Woran merke ich, dass ich psychisch krank bin und wann sollte ich mit einer Psychotherapie beginnen?

„Woran merkt man eigentlich, dass man psychisch krank ist?“, werde ich manchmal gefragt. Ich glaube, man merkt es unter anderem daran, dass man zu viel denken muss. Wenn das Denken zum Leid wird, dann ist das häufig ein Anzeichen einer psychischen Erkrankung.

Es ist ähnlich wie mit dem Körper: Wir atmen unbewusst tausende Male am Tag und müssen nicht darüber nachdenken. Ein Asthmatiker aber denkt sehr wohl über seinen Atem nach – er muss ihn messen und Medikamente einnehmen. Auch wer hyperventiliert, denkt über seinen Atem nach und leidet darunter. Mütter stillen ihre Säuglinge nach Gefühl. Doch sobald ein Problem auftritt, müssen sie darüber nachdenken. Den Magen spüren wir nicht – wenn sich aber ein Magengeschwür entwickelt, wird unser Denken darauf gelenkt.

Besonders Menschen mit einer Hypochondrie (Angst vor Krankheiten) oder einer Angststörung müssen ständig über alles Mögliche nachdenken. Kein Kontakt, kein Besuch, kein Spaziergang ist mehr möglich ohne quälende Gedanken. Die Betroffenen sehnen sich danach, einfach mal unbeschwert sein zu können.

Was ist schon „normal“? Obwohl das einerseits schwer zu sagen ist, wissen wir auch, wenn wir uns nicht „normal“ fühlen: Wenn unsere Ängste zu unverständlich sind, wenn wir für unser Fühlen und Verhalten keine Erklärungen finden, wenn wir nicht schlafen können, dann spüren wir, dass etwas nicht stimmt. Viele spüren auch eine Grenze: „Ich kann das nicht mehr alleine bewältigen, ich brauche Hilfe“, sagen manchmal auch diejenigen, die ansonsten niemals eine Psychotherapie in Betracht ziehen würden. Dieses Eingeständnis, das ja eine Art innere Kapitulation, aber auch eine Anerkennung der Realität ist, ist oft der erste Schritt zur Heilung.

„Es ist wichtig, frühzeitig mit einer Psychotherapie zu beginnen, damit es nicht chronisch wird.“ Diesen Satz liest und hört man überall. Ich wage das zu bezweifeln. Angststörungen, Depressionen und andere Leiden fallen meistens nicht vom Himmel. Wohl immer gibt es eine jahrelange Vorgeschichte. Wohl die meisten Geschichten beginnen in der Kindheit. Nicht selten ist die Forderung nach „frühzeitiger Psychotherapie“ ein Geschäft mit der Angst. Ich denke, jeder spürt für sich selbst genau, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um sich Hilfe zu suchen.

Die Psyche ist kein Blinddarm, der sich plötzlich entzündet. Was in der Körpermedizin oft gilt, lässt sich nicht so leicht auf die Psyche übertragen. Heute weiß man: Psychotherapien wirken dann besonders gut, wenn auch der Leidensdruck groß genug ist. Leidensdruck ist unter anderem ein gesundes Zeichen der Psyche, die sagen will: „Hier stimmt etwas nicht, ich brauche Hilfe.“

Der Betroffene spürt, wann der richtige Zeitpunkt da ist

Ich glaube, dass der Betroffene selbst am besten den richtigen Zeitpunkt für eine Psychotherapie wählen kann. Wird jemand auf Raten des Arztes, des Partners, Lehrers oder sonst wem zur Psychotherapie geschickt, obwohl er innerlich noch nicht bereit dazu ist, ist die Psychotherapie oft wenig sinnvoll.

Vielen Menschen tut es gut, die Erfahrung zu machen, dass sie Krisen alleine bewältigen können.

„Zu spät“ für eine Psychotherapie ist es selten. Natürlich kann man hier und da vorbeugen oder durch ein motivierendes Gespräch den „richtigen Zeitpunkt“ für eine Psychotherapie entdecken. Aber heute ist es für viele Betroffene schwierig, sich nicht unter Druck gesetzt zu fühlen. Die meisten Menschen spüren sehr gut, wann für sie persönlich der richtige Zeitpunkt für eine Psychotherapie gekommen ist.

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 11.11.2014
Aktualisiert am 11.2.2021

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