„Ich habe Angst, mich im Spiegel anzusehen.“ Über den Tandem-Modus und Spiegel-Modus in der Kommunikation

Bild Nr. 869 Angst vor Spiegel von Dunja Voos

Wenn du dich im Spiegel anblickst, siehst du, dass du existierst. Das kann dir grosses Unbehagen bereiten. Vielleicht kannst du noch nicht einmal saggen, warum es so ist, aber du merkst: „Ich kann mich nicht im Spiegel angucken.“

Ich selbst hatte dieses unangenehme Gefühl, als ich als junge Studentin eine Psychotherapie begann. Es hatte viel mit Selbsthass zu tun, aber auch mit dem Gefühl, nicht an meine Existenz erinnert werden zu wollen. Ich wollte regelrecht verhindern, mich im Spiegel zu sehen.

Im Laufe der Jahre der Pychotherapie ist dieses Gefühl ganz verschwunden. Ich denke, dass es mit der Ich-Findung zu tun hat. Mich selbst kennenzulernen hat dazu geführt, dass ich mich nicht mehr so verachtete und mir selst vertrauter wurde.

Wenn du betroffen bist, versuche, eine gute innere Stimme in dir zu finden und weniger streng zu dir zu sein. Auch kann alles unterstützend sein, was dir hilft, mit deinem Körper wieder vertrauter zu werden. Ähnlich wie bei der Depersonalisation sind auch bei der Angst vor dem Spiegel meiner Erfahrung nach eher junge Menschen betroffen.

Die Pubertät hat viele Veränderungen gebracht und es braucht oft lange, um sich wieder in sich zu Hause zu fühlen. Auch in den Wechseljahren kann die Angst vor dem Spiegel wieder auftauchen, denn auch hier findest du dich in einem anderen Körper wieder. Schuldgefühle, zum Beispiel gegenüber den Kindern oder nach Scheidungen, aber auch Scham spielt eine Rolle.

Mit etwa 18 Monaten erkannten wir uns im Spiegel (Wikipedia, Spiegeltest). Wie wir uns damals wohl fühlten? Das Wort „Ich“ kommt meistens erst später, etwa mit zwei bis drei Jahren. Möglicherweise sind auch frühe unangenehme Erinnerungen an der Angst vor dem Spiegelbild beteiligt.

Interessant bei meiner damaligen Spiegelangst war, dass ich damals eine erste längere, ziemlich konflikthafte Partnerschaft hatte. Wir kamen auf keinen grünen Zweig. Aus Verzweiflung sagte mein Partner oft, dass es doch wichtig sei, dass wir in dieselbe Richtung blicken könnten. Hier fand ich den interessanten Ausdruck vom „Tandem-Modus“ und „Spiegelmodus“ in der Kommunikation.

Wenn wir uns in der Kommunikation gegenüber sitzen (Face-to-Face), dann kommunizieren wir im Spiegel-Modus = Mirror-Image Prototype (Hill, 1978). Schauen wir beim Spaziergang in dieselbe Richtung, kommunizieren wir im Tandem-Modus = In-tandem prototype.

Psychotherapien finden oft im Spiegel-Modus, also im Gegenüber-Sitzen statt, während Psychoanalysen oft im Tandem-Modus, also im Liegen auf der Couch durchgeführt werden. Patient und Analytiker können beide zum Fenster herausschauen.

Wenn wir einen roten Würfel vor uns liegen haben und wir werden gebeten, einen grünen Würfel „vor“ den roten Würfel zu legen, dann können wir mal schauen, wie wir das spontan verstehen.

Legen wir den grünen Würfel zwischen uns und den roten Würfel, dann haben wir so gehandelt, als hätte der rote Würfel ein Gesicht, mit dem er uns anschaut. Wir sind von einer Spiegel-Kommunikation mit dem roten Würfel ausgegangen. Legen wir den grünen Würfel spontan weiter weg, sodass die Reihenfolge „Ich – roter Würfel – grüner Würfel“ das Ergebnis ist, so haben wir angenommen, dass das Gesicht, also die Vorderseite, des roten Würfels mit uns in einer Tandem-Position ist.

Der rote Würfel und ich, wir blicken quasi in dieselbe Richtung. Das lässt vielleicht Rückschlüsse darauf ziehen, in welchem Kommunikationsmuster wir innerlich gerade waren, als wir die Aufgabe bekamen.

Der Autor Clifford Alden Hill (Teachers College, tc.columbia.edu, 1978) erklärt zudem, dass wir die Worte „vor“ und „hinter“ nicht nur räumlich verstehen, sondern auch zeitlich: Was vor uns liegt, interpretieren wir als unsere Zukunft und was wir hinter uns gelassen haben, ist unsere Vergangenheit (man denke an den „Hintern“ und an das Englische: Back = der Rücken). Die körperliche Erfahrung bildet dabei die Grundlage, doch sie ist wechselhaft und auch kulturell unterschiedlich.

Zurück ins echte Leben übertragen könnte man sagen: Manchmal fühlen wir uns wohler, wenn wir nebeneinander spazieren gehen und manchmal wollen wir uns im Gegenübersitzen unterhalten. Wie unsere Mutter uns als Baby angeschaut hat, trägt möglicherweise oft Spuren bis ins Erwachsenenalter hinein.

Wie wir uns selbst im Spiegel, aber auch innerlich anschauen, können wir spontan beobachten, aber dann auch ein wenig steuern. Lauf nicht weg vor dir. Setz dich mit dir auseinander, setz dich mit dir selbst hin.

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Links:

Clifford Alden Hill (1978):
Linguistic Representation of Spatial and Temporal Orientation. Proceedings of the 4th Annual Meeting of the Berkeley Linguistics. Society (1978), pp. 524-538, escholarship.org/… : „Spatial: ‚Would you please more your chairr forward just a bit?‘ Temporal: ‚Wehave to move the meeting forward a Week.'“

Maria Laura Filippetti and Manos Tsakiris (2018):
Just Before I Recognize Myself: The Role of Featural and Multisensory Cues Leading up to Explicit Mirror Self-Recognition. Infancy, 2.3.2018, onlinelibrary.wiley.com/…: „Our results suggest that right before the onset of mirror self-recognition, featural information about the self might be more relevant in the process of recognizing one’s face, compared to multisensory cues.“

Dunja Voos (2021):
Vojtatherapie bei Babys – ein Aufschrei. Hilfe bei einem ganz speziellen Trauma. Selbstverlag, amazon

Cynthia J. Neumann and Suzanne D. Hill (November 1978):
Self-recognition and stimulus preference in autistic children. Developmental Pscyobiology, November 1978, doi.org/10.1002/dev.420110606 , onlinelibrary.wiley.com/…: „A common notion regarding autistic children is that they do not show self-recognition. In this study, 7 autistic children were compared to a group of normal infants at the age of self-recognition. Using a videotape “mirror image” and an objective self-recognition criterion, we observed that 6 of the 7 autistic children exhibited self-recognition …“

Beatrice Priel (1985/ online 2017):
On Mirror Image Anxiety. An Observtional Study. The Psychoanalytic Study of the Child, Vol. 40
Pages 183-193, doi.org/10.1080/… , tandfonline.com/doi/pdf…

La solitude – Imposée ou choisie?
Radio Télévision Suisse, youtu.be/…

Dany Nobus (2017):
Life and Death in the Glass: A New Look at the Mirror Stage. In: Concepts of Lacanian Psychoanalysis. Routledge 2017, taylorfrancis.com/…

Otto Rank: Der Doppelgänger.

David Veale, Susan Riley (2001):
Mirror, mirror on the wall, who is the ugliest of them all? The psychopathology of mirror gazing in body dysmorphic disorder. Behaviour Research and Therapy, Volume 39, Issue 12, 2001, Pages 1381-1393, doi.org/10.1016/S0005-7967(00)00102-9 , siencedirect.com/… : „Results: Prior to gazing (in the mirrorr), BDD (Body Dysmorphic Disorder) patients are driven by the hope that they will look different …“

Beitrag vom 16.6.2026 (begonnen am 16.9.2023)

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