Übertragung, Gegenübertragung und Wiederholungszwang (Transference, Countertransference, Repetition Compulsion)
Wenn ich krank bin, habe ich Glück, wenn ich an einen weisen, wohlwollenden Arzt gerate. Durch die Krankheit bin ich geschwächt und hoffe nun, dass der Arzt mir hilft. In dieser Situation liegt es nahe, dass ich in dem helfenden Arzt einen „guten Vater“ sehe. Den Vorgang, dass ich mir dieses Bild von dem Arzt mache und dann mit dieser inneren Haltung auf den Arzt zugehe, nennt man „Übertragung“ (englisch: Transference). Der Arzt selbst spürt, dass ich Hilfe suche und in ihm einen guten Vater sehe. Er entwickelt mir gegenüber väterliche Gefühle und will mir helfen (= Gegenübertragung).
Den Vorgang, dass der Arzt in dieser Situation in Bezug auf mich spezielle Gefühle entwickelt, die ich teilweise in ihm ausgelöst habe, nennt man „Gegenübertragung“ (englisch: Counter-Transference). Wenn ich jedoch wieder gesund bin und denselben Arzt wiedertreffe, finde ich ihn vielleicht unangenehm, besserwisserisch und arrogant.
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Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Sigmund Freud (1912):
Zur Dynamik der Übertragung. textlog.de/…
Sigmund Freud (1917):
27. Vorlesung: Die Übertragung. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. projekt-gutenberg.org/freud…
Sigmund Freud (1915):
Bemerkungen über die Übertragungsliebe. projekt-gutenberg.org/freud…
Paula Heimann (1956):
Dynamics of Transference Interpretations. Int J Psycho-Analysis 1956; 37: 303-310, ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/13366494
Tilmann Moser:
Paula Heimann: Fast eine Retterin der Psychoanalyse. Deutsches Ärzteblatt, PP 15, Ausgabe Juli 2016, Seite 331
Margaret I. Little (1951):
Countertransference and the patient’s response to it. IJP 32, 1951, 32-40, The British Psychoanalytical Society Archive, bpasarchives…
Thomas Müller (2021):
Die Aktivierung psychotischer Objekte in Übertragung und Gegenübertragung. Psyche, Heft 1/2021, elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/ps-75-1-40 „Das klinische Material aus der Therapie einer schizophrenen Patientin soll diese Überlegungen sowie einige behandlungstechnische Probleme veranschaulichen.“
Jürgen Körner (1989):
Arbeit an der Übertragung? Arbeit in der Übertragung! Forum der Psychoanalyse 5, S 209-223, amazon
Arbeit „in“ der Übertragung: 25 Jahre später
Prof. Dr. phil. Jürgen Körner, December 2014, Volume 30, Issue 4, pp 341-356? doi:10.1007/s00451-014-0184-1, link.springer.com/…: „Zwar interpretiert der Patient seine Welt im Lichte seiner früheren Erfahrungen, aber er gestaltet gemeinsam mit uns hier und jetzt eine neue Beziehungswirklichkeit.“
Sigmund Freud:
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse II
(1914) Kleine Schriften I: Kapitel 18
Alvise Orlandini:
Repetition Compulsion in a Trauma Victim: Is the “Analgesia Principle“ beyond the Pleasure Principle? Clinical Implications. Journal of the American Academy of Psychoanalysis and Dynamic Psychiatry: Vol. 32, No. 3, pp. 525-540. https://doi.org/10.1521/jaap.32.3.525.44777, guilfordjournals.com/…
Interessant vielleicht der Vergleich von Gegenübertragung und Erfahrungen in der Massage:
Johari De Harish: Ayurvedic Massage: Traditional Indian Techniques for Balancing Body and Mind : „Similarly, if the practitioner starts thinking about his or her own problems, the receiver also starts feeling problems of a similar nature.“
Beitrag vom 29.7.2026 (begonnen am 26.1.2013)
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6 thoughts on “Übertragung, Gegenübertragung und Wiederholungszwang (Transference, Countertransference, Repetition Compulsion)”
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Sehr geehrte Frau Voos,
ich suche nach einer Definition. Was heißt Verstrickung? Wenn ich mit jemanden verstrickt bin?
Herzliche Grüße
Dschuli
Es wird ja meist nicht direkt gesagt „Da bist Du falsch“, sondern man deutet es aus dem Verhalten des Therapeuten Aus zu diplomatischen Antworten oder wenn der Therapeut ruhiger wird, damit der Patient wieder runterkommt. Wenn er auf Emotionalität mit Sachlichkeit oder auf Hoffnungslosigkeit mit Hoffnungsvergabe reagiert. Das bemerkt und merkt sich manch´ Patient, und unterläßt es sich zu zeigen.
Ich bin jetzt seit über einem Jahr in einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie. Meine Therapeutin hat mir nie gesagt, dass ich etwas etwas falsch erlebt habe oder eine falsche Wahrnehmung habe. Im Gegenteil, ich habe in dieser Therapie gelernt selbst die Antworten zu finden und so meinen neurotische Teil von meinem gesunden zu unterscheiden, mich zu analysieren und mich dann zu entscheiden, wie ich damit umgehen kann und in welchem Thempo ich meine Ängste überwinden kann. Die Basis ist die therapeutische Beziehung, sowohl der Therapeut als auch der Patient müssen miteinander arbeiten können. Meine Therapeutin hat mich am Anfang sehr geschickt von zu schwierigen Themen abgelenkt, was mir am Anfang nicht bewusst war.
Man muss auch berücksichtigen, dass es auf beiden Seiten unterschiedliche Menschen gibt, manche Patienten wollen auch mehr über sich selbst efahren, ander wollen das nicht. Ein guter Analytiker weiß auch, dass er einen 70jährigen anders behandeln muss, als einen 20jährigen und einen Psychotiker anders als einen Neurotiker.
In meiner Therapie ging es nie um richtig oder falsch, sonder eher um nützlich oder weniger nützlich. Wegen dem weniger nützlichen bin ich doch auch zur Therapie gegangen, das was mich belastete wollte ich überwinden.
Es gibt auch Patienten, die wissen, dass jede Wahrnehmung subjektiv ist. Was ich gut und oder nicht gut finde entscheide immer noch ich, man kann aber lernen anders mit sich umzugehen und Probleme als Herausforderungen zu sehen oder zu erkennen, dass das vermeintliche Problem eigentlich kein Problem ist, sondern lösbar ist und schlicht und einfach sich seiner selbst bewusst zu werden. Zumindest als Neurotiker merkt man doch auch vor der Therapie, dass irgendetwas mit einem nicht stimmt, was einen hindert, Dinge zu tun, die man tun möchte, zu sagen, was man sagen möchte usw…
Möglicherweise hätte mir auch eine andere Therapieform geholfen, es war zufällerigerweise diese Therapieform und es war gut.
Viele Grüße
Elke A.
@Stephen Boy:
Ein analytischer oder tiefenpsychologischer Psychotherapeut, der seinen Patienten „ständig erzählt, sie würden etwas falsch erleben“, macht irgendetwas in verhängnisvoller Weise falsch! Nun bin ich kein Analytiker, sondern psychodynamisch tätig – aber das Gefühl, die Welt „falsch“ zu erleben, irgendwie „nicht das eigene Leben zu führen“, das bringt der Patient mit in die Therapie, es ist sogar sein Hauptgrund, überhaupt eine Therapie zu machen!
Als Therapeut versuche ich natürlich, zu erkennen, was am Erleben des anderen Übertragung (und an meinem Gegenübertragung!) ist – aber doch nicht, um den Patienten damit zu konfrontieren!
Ich kann dem Erleben des Patienten mein Erleben (oder in der Gruppe das vieler anderer) gegenüberstellen, aber das ist ein offenes Angebot ohne jeden Anspruch auf Richtigkeit.
Dass mit der Psychoanalyse vor allem in den USA reichlich Schindluder getrieben wurde und sicher auch noch wird, will doch niemand bestreiten. Eine Untersuchung dort soll ja ergeben haben, dass Psychoanalysen meist dann enden, wenn sich der Patient die weitere Analyse nicht mehr leisten kann, Patient oder Analytiker sterben oder den Wohnort wechseln, aber nie wegen erfolgreicher Behandlung…
Lieber Stephen Boy,
zunächst einmal vielen Dank für den Hinweis auf die Schriften von Harold Searles.
Natürlich kann die Analyse von Übertragung und Gegenübertragung verwirrend sein. Was der Patient fühlt und erlebt, ist aber nicht „falsch“. Vielleicht gibt es ja Therapeuten, die dem Patienten sagen, dass das, was sie empfinden, „falsch“ sei; aber das sind wahrscheinlich keine guten Therapeuten. Viele Patienten haben ein gutes Gespür für unbewusste Vorgänge des Therapeuten. Gute Therapeuten wissen das und berücksichtigen das bei ihrer Arbeit.
Es waren oft die Eltern, die ihren Kindern (bewusst oder unbewusst) vermittelten, dass das, was sie wahrnehmen, „falsch“ sei. Der Weg zurück zu dem Glauben an die eigene Wahrnehmung ist oft sehr schwierig, kann aber besonders in einer psychoanalytischen Therapie gelingen.
Viele Grüße von Dunja Voos
Das Übertragungskonzept Freuds ist, wie vieles an der Psychoanalyse, verrückt machend.
Wer einem Menschen ständig erzählt, er würd etwas „falsch erleben“, macht ihn wirr.
Eine Situation, wie die Psychoanalytische, in der eine Person bestimmt, was am Erleben des anderen Realität oder Übertragung ist, ist an Infantilität nicht zu überbieten.
Lesen Sie mal Searles: „Methoden der Psychoanalytiker, andere verrückt zu machen.“