebend anerkennen, heißen wir die Übertragung. Wir meinen eine Übertragung von Gefühlen auf die Person des Arztes, weil wir nicht glauben, daß die Situation der Kur eine Entstehung solcher Gefühle rechtfertigen könne.“ Sigmund Freud (1917): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 27: Übertragung. www.projekt-gutenberg.org/…

Im Laufe der Therapie stellt der Patient vielleicht fest, dass ihm die Therapeutin sehr wohl sein Glück gönnt. Er kann dann neue Vorstellungen über die Therapeutin entwickeln und somit auch über andere Frauen. Er kann zunehmend besser unterscheiden, ob er wirklich einer wenig gönnerhaften Frau gegenübersteht, oder ob er einer Frau Missgunst unterstellt, obwohl da keine Missgunst ist. Wenn Übertragungs- und Gegenübertragungssituationen in der Therapie verstanden wurden, gelingt es dem Patienten meistens, sich freier zu bewegen und Beziehungen neu zu gestalten, weil er sich selbst besser kennt und somit auch andere besser einschätzen kann.

„Man kann es in gewissem Sinn so sehen, dass die Übertragung im allgemeinen dazu dient, das unbekannte Objekt bekannt zu machen. Übertragung ist der Name, mit dem wir die Illusion benennen, dass das unbekannte Objekt bereits bekannt ist.“ Thomas Ogden: Frühe Formen des Erlebens, Psychosozial-Verlag, 2006: S. 213

Worin besteht der Unterschied zwischen Übertragung und Projektion?
Bei der „Übertragung“ gebe ich dem anderen eine Rolle – ich meine, im anderen die Eigenschaften meines Vaters, meiner Mutter oder anderer Personen wiederzuerkennen. Ich stülpe dem anderen quasi eine Rolle über, sodass altbekannte Gefühle in mir wach werden – oder auch umgekehrt: Altbekannte Gefühle in mir bewirken, dass ich den anderen so wahrnehme wie die Person, mit der ich es zu tun hatte, als die Gefühle entstanden.
Bei der Projektion schiebe ich eigene Gefühle auf den anderen. Ich fühle diese Gefühle nicht mehr bei mir, sondern sehe sie beim anderen. Beispiel einer Projektion: „Der andere ist ja sauer, ich bin es gewiss nicht!“ Beispiel einer Übertragung: „Der ist immer genauso griesgrämig wie mein Vater.“

Übertragungsdeutung

Wenn der Psychoanalytiker versteht, was bei ihm und seinem Patienten in der Beziehung passiert, dann kann er das „deuten“. Das heißt, der Psychoanalytiker verbalisiert das, was ihm in der Beziehung zwischen ihm und dem Patienten aufgefallen ist. Wenn der Psychoanalytiker erkannt hat, dass eine Übertragung und eine Gegenübertragung stattgefunden hat und dem Patienten sozusagen „erklärt“, was da passiert, dann macht er eine „Übertragungsdeutung“.

Doch auch der Patient kann oft auf einmal erkennen, dass er etwsas auf den Psychoanalytiker übertragen hat, was nicht der Realität entspricht. Er sagt dann vielleicht: „Oh, jetzt tue ich glatt so, als seien Sie mein Vater. Ich weiß, dass Sie mir etwas Freundliches gesagt haben, aber ich drehe es in meinem Kopf so, dass es so unfreundlich klingt, als seien es die verachtenden Worte meines Vaters gewesen.“

Wenn man versteht, wie Übertragungen funktionieren und man dafür offen ist, dann kann man immer mehr erkennen. Wohl keine Beziehung ist ganz frei von Übertragungen. Doch je bewusster wir uns der Vorgänge werden, desto eher haben wir die Chance, Neues in Beziehungen zu erleben und Beziehungen neu zu gestalten.

Das Schöne dabei ist: Nicht nur unsere äußeren Beziehungen werden dabei neu geformt, sondern auch unsere inneren Beziehungen. Wir tragen z.B. Vater und Mutter als „innere Objekte“ in uns. Wir haben ihnen vielleicht eine gewisse Strenge verliehen, weil wir unsere Eltern als „streng“ in Erinnerung haben.

Wenn wir die Übertragungen erkennen, die wir oft vornehmen, dann finden wir auch Abstand zu unseren „inneren Eltern“ oder zu unseren inneren engen Beziehungen. Sie verlieren vielleicht etwas an Macht und erscheinen mit der Zeit „weniger böse“ oder weniger zerstörerisch. Durch das Erkennen von Übertragungen kann sich unsere Innen- und unsere Außenwelt gleichermaßen verändern. Gleichzeitig kann sich damit unser eigenes Selbstwertgefühl verbessern, weil wir „weniger Böses“ in uns tragen, unsere Mitmenschen weniger feindselig behandeln und im Gegenzug auch freundlicher behandelt werden.

Buchtipp: Gegenübertragung und andere Schriften zur Psychoanalyse (Paula Heimann)

„Wie eine neue Freundin“, könnte man denken, wenn man die Texte der Psychoanalytikerin Paula Heimann (1899-1982) liest. Ist die Sprache der Psychoanalytiker manchmal schwerfällig und komplex, so schreibt Paula Heimann sehr erfrischend, bodenständig und verständlich. Ihr Buch „Gegenübertragung und andere Schriften zur Psychoanalyse“ (Klett-Cotta, 2016) ist ein wertvoller Begleiter für alle, die sich mit der Psychoanalyse und ihrer Technik auseinandersetzen möchten. Der Titel des Buches lenkt auf das Thema „Gegenübertragung“. Doch das Buch ist eine Sammlung von Schriften zu vielen entscheidenden Themen der Psychoanalyse. Für (angehende) Psychoanalytiker wertvoll ist z.B. der Beitrag von Pearl H. M. King (Präsidentin der British Psycho-Analytical Society 1982-1984): „Paula Heimanns Suche nach der eigenen Identität als Psychoanalytikerin“ (S. 30-39).

Über psychoanalytische Techniken finden sich in nahezu jedem Beitrag wertvolle Ratschläge. Besonders dicht gespickt mit Hilfen zur Technik ist der Beitrag: „Die kurativen Faktoren in der Psychoanalyse.“ Heimann schreibt z.B. zur Deutung: „Ein kurzes ‚Tatsächlich?‘ in Reaktion auf eine Schlussfolgerung des Patienten sagt häufig mehr aus als eine detaillierte Deutung und regt den Patienten an, eine Aussage, die er in vollster Überzeugung getroffen hat, noch einmal zu überdenken“ (S. 215).

Menschlichkeit ist wichtig

Psychoanalytikern wird immer wieder nachgesagt, sie seien „kalt und kantig“. Paula Heimann betont, wie wichtig das echte Wohlwollen des Analytikers ist (S. 211): „Der Mensch, der der Analytiker wirklich ist, wird hinter seiner Technik wahrnehmbar, und eine gute Übertragung kann nur auftauchen, wenn er die erforderliche Menschlichkeit besitzt.“ Heimann zitiert den Psychoanalytiker Sacha Nacht, alchetron.com: „Es ist wertvoller, eine mittelmäßige Deutung zu bekommen, die durch eine gute Übertragung gestützt wird, als umgekehrt“ (S. 211).

Paula Heimann fährt fort: „(Sacha) Nachts Untersuchung der Gründe für das Scheitern einer ersten Analyse und den Erfolg einer zweiten bei einem anderen Analytiker ergab, dass der erste Analytiker, was den basalen Faktor der Menschlichkeit betraf, versagt hatte“ (S. 211). In der Psychoanalyse gehe es darum, „die Fähigkeit zu entwickeln, zu lieben und geliebt zu werden“ (S. 211).

Arbeit „an der Übertragung“ und „in der Übertragung“

Wenn der Patient sich schrecklich über seine Nachbarin aufregt, kann es sein, dass er sich eigentlich auch über die Psychoanalytikerin aufregt. Doch weil er es sich so nicht zu sagen traut, verkleidet er seine Beziehungsgeschichte mit der Analytikerin in eine Geschichte, die außerhalb der Analyse stattfindet. Der Analytiker kann das beobachten und eine Übertragungsdeutung machen: „Vielleicht geht es Ihnen mit mir ja ähnlich.“ Der Psychoanalytiker Jürgen Körner, Psychosozialverlag (DPG) prägte 1989 den Begriff der „Arbeit in der Übertragung und an der Übertragung“. Die arbeit an der übertragung ist eher beobachtend, während die arbeit in der übertragung eher erlebend und „verwickelt“ ist. beispielsweise nimmt der analytiker die rolle an, die der patient ihm zuschreibt.

Teilnehmende Beobachtung in der Gegenübertragung

Eine sehr schöne Formulierung zur Gegenübertragung fand ich bei Michael Gorkin:
„… the analyst ought not attempt to sidestep the undertow of the patient’s transference. He needs to sink into it, but, to use Racker’s term, he needs to refrain from “drowning” in it. Or, if I may extend this
metaphor, part of the analyst’s ego sinks into the countertransference, while another part swims. The analyst observes his own sinking, and ultimately makes use of this observation to help the patient (and himself) resolve the neurotic situation into which they have both entered.“
„Der Analytiker sollte nicht versuchen, dem Sog, den der Patient mit seiner Übertragung auslöst, aus dem Weg zu gehen. Der Analytiker sollte in die Übertragung hineinsinken, aber – um bei Rackers Beschreibung zu bleiben – er sollte sich davor hüten, darin unterzugehen. Wenn ich diese Metapher ausdehnen darf, könnte man sagen: Ein Teil des Analytikers sinkt in die Gegenübertragung hinein, während ein anderer Teil weiterhin schwimmt. Der Analytiker beobachtet sein eigenes Versinken, und nutzt gleichzeitig diese Beobachtung, um dem Patienten und sich selbst zu helfen: Er kann so die neurotische Situation, in die beide eingetreten sind, auflösen.“ Michael Gorkin: Varieties Of Sexualized Countertransference. The Psychoanalytic Review, 1985, 72-3: 421-440, psycnet.apa.org/record/1986-09711-001

Einmal Übertragung, immer Übertragung?

Früher dachte ich: Einmal Übertragung, immer Übertragung. Aus starken Übertragungen findet man nicht mehr heraus. Wer einen grausamen, alkoholkranken Vater hatte, sieht in jedem Vorgesetzten, oder gar in jedem Mann, eine furchterregende oder verachtenswerte Person. Solche Übertrragungsreaktionen können extrem lange im Leben andauern, aber sie können auch enden.

Die Psyche ähnelt unserem Immunsystem

Unsere Psyche ähnelt in vielerlei Hinsicht unserem Immunsystem. Wenn wir einmal Krankmachendes erlebt haben, reagieren wir mit Abwehr, wenn wir wieder einer ähnlichen Gefahr begegnen. Oft wird die Abwehr überschießend und das ursprüngliche Problem ist nicht mehr das Problem, sondern die ganzen Aktionen, die wir betreiben, um eine vermeintliche Gefahr abzuwehren, werden zum Problem.

Kürzlich sah ich eine Dokumentation über die Konditionierung des Immunsystems. Forschern ist es gelungen, dass eine bunte Medizin im Immunsystem genauso wirkt wie ein echtes Medikament.

Die Forscher gaben den Patienten die immun-unterdrückenden Medikamente zusammen mit einer farbigen, scheußlich schmeckenden Flüssigkeit. Nach einer Weile gaben sie nur noch die farbige Flüssigkeit ohne Wirkstoff, doch das Immunsystem fuhr genauso herunter, als hätte der Körper die echten Medikamente erhalten.

So ähnlich funktioniert auch Übertragung: Auch, wenn keine reelle Gefahr mehr da ist, können wir den anderen als gefährlich erleben, wenn er der alten Gefahr ähnelt.

Aber: Die Forscher fanden heraus, dass das Immunsystem nach einer Weile den Trick erkennt und dann wieder zurück zum Normalen findet. Der Körper lässt sich also nur eine Weile täuschen. Er hat ein ureigenes Wissen davon, was normal, was echt und was Täuschung ist.

Wir lassen uns nicht auf Dauer täuschen

Und dieses Wissen hat die Psyche auch – wir wehren uns nur manchmal dagegen. Wenn auch Übertragungen oft jahre- und jahrzehntelang funktionieren, so kommt doch irgendwann der Punkt, an dem die Psyche erkennt: Mein Kampf ist nicht mehr nötig. Der andere ist in der Realität ganz anders, als ich ihn gesehen habe.

Manchmal müssen wir uns diesen Punkt richtig bewusst machen, denn wir können Übertragungen aus Gewohnheit oder aus einem bestimmten Identitätsgefühl heraus fortführen. Wenn der andere auf einmal keine Gefahr mehr ist, wenn er nicht mehr verachtenswert, ja vielleicht sogar liebevoll zu uns ist, wer sind WIR dann?

Dann stellen wir vielleicht fest, wie aggressiv wir selbst sind, wie wir verunsichert sind, wenn wir liebevoll behandelt werden und vieles mehr.

Wenn wir die Übertragung aufgeben heißt das, dass wir auch unsere alte Identität teilweise aufgeben und zu etwas Neuem finden müssen.

Wenn wir mutig sind, dann nehmen wir diesen Wendepunkt wahr. Wir können uns daran freuen, dass unsere Psyche sich nicht länger täuschen lässt. Wir haben ein natürliches Gespür für das „Normale“, das „Gesunde“. Wir müssen nur dort hinhorchen.

Übertragung funktioniert nicht nur automatisch

Übertragung funktioniert nicht nur automatisch

Wenn wir einen cholerischen, kontrollierenden Vater hatten, dann kann es sein, dass wir immer dann besonders zornig werden, wenn wir uns irgendwo unterordnen sollen – zorniger vielleicht, als andere Menschen. Wenn wir eine Psychotherapie beginnen, begegnen wir vielleicht auch dem Therpeuten mit grosser Skepsis und Widerwillen. Wir „unterwerfen“ uns ihm dennoch, denn er soll uns ja retten und weiss, wo’s lang geht, so meinen wir.

Das nennt man Übertragung: So, wie wir den Vater sahen, so sehen wir teilweise auch andere Menschen, die in einer Vater-Position sind, die also „über uns“ stehen. Zunächst sind Übertragungen nicht bewusst. Wir machen das einfach so. In einer Analytischen Psychotherapie werden wir uns jedoch mehr und mehr klar darüber, was da passiert und was wir psychisch da „machen“.

Trotz unserer Erkenntnisse empfinden wir die Situationen mit dem Vorgesetzten vielleicht jedoch weiterhin so, als wäre uns nie etwas bewusst geworden. Wir merken nur: Das Leben ist unangenehm.

Irgendwann bemerken wir vielleicht, wie wir über unseren Vorgesetzten oder unseren Analytiker quasi aus Versehen „ganz normal“ denken. Wir empfinden ihn als ganz natürlich. Und dann geschieht irgendetwas in uns oder um uns herum und wir empfinden den anderen wieder als schlecht und bedrohlich. Wir stellen uns vor, womit er uns heute wieder gängeln will. Wir kommen uns ausgenutzt oder benachteiligt vor. Wir sehen uns einem Angriff ausgesetzt – doch ist es so?

Wenn wir diese Stelle des „Umschlags“ mitbekommen, merken wir, wie wir im Geiste da etwas „gemacht“ haben – immer unter der Berücksichtigung, dass natürlich auch der andere ein sich veränderndes Lebewesen ist. Wir können qber vielleicht beobachten: Die Übertragung, die früher wie automatisch stattfand, wird von uns teilweise so gemacht!

Die Übertragung ist sozusagen ein Angriff auf das Natürliche.

Manchmal bestehen wir regelrecht darauf, dass die Umwelt so ist und bleibt, wie wir sie erwarten. Manchmal „machen“ wir die Umwelt regelrecht so, wie wir sie von früher her kennen, z.B. indem wir andere provozieren. Wenn wir darauf verzichten, die anderen Menschen innerlich einzufärben, kann das sehr verunsichernd sein, denn wir sehen uns einer neuen Situation ausgesetzt. Wir haben uns verändert, der andere aber auch – und was jetzt? Diese Unsicherheit auszuhalten, ist oft mühevoll. 

Gegenübertragungsabwehr und Gegenübertragungswiderstand

Wann immer ein Mensch auf uns zukommt, haben wir Gegenübertragungsgefühle: Ein freundliches Kind löst in uns vielleicht wohlwollende, elterliche Gefühle aus. Unsere wohlwollenden Gefühle sind die Reaktion auf das freundliche Wesen des Kindes. Diese Reaktion ist unsere „Gegenübertragung“. Sie ist hierbei leicht.

Es kann für uns jedoch sehr schwierig werden, wenn der andere einmal etwas anderes in uns auslöst wie zum Beispiel namenlose Angst, Ekel, Antipathie oder Fluchtgedanken. Vielleicht weckt der andere plötzlich Übelkeit oder feindselige Gefühle in uns. Das wollen wir nicht wahrhaben – besonders dann nicht, wenn wir den anderen eigentlich mögen. Wir wehren uns gegen diese unerwünschten Gefühle – sehr oft unbewusst. Wir bleiben freundlich, obwohl der andere uns feindlich gegenübertritt. Der andere hat dann möglicherweise das Gefühl, dass er gar nicht richtig bei uns ankommt.

Wenn Psychoanalytiker ihre eigenen Reaktionen auf den Patienten bemerken und davor Angst haben, können sie in eine Abwehr geraten. Sie versuchen vielleicht, durch Abwehr ihre eigene Angst zu mindern. Sie befinden sich dann im „Gegenübertragungswiderstand“ bzw. in der „Gegenübertragungsabwehr“. Dies kann sich z.B. dadurch äußern, dass sie beginnen, viel zu fragen, viel zu denken und viel zu reden. Dadurch kommen sie weg vom Unbewussten, hin zum bewussten Wollen, Steuern und Tun, was weniger beängstigend wirkt.

Selbstobjektübertragung

Unter „Übertragung“ versteht man normalerweise so etwas wie: „Du siehst meinem Vater ähnlich, also fühle ich mich bei Dir wie bei meinem Vater und behandele Dich auch so.“ Wir übertragen altbekannte Gefühle auf den anderen.Bei einer „Selbstobjekt-Übertragung“ dreht sich der Betroffene um sich selbst und hat starke Wünsche an den Analytiker, so wie ein Kind an die Mutter: „Du sollst mich verstehen, empathisch sein und mir von Deiner Kraft abgeben. Du sollst mir nützen“, so die verschlüsselte Botschaft des Betroffenen an den Analytiker. Der Analytiker wird als „Selbstobjekt“ betrachtet, als jemand, der mir hilft und der mir zu meinen Diensten steht. Unsere ersten, sozusagen natürlichen Selbstobjekte, sind Mutter und Vater.

Texte zur Selbstobjekt-Übertragung haben mitunter einen negativen Touch, da in diesem Zusammenhang oft psychisch leidende Menschen beschrieben werden, die sehr fordernd wirken oder kaum eine andere Beziehung eingehen können als eine „ausnutzende“, so der unausgesprochene Vorwurf an den Patienten. Vielleicht ist es ein Vorwurf, den einst eine geschwächte Mutter an den Patienten gerichtet hat. „Du bist mir zu viel“, hat sie gedacht und konnte auf ihr Kind nicht in ausreichend gesunder Weise eingehen.

Der Begriff „Selbstobjekt-Übertragung“ (1979) stammt von dem Selbstpsychologen Heinz Kohut. Vorher nannte er diese Form der Übertragung die „narzisstische Übertragung“ (1973). Quelle: Mertens: Objektale Übertragungen und Selbstobjekt-Übertragung. In: Praxis der Psychotherapie. 5. Auflage 2012: 159

Wiederholungszwang: In der Übertragung wiederholt sich etwas

Was uns nicht bewusst ist, darüber können wir nicht sprechen. Und doch machen sich unbewusste Verletzungen aus der Vergangenheit in der Gegenwart bemerkbar: Sie „wiederholen“ sich – wir haben einen „Wiederholungszwang“ (englisch: Repetition Compulsion). Wir konstruieren immer wieder Situationen, die uns unglücklich machen. Insbesondere bei frühen Traumatisierungen ist das der Fall, denn dafür finden wir oft keine Worte. In der Psychoanalyse zeigt sich der Wiederholungszwang zum Beispiel in der „Übertragung“ – der Patient fühlt sich in der Psychoanalyse auf einmal wieder so wie er sich als Kind fühlte. Er erlebt wiederholt unglückliche Situationen mit dem Analytiker, die er aus der Kindheit kennt. Der Analytiker wiederum reagiert auf diese Übertragung und analysiert sie.

Deuten = Bewusst machen

Durch Deutungen macht der Analytiker dem Patienten bewusst, was passiert sein könnte: „Kann es sein, dass Sie sich durch mich genauso in die Ecke gedrängt fühlen, wie Sie das bei Ihrem Vater immer erlebten?“ Durch die Deutung kann dem Patienten der Zusammenhang bewusst werden. Er erlebt den Schmerz, den er beim Vater erlebte, erneut beim Analytiker – diesmal aber bewusst.

Durch die Bewusstwerdung kann der Patient sich auch wieder aktiv erinnern. Dann folgen viele Situationen in der Psychoanalyse, in der sich dieses Problem wieder erneut darstellt. Analytiker und Patient arbeiten das Problem dann durch – solange, bis es sich abgeschwächt hat.

„Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des Patienten zu bändigen und ihn zu einem Motiv fürs Erinnern umzuschaffen, liegt in der Handhabung der Übertragung.“ Sigmund Freud, Kleine Schriften: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, 1914

„Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, das heißt der Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit gebracht, so kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische Ubertragungsneurose ersetzt.
Der Arzt hat sich bemüht, den Bereich dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung zuzulassen. …
In der Regel kann der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als Spiegelung einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige therapeutische Erfolg gewonnen.“
Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips: Wiederholungszwang und Übertragungsneurosen, 1920, www.textlog.de/…

Übertragungsbeziehung und Realbeziehung – wie lassen sie sich unterscheiden?

„Sie reden immer zu viel und wollen immer der Beste sein!“, sagt der Patient zum Analytiker. Was jetzt? Sieht der Patient im Analytiker etwas, das er schon von seinem Vater kennt? Oder ist der Analytiker wirklich so? An solchen Stellen ist es wichtig, dass der Analytiker sich selbst gut kennt. Darum ist die Lehranalyse aus meiner Sicht der wichtigste Teil der Psychoanalyse-Ausbildung. Der Analytiker denkt hier für sich: „Stimmt, da hat der Patient Recht. Es ist wirklich typisch für mich, dass ich über das normale Mass hinaus immer der Beste sein will. Er hat mich gut erkannt.“ Der Patient hat etwas Richtiges über die „Realbeziehung“ gesagt. Aber es geht weiter.

Der Patient sagt: „Ich wollte Ihnen das schon seit drei Jahren sagen, dass mich das so nervt. Aber ich habe es mich nie getraut, weil ich dachte, Sie werden dann sauer, springen auf und gehen.“ An dieser Stelle mischt sich die Übertragungsbeziehung hinein. Der Patient hatte einen impulsiven Vater, der ihn immer „überfuhr“ und bei dem er sich nichts zu sagen traute. Die Mischung aus Übertragungs- und Realbeziehung lässt sich kaum trennen, aber man kann sagen: In der Realbeziehung hat der Patient den Analytiker „richtig“ erkannt, doch dass er jahrelang mit dieser Aussage zögerte, ist in diesem Fall auch ein Hinweis auf die Übertragung.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Sigmund Freud (1912):
Zur Dynamik der Übertragung
textlog.de/…

Sigmund Freud (1917):
27. Vorlesung: Die Übertragung
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
projekt-gutenberg.org/freud…

Sigmund Freud (1915):
Bemerkungen über die Übertragungsliebe
projekt-gutenberg.org/freud…

Paula Heimann (1956):
Dynamics of Transference Interpretations.
Int J Psycho-Analysis 1956; 37: 303-310
ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/13366494

Tilmann Moser:
Paula Heimann: Fast eine Retterin der Psychoanalyse
Deutsches Ärzteblatt, PP 15, Ausgabe Juli 2016, Seite 331

Margaret I. Little (1951):
Countertransference and the patient’s response to it

IJP 32, 1951, 32-40
The British Psychoanalytical Society Archive

Thomas Müller (2021):
Die Aktivierung psychotischer Objekte in Übertragung und Gegenübertragung
Psyche, Heft 1/2021
elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/ps-75-1-40 „Das klinische Material aus der Therapie einer schizophrenen Patientin soll diese Überlegungen sowie einige behandlungstechnische Probleme veranschaulichen.“

Jürgen Körner (1989):
Arbeit an der Übertragung? Arbeit in der Übertragung!
Forum der Psychoanalyse 5, S 209-223
amazon

Arbeit „in“ der Übertragung: 25 Jahre später
Prof. Dr. phil. Jürgen Körner
December 2014, Volume 30, Issue 4, pp 341-356? doi:10.1007/s00451-014-0184-1
link.springer.com/…: „Zwar interpretiert der Patient seine Welt im Lichte seiner früheren Erfahrungen, aber er gestaltet gemeinsam mit uns hier und jetzt eine neue Beziehungswirklichkeit.“

Sigmund Freud:
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten
Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse II
(1914) Kleine Schriften I: Kapitel 18

Alvise Orlandini:
Repetition Compulsion in a Trauma Victim: Is the “Analgesia Principle” Beyond the Pleasure Principle? Clinical Implications.
Journal of the American Academy of Psychoanalysis and Dynamic Psychiatry: Vol. 32, No. 3, pp. 525-540.
https://doi.org/10.1521/jaap.32.3.525.44777, guilfordjournals.com/…

Dieser Beitrag erschien erstmals am 26.1.2013
Aktualisiert am 11.10.2025

6 thoughts on “Übertragung, Gegenübertragung und Wiederholungszwang (Transference, Countertransference, Repetition Compulsion)

  1. Dschuli sagt:

    Sehr geehrte Frau Voos,
    ich suche nach einer Definition. Was heißt Verstrickung? Wenn ich mit jemanden verstrickt bin?
    Herzliche Grüße
    Dschuli

  2. Pjor sagt:

    Es wird ja meist nicht direkt gesagt „Da bist Du falsch“, sondern man deutet es aus dem Verhalten des Therapeuten Aus zu diplomatischen Antworten oder wenn der Therapeut ruhiger wird, damit der Patient wieder runterkommt. Wenn er auf Emotionalität mit Sachlichkeit oder auf Hoffnungslosigkeit mit Hoffnungsvergabe reagiert. Das bemerkt und merkt sich manch´ Patient, und unterläßt es sich zu zeigen.

  3. Elke sagt:

    Ich bin jetzt seit über einem Jahr in einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie. Meine Therapeutin hat mir nie gesagt, dass ich etwas etwas falsch erlebt habe oder eine falsche Wahrnehmung habe. Im Gegenteil, ich habe in dieser Therapie gelernt selbst die Antworten zu finden und so meinen neurotische Teil von meinem gesunden zu unterscheiden, mich zu analysieren und mich dann zu entscheiden, wie ich damit umgehen kann und in welchem Thempo ich meine Ängste überwinden kann. Die Basis ist die therapeutische Beziehung, sowohl der Therapeut als auch der Patient müssen miteinander arbeiten können. Meine Therapeutin hat mich am Anfang sehr geschickt von zu schwierigen Themen abgelenkt, was mir am Anfang nicht bewusst war.
    Man muss auch berücksichtigen, dass es auf beiden Seiten unterschiedliche Menschen gibt, manche Patienten wollen auch mehr über sich selbst efahren, ander wollen das nicht. Ein guter Analytiker weiß auch, dass er einen 70jährigen anders behandeln muss, als einen 20jährigen und einen Psychotiker anders als einen Neurotiker.
    In meiner Therapie ging es nie um richtig oder falsch, sonder eher um nützlich oder weniger nützlich. Wegen dem weniger nützlichen bin ich doch auch zur Therapie gegangen, das was mich belastete wollte ich überwinden.
    Es gibt auch Patienten, die wissen, dass jede Wahrnehmung subjektiv ist. Was ich gut und oder nicht gut finde entscheide immer noch ich, man kann aber lernen anders mit sich umzugehen und Probleme als Herausforderungen zu sehen oder zu erkennen, dass das vermeintliche Problem eigentlich kein Problem ist, sondern lösbar ist und schlicht und einfach sich seiner selbst bewusst zu werden. Zumindest als Neurotiker merkt man doch auch vor der Therapie, dass irgendetwas mit einem nicht stimmt, was einen hindert, Dinge zu tun, die man tun möchte, zu sagen, was man sagen möchte usw…
    Möglicherweise hätte mir auch eine andere Therapieform geholfen, es war zufällerigerweise diese Therapieform und es war gut.

    Viele Grüße
    Elke A.

  4. Ulrich Hammerla sagt:

    @Stephen Boy:
    Ein analytischer oder tiefenpsychologischer Psychotherapeut, der seinen Patienten „ständig erzählt, sie würden etwas falsch erleben“, macht irgendetwas in verhängnisvoller Weise falsch! Nun bin ich kein Analytiker, sondern psychodynamisch tätig – aber das Gefühl, die Welt „falsch“ zu erleben, irgendwie „nicht das eigene Leben zu führen“, das bringt der Patient mit in die Therapie, es ist sogar sein Hauptgrund, überhaupt eine Therapie zu machen!
    Als Therapeut versuche ich natürlich, zu erkennen, was am Erleben des anderen Übertragung (und an meinem Gegenübertragung!) ist – aber doch nicht, um den Patienten damit zu konfrontieren!
    Ich kann dem Erleben des Patienten mein Erleben (oder in der Gruppe das vieler anderer) gegenüberstellen, aber das ist ein offenes Angebot ohne jeden Anspruch auf Richtigkeit.
    Dass mit der Psychoanalyse vor allem in den USA reichlich Schindluder getrieben wurde und sicher auch noch wird, will doch niemand bestreiten. Eine Untersuchung dort soll ja ergeben haben, dass Psychoanalysen meist dann enden, wenn sich der Patient die weitere Analyse nicht mehr leisten kann, Patient oder Analytiker sterben oder den Wohnort wechseln, aber nie wegen erfolgreicher Behandlung…

  5. Dunja Voos sagt:

    Lieber Stephen Boy,

    zunächst einmal vielen Dank für den Hinweis auf die Schriften von Harold Searles.

    Natürlich kann die Analyse von Übertragung und Gegenübertragung verwirrend sein. Was der Patient fühlt und erlebt, ist aber nicht „falsch“. Vielleicht gibt es ja Therapeuten, die dem Patienten sagen, dass das, was sie empfinden, „falsch“ sei; aber das sind wahrscheinlich keine guten Therapeuten. Viele Patienten haben ein gutes Gespür für unbewusste Vorgänge des Therapeuten. Gute Therapeuten wissen das und berücksichtigen das bei ihrer Arbeit.

    Es waren oft die Eltern, die ihren Kindern (bewusst oder unbewusst) vermittelten, dass das, was sie wahrnehmen, „falsch“ sei. Der Weg zurück zu dem Glauben an die eigene Wahrnehmung ist oft sehr schwierig, kann aber besonders in einer psychoanalytischen Therapie gelingen.

    Viele Grüße von Dunja Voos

  6. Stephen Boy sagt:

    Das Übertragungskonzept Freuds ist, wie vieles an der Psychoanalyse, verrückt machend.
    Wer einem Menschen ständig erzählt, er würd etwas „falsch erleben“, macht ihn wirr.
    Eine Situation, wie die Psychoanalytische, in der eine Person bestimmt, was am Erleben des anderen Realität oder Übertragung ist, ist an Infantilität nicht zu überbieten.
    Lesen Sie mal Searles: „Methoden der Psychoanalytiker, andere verrückt zu machen.“

Schreibe einen Kommentar