Scham, Körper und unbewusste Phantasien

Scham folgt oft rasch auf unsere – oft unbewussten – Phantasien. Oft können wir gar nicht so genau sagen, warum wir uns in diesem Ausmaß schämen. Die Psychoanalytikerin Ana-Maria Rizutto hat in einem Beitrag (1991, pep-web.org) die Scham genauer untersucht. Freud selbst stelle die Scham in Zusammenhang mit dem Sexualinstinkt (1905), insbesondere mit dem Zeigen und Sichtbarwerden der Geschlechtsorgane.

Diese Scham werde zum Beispiel deutlich in der „Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ (Freud 1910, Projekt Gutenberg). Auch unfreiwilliges Wasserlassen („Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“, Freud 1918, Projekt Gutenberg, und bei Frauen der „fehlende Penis“ seien nach Freud (1933) eng mit Scham verbunden.

Wann entsteht Scham?

Freud war der Ansicht, dass Scham erst im Alter von drei bis vier Jahren entstehe. Wenn jedoch ein Baby ein Spielzeug erreichen will, es aber nicht schafft und ihm jemand dabei zuschaut, zeigt es bereits so etwas wie Scham. Scham wird einerseits von der Gesellschaft eingepflanzt, andererseits scheint Scham auch – ähnlich wie die Angst – ein universelles, angeborenes Gefühl zu sein, das sich mit dem Verlauf der Entwicklung verändern kann.

Scham ist ein soziales Gefühl. Bei der Scham sind andere beteiligt: entweder außenstehende Menschen oder innere Figuren („Wenn das mein Lehrer wüsste!“). Oder aber wir kämpfen gegen unser eigenes Über-Ich an. In jedem Fall kommt die Scham durch eine Kommunikation zustande.

Scham in der Selbstpsychologie

In der Selbstpsychologie nach Kohut (1971) ist Scham ein Zeichen dafür, dass es dem Betroffenen nur schwer gelingt, exhibitionistische Wünsche anzunehmen und damit umzugehen. Die narzisstische Entwicklung, also die Fähigkeit zur gesunden Eigenliebe, spielt hier eine besondere Rolle. Der Psychoanalytiker Andrew P. Morrison (Shame, Ideal Self and Narcissism, tandfonline.com, 1983) betont, dass Scham entsteht, wenn man ein Ziel nicht erreicht, wenn man Fehler gemacht hat oder sich defizitär fühlt.

Auch Sandler et al. (The Ego Ideal and the Ideal Self, pubmed, 1963) schreiben, dass Scham dann entsteht, wenn man sein Ideal-Selbst nicht erreicht. Die amerikanischen Vertreter der Strukturtheorie, Jacob Arlow (1912-2004) und Charles Brenner (1979) (1913-2008), sehen Scham nicht als spezifischen Affekt an. Charles Brenner (Depressive affect, anxiety, and psychic conflict in the phallic-oedipal phase, pubmed, 1979) ordnet die Scham den „depressiven Affekten“ zu und sieht die Scham als ein Sich-Unwohlfühlen, das mit der Idee verknüpft ist, dass etwas Schlechtes passiert ist.

Von Angesicht zu Angesicht

Der Psychoanalytiker Leon Wurmser (amazon, 1981) beschreibt innere Konflikte, die zur Scham führen können. Besonders die Gesicht-zu-Gesicht-Kommunikation spielt bei Wurmser eine besondere Rolle. Das, was der Betroffene von sich zeigt oder zeigen will, erschwert die Kommunikation. Wurmser beschreibt „kommunikative, aggressive und sexuelle Triebe“. Damit Scham entstehen kann, muss sowohl ein Selbst als auch eine Kommunikation mit anderen vorhanden sein.

Wurmser hat das Konzept der Triebe erweitert und die Begriffe „Theatophilie“ und „Delophilie“ geprägt. Während „Theatophilie“ (theaomai = altgriechisch: schauen) die Lust zum Beobachten beschreibt, heißt „Delophilie“ soviel wie „die Lust, sich selbst auszudrücken und zu beeindrucken“ (delos = klar, ersichtlich, natürlich).

Scham ist das Gegenstück zum Stolz

Wenn Scham entsteht, dann wünscht man sich, unsichtbar zu sein. Man möchte die Exposition vermeiden (Fenichel 1945, Lewis 1971, Wurmser 1981). Die japanische Fesselkunst (Shibari) macht sich dieses Versteckenwollen zunutze. Wenn etwas nicht mehr schamhaft versteckt werden kann, beispielsweise die Brust mit den Armen, so kann sich das Schamgefühl in ein erotisches Gefühl umwandeln.

Scham: Unbewusste Phantasien als Grundlage

Ana-Maria Rizzuto sagt, dass Scham aus unbewussten Phantasien heraus entstehen kann. Das Konzept der unbewussten Phantasie erlaube verschiedene Theorien und Bestandteile der Scham zu kombinieren: die Aspekte „Selbstgefühl“, „Beziehung zu anderen“, die Triebe, die Abwehr sowie die Konflikte zwischen Ich, Ich-Ideal und dem Super-Ego gehören dazu.

Der Kinderanalytiker Winnicott (1971) und Kohut (1971) geben dem „mütterlichen Auge“ eine besondere Bedeutung: Das Kind fühlt die Anwesenheit des mütterlichen Blickes. Ist ein „Glanz im Auge der Mutter“ erkennbar, so wird sich das Kind gut fühlen. Schaut die Mutter zweifelnd oder abwertend, wird das Kind sich schämen.

Signal-Scham und schmerzhafte Scham

Ana-Maria Rizzuto erwähnt in ihrem Beitrag die zwei Formen der Scham: Die Signal-Scham (Fenichel 1945), die wie die Angst dazu da ist, uns zu schützen und die „schmerzhafte (krankhafte) Scham“, die dann auftritt, wenn uns eigene Vorstellungen oder innere Bilder als nicht akzeptabel erscheinen.

Ist es nicht erstaunlich, wie ähnlich die Worte „Charme“ und „Scham“ klingen? Der Charme, die Verlockung und das Intime hängen eng zusammen.

Die krankhafte Scham ist immer auch eine schmerzhafte Scham. Können sich Kinder narzisstisch nicht richtig entwickeln, kann pathologische Scham auftreten (Kohut, 1971). Michael Franz Basch (1976 | facebook) sagt, dass schmerzhafte Scham besonders dann entsteht, wenn die Mutter-Kind-Kommunikation gestört ist. Auch Wurmser (1981) schreibt, dass schmerzhafte Scham entsteht, wenn das Kind bei der Mutter keine adäquate Antwort auf seine Bedürfnisse erhält.

Von Körper zu Körper

Entwicklungsforscher (Donald Nathanson 1987: The many faces of shame, guilford.com, Demos 1986, Emde et al. 1976, Lichtenberg 1983, Stern 1985) betonen, wie wichtig die frühe emotionale Kommunikation mit der Mutter ist. Scham kann entstehen, wenn das Attunement oder die affektive körperliche Kommunikation gestört sind. Erhält das Kind keine komplementäre Reaktion auf seine Äusserungen, wird es irritiert sein oder sich schämen: Will das Kind körperlichen Kontakt oder lächelt es die Mutter an und es kommt kein Lächeln zurück, ist es höchst irritiert.

Die pathologische Scham entsteht dann, wenn es eine Verbindung gibt zwischen einem aktuellen Geschehen und einer vorbestehenden unbewussten Phantasie über den eigenen Wert, so Rizzuto.

„Dafür muss man sich doch nicht schämen!“

Meistens zeigt sich krankhafte Scham daran, dass Außenstehende die Schamgefühle nicht nachvollziehen können: Zwischen dem Ereignis und der erlebten Scham besteht für Außenstehende – und oft auch für den Betroffenen selbst – ein Ungleichgewicht. Menschen mit krankhafter Scham haben oft das Gefühl, ihr Körper sei abstoßend.

Ana-Maria Rizzuto schreibt: „Attention must be paid to the verb ‚to be‘ … in the presence of another.“

Freud sagt, dass besonders auch Phantasien und Tagträume Scham auslösen können (Freud, 1916). Kindliche Wünsche, z.B. ein Held zu sein, können schnell zum Fall führen, wenn das Kind belächelt wird. Ana-Maria Rizzuto sagt, dass besonders der Wunsch, emotionalen Kontakt herzustellen und eine komplementäre Antwort zu erhalten, enorm wichtig ist. Wer bei diesen Wünschen Zurückweisung erlebt, der erlebt schmerzhafte Scham dafür, dass er überhaupt den Wunsch gehabt hatte.

Scham hemmt Bewegung und die Sprache

Wenn Du Dich schämst, kannst Du Dich vielleicht kaum bewegen. Auch das Sprechen scheint fast unmöglich zu sein. Du schaust auf den Boden. Es gelingt Dir vielleicht kaum, dem anderen in die Augen zu schauen. Das Sich-Schämen kann dazu führen, dass man einen anderen nicht nach etwas fragen kann, dass man nicht auf ihn zugehen kann. Scham trat vielleicht in Deiner Kindheit auf, wenn Du vor anderen singen, tanzen oder laufen solltest.

Der Psychologe Peter A. Levine („Somatic Experiencing“) zeigt in seinem Youtube-Video „How to overcome toxic shame“, wie sich Scham körperlich auswirkt. Er zeigt eine Übung, wie Du in die „Scham-Haltung“ kommen kannst und wie Du Dich aus dieser Haltung wieder befreien kannst.

Das Angeblicktwerden lässt Dich erstarren

Manchmal scheint man zu erstarren, weil man etwas sieht, was man besser nicht gesehen hätte. Man fühlt sich schuldig, schämt sich und bleibt „wie angewurzelt“ stehen. Wenn wir uns schämen, ist es vielleicht, als würde uns ein Riegel vorgeschoben: Sprechen, Atmen, Singen, Sich-Bewegen scheinen unmöglich zu werden. Auch fällt es uns möglicherweise schwer, ruhig nachzudenken (zu mentalisieren).

Du kannst auch klein werden in Deinen Bewegungen, wenn Du das Gefühl hast, die Augen eines anderen wären unentwegt auf Dich gerichtet. So angestarrt, kann man sich fühlen wie im Gefängnis. Dabei müssen die Blicke noch nicht mal mehr real sein – wir haben sie verinnerlicht. Allein die Vorstellung, dass Dich jemand anstarrt, lässt Dich vielleicht selbst erstarren.

Vielleicht hilft Dir da schon allein das Bewusstwerden: Wenn Du Dich innerlich angestarrt fühlst, dann sind es vielleicht nur Erinnerungen an das Angestarrtwerden. Mache Dir bewusst, dass das vielleicht den „Vorteil“ hat, dass Du Dich ganz wichtig fühlst. Wer angestarrt wird, steht im Mittelpunkt. Wenn Du bemerkst, dass das eigentlich gerade nur in Deiner inneren Welt passiert – vielleicht, weil Du Dich durch äußere Menschen an frühere Situationen erinnert fühlst – dann kann die Scham manchmal nachlassen.

Manchmal haben wir unbewusst eine Art „inneren Beobachter“, vor dem wir uns schämen.

Angst vor dem Lösen der Fesseln

So sehr wir uns wünschen, frei von Scham zu sein, so haben wir doch paradoxerweise manchmal auch Angst, uns aus der inneren Gefangenschaft zu befreien. Wenn wir uns freier fühlen, so meinen wir vielleicht, dass das Risiko steigt, uns vor anderen zu blamieren. Da bleiben wir lieber unbeweglich.

Wer stillhält, kann nichts falsch machen, so der Gedanke.

Da hilft es nur, sich innerlich Stückchen für Stückchen aufzuschließen. Letzten Endes sind es häufig nicht die Blicke von außen, die uns erstarren lassen, sondern unsere eigenen, inneren Blicke, Erinnerungen und Verbote.

Scham in Psychoanalyse und Psychotherapie

Einen sehr interessanten Beitrag zur Scham in der Psychoanalyse und Psychotherapie hat der Zürcher Arzt und Psychoanalytiker DanielStrassberg.ch (2004) verfasst: „Scham als Problem der psychoanalytischen Theorie und Praxis“ (PDF). Daniel Strassberg geht darauf ein, dass wir häufig gar nicht wissen, warum wir uns schämen:

„Die Scham der Patienten, die unsere Hilfe suchen, scheint keinen Inhalt zu haben. Die Menschen, denen wir begegnen, schämen sich für nichts.“ Die Reaktion des Therapeuten sei häufig Ratlosigkeit, so Strassberg: „Wenn die Scham in der Therapie thematisch wird, stellt sich in der Gegenübertragung
fast ausnahmslos ein Gefühl überwältigender Ratlosigkeit ein.“

Scham hänge zusammen mit unseren Körperfunktionen, aber auch mit unserer „Natur“ im Allgemeinen. Daniel Strassberg schreibt: „In der Tat wird man leicht feststellen, dass das Öffentlichwerden der meisten Körperfunktionen schambesetzt ist. Das Urinieren, die Defäkation, die Menstruation, das Schwitzen, das Erröten und die Sexualität sind, wenn sie beobachtet werden, ebenso peinlich wie der nackte Körper selbst … Doch die Natur wird nicht nur in den Körperfunktionen sichtbar, ebenso versteht der Mensch seine Wünsche, Leidenschaften und Triebe als Ausdruck seiner Natur und so lässt sich erklären, weshalb das vermeintliche oder wirkliche Sichtbarwerden eines Wunsches, einer Triebregung oder einer geheimen Leidenschaft schambehaftet ist.“

Und weiter beschreibt Strassberg, dass wir uns mitunter einfach für uns selbst als Mensch schämen können: „Der Schamaffekt bezieht sich, laut dieser Theorie, nicht zwangsläufig auf einen vom Subjekt empfundenen Mangel, sondern auf die Tatsache von Subjektivität selbst: Ich schäme mich, weil ich bin (und ich bin, weil ich mich schäme). Am ehesten lässt sich dies mit den Vorstellungen von Tomkins.org (1962/63) (Anmerkung: Silvan Salomon Tomkins, 1911-1991) und Nathanson (1987) vereinbaren, die die Scham als Affekt eines unterbrochenen Erregungsablaufes konzeptualisieren …“

Daniel Strassbergs Beitrag endet mit einem Befreiungsschlag: „Erst wenn man aufhört, nach den verborgenen Gründen der Scham zu suchen, und zu verstehen beginnt, dass die Scham auf nichts als sich selbst verweist, dass die Scham ein Selbstverhältnis des Analysanden begründet, hinter das man nicht zurück kann, kann die Ratlosigkeit als adäquater Ausdruck der Scham angenommen und dadurch die therapeutische Situation entkrampft werden.“ Daniel Strassberg (2004), Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 5/2004, S. 225-228, www.sartreonline.de/…pdf

Wenn wir nicht einsam bleiben wollen und es wagen, in Beziehung mit anderen zu treten, dann nehmen wir in Kauf, dass Scham auftreten kann. Doch allein die Auseinandersetzung mit der Scham kann ein sehr interessanter – wenn auch oft quälender – Prozess sein. In manchen Lebensphasen schämen wir uns oft und stark – in anderen fast gar nicht. Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit zu sich selbst und anderen können über die Zeit dabei helfen, die Phasen übersteigerter Scham seltener werden zu lassen.

Unbewusste Vorstellungen begleiten uns immer

„Kinder entstehen durch Essen“, phantasieren manche kleinen Kinder. Frühkindliche und unbewusste Phantasien sind unser Leben lang vorhanden. Kleine Babys spüren, was in ihrem Körper passiert und entwickeln darauf hin wahrscheinlich Phantasien. Diese Phantasien entstehen aus der Wahrnehmung, aus dem Fühlen (englisch: Sensation) heraus.

Ähnlich wie das Kind seine motorischen Fähigkeiten, sein logisches Denken und die Sprache entwickelt, so entwickeln sich auch die Phantasien kontinuierlich. Psychoanalytiker sprechen bei der Entwicklung der Phantasien von einer „genetischen Kontinuität“. Sie verändern sich besonders während der Entwicklungskrisen, also beim Laufen- und Sprechenlernen, in der Pubertät, in der Schwangerschaft, in den Wechseljahren usw.

Babys fühlen zunächst hauptsächlich mit der Haut und erkunden die Welt mit dem Mund. Sie nehmen Formen, Geschmack und Konsistenz wahr. Daraus entstehen innere Bilder. Die Finger ersetzen späterhin den Mund in seiner Funktion: Wir betasten die Dinge und bekommen dadurch eine genaue Vorstellung davon. Sobald das Sehen die Führung übernimmt, spielen konkretere Bilder in unserer Phantasie eine große Rolle.

Die Welt der Phantasien verändert sich ständig. Aus „unreifen“ Phantasien werden mit der Zeit realitätsnähere Phantasien. Viele Phantasien sind so, wie sie schon in der Kinderzeit waren. Ein klassisches Beispiel ist die Phantasie vom „Alien“, der aus dem Bauch schlüpft, wie im Film „Alien“ dargestellt. Auch klassische Verhörer wie „Der weiße Neger Wumbaba“ (= „der weiße Nebel wunderbar“ aus „Der Mond ist aufgegangen“) gehen mit unbewussten Phantasien Hand in Hand (siehe: Axel Hacke und Michael Sowa, 2004, Kunstmann-Verlag).

Die Psychoanalytikerin Susan Isaacs, psychoanalytikerinnen.de, (1885-1948) beschreibt in ihrem Beitrag „The Nature and Function of Phantasy“, wie unbewusste Phantasien möglicherweise entstehen und wie sie uns begleiten (International Journal of Psycho-Analysis 1948, 29: 73-97, PDF). Die Historikerin Bonnie Evans schreibt: „As Isaacs put it: ‘Phantasy is the mental corollary, the psychic representative of instinct … Every impulse, every feeling, every mode of defence is expressed and experienced in such a specific phantasy …“ (Evans, Bonnie, 2017: The first autism controversies, www.ncbi.nlm.nih.gov/books/…)
Frei übersetzt von Voos: „Wie Isaacs es erklärt: ‚Die Phantasie ist die mentale Folge, der psychische Stellvertreter des Triebs … Jeder Impuls, jedes Gefühl, jede Art von Abwehr wird in einer spezifischen Phantasie ausgedrückt und erlebt …“

Unbewusste Phantasien könnten insbesondere in Psychoanalysen offensichtlich werden, so Isaacs, denn der Psychoanalytiker beachtet die kleinsten Details und auch den Kontext der Erzählungen seiner Patienten.

In der Übertragung zum Analytiker werden alte Ängste, liebevolle frühe Wünsche, aggressive Impulse und eine Fülle von Emotionen geweckt. Manchmal sagt der Patient sowas wie: „Ich habe Angst vor Ihnen, aber ich weiß gar nicht, wieso.“ Die Angst wird häufig durch unbewusste Phantasien ausgelöst, z.B. wenn der Patient – zunächst unbewusst – befürchtet, der Analytiker könnte sich ihm emotional genauso entziehen, wie die Mutter es damals tat. Dies würde zu schrecklichen Verlassenheitsgefühlen und auch Wut führen.

Phantasien sind der Hauptinhalt der unbewussten Welt

Sigmund Freud sagte, dass alles, was bewusst wird, einen unbewussten Vorgang als Vorgänger hat. Nur unter bestimmten Umständen würden unbewusste Prozesse bewusst, so Freud (1932, S. 80 in Isaacs‘ Artikel). Was Freud als „Es“ bezeichnete, stehe in direktem Kontakt mit den körperlichen Vorgängen. Aus den körperlichen Vorgängen entstünden Phantasien, so Isaacs. Gefühle der Spannung, des Mangels und des Überflusses im Körperinneren könnten genauso zu Phantasien führen wie Außenreize (Geräusche, Berührungen, Bilder etc.).

Die unbewusste Phantasie ist der mentale Ausdruck des Triebs

Es gebe keinen Impuls, keine Drangsal, keine instinktive Antwort, die nicht als unbewusste Phantasie erlebt werde, so Isaacs (S. 80). Die unbewusste Phantasie sei eine Art Brücke zwischen den ursprünglichen (körperlichen) Zuständen und den ausgearbeiteten bewussten psychischen Abläufen. Die unbewusste Phantasie sei die psychische Repräsentation des Triebs, so Isaacs (S. 80). In der unbewussten Phantasie spiegelten sich Wünsche, aber auch Ängste, Aggressionen und Abwehrvorgänge wider. Die Phantasien könnten ebenso schnell wechseln wie körperliche Befindlichkeiten auch.

Ein Patient kann in der Psychoanalyse-Stunde ein ziemliches Tempo vorlegen. Ähnlich wie im Traum können sich die Phantasien blitzschnell, wie in einem Kaleidoskop, verändern. Es dauert oft lange, bis unbewusste Phantasien schließlich in Worte gefasst werden können.

Was geht im Baby vor?

Issacs beschreibt, was ein Baby „denken“ könnte: Es hat Hunger und phantasiert: „Ich möchte an der Brust saugen.“ Wenn der Hunger intensiver werde, könne das Baby phantasieren: „Ich will die Brust ganz aufessen.“ Es mache die Erfahrung, dass die Brust immer wieder weg gehe. Es könnte dann phantasieren: „Ich will die Brust bei mir behalten. Also fresse ich sie auf.“

Wenn das Baby frustriert sei, könne es auch den Impuls haben, die Mutter ins Gesicht zu schlagen oder die Brust in kleine Stücke zu zerbeißen. Im Gegenzug, so Isaacs, könne eine Angstphantasie entstehen, die da heißt: „Die Mutter könnte mich beißen.“ Fehle die Brust/die Mutter, kann das Kind zunächst die Wartezeit durch Phantasien überbrücken. Es versuche, sich durch Nuckeln am Daumen selbst zu befriedigen. Freud sprach hier von halluzinatorischer Befriedigung. Wenn die Mutter das Baby endlich füttere, so könne es auch eine Art Wiedergutmachung phantasieren, so Isaacs, etwa in dem Sinne: „Ich will die Stücke wieder zusammenführen.“

Widersprüche vereint

Unbewusste Phantasien können nacheinander oder gleichzeitig entstehen. Gegensätze können nebeneinander bestehen, wie im Traum. Es ist ähnlich, wie auch gegensätzliche Regungen im Körper gleichzeitig bestehen können: Man kann Wasser lassen müssen und gleichzeitig Durst haben. Die unbewussten Phantasien, die so eng mit dem Körper verbunden sind, spielen bei Hypochondern eine ganz besondere Rolle.

Die Phantasien seien schon aktiv, bevor Sprache entstehe, so Isaacs. Sie erinnert daran, wie Phantasien durch Tanz, Malen, Formen, Farben oder Musik hervorgerufen werden können. Worte spielten dabei oft keine Rolle – im Gegenteil: So manche Erfahrung könne gar nicht in Worten ausgedrückt werden.

Große Ängste durch Phantasien

Phantasien können größte Ängste auslösen. Isaacs führt das Beispiel eines Kindes an, das ein Jahr und acht Monate alt ist. Die Mutter trägt einen Schuh, dessen Sohle lose geworden ist. Das Kind schreit fürchterlich und hat riesige Angst vor diesen Schuhen. Die Mutter versteht noch nicht und muss die Schuhe schließlich weglegen. Gute Worte haben so gut wie keinen Einfluss auf unbewusste Phantasien. Als das Kind zwei Jahre und elf Monate alt ist, also 15 Monate später, fragt das Kind die Mutter: „Wo sind Mamas kaputte Schuhe? Sie können mich auffressen.“ Erst hier wird deutlich, welche Phantasie das Kind gequält hat: Die „Flapp-Sohle“ war so etwas wie ein bedrohlicher Mund.

Wenn kleine Kinder beißen

Isaacs führt ein Beispiel der Psychoanalytikerin Merrell Middlemore, psychoanalytikerinnen.de (1898-1938) an. Es handelte sich um die Analyse eines Mädchens, das zwei Jahre und neun Monate alt gewesen sei. Sie habe ständig andere Menschen gebissen und gespielt, sie sei ein beißender Hund, ein Krokodil, ein Löwe, eine Schere oder ein Betonmischer. Ihre unbewussten Phantasien seien ebenso destruktiv wie ihr bewusstes Spiel.

Das Kind hätte von Anfang an die Brust verweigert und immer nur sehr wenig gegessen. Middlemore (1941) verstehe es so, dass die furchtbaren Hungerattacken zu den Phantasien von Beißen und Gebissen-Werden geführt hätten. Nicht umsonst sprächen wir von „beißendem Hunger“. Isaacs schreibt, dass solche Triebe tief in uns verankert sind. Die Kinder müssten nicht erst irgendwo gesehen haben, dass jemand sterben kann, wenn man ihn attackiert oder verschlingt. Es sei ein Wissen, das tief in uns sei.

Was wir von uns geben

Viele Kinder (und auch Erwachsene) seien gedanklich oft mit dem Urin und dem Stuhl beschäftigt, so Isaacs. Wenn sie zur rechten Zeit urinieren oder defäkieren müssten, sei alles gut. Aber wehe, wenn es zu unpassender Zeit passiere – dann wird’s unangenehm. Kinder hätten daher oft die unbewusste Phantasie, dass der Urin etwas Schlechtes sei. Sie könnten sogar unbewusst phantasieren, dass ihre Mutter im Urin ersaufe oder verbrenne, so Isaacs. Denn Urin habe auch eine „beißende, heiße“ Qualität, vor allem in Zeiten der Krankheit. In Zeiten, in denen es dem Kind gut gehe und es die „Gutheit“ seiner Organe spüre, wolle es der Mutter seine Liebe zeigen. Urin und Faeces seien dann „Instrumente der Potenz und Liebe“ so Isaacs. Urin und Faeces können also gut oder böse sein.

Oft sagen wir: „Das sind doch nur Phantasien.“ Doch es sind eben nicht „nur“ Phantasien. Es sind Phantasien, die unser Leben bestimmen, uns oft verzweifeln lassen, zu Krieg oder Frieden führen. „Ich weiß, dass ich hier keine Angst haben muss, dass ich nicht wirklich zur Toilette muss, dass ich mich nicht übergeben muss, dass ich den anderen nicht angreifen will – und doch ist es da“, sagen wir vielleicht manchmal. Hier sind meistens unbewusste Phantasien beteiligt – sobald wir sie verstehen, kann unsere Drangsal oft nachlassen.

Unbewusste Phantasie nach Sigmund Freud

Nach Sigmund Freud gibt es zwei Arten von unbewussten Phantasien: Solche, die von jeher unbewusst sind und solche, die einmal bewusst waren und die durch Verdrängung ins Unbewusste gelangt sind. Freud schrieb: „Die unbewußte Phantasie steht nun in einer sehr wichtigen Beziehung zum Sexualleben der Person; sie ist nämlich identisch mit der Phantasie, welche derselben während einer Periode von Masturbation zur sexuellen Befriedigung gedient hat.“ Sigmund Freud: Kleine Schriften: Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität (1908), Projekt Gutenberg. (Haupt-Quelle dieses Beitrags: „Medea-Fantasie und Geschlechterspannung“ von Marianne Leuzinger-Bohleber, sigmund-freud-institut.de, DGPT-MItgliederRundschreien 3/2018 S. 18-19)

Die modernen Freudianer Joseph Sandler (1927-1998) und Anne-Marie Sandler (1925-2018) unterschieden Phantasien, die dem Vergangenheitsunbewussten angehören, und solche, die dem Gegenwartsunbewussten angehören. Phantasien aus dem Vergangangenheitsunbewussten können unter Stress in das Gegenwartsunbewusste aufsteigen.

Die Psychoanalytikerinnen Melanie Klein, melanie-klein-trust.org (1882-1960) und Susan Isaacs, melanie-klein-trust.org (1885-1948) sahen unbewusste Phantasien als den eigentlichen Inhalt des Unbewussten an. Sie gingen davon aus, dass unbewusste Phantasien schon vor dem Spracherwerb existieren. Hingegen ging der Ich-Psychologe Jacob Arlow (1912-2004) davon aus, dass unbewusste Phantasien hauptsächlich verbalen Inhalt hätten.

Verkörperte Erfahrungen

Die moderne Entwicklungspsychologie sieht die unbewussten Phantasien als „Embodied Erfahrungen“ an, also als Erfahrungen, die im Körper gespeichert sind. Dazu gehören auch Erinnerungen an das Primärobjekt (also meistens die Mutter). Hieraus können Phantasien entstehen, die z.B. im Bild der Fruchtbarkeitsgöttin Medea (nach Euripides) wiederzufinden sind (Medea: „Nur Du bist hier fremd in Deinem Hass.“ Zeit.de, 12.10.2018, von Gero von Randow).

Frühkindliche Tagtraumphantasien spiegeln früheste Körperphantasien wider, die etwa im fünften Lebensjahr ins Unbewusste absinken (Marianne Leuzinger-Bohleber). Unbewusste Phantasien könnten z.B. durch Onanie-Phantasien in der Jugend umgeschrieben werden, so Bohleber.

Die Selbstpsychologin Catalina Bronstein meint, dass unsere Erfahrungen mit der Umwelt zu neuen unbewussten Phantasien führen. Unbewusste Phantasien zeigten sich in der Psychoanalyse hauptsächlich über nicht-verbales Geschehen (Catalina Bronstein: Finding Unconscious Phantasy in the Session: Recognizing Form, 2015, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25990491).

Die Vorstellung steht fest, die Phantasie bewegt sich

Die Begriffe „Vorstellung“ und „Phantasie“ werden häufig gleichgesetzt. Etwas genauer könnte man sagen, bei der „Vorstellung“ handelt es sich um ein stehendes Bild. Ich kann mir eine Mundhöhle vorstellen. Bei der Phantasie fängt das Bild an zu laufen, es wird ein Film draus: „Die Mundhöhle ist ein dunkles Loch, das mich gleich verschlingen wird.“ Interessant: Manche Forscher sagen, dass kleine Kinder eher von Foto-artig träumen, also eher von einzelnen Bildern. Bewegte, filmartige Träume kämen erst hinzu, wenn die Kinder älter werden.

Übermächtige Phantasien finden sich bei Neurosen und Psychosen

„Das Überwuchern und Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Bedingungen für den Verfall in Neurose oder Psychose her; die Phantasien sind auch die nächsten seelischen Vorstufen der Leidenssymptome, über welche unsere Kranken klagen.“ Das schrieb Sigmund Freud (1856-1939) in seinem Beitrag „Der Dichter und das Phantasieren“ (1908). „Auch unsere nächtlichen Träume sind nichts anderes als solche Phantasien“, schreibt Freud. Manchmal sind wir uns sicher: „Nur ich habe solche Gedanken.“ Doch Psychoanalytiker wissen, dass wir mit vielen unserer Phantasien eben nicht alleine sind. Es spricht nur keiner darüber. Die Menschen überwinden sich oft erst dann, wenn eine psychische Erkrankung sie dazu zwingt, sich einem Therapeuten mitzuteilen.

„Sie erinnern sich: Wir sagten, dass der Tagträumer seine Phantasien vor anderen sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, sich ihrer zu schämen.“ (Freud: Der Dichter und das Phantasieren, 1908)

„… wenn sich das Ich von der Realität der Außenwelt ablöst, verfallt es unter dem Einfluss der Innenwelt in die Psychose.“ Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse, Gesammelte Werke, Band 17, Kapitel 6, S. 98

Sind wir satt, kommen die Gedanken zur Ruhe

Unsere Körperhöhlen beflügeln unsere Phantasie. Sind wir gestillt, ist die Höhle voll, dann werden wir schläfrig und ruhig. Die Gedanken dösen dahin. Was wir durch unsere Körperhöhlen wahrnehmen (z.B. Magenleere oder Darmwanddehnungen), beschäftigt uns oft unbewusst. Daraus entstehen Phantasien („Da ist ein leeres Loch, das mich gleich verschlingt.“), Gefühle („Ich fühle mich so leer.“) und Gedanken („Was kann ich tun, um mich wieder voller/vollständiger zu fühlen?“). Aus körperlichen Zuständen können feste Überzeugungen entstehen, die gegen jegliche Beruhigung durch Worte resistent sind.

Von der Angst, sich vor anderen zu bewegen

Es fängt oft in der Jugend an: Man bemerkt, dass man Angst hat, sich vor anderen zu bewegen. Vielleicht hat man auch Angst, vor anderen zu singen, zu schreiben oder zu essen. Die Tatsache, dass ein anderer einen beobachtet, wird auf einmal zum unüberwindbaren Hindernis: Man kann nicht mehr tun, was man tun möchte – was man alleine mit Leichtigkeit tut, ist unter Beobachtung auf einmal unmöglich. Der „Verhinderer“ heißt: „Scham“.

Gerade im Sport- oder Tanzunterricht wird vielen bewusst: „Ich kann mich nicht richtig bewegen.“ Es mangelt an Kraft, Koordination, Freude an der Bewegung, an Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Körpergefühl.

Im Beisein eines anderen wagen viele kaum noch zu atmen. Oft haben die Ängste sehr tiefe Ursachen und nicht selten steckt eine schwere frühe Traumatisierung dahinter. In einem Online-Forum (Psychic.de) beschreibt ein Nutzer namens „Sakrileg“ seine Angst vor der Bewegung so:

„Ich habe für mein Leben gern getanzt, traue mich das aber nicht mehr. Und wenn ich hier zuhause das doch mal probiere,dann … fühlt sich mein Körper krank und ängstlich an. … Selbst wenn ich hier schreibe oder telefoniere bin ich am ganzen Körper angespannt … die Spannung fallen zu lassen, fällt schwer.“

Wie wir uns bewegen und wie wir uns dabei fühlen, hängt eng mit unserer Beziehung zu unseren Eltern zusammen und damit, ob sie uns quälten und verlachten. Manchmal fühlen wir uns wie erstarrt und ärgern uns darüber. Die Scham ist dabei stärker als unsere Willenskraft. Der Psychoanalytiker Bertram Karon schreibt in seinem Buch „Psychotherapy of Schizophrenia“, dass psychisch kranke Mütter ihre Babys oft „eckig“ halten. Die eckigen Bewegungen können sich auf das Kind übertragen.

Auch das bewirkt Bewegung: Morgens, wenn man aufwacht, wischt man mit einer Bewegung seinen Traum weg. Kaum bewegt, ist die Erinnerung weg.

Körperhaltungen spiegeln Erlebnisse wider

Wer als Kind Gewalt erfahren hat, der neigt dazu, sich zu ducken. Wer aus einer Familie kommt, bei der „Verrat“ eine wichtige Rolle spielte, der traut sich vielleicht kaum zu atmen. Manchmal sind Kriegsenkel noch davon betroffen, wenn ein Verrat dazu geführt hat, dass die Großeltern fliehen mussten. Aber auch der Verrat, dass in der Familie Alkoholismus, sexueller Missbrauch oder „Kuckuckskinder“ vorkommen, kann dazu führen, dass diejenigen, die in das Geschehen eingebunden waren, sich nicht mehr frei bewegen.

Wer infolge einer „falschen Bewegung“ als Kind Krankengymnastik, Gipskorsette oder ähnliche Einschränkungen erfahren hat, traut sich später kaum, eine „falsche Bewegung“ zu zeigen. Sobald man den Blick eines anderen auf sich spürt, ist alles aus. Doch auch im Alleinsein kann es schwierig sein, sich frei zu bewegen, weil man den Blick des anderen sozusagen internalisiert hat. Man selbst wird zum eigenen kritischen Beobachter.

Wenn Patienten eine Psychoanalyse auf der Couch anfangen, dann liegen sie gerade am Anfang da oft „wie auf einer Bare“. Manche trauen sich während einer Psychotherapiestunde nicht zu fragen, ob sie zur Toilette gehen dürfen, weil dieser Akt der Bewegung schon zu viel Überwindung kosten würde. Manchmal sind auch „innere Bewegungen“ gestört wie z.B. „Denkbewegungen“, Darm- oder Atemwegungen.

Eine lange Geschichte

Wer ernsthaft unter Bewegungshemmungen leidet, der kämpft meistens lange dagegen an. Doch jede „Überwindung“ fühlt sich an wie eine „Vergewaltigung“ an sich selbst. Natürlich kann man „verbotene Bewegungen“ machen (wie z.B. sich gerade aufzurichten), doch die Scham kann wieder ins Unermessliche steigen. Hieran sieht man auch, wie das Thema „Sexualität“ in das Thema „Bewegung“ mit hineinspielt.

Wer übergriffige Eltern hatte, versucht, seinen Po, sein Becken, seine Brust zurückzunehmen. Andere wiederum kommen in die Überkompensation und sagen: „Jetzt erst recht!“ Sie bewegen sich dann auffallend „sexy“. Sehr oft ist jedoch das Gegenteil der Fall.

Wer eine depressive Mutter hatte, hatte ein erstarrtes Gegenüber. War das der Fall, stand man sozusagen vor einer Wand. Um die Mutter zu verstehen bzw. um sich in sie einfühlen zu können, übernahm man vielleicht ihre Körperhaltung und identifizierte sich mit ihrer Starre. Man wurde selbst starr dabei.

Menschen mit Psychosen erkennt man oft schon an der Art, sich zu bewegen. Das „Unnatürliche“ sticht oft ins Auge. Die schwere Vergangenheit und die Unsicherheit in Bezug auf den eigenen Körper sind für fast jeden sichtbar.

Was hilft?

Wer sehr schwer leidet, dem hilft möglicherweise die Kombination aus Psychoanalyse und Bewegung. Yoga oder Tai Chi führt zu einem guten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Auch in der Quantenphysik zeigt sich: Elektronen „reagieren“ auf Beobachtung: „Das Experiment wies nach, dass der Einfluss des Beobachters auf das, was tatsaechlich geschieht, mit der Intensitaet der Beobachtung waechst“ (idw-online, 1998). Was hilft, ist jahrelange Geduld und das Gehen von meist kleinen Schrittchen. Wer zu schnell zu viel will, gerät in unnatürliche Bewegungen.

Unter dem Blick der anderen fühlt man sich wie im Gefängnis

Es geht um die Befreiung aus dem inneren Gefängnis. Daher hilft es oft auch wenig, Bewegung vor anderen zu üben, denn im Geiste befindet man sich weiterhin im Bann des anderen oder in Gefangenschaft bei ihm. Es kommt eher darauf an, wie wir uns psychisch entwickeln. Wenn wir z.B. in einer Psychoanalyse eine emotional stabile Beziehung erfahren, innerhalb derer wir uns frei fühlen, dann wächst auch unsere Bewegungsfreiheit.

Es geht um das Bild, das der Analytiker Donald Winnicott von der gesunden (Mutter-Kind-)Beziheung gezeichnet hat: Die Fähigkeit, im Beisein des anderen allein sein zu können, ist die Lösung. Das Kind spielt in der Nähe der Mutter, während die Mutter ihren eigenen Dingen nachgeht. Einer kann den anderen in Ruhe lassen, jeder ist für sich und doch sind beide miteinander verbunden.

Es gibt keine Kritik, keine Erwartung, keinen bannenden Blick und keine Angst vor Trennung oder Verlorensein. Das ist der Boden, auf dem Bewegungsfreiheit entstehen kann. Bewegungsfreiheit geht auch einher mit der Freiheit im Denken.

Festhalten kann man sich auch an Positivbeispielen: Der Schauspieler Helmut Fischer („Monaco-Franze“) hatte herrlich eckige Bewegungen und eine Mimik, die zum Schmunzeln einlädt. Daraus hat er in seinen Rollen eine Stärke gemacht. Jeder kann seine Einschränkungen auch dazu nutzen, daraus einen speziellen „Charakter“ zu entwickeln.

Bewegungshemmung durch Stress: Was wir durch das Spiel „Ubongo“ lernen können

Wir kennen den Moment im Traum, in dem wir wegrennen wollen, aber nicht laufen können. Wie sich Bewegungshemmungen auch im Wachleben anfühlen können, lässt sich wunderbar im Spiel „Ubongo“ erfahren. Wer zuerst drei verschieden geformte Karten in einen vorgegebenen Umriss einpassen kann, der hat gewonnen. Man versucht auf dem Spielbrett, die drei Spielkarten richtig anzuordnen. Irgendwann hat man im Kopf verstanden, wie die Karten liegen müssen, damit sie in den Umriss passen. Das ist der Moment, in dem die Spieler manchmal anfangen zu kreischen: Sie wissen schon genau, wie sie die Karten legen müssen, aber die Muskeln sind nicht schnell genug. Es sind Momente, in denen man bewusst die eigene Langsamkeit der Motorik mitbekommt.

Man kann jedoch deutlich schneller sein, wenn man sich innerlich nicht hetzen lässt und bewusst entspannt bleibt. In dem Moment, in dem das Gehirn kapiert: „Ah, so muss ich die Karten legen, dass es passt“, neigen wir dazu, in Hektik zu geraten. Dadurch verstärken wir jedoch unsere Bewegungshemmung. Wenn wir jedoch den Moment des Verstehens gelassen aufnehmen und die Ruhe bewahren, können wir die Karten sehr schnell passend hinlegen. Das ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, wie wir durch unsere Aufregung und Hektik die Dinge in Wirklichkeit verlangsamen. Wir sind viel mehr im „Flow“, wenn wir gelassen unserem Gehirn folgen.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Ana-Maria Rizzuto (1991):
Shame in Psychoanalysis: The Function of Unconscious Fantasies
International Journal of Psycho-Analysis, 1991, 72: 297-312
www.pep-web.org/…

Günter Seidler:
Der Blick des anderen
Eine Analyse der Scham
Klett-Cotta, 4. Auflage 2015

When positive affects are thwarted, shame happens
The Tomkins Institute
Lewisburgh, Pennsylvania, USA

Donald L. Nathanson:
The many faces of shame.
www.guilford.com/books/…
enthält: Demos, EV (1986): Discussion of Nathanson’s paper: A timetable of shame

David Emerson, Elizabeth HopperPeter A. Levine:
Overcoming Trauma Through Yoga: Reclaiming Your Body
North Atlantic Books, 2012

Deutsche Fassung:
David Emerson & Elizabeth Hopper
Trauma-Yoga. Heilung durch sorgsame Körperarbeit
Therapiebegleitende Übungen für Traumatherapeuten, Yogalehrer und alle, die ihren Körper heilen wollen
Probst-Verlag, 2. Auflage 2014

Elizabeth Hopper über „Trauma Sensitive Yoga“ (TSY)
New England Psychologist, 1. Januar 2016

Nathanson, Donald L. (editor):
The Many Faces of Shame.
New York/London: Guilford Press; 1987
amazon

Gerald Poscheschnik, Bernd Traxl (Hg.) (2016):
Handbuch Psychoanalytische Entwicklungswissenschaft
Theoretische Grundlagen und praktische Anwendungen
Psychosozial-Verlag, 2016

Thomas H. Ogden (2006):
Frühe Formen des Erlebens
Psychosozial-Verlag

Axel Hacke / Michael Sowa (2004):
Der weiße Neger Wumbaba
Der Megabestseller des Verhörens
Verlag Antje Kunstmann

Susan Isaacs (1948):
The Nature and Function of Phantasy
In: International Journal of Psycho-Analysis 29, 73-97
www.libraryofsocialscience.com/….PDF

Evans, Bonnie (2017):
The first autism controversies
In: The Metamorphosis of Autism: A History of Child Development in Britain
www.ncbi.nlm.nih.gov/…

TAl Eizman, 26.2.1998
Beobachtung beeinflusst Wirklichkeit
Eine Pressemitteilung des Weizmann-Instituts
idw-online.de/de/news391

Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht am 21.7.2016
Aktualisiert am 2.2.2025

4 thoughts on “Scham, Körper und unbewusste Phantasien

  1. Martha Grewes Lilienthal sagt:

    Liebe Frau Voos. Ich bin Mutter einer 7jährigen Tochter. Seit Anbeginn haben wir eine innige und gute Beziehung zueinander. Ich hatte viel Zeit für unsere Familie. Hatte und habe Zeit mich mit allem auseinander zu setzen. Unsere Tochter schämt sich sehr. Sie ist anfällig regelrecht für Kritiken ihren Mitschüler. Hat da wie zu wenig Selbstwert und lässt sich aus der Ruhe bringen. Ist schnell traurig wenn Mitschüler sie ungerechtfertigt und falsch behandeln. Es scheint als würde sie alles Gesagte, Gezeigte ihrer Mitschüler mitnehmen.
    Ich frage mich was ich tun kann UND was mein Anteil daran war und ist und wo ich in Zukunft anders mit ihr umgehen muss um sie zu stärken. Dabei sehe ich verschiedene Ansichtsweisen über die Entstehung vom Scham überhaupt.
    In diesem Text wird auf ein gestörtes MutterKindVerhältnis hingewiesen. Auf Ablehnung oder nicht adäquate Reaktionen der Mutter auf ihr Kind. Frau Voos, Kraft meiner Wassersuppe finde ich nicht dass ich so zu meinem Kind war. Es bricht mir das Herz wenn ich nur daran denke dass es evtl unbewusst von mir oder meinem Partner doch so gewesen sein könnte. Was kann ich dennoch proaktiv tun, um unsere Beziehung da zu stärken (und diese schlimme Scham, die so oft auf ihr lastet) zu bessern?
    Eben da ich so viel Zeit hatte mache ich mir nun den Vorwurf dass es vllt besser gewesen wäre dass ich sie alsbald weg von mir in Fremdbetreuung hätte geben sollen. Jetzt lastet es tatsächlich alles auf mir. Wenn es doch unbewusst meine Art war mit ihr zu agieren.

    Was genau kann ich tun zu verstehen woher es kommt und ebenso wie ich ihr mit ihren 7Jahren helfen kann. Psychoanalyse für 7jährige?

    Ich bin dankbar für jede Idee!!

  2. Kati sagt:

    Da muss ich Frau Voos Recht geben, natürlich dauert es etwas, aber wenn die Beziehung tiefer wird, und ich kann nur sagen das wird sie sogar sehr!!! Dann wird das Gespräch immer lockerer und man kann auch über diese schambehafteten Dinge sprechen. Und ich kann nur sagen, wie gut das tut, das endlich wo abladen zu können!
    Meine Analyse ist bald zu Ende, und sie wird mir in der Tat sehr fehlen!

  3. Dunja Voos sagt:

    In der Psychoanalyse kann über die Scham gesprochen werden. Es dauert vielleicht lange, bis man beim Psychoanalytiker auch über sehr peinliche Dinge reden kann, aber in der Regel ergibt es sich im Laufe der Analyse. Viele haben auch das Gefühl, ihre peinlichen Dinge „beichten“ zu müssen, sodass sie auch darüber sprechen wollen.

  4. Nessaia sagt:

    Mich würde mal interessieren, wie in der Psychoanalyse in der Praxis mit Scham umgegangen wird. Man soll ja auf der Couch alles sagen. Zumindest verlangen das wohl einige Analytiker von einem. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser Grundsatz in der Praxis wirklich umgesetzt wird. Manchmal denkt man ja Sachen, die sind so peinlich, daß man sich lieber die Zunge abbeißen würde, als zu sagen, was gerade in einem vor sich geht …..

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