Die Sorgen der Alleinerziehenden

„Sie hätten ihr die Zähne besser nachputzen sollen.“ | „Versuchen Sie, mindestens einmal täglich mit ihr zu üben.“ | „Sie sollten Ihre Bremsen kontrollieren lassen.“ | „Ihr linkes Frontlicht ist kaputt.“ | „Sie müssen Ihrer Tochter mehr bei den Hausaufgaben helfen.“ | „Langsam müsste Ihr Kind das aber können.“ | „Die Einkommensteuererklärung ist fällig.“ | „Bringen Sie zum nächsten Mal bitte 160 Euro für das Tanzkostüm mit.“ | „Ihre Ausgaben übersteigen bei Weitem Ihre Einnahmen.“

„Wir brauchen den Text bis zum 30.6.“ | „Da muss man auch mal Kompromisse machen.“ | „Ihre Tochter schläft bei Ihnen im Bett?“ | „Das Lippenbändchen ist zu dick.“ | „Sie sollte nicht so viel fernsehen.“ | „Das beste Mittel gegen Flöhe ist der Staubsauger.“ | „Ihr Kater muss dringend geimpft werden.“ | „Na, wenn Sie meinen …“ | „Du musst mal öfter aus dem Haus gehen.“ | „So lernst du nie jemanden kennen.“ | „Du solltest endlich einmal Urlaub machen.“ | „Langsam sind Sie zu alt für einen Langzeit-Kredit.“ | „Sie haben Zahnstein.“ | „Sie hätten das Trocknungsgerät nach dem Rohrbruch länger laufen lassen müssen.“ | „Ihre Blumen sind ja schon wieder vertrocknet.“ | „Tja, der Schlüsseldienst kostet nun mal 200 Euro am Wochenende.“ | „Ich muss das Babysitten leider kurzfristig absagen.“ | „Diese Symbiose tut weder Ihnen noch dem Kind gut.“ | „Sie klammern sich zu sehr ans Kind.“ | „Und da vertrauen Sie dem Vater noch Ihr Kind an?“ | „Du setzt Dein Kind als Druckmittel ein.“ | „Bedenken Sie, dass man Sie bei Nicht-Erscheinen im Familiengericht mit der Polizei abholen kann.“ | „Bitte kommen Sie am 14.3. in die Erziehungsberatungsstelle.“ | „Das dürfen Sie auf keinen Fall mit sich machen lassen!“ | „Du isolierst Dich zu sehr.“ | „Du solltest wieder mehr Sport treiben.“ | „Deine Angst überträgt sich aufs Kind.“ | „Ihr Kind tanzt Ihnen auf der Nase herum.“ | „Könnten Sie einen Kuchen zum Schulfest mitbringen?“ | „Das haben wir Ihnen aber gemailt, dass die Kinder heute früher Schluss haben.“ | „Zum Elternabend erscheinen ja immer nur dieselben.“ | „Hier dürfen Sie nicht parken.“ | „Seit wann ist der Wasserhahn denn schon undicht?“ | „Waren Sie mit ihr schon mal beim Augenarzt?“ | „Du hast Dich ja ewig nicht mehr gemeldet.“ | „Sie müssen sehen, dass Sie den Anschluss nicht verlieren.“ | „Bitte geben Sie Ihrem Kind morgen das Geld für den Wandertag mit.“ | „Ihr Kind braucht einen neuen Wassermalkasten.“ | „Ich glaube, Ihr Rechner ist hin.“ | „Bitte geben Sie Ihrem Kind zwei ausgeblasene Eier mit.“ | „Könnten Sie noch ein Putztuch für die Flöte besorgen?“ | „Könnten Sie das Paket annehmen?“ | „Dein Profil ist ganz nett, aber Du bist mir nicht schlank genug.“ | „Du bist ja total verkrampft.“ | „Die Schuhe sind zu klein.“ | „Du müsstest echt mal ausmisten.“ | „Haben Sie schon gesehen, dass Ihre Kloschüssel einen Riss hat?“ | „Ich kann Ihnen da leider nicht weiterhelfen.“ | „Die Trinkflasche ist ausgelaufen.“ | „Sie dürfen den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen.“ | „Bitte Spülmaschinensalz nachfüllen.“ | „Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“

Aber das überträgt sich doch aufs Kind!

Als Mutter hörst du vielleicht ein Argument besonders oft: „Das überträgt sich auf’s Kind!“ Das sagen nicht nur Nachbarn und Feinde Freunde, sondern auch Kinderärzte, Lehrer oder Therapeuten. Wann immer du diesen Satz hörst, fühlst du dich vielleicht auf merkwürdige Weise dazu aufgefordert, dich besser zu kontrollieren und das Negative von dir wegzuschieben. Du bemühst dich, nichts Schlechtes über die Kita oder den Partner zu sagen und gibst dich mutiger als du bist. Doch in Wirklichkeit veränderst du damit nichts. Denn was dein Kind mitbekommt, ist dein Unbewusstes.

„Unbewusst wünsche ich mir wohl immer noch einen anderen Beruf“, sagt eine Ärztin. Das stimmt so nicht ganz. Denn in dem Moment, in dem die Ärztin das sagt, ist ihr die innere Stimme bewusst. Unbewusstes hingegen ist tatsächlich unbewusst – das heißt, dass wir es weder bewusst denken noch aussprechen können.

Wenn uns etwas wahrhaft Unbewusstes bewusst wird, dann sind wir erstaunt, erschrocken, überrascht, betroffen, gerührt, wütend, freudig erregt oder wir fühlen uns schuldig und schämen uns. Natürlich kannst du dich fragen: „Bin ich vielleicht in Wirklichkeit sauer?“ Dann kannst du in dich horchen und schauen, ob du dich wirklich so oder doch anders fühlst.

Doch das eigene Unbewusste ist nicht so leicht zu fassen. In einer Psychoanalyse kann man lernen, sensibler für das eigene Unbewusste zu werden. Manche Analytiker sagen: „Das Unbewusste wird markiert.“ Es wird leichter, Unbewusstes bewusst werden zu lassen – die Abwehr wird kleiner und man kann auch Unangenehmes eher zulassen, was man sich vor einer Psychoanalyse vielleicht nie hätte eingestehen können. Doch das Unbewusste wird natürlich immer bleiben.

Was überträgt sich dann aufs Kind?

Eltern können auf ihr Kind natürlich unbewusste Ängste, Gefühle, Sorgen, Freuden, Wünsche und Phantasien übertragen. Doch dieser Vorgang spielt sich oft im Verborgenen ab. Wenn du dich und dein Kind genau beobachtest, wirst du feststellen: Das Kind kann ganz vergnügt sein, während du selbst schlecht gelaunt bist. Oder umgekehrt: Du selbst fühlst dich glücklich und zufrieden, wohingegen dein Kind kaum zufriedenzustellen ist.

Es kann auch Gleichklang bestehen: Ihr seid beide gut gelaunt oder beide betrübt. Dein Kind ist einerseits natürlich verbunden mit dir. Andererseits ist es aber von Anfang an ein eigener Mensch. So gibt es die Kita, die dem Kind nicht gefällt, obwohl die Mutter (bewusst) von der Einrichtung begeistert ist. Und da gibt es die Tagesmutter, die das Kind abgöttisch liebt, obwohl die Mutter mehr als skeptisch ist.

Es kann vorkommen, dass sich Bewusstes oder Unbewusstes von den Eltern auf das Kind überträgt. Da das Unbewusste aber eben unbewusst ist, kann man oft nur raten, was sich da eigentlich überträgt. Es gibt jedoch auch unzählige Situationen, in denen das Kind einfach so, aus seinem eigenen Leben heraus reagiert, wie es eben reagiert – egal, ob die Mutter gerade gut drauf ist oder nicht.

Wir können den Kindern ruhig mehr Eigenständigkeit zutrauen

Freiheit bedeutet: „Ja“ zu sagen, obwohl der andere „Ja“ sagt. Ein Kind kann etwas unabhängig von der Mutter gut finden, obwohl der Mutter dieselbe Sache auch gefällt. Das Zusammenspiel zwischen dir und deinem Kind ist so komplex wie die Welt da draußen auch. Vielen Müttern wird täglich unrecht getan, wenn der Satz „Das überträgt sich auf’s Kind“ fällt. Vielleicht fühlst auch du dich dabei unverstanden, angegriffen und verletzt. Doch was sich wann, wo, wie überträgt, das wissen wir gar nicht so genau. Du kannst einfach nur interessiert bleiben und beobachten.

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Links:

Die Sorgen der Alleinerziehenden, eBook von Dunja Voos: So unterschiedlich die Schicksale Alleinerziehender auch sind: Bei vielen tauchen ähnliche Sorgen auf. Wenn getrennte Eltern die Erziehungsberatungsstellen aufsuchen, bekommen sie oft dasselbe zu hören: Man müsse doch Lösungen finden und es ginge doch ums Kind. Man müsse da doch erwachsen sein. Was viele übersehen: Auch bei den Eltern geht es häufig um kindliche Gefühle und um sehr große Ängste, die den Ängsten der Kinder mitunter ähneln. In diesem eBook beleuchte ich die unbewussten Phantasien, Gefühle und Wünsche der Eltern. Ich beschreibe auch, warum „Lösungen“ häufig nicht die Lösung sind und warum es wichtiger sein kann, die Gefühle der Eltern erst einmal anzuschauen und zu halten: eBook bei amazon.de

Beitrag vom 8.3.2026 (begonnen am 26.9.2012)

2 thoughts on “Die Sorgen der Alleinerziehenden

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Frau Schulemann,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar – ich stimme da mit Ihnen völlig überein, was das Politische angeht. Ich spreche an diesem Punkt auch ausschließlich über die psychische Seite. Aus psychoanalytischer Sicht ist die Möglichkeit der „Triangulierung“ sehr wichtig für das Kind. Fehlt der Vater, so wird die „Triangulierung“ erschwert und ist nur möglich, wenn andere sehr nahestehende Bezugspersonen immer da sind.

    Wenn Kinder „Familie“ spielen, gehören dazu immer „Mutter-Vater-Kind“. Ich glaube, dieses Gefühl von „Familie“ ist in uns tief verankert, weil wir alle ja durch Vater und Mutter entstanden sind.

    Dass da politisch was passieren muss und auch die Mutter-Kind-„Familien“ besser gestellt werden müssen, ist natürlich keine Frage.

    Viele Grüße
    Dunja Voos

  2. Liebe Dr. Dunja Voos,

    ich habe eben das Interview bei Mama arbeitet gelesen und mich sehr gefreut, dass es immer mehr Berichte über das Thema gibt. Ich bin auch allein erziehend, finde es aber nicht als schlecht, weder für mich noch für das Kind, eher als eine von vielen Möglichkeiten. Ich kenne auch viele Ehen, die nicht glücklich sind und denke, nicht die Form, sondern die Gestaltung der jeweiligen Situation ist wichtig. Sprich: Man kann aus allVoren Familienmodellen etwas Gutes oder etwas Schlechtes machen.

    Weswegen ich mir hier aber zur Wort melde, ist eine Bitte und betrifft den Wunsch nach Gleichstellung von Familienmodelle. Der Gedanke ist hier nicht, Trauer zu unterdrücken und etwas Negatives schön zu reden, sondern rechtliche und politische Kategorien. Solange nur Vater-Mutter-Kind als Familie gelten, wird es für alleinerziehende, die ja mehr Unterstützung brauchen, als wenn zwei Menschen sich um Kinder kümmern, keine Verbesserung eintreten können. Sie werden steuerlich schlechter gestellt, sie werden gesellschaftlich abgewertet, und müssen sich im Zweifel von Jugendämtern und Gerichten vorschreiben lassen, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben und haben demnächst finanzielle Nachteile, wenn sie Hartz IV empfangen. Daher wäre ich vorsichtig, per se zu sagen, dass Alleinerziehende KEINE Familie sind. Das mag emotional psychologisch betrachtet richtig sein, unter politischen oder juristischen Aspekten kann es dazu beitragen, dass Alleinerziehende weiter drastisch benachteiligt werden – denn so lange wir nicht als Familie angesehen werden, können wir keine rechtliche Gleichbehandlung fordern… Beste Grüße, Verena Schulemann aka http://www.mamaberlin.org

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