Perverse Charakterstörung und Pädophilie als Folge früher Qualen
Jetzt geht’s rund. Perversion bedeutet Aufregung, Faszination und „Böses“. Dieser Beitrag handelt nicht von der sexuellen Perversion, sondern von Menschen mit perversen Charakterzügen. „Pervertere“ ist das lateinische Wort für „verdrehen“. Wir alle lieben es, auch mal die Dinge auf den Kopf zu stellen, um mit den harten Realitäten des Alltags klarzukommen. Jeder hat auch „perverse“ Züge in sich.
Bei einigen Menschen ist der Grad der Perversion so groß, dass sie selbst und andere darunter leiden. „Perverse Menschen“ (ein diskriminierender Ausdruck, wie ich finde) haben in ihrer Kindheit meistens schwere Traumata erlebt. Menschen, die zur Perversion neigen, wollen echte Begegnungen unbedingt vermeiden. Emotionales Berührtsein macht ihnen unglaubliche Angst.
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Links:
Delaram Habibi-Kohlen (2013):
„Ich hasse dich – ich kann nicht ohne dich.“ Zum psychoanalytischen Verständnis der perversen Paardynamik. Vortrag vom 9.4.2013, Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf e.V.
Marie-France Hirigoyen:
Die Masken der Niedertracht. dtv, amazon
Janine Chasseguet-Smirgel:
Creativity and Perversion. amazon
Janine Chasseguet-Smirgel: psychoanalytikerinnen.de: „Der Perverse hingegen verfällt der ‚Krankheit der Idealität‘, indem er … die Kindheitsillusion aufrechterhält, er befände sich im Besitz des idealisierten prägenitalen (analen) Phallus und sei somit dem Vater ebenbürtig, ja überlegen. … Janine Chasseguet-Smirgel starb im Alter von 77 Jahren an Leukämie.“
Joyce McDougall (1992):
Plea for a measure of abnormality. Brunner/Mazel, Publishers – New York (1978) 1992, amazon: „Dr. McDougall is vigilant in her attention to the ongoing dialogue between the patient’s inner drama and her own internal world, not willing to stay planted safely in the realm of existing precepts, favoring instead a position of evolving creativity.“
Christine Miqueu-Baz (24 Oct 2011):
Joyce McDougall obituary. Psychoanalyst who argued that human sexuality is inherently traumatic. guardian.co.uk/…
Friedemann Pfäfflin, Franziska Lamott, Thomas Ross:
Narzisstische Persönlichkeitsstörung und Perversion. S. 465-485: geps.info/….pdf „Eine auch nur annähernd einheitliche … inhaltliche Definition von Perversion gibt es nicht. Nur innerhalb der psychoanalytischen Fachwelt ist Perversion ein Terminus technicus, allerdings mit einem breiten Spektrum von Bedeutungsgehalten.“ (S. 466) „Funktionell dient die Perversion dem Überleben, nicht dem so genannten Sexualleben. Wenn der Patient dessen gewahr wird, kommt es zu Schamreaktionen, oft auch zu suizidalem und anderem Agieren. Entspannung und Erleichterung stellen sich ein, wenn die in der perversen Szene implizierte symbolische Vernichtung überlebt wird.“ (S. 481)
Gesellschaft zur Erforschung und Therapie von Persönlichkeitsstörungen e.V. (GePS), geps.info
Paul-Claude Racamier:
Les Perversions Narcissiques. Payot-Verlag, amazon.de/…: „Si l’on parle aujourd’hui de la perversion narcissique, c’est grâce à Paul-Claude Racamier.“
The New York Times
Dr. Robert J. Stoller, 66, Teacher And Leading Sex-Identity Theorist. By Daniel Goleman, September 10, 1991
Robert J. Stoller (1986):
Perversion: The Erotic Form of Hatred. Karnac books, 1986. amazon
Kurt R. Eissler (1966):
Bemerkungen zur Technik der psychoanalytischen Behandlung Pubertierender nebst einigen Überlegungen zum Problem der Perversion. Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse, 1966, 20 (10-11): 837-872, Psychosozial-Verlag
Fritz Lackinger (2009):
Psychoanalytische Aspekte im Verständnis und in der Behandlung der Pädophilie. June 2009,
Die Psychotherapie 54(4):262-269, researchgate.net/
Beitrag vom 6.9.2026 (begonnen am 10.4.2013)
7 thoughts on “Perverse Charakterstörung und Pädophilie als Folge früher Qualen”
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Hallo
ich möchte nur sagen, dass ich eigentlich nicht verstehe, warum man sich so sehr bemüht, zu verstehen und zu beschreiben, was einfach verwerflich ist. Wenn diejenigen, die sich diese Mühe geben, nicht selbst pervers sind, dann sollen sie unter Ihresgleichen bleiben und die Perversen ignorieren, da diese so schädlich sind.
Wann bekommen wir ein Buch über Tugend anstatt immer über Laster? Ach, das ist altmodisch, es wird mit Tradition, Kirche usw. asoziiert. Gut, wer darunter nicht unterscheiden kann und „das Kind zusammen mit dem schmutzigen Wasser dessen Bades über das Fenster schüttet“, muss das lernen.
Das Böse verdiente unsere Aufmerksamkeit nicht.
Ich finde es ziemlich bigott, Menschen mit besonderen Problemen, aber eben auch besonderen Talenten, als traumatisiert und einsam mit einer schweren Kindheit darzustellen (was tatsächlich oft stimmt!) – und dann die Lösung darin zu sehen, sie möglichst „loszuwerden“/“sich von ihnen zu befreien“, sie zu diffamieren (meist undifferenziert) und zu beleidigen, also jeden potenziellen oder tatsächlichen Freund/Kontakt zu ermutigen, sie quasi immer weiter zu traumatisieren. Es wird sogar offen zugegeben, dass sich Therapeuten lieber die leichten Fälle aussuchen, die genauso viel Geld bringen, anstatt diejenigen, die offenbar dringender und professioneller Hilfe bauchen. Und dann noch so zu tun, als seien „die Perversen“ das Problem und nicht die Gesellschaft zum sie herum, die in der Integration und Heilung versagt.
Hallo Proustienne,
im französisch-sprachigen Raum gibt es sehr wertvolle Lektüre – auch Videos -, um sich schnellstmöglich aus der Verstrickung mit einem Perversen zu befreien.
Isabelle Aga-Nazare bietet ein effektives Arbeitsmanual mit Übungen, um der perversen Kommunikation die Stirn zu bieten. Es gibt auch deutsche Übersetzungen hierzu.
Es ist zwar interessant zu wissen, wie die Perversen so agieren. Warum sie das tun, darüber streitet sich die Wissenschaft. Es ist auch völlig nebensächlich, über das Warum herumzuspekulieren, wichtig scheint mir, wieder Handlungsspielraum für sein Leben zu gewinnen und den Kopf freizubekommen für andere Lebensbereichen.
Die Lektüre von Marie-Frankce Hirigoyen fand ich zwar sehr hilfreich, um in einem ersten Schritt einen Perversen zu erkennen. Aber in einem zweiten Schritt muss man natürlich auch effektive Hilfsmittel in die Hand bekommen, um diesen Leuten besser die Stirn bieten zu können.
Bei Isabelle Aga-Nazare wird sehr viel präziser als bei Hirigoyen benannt, wie die Perversen vorgehen, um ihre Oper zu verstricken.
Man sollte immer darauf achten, wie klar und eindeutig jemand kommuniziert, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Und natürlich sollte man Gefühle des Missbehagens ernst nehmen im Kontakt mit Menschen..
Ich habe den Eindruck, dass es wirkliche Opfer sehr selten gibt. Am Arbeitsplatz habe ich bei Mobbingphänomenen beobachten können, wie stark und konsequent die allermeisten sich aus solchen Situationen befreien. Der Rest rennt zum Anwalt oder zum Therapeuten, wo er unter Umständen erneut zum Opfer wird, weil man seine Verzweiflung finanziell auszubeuten versucht.
Bei mir in München nimmt die erste Adresse für Mobbingopfer nur Privatpatienten. Pfui möchte man da sagen. Aber schwache Menschen, die gerne bemitleidet werden und sich in der Kindchen-Rolle wohlfühlen und dazu ein wenig denkfaul sind,, sind natürlich die idealen Patienten für solche Leute.
Vertrauen würde ich nur bei einem solchen Therapeuten schöpfen, der mich von Anfang an wie einen Erwachsenen behandelt, der mir Wege aufzeigt, wie man der Ohnmacht, in die einen der Perverse ja zunächst versetzt, entrinnen kann.
Aber wer es jahrelang mit einem Perversen ausgehalten hat, dürfte einen solchen aufrichtigen Therapeuten kaum zu schätzen wissen.
@Jay, nein, Psychopathie ist etwas anderes, es gibt zwar Überschneidungen, aber ich würde Psychopathie eher als „praktisch erfolgreiche“ dissoziale Störung bezeichnen.
Vielen Dank für diesen Artikel, in dem ich mich an vielen Stellen selbst wiederfinden konnte. Die Parallelen und Überschneidungen zu Asperger, sexueller Perversion und einigen Persönlichkeitsstörungen (insbesondere narzißtische, schizoide, teils Aspekte anderer wie z.B. dissozialer, paranoider, Borderline) finde ich bemerkenswert treffend für mich selbst. Auch die hohe Leistungsfähigkeit und eine gefühlte Ambivalenz kenne ich. Allerdings habe ich bis auf diesen Artikel hier über die Google-Suche nicht einen inhaltlich so vergleichbaren Text gefunden, lediglich Texte über die einzelnen aufgeführten Begriffe. Gibt es zu dieser „Charakterperversion“ eine Klassifizierung bzw. ein bereits definiertes Krankheitsbild, oder gehört zu dieser speziellen, klar umrissenen Beschreibung dieser von Ihnen erfundene Begriff? Schade, daß in Bezug auf die Frühstörung lediglich betroffene Jungen thematisiert werden. Bei einem Mädchen könnte das Vehältnis zu Vater und Mutter teilweise anders sein, darüber wurde nichts geschrieben. Die Schwierigkeit einer Therapie liegt übrigens genauso auf Therapeutenseite, d.h. als Betroffener überhaupt jemanden zu finden.
Der Perverse erscheint mir fast deckungsgleich mit dem klassischen Psychopathen.
An psychopathischen Gewalttätern wie Ted Bundy, Jack Unterweger oder auch Charles Manson können wir, wie durch ein Vergrößerungsglas, die oben beschriebenen Eigenschaften des ’normal Perversen‘, übersteigert, bis ins gesellschaftlich nicht mehr tragbare, betrachten.
Alle diese Täter waren extrem manipulativ – vom ersten Kontakt zu ihren späteren Opfern, bis in den Gerichtssaal, wo sie ihre Show abzuziehen wussten.
Interessanterweise waren sie alle extrem charismatisch und anziehend. Ted Bundy hatte gar eine weibliche ‚Fangemeinde‘, die sich regelmäßig im Gerichtssaal versammelte, obwohl sie über ihn bescheid wussten.
Die einzige Emotion, welche diese Täter ungefiltert empfinden konnten, war Wut – bis hin zum Kontrollverlust.
Hallo, Frau Dr. Voos,
als ich heute einer Freundin von den Agressionen meines Vaters mir gegenüber erzählte, nannte sie mir o.g. Krankheitsbild. Diese ständige Abwerten meiner Person und jegliche Provokationen hatten mich bereits aufmerksam werden lassen – das „Chefsein“ hatte ich mir auch schon gedacht. Dass der Vater seinerseits die Mutter betrogen hatte, war mir aufgefallen, nur konnte ich als Laie keine Verbindung ziehen.
So ganz hab ich die Motive noch nicht verstanden. Auch ich hab wenig Liebe bekommen, bin aber weder Soziopathin oder persönlichkeitsgestört. Im Gegenteil: ich habe zu viel Empathie und bekomme immer zu wenig zurück.
Meine Frage lautet, und das vermisse ich in sämtlichen Abhandlungen über die Perversion im Internet: wie genau gehe ich mit diesen Menschen um? Zur Muttter ist kein Kontakt mehr, aber zu ihm schon, da die Kinder noch den Großvater behalten sollen. Nur sollen sie die Erniedrigungen von ihm nicht mitbekommen, diese Aggressionen, die genauso schnell wieder verklingen, wie sie anfangen und sehr schmerzlich sind. Warum ich Grund für seine Wut bin, versteh ich immer noch nicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis,
mit lieben Grüssen
xxxx
Liebe Frau Dr. Voos,
wie spannend! Während Marie-France Hirogoyen den Perversen aus der Sicht der Viktimologin beschreibt, schildern Sie ihn aus der Perspektive der den Perversen behandelnden Analytikerin. **Zwischenruf an die Wunschfee: Bitte Herrn Hare, Frau Hirogoyen, Frau Stout, Frau Voos und einen nach Rogers arbeitenden Tätertherapeuten in einer Diskussionsrunde zusammenbringen!**
Dass die parteiliche Viktimologin einen Perversen quasi als Monster beschreibt: klar.
Stout und Hare sprechen von Psychopathen und der dunklen Triade, in der die Elemente der von Ihnen beschriebenen Perversion nahezu das geringste Übel sind. Der Cluster-B Psychopath bleibt zudem schwer greifbar, da die Motivation zu aufrichtiger therapeutischer Arbeit kaum vorhanden sei.
Spannend finde ich insofern dass Sie den Bereich der autistischen Störungen aufgreifen. In einem Seminar von Dr. Jochen Eckert (Gesprächspsychotherapeut nach Rogers, Schwerpunkt Persönlichkeitsstörungen) erwähnte dieser, dass Klienten mit der Diagnose „Schizoide Persönlichkeitsstörung“ für den Behandler oft wenig angenehm sind, der Begriff „schwarzes Loch“ fiel, insofern als dass anschließend oft eine Gefühlsleere beim Behandler auftrete.
Die Schizoidie beschreiben Sie als – unter erheblichem Aufwand – therapierbar. Mein intuitiver und unwissend-unbedarfter Gedanke ging in Richtung „Hinzuziehen des autistischen Spektrums ermöglicht Wertschätzung und erlaubt Hoffnung auf Wirksamkeit der Behandlung.
Falls Sie zu dem Thema irgendwann wieder einmal schreiben wären Aspekte, die ich spannende finde:
Sehen Sie den von Ihnen beschriebenen Perversen als deckungsgleich mit dem Typus, den Marie-France Hirogoyen beschreibt, bzw. wo lägen entscheidende Unterschiede?
(Wo) sehen Sie eine Grenzen zwischen dem Perversen und dem Psychopathen, den Martha Stout ihrer Ratgeberliteratur beschreibt?
Wenn man von einem Kontinuum ausginge, wo läge – wenn es ihn gäbe – ein Punkt, an dem Sie die Behandlung abbrächen?
Vielen Dank für diesen anregenden Artikel!
Herzliche Grüße,
Kerstin Zander