Allein die emotionale Präsenz ist in der Pychoanalyse ein sehr wirksamer Faktor – Now Moments bewirken oft tiefe Veränderung

Als Psychoanalytiker kannst du klarifizieren, konfrontieren, Gesagtes markieren, Übertragungsgeschehen und Konflikte deuten, Widerstandsdeutungen geben, Zusammenhänge herstellen und vieles mehr. Aber ganz besonders kannst du mit gleichschwebender Aufmerksamkeit, also in einem meditativen Zustand, da sein.
Du kannst beobachten, was passiert. Du spürst vielleicht aber auch ein aktives Mitfühlen. Diese Präsenz ist für den Patienten deutlich spürbar und die verstoffwechselnde Wirkung ist schwer zu erklären – du erfährst es in deiner eigenen Lehranalyse wahrscheinlich selbst. Wenn du als Lehranalysand oder Patient auf der Couch liegst, fühlt es sich vielleicht manchmal so an, als werde deine Seele von der Seele des Analytikers berührt. Daraus können Halt, Veränderung und tiefe Beruhigung entstehen.
Als Analysand – aber oft auch als Analytiker – kannst du in solch guten Momenten zutiefst aufatmen. Die Arbeit des Analytikers erinnert an die Tätigkeit einer Hebamme: Sie sitzt neben der werdenden Mutter und wartet geduldig – sie kennt die Vorgänge der Geburt und vertraut den natürlichen Fähigkeiten der Frau.
Nicht mehr alleine
Als Analytiker nimmst du vielleicht diese Haltung ein: Du bemühst dich, nichts verändern, nichts heilen, nichts retten zu wollen – und spürst natürlich auf einer Ebene, wie du doch hoffst. Du bemühst dich, den Zustand mit deinem Patienten auszuhalten – je nach Situation gelingt dir das wie selbstverständlich. Oft aber geht es auch nicht.
Als liegender Analysand/Patient gebierst du vielleicht eine emotional-gedankliche Erkenntnis und findest zu deiner eigenen Lösung. Vielleicht aber spürst du auch einfach nur, dass dein schrecklicher Zustand irgendwann abebbt.
Zu spüren, dass da hinter dir wirklich jemand präsent ist, während du schwer beunruhigende Zustände erlebst, hat eine eigene heilende Wirkung. Zu spüren, dass dein Analytiker zutiefst mitfühlen kann, lässt deinen Körper entspannen. Diese heilsame Präsenz ist mindestens so wirksam wie das gesprochene Wort.
Um diese Präsenz so wirksam zu spüren, ist es gut, wenn beide Personen körperlich in einem Raum sind. In einer Online-Psychoanalyse ist das manchmal schwieriger zu erreichen, aber oft doch möglich.
Der Psychoanalytiker Christopher Bollas schildert in seinem Buch „Wenn die Sonne zerbricht“, wie er aus einsamen Wäldern in den USA eine schizophrene Patientin in Schottland analysierte. Trotz fehlender körperlicher Anwesenheit konnte die Analyse Veränderungen bringen.
„Den Schmerz halten“ als psychoanalytische Technik
„Lerne ich in der Psychoanalyse nur, mit meinen quälenden Zuständen umzugehen, oder sind sie dann wirklich weg?“ Mit dieser bangen Frage hast du vielleicht auch einmal eine Psychoanalyse oder Lehranalyse begonnen. Zuvor hast du es vielleicht mit anderen Psychotherapien versucht. Dort hast du vielleicht Techniken zur Beruhigung erlernt, doch wenn du dann in einen angstvollen Zustand gerätst, nützt es dir kaum.
Manche Probleme vergehen während der Psychoanalyse ganz. Manchmal wusste auch ich nicht, was genau passiert ist, aber ich spürte, dass meine positive Veränderung mit der Psychoanalyse zusammenhing. Was in der Psychoanalyse wirkt, ist der Mensch. Die Beziehung zum Therapeuten ist das, was heilt. Und so lernst du als Analysand auch, dich selbst zu beobachten und bei dir zu bleiben, wenn es unaushaltbar wird.
Die tiefere Wirkung kommt oft erst nach einer längeren Zeit der Psychoanalyse in Gang. Es braucht oft lange, bis du als Patient die Psychoanalyse mit ihrem asymmetrischen Setting als Wohlfühlort empfindest: Der Psychoanalytiker sitzt hinter dir und du als Patient liegst auf der Couch. Das fühlt sich sehr ungewohnt an. Manchmal ist erst eine Therapie im Sitzen notwendig, bevor du dich als Patient auf die Couch legen kannst.
Die Kommunikation zwischen „Unbewusst und Unbewusst“ oder „Gefühlswelt und Gefühlswelt“ ist gut hergestellt, wenn das aktive und fokussierte Bewusstsein in den Hintergrund getreten ist.
Bereit
Dann kommst du als Analysand irgendwann an den Punkt, an dem etwas greifbar wird. Du kommst vielleicht wieder in den haltlosen Zustand, in dem du warst, als dir Worte fehlten – sei es, weil du noch sehr klein warst oder weil die Situation absolut überfordernd war. In der Regel stellen sich die alten verletzenden Situationen in der Analyse wieder her. Es kommt zu möglichst wohldosierten Retraumatisierungen.
Freud sagte dazu: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“.
Man könnte hier auch sagen: „Erinnern, Wiederholen, Schmerz halten.“ Wer einem Trauma ausgesetzt war, der leidet meistens besonders darunter, dass er dabei isoliert war. Es ist ähnlich wie bei körperlichen Verletzungen: „Als ich mich so schwer verletzte, war es für mich das Schlimmste, dass ich alleine war“, sagt eine Patientin in der Chirurgie. Ein anderer sagt: „Meine Freundin war die ganze Zeit bei mir und konnte mir beistehen.“ Der Schmerz ist abgeschwächt, wenn eine nahestehende Person zugegen ist.
So ist es auch mit den unaussprechlichen psychischen Zuständen und Situationen, die nicht wenige Menschen erlebt haben. Sie hatten weder Zeugen noch praktische Hilfe oder Verständnis. Als Analysand gewinnst du einen nachträglichen Zeugen.
Wenn nun das Unaushaltbare in der Psychoanalyse wieder auftaucht, sind die Voraussetzungen für eine neue Erfahrung geschaffen. Du spürst die schreckliche Angst wieder ganz genau und du könntest aufstehen und weglaufen, aber du hoffst, dass das Schlimme in der Stunde noch nachlässt und du nicht verrückt wirst. Irgendwann geht „es“ zurück. Es kann dann dann ganz ruhig im Raum werden – niemand muss mehr etwas sagen. Vielleicht hörst du dich selbst und den Analytiker leise atmen.
Wenn du als Analytiker in einem Zustand bist, in dem du den Patienten gut verstehen kannst, in dem du das Unaushaltbare des Patienten selbst empfinden und aushalten kannst, dann kann sich das anfühlen wie ein Berührtwerden im tiefsten Inneren.
Neu
Der Patient spürst du auf einmal, wie es ist, wenn da noch jemand ist, wenn du eben nicht alleine bist mit dem bisher Unaushaltbaren. Du spürst vielleicht, wie innerlich ein Boden eingezogen wird. Dadurch entwickelt sich psychisch etwas Neues: Du kannst dich später an diesen Moment erinnern und du bekommst die Vorstellung, dass du selbst deine Zustände und Schmerzen irgendwann genau so halten kannst wie „der Analytiker in dir“.
Der Schmerz oder die Bodenlosigkeit ist nun mit der Erinnerung an das Gefühl des Gehaltenwerdens und des Aufhörens verknüpft. Du weisst, dass jetzt auch ein anderer weiß. Mithilfe des anderen wurde das Unheilvolle begreiflicher. Du fühlst dich oft weitaus weniger verlassen als vorher. Es erscheint dir vielleicht unwahrscheinlicher als vorher, dass du in einen entsetzlichen Zustand der qualvollen Isolation gerätst – zum Beispiel nach dem Tod oder im Verrücktwerden.
Als Analytiker kannst du den Schmerz halten, weil du dich selbst einst in der Lehranalyse gehalten fühltest und du verstanden wurdest. Daher ist die Lehranalyse in der psychoanalytischen Ausbildung aus meiner Sicht von unschätzbarem Wert. Ich habe das Gefühl, ein Leben lang davon zu zehren.
Schmerz und Bedrohung sind im zukünftigen Leben nicht weg, das Geschehene lässt sich nicht ausradieren und auch reale Gefahren und Ungewissheiten bleiben. Aber es entsteht das Gefühl, dass etwas gehalten wurde.
Dieses Gefühl kann so heilsam sein, dass du vielleicht sagen kannst: „Ich fühle mich geheilt.“ Du kannst jetzt damit leben, aber vom Gefühl her ist es viel mehr: Es ist das Gefühl, dass ein anderer dich innerlich berühren konnte und dass du im unaushaltbaren Moment die Hoffnung entwickeln konntest, nicht ganz allein zu sein.
Diese Erfahrung wirkt wie ein Schutz vor den immer wiederkehrenden psychischen, unaushaltbaren Zuständen. Es entsteht die Zuversicht, dass die schreckliche Welle wieder vorbeigeht und dass es ein gutes Ende gibt.
Die tiefgreifende Veränderung ist im „Now Moment“ für Analytiker und Patient gleichermassen spürbar. Hier kann nichts beschleunigt oder willentlich herbeigeführt werden. Um das Gehaltenwerden so zu erleben, braucht es viel Zeit.
Der „Now Moment“ ist ein Moment tiefen Verstehens, der Verbundenheit, der Resonanz. In den „Now Moments“ in Psychotherapie und Psychoanalyse findet Veränderung statt.
Wenn Resonanz, Verstehen und Liebe da sind, werden wir satt. Wenn uns solche Erfahrungen in der Beziehung fehlen, dann wollen wir immer mehr: mehr Geld, mehr Essen, mehr vom anderen, mehr Zeit mit dem anderen.
Der Begriff „Now Moment“, auch bekannt als „Moment of Meeting“ (MoM) wurde von Daniel Stern (2004) geprägt. Wir können einen Now Moment nicht bewusst herbeiführen, aber wir können die Voraussetzungen dafür schaffen.
Der Soziologe Hartmut Rosa definiert die Resonanzerfahrung so (im Vortrag „Sinnsuche und Resonanzbedürfnis“):
„1. Etwas berührt mich.
2. Ich kann antworten und fühle mich selbstwirksam. Ich fühle mich durch die Begegnung nicht entfremdet, sondern mir selbst näher. Ich werde berührt, es bewegt mich und
3. ich verändere mich.
4. Resonanz enthält einen „Moment der Unverfügbarkeit“. Wir können diese Momente nicht planen, willentlich herbeiführen, festhalten oder steuern. Wir wissen nicht, was dabei herauskommt.
5. könne man sagen: Resonanz hängt auch von Äußerlichkeiten ab, z.B. vom Wetter und vom eigenen Gesundheitszustand.“
Wir fühlen Resonanz leiblich. Wenn wir Tränen in die Augen bekommen, dann zeige das die „Verflüssigung“, das Weichwerden in uns, so Rosa. Weniger denken, weniger kontrollieren wollen, sich überraschen lassen – das alles fördere die Resonanz. Ebenso ereigne sich Resonanz eher in angenehmen Umgebungen und dann, wenn wir keinen Zeitdruck haben, so Hartmut Rosa.
Oft heißt es, die Wirkung der Psychoanalyse sei wissenschaftlich kaum erwiesen. In gewisser Art ist es aus meiner Sicht tatsächlich so: Wie will man diese heilsamen Momente, die nicht vorhersehbar, nicht reproduzierbar und schwer in Worte zu fassen sind, wissenschaftlich erfassen? Nur die beiden Zeugen, Psychoanalytiker und Patient, machen in dem Moment die Erfahrung, dass sich etwas verändert.
Der Now Moment ist eine „stehende Situation“, die einige Augenblicke lang anhält. Etwas Unbewusstes oder Vergangenes aus der Lebensgeschichte wird greifbar und lebendig im Jetzt. Beide Beteiligten haben das Gefühl, miteinander verbunden und ganz im Hier und Jetzt zu sein, etwas sehr deutlich zu erleben oder zutiefst verstanden zu haben.
Die Selbstpsychologin Denise R. Davis (International Association for Psychoanalytic Self Psychology, IAPSP) beschreibt, dass solche Momente dann entstehen, wenn der Therapeut sich gut in den Patienten einfühlen kann: „I suggest that when the therapist is empathically immersed in the patient’s subjective world, moments of meeting are an organic outgrowth of the process and within the bounds of conventional technique.“
(Frei übersetzt von Voos:) „Wenn der Therapeut tief versunken ist in die subjektive Welt des Patienten, dann sind die ‚Momente der Begegnung‘ eine organische Blüte des Prozesses. Es geschieht innerhalb des Rahmens der konventionellen Technik.“ (Das heißt: Egal, welche psychotherapeutische Technik angewendet wird: Ein „Now Moment“ kann immer vorkommen.)
Davis, Denise R. (2015):
Moments of Meeting: A Self Psychological Approach. International Journal of Psychoanalytic Self Psychology, Volume 10, Issue 1, 2015: pages 69-79, DOI:10.1080/15551024.2015.977504, tandfonline.com/…
Autorin: Dr. med. Dunja Voos, Ärztin, Psychoanalytikerin, www.praxis-voos.de
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Links:
Manfred G. Schmidt:
Der Einfluss der Präsenztheorie auf die psychoanalytische Behandlungstechnik. Psyche, Klett-Cotta, Heft 09-10, September 2014, semanticscholar.org/…
Ein tolles Beispiel zur Prâsenz bei Traurigkeit findet sich in diesem Zeichentrickfilm für Kinder:
Les Moodz – Episode 10: Sniff vit une séparation. france.tv/france-5/…
Salman Akhtar:
Psychoanalytic Listening: Methods, Limits, and Innovations. Routledge, 2012
Conférence : Apprivoiser ses émotions. Avec Isabelle Filliozat, Youtube
Hans Ulrich Gumbrecht (2004):
Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz. Aus dem Amerikanischen von Joachim Schulte, Suhrkamp | Insel, 2004
Eine Rezension von Waldemar Fromm:
Einmaligkeit des Erlebens. Hans Ulrich Gumbrecht über Sinnkulturen und Präsenzkulturen. literaturkritik.de/id/7427
Hartmut Rosa:
Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, 2016
Katherina Giesemann (2010):
Der Gegenwartsmoment in der psychotherapeutischen Arbeit. The present moment in the psychotherapeutic work. Boston Change Process Study Group, Psychotherapie 2010, Band 15, Heft 1, CIP-Medien, München , sbt-in-berlin.de/….pdf
Daniel N. Stern:
The Present Moment in Psychotherapy and Everyday Life. New York, 2004, psycnet.apa.org/… : „By placing the present moment at the center of psychotherapy, Stern alters our ideas about how therapeutic change occurs, about what is significant in therapy, and how our ways of being with each other are what can rewrite our past, and change our future.“
Daniel N. Stern:
„Der Gegenwartsmoment“ – Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl, Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2005, amazon
Javiera Duarte, Claudio Martinez & Alemka Tomicic (2021):
Sparks of psychotherapeutic change: How therapists understand moments of meetings’ contribution to change in psychotherapy. Psychotherapy Research, Routledge, doi.org/…
Daniel N. Stern:
Le Moment présent en psychothérapie. Le Monde dans un grain de sable. Odile Jacob publie, 1 Octobre 2003, www.odilejacob.fr/…
Véronique Lemaître (2002):
La consultation thérapeutique auprès d’un bébé : de l’observation à la métaphore
Devenir, Vol. 14(2), 101-119. doi.org/… , shs.cairn.info/revue-devenir… : „Winnicott nomme «moment sacré» (1971, p 7) ce temps des premiers contacts avec l’enfant, au cours desquels il témoigne d’une confiance particulière, comme s’il croyait en la possibilité d’être compris.„
Beitrag vom 14.9.2026 (begonnen am 10.4.2017)
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