Der Wolfsmann mit den weissen Wölfen von Sigmund Freud, der Rattenmann mit der Zwangsneurose und der kleine Hans mit der Angst vor dem Wiwimacher
„Der Wolfsmann“ (1918) war ein Patient von Sigmund Freud, der in Wirklichkeit „Sergej Pankejeff“ hieß. Er träumte im Alter von vier Jahren einen Angsttraum von weißen Wölfen, die übereinander herfielen. Der Patient litt seither unter einer Wolfsphobie. Sigmund Freud deutete dies als den unbewussten Wunsch, dass der Vater des Patienten über diesen herfiele. Als Kleinkind hatte Sergej Pankejeff beobachtet, wie sein Vater über seine Mutter im Beischlaf „hergefallen“ war. Die Geschichte des Wolfsmanns ist in Sigmund Freuds Werk „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ (Projekt Gutenberg) nachzulesen.
„Es gab ein gewisses Bilderbuch, in dem ein Wolf dargestellt war, aufrecht stehend und ausschreitend. Wenn er dieses Bild zu Gesicht bekam, fing er an wie rasend zu schreien, er fürchtete sich, der Wolf werde kommen und ihn auffressen.“ … (Der Traum:) „Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großem Schrecken, dass auf dem großen Nussbaum vor dem Fenster ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück. Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse oder Schäferhunde, denn sie hatten große Schwänze wie Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie bei den Hunden, wenn sie auf etwas passen. Unter großer Angst, offenbar, von den Wölfen aufgefressen zu werden, schrie ich auf und erwachte.“
(Sigmund Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, 1918, Projekt Gutenberg)
Der Rattenmann
Die Zwangsstörung ist ein Klassiker der Psychoanalyse. Sigmund Freud behandelte einen Patienten namens Ernst Lanzer (1878-1914), der unter hartnäckigen Zwängen litt, unter anderem unter dem quälenden Gedanken an eine Foltermethode, von der er gehört hatte: Es wurde „dem Verurteilten über sein Gesäß ein Topf mit Ratten gestülpt, die sich dann in den After einbohrten“ (Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen. Psychosozial-Verlag 2011: S. 162). Der Patient war von der „zwanghaften Angst besessen, diese Strafe könne an seinem – bereits verstorbenen – Vater oder an der von ihm ‚verehrten Dame‘ vollzogen werden“ (S. 162). Freud deckte an diesem Fall auf, wie sehr Zwangsgedanken mit Konflikten um Sexualität, Liebe und Hass verbunden sind.
„Freud war der Erste, der die Zwangsneurose als ein eigenständiges nosologisches Krankheitsbild isolierte, und zwar zwischen 1895 und 1896“ (Freud lesen, S. 164).
Freud konnte den damals 29-jährigen Ernst Lanzer (von Beruf Jurist) im Jahr 1907 so gut analysieren, dass der Patient „im Anschluss an die Behandlung eine Anstellung finden konnte, während er zuvor mehrere Monate lang arbeitsunfähig gewesen war“ (Freud lesen, S. 160). Lanzer fiel im Ersten Weltkrieg.
Der kleine Hans
Eine der bekanntesten Geschichten von Sigmund Freud ist die Geschichte vom „Kleinen Hans“ (Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, 1909, Projekt Gutenberg). Der kleine Hans war bei Sigmund Freud in Behandlung, weil er an einer Pferde-Phobie litt. Genauer gesagt war der kleine Hans bei seinem Vater in Behandlung und Sigmund Freud supervidierte den Verlauf. Der kleine Hans hatte auch Angst vor dem „Wiwi-Macher“, also dem „Pipi-Macher“, also dem Penis. Hans konnte das Haus nicht verlassen, weil er Angst hatte, von einem Pferd gebissen zu werden. Hans hatte einmal gesehen, wie ein Pferdewagen umgefallen und mit ihm das Pferd gestürzt war. (Dies erinnert an Nietzsche, der zusammenbrach, nachdem er gesehen hatte, wie ein Pferd geschlagen wurde und stürzte.) Diese Geschichte hat in mir immer ein höchst mulmiges Gefühl ausgelöst, denn das wirklich Traumatische wurde völlig außen vor gelassen.
Auch Pelikane machten dem kleinen Hans Angst. Hans‘ Vater deutete, dass Hans in Wirklichkeit Angst hat vor dem „großen Penis“ und vor all den Fragen, die mit der Fortpflanzung verbunden waren, denn die Ängste entstanden in der Zeit, als Hans‘ kleine Schwester geboren wurde. Erst viel später ging man davon aus, dass der Kleine Hans in Wirklichkeit schwer traumatisiert und Opfer von Gewalt der Mutter war. Hans‘ Vater und Freud vermuteten damals kindlich-sexuelle Wünsche beim kleinen Hans. In seiner ersten Angsttheorie ging Freud davon aus, dass Libido (also ein sexueller Wunsch) verdrängt wird und dann in Angst umschlägt.
Der „kleine Hans“ hieß Herbert Graf
Der richtige Name von Hans war „Dr. Herbert Graf“. Sein Vater war der Musikhistoriker Max Graf, 1873-1958 (Wikipedia). Hans‘ Eltern hatten sich scheiden lassen und beide Eltern hatten neu geheiratet. Hans wurde dabei von seiner jüngeren Schwester Hanna getrennt. Hans‘ (Herbert Grafs) Schwester (Hanna) litt darunter, dass ihre Mutter sie nicht liebte, wahrscheinlich depressiv war und sie teilweise schwer misshandelte (Harold Blum, 2007). Später nahm sich Hanna das Leben (Wakefield, 2007).
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Psychoanalyse
Wolf und Über-Wolf
Der Spiegel, 43, 1972
Muriel Gardiner (Hg.):
Der Wolfsmann vom Wolfsmann
S. Fischer Verlag, 1982, amazon
Wieselberg, Lukas (2009)
Freuds „Wolfsmann“: ein Bild von einem Patienten
science.ORF.at, 23.1.2009
Obholzer, Karin:
Gespräche mit dem Wolfsmann
Eine Psychoanalyse und die Folgen
Rowohlt 1980
Sigmund-Freud-Buchhandlung
Rudolf Gaßenhuber, 2012:
Der kleine Hans, der arme Hans
Über die Unberührtheit in der psychoanalytischen Tradition – eine Leseerfahrung
Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewisssenschaft und
Psychologische Medizin, Heft 03/2013
www.gassenhuber.de/…/DerArmeHans.pdf
„Ich gehe weiter der Frage nach, wie kann es bei diesen beiden Pionieren und teilweise in der psychoanalytischen Tradition bis heute zu dieser Realitätsabwendung kommen. Was bewirkt diese Haltung und welchen Gewinn bringt sie dem Analytiker?“
Österreichisches Musiklexikon online: Familie Graf
Max Graf (1873-1958), Vater von Herbert, geb. 1904, und Hanna, geb. 1906
www.musiklexikon.ac.at/…
Jerome C. Wakefield:
Reality of Suicide and Death in the Family History
In: The Psychoanalytic Study of the Child
Herausgeben von Robert A. Kind et al.
Yale University Press, New Haven and London, 2007: S. 78
und ebenfalls in „The Psychoanalytic Study of the Child“, 2007:
Harold P. Blum: Little Hans – A Contemporary Overview, S. 58
books.google.de/….
Playmobil-Ödipus von und mit Harald Schmidt: Der kleine Hans kommt auch vor
youtu.be/fx36ESoeLVA
Beitrag vom 23.1.2026 (begonnen am 3.7.2016)