Alexithymie: über die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen

Alexithymie ist die Schwierigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu regulieren. Wenn wir ein Gefühl nicht wahrnehmen können, obwohl es gerade stark aktiv ist, können körperliche Beschwerden auftreten. Das Kleinkind spürt Wut vielleicht nur als „Bauchweh“ – anstatt eines Affektes hat es eine Körpersensation. Auch wir kennen das: Wir spüren Schuldgefühle, bekommen aber gleichzeitig Magenschmerzen, weil uns die Schuldgefühle zu viel sind und wir sie nicht besser regulieren können. Manchmal aber können wir unser Grundgefühl nicht erkennen oder benennen. Es kommt vielleicht zu einem Symptom (Angst, Kopfschmerz etc.), aber es fehlt die bewusste Wahrnehmung der Emotion (z.B. Wut, Neid, Schuld).

Das Wort „Alexityhmie“ leitet sich aus dem Griechischen „lexis“ = „das Lesen“ und „thymos“ = „das Gefühl“ ab. Die Vorsilbe „A-“ ist die Verneinung. Wörtlich ist „Alexithymie“ also die Unfähigkeit, Gefühle zu lesen.

Natürlich ist es eine basale Fähigkeit, unsere Gefühle zu fühlen. Doch unsere eigenen Gefühle genauer kennenzulernen, ist ein komplizierter Vorgang. Hauptsächlich geschieht dies im engen frühen Kontakt zu Mutter und Vater. Das Baby zeigt seine Emotion und die Mutter reagiert darauf. Sie schwingt mit, phantasiert darüber und versucht, das Kind zu beruhigen. Sie findet Worte für das Befinden ihres Babys. Die frühe Sprache des Babys ist das Schreien. Die Mutter antwortet mit Berührung und mit Worten. Es findet dabei ein wichtiges Verstehen und Übersetzen statt.

Gelingt dieses Zusammenspiel zwischen Mutter, Vater und Kind nicht, kann das Kind später Schwierigkeiten damit bekommen, eigene Gefühle gut wahrzunehmen, sie einzuordnen und zu regulieren.

Gesicht und Augen sowie das „Markieren“ der Mimik spielen beim „Gefühle-Lernen“ eine wichtige Rolle. Die Mutter „markiert“ ihren Gesichtsausdruck, um zu zeigen, welches Gefühl ihr das Baby zeigt. Doch natürlich können auch Blinde über die Stimme und Körperspannungen Gefühle mit der Mutter austauschen und so ihre Gefühle kennenlernen.

Es ist wohl oft ein schwierig, über Gefühle zu sprechen. Manchmal können wir einfach nicht benennen, was mit uns los ist. Wir fühlen uns einfach nur schlecht. Vielleicht hatten wir anfangs ein Gefühl, das wir hätten benennen können, aber wir haben es schnell wieder verdrängt. Vielleicht aber stehen wir auch vor einem Rätsel. Was uns hilft, ist symbolisches Denken: „Ich fühle mich heute wie der letzte Dreck“, sagen wir. Das Wort „Wie“ zeigt, dass wir uns so fühlen, „als ob“ wir Dreck seien – aber wir wissen, wir sind es nicht. Über Bilder, die wir malen oder Musik, die wir hören oder machen, können wir unsere Gefühle auch ohne Worte ausdrücken.

Gefühle wurden verhindert oder verdrängt

Gewalterfahrungen bringen Gefühle durcheinander. Doch auch Nicht-Beachtung, Vernachlässigung und fehlende emotionale Verfügbarkeit von Mutter und Vater wirken traumatisch. Wenn wir uns mit unseren Gefühlen nie an jemanden wenden konnten, wirken wir vielleicht gefühlskalt. Wir können unsere eigene Gefühlskälte bemerken und darüber unglücklich werden.

Die Alexithymie ist häufig bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung anzutreffen. Weil das Denken mitunter wenig symbolisch und auf eine spezielle Weise wenig phantasievoll ist, sprechen Psychoanalytiker mitunter auch vom „Operativen Denken“ (französisch: Pensée Operatoire). Das heißt, dass die Betroffenen sehr konkret denken und wenig abstrakt. Für sie bedeutet „Blaumachen“ beispielsweise nicht „Schwänzen“, sondern konkret, etwas blau anzumalen.

In den Beschreibungen über ihr Befinden finden sich bei alexithymen Menschen eher selten Vergleiche. Die Betroffenen können nur schwer sagen: „Ich fühle mich irgendwie rau – wie Schmirgelpapier“, oder: „Das war wie früher das Gefühl, wenn ich Schiff gefahren bin.“ Der Begriff „Pensée Operatoire“ (operationales Denken, „mechanisches“, konkretistisches Denken) wurde von den Psychoanalytikern Pierre Marty (1918-1993) und Michel De M’Uzan (1921-2018) geprägt. Ich selbst finde ihre Theorien sehr verkopft und fand sie immer irgendwie „unpassend“.

Der Begriff „Alexithymie“ wurde von dem Psychoanalytiker John Case Nemiah (1918-2009) und dem Psychiater Peter Emanuel Sifneos (1920-2008) im Jahr 1972 geprägt (Harvard gazette).

Samir Stephanos (IPA): Trauma und Versöhnung – über die Grenzen der Analysierbarkeit. Jahrbuch der Psychoanalyse 55, Verlag frommann-holzboog, 2007, S. 37-55: Der Begriff „Pensée operatoire“ „bezeichnet ein mechanistisches, also prä-neurotisches Denken, bei dem es nur Funktionalität gibt. Die Franzosen sprechen von le factuel – Phantasien und Gefühle fehlen. Die dépression essentielle, die sich von der pensée operatoire ableitet, ist ein Zustand von inhaltloser Depressivität und unterscheidet sich von der klassischen Depression.“ (Samir Stephanos, 2007)

Fühlen und Benennen

Oft können wir nicht genau sagen, was wir fühlen – handelt es sich ja um komplizierte Gefühlsmischungen oder Zustände, die sich kaum einordnen oder benennen lassen. Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, kann besonders auch dann problematisch sein, wenn wir uns durch eine strenge Erziehung (Dressur) nicht erlauben konnten, aggressive Gefühle zuzulassen.

Es kann auch sein, dass wir nach schlimmen Erlebnissen Schwierigkeiten haben, seelischen Schmerz zu spüren, weil es uns so gut gelingt, unseren Schmerz vordergründig „auszuschalten“. Gut, dass der Mensch zu so etwas in der Lage ist. Wenn die Gefahr jedoch vorüber ist und der Mechanismus so weiterläuft, kann das zu psychischem Leiden führen: Ängste, Zwänge, Arroganz (siehe Narzissmus) oder Aggressionen können die Folge sein.

Wer nichts fühlt, wurde nie gefühlt

Es ist auch möglich, dass die Mutter unfähig war, ihr Baby zu spiegeln und sich affektiv auf ihr Baby einzustimmen, sodass das Kind nie seine Gefühle kennenlernen konnte. Auch das Mentalisieren – also das Nachdenken über sich und andere – ist traumatisierten Kindern oft kaum möglich, weil sie sozusagen ihr Wissen und ihre Denkfähigkeit ausschalten, um nicht mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert zu werden. Vordergründig sagen die Betroffenen, dass sie nichts fühlen und auch nicht denken können. Im Schutz einer Psychoanalyse wagen es jedoch viele, sich ihre Gefühle zu gestatten und sie neu kennenzulernen.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Winson F.Z. Yang et al. (2021)
Resting functional connectivity in the semantic appraisal network predicts accuracy of emotion identification
NeuroImage: Clinical, Volume 31, 2021, 102755
„Salience (SN) and semantic appraisal (SAN) networks mediate socioemotional skills. Low functional connectivity in the SAN, not SN, predicts emotion reading deficits.“
www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2213158221001996

Mimische Emotionserkennung und Alexithymie
Dissertation von Mattias Amos Kammerer, 2016
oparu.uni-ulm.de/….pdf

Matthias Franz (2016):
Vom Affekt zum Mitgefühl (Buchkapitel)
Entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Aspekte der emotionalen Regulation am Beispiel der Alexithymie
Springer Professional

Samir Stephanos:
Trauma und Versöhnung – über die Grenzen der Analysierbarkeit
Jahrbuch der Psychoanalyse 55, Verlag frommann-holzboog, 2007, S. 37-55, PDF

Beitrag vom 20.1.2026 (begonnen am 28.7.2007)

4 thoughts on “Alexithymie: über die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Melinas,
    vielen Dank für Ihre Anregungen! Ich habe daraufhin meinen Beitrag erweitert. Vielleicht gehen ja jetzt ein paar Antworten aus Ihren Fragen hervor. Kinder schalten in traumatischen Situationen ihr Fühlen, ihre Schmerzen und ihre Denkfähigkeit ab. Später können sie oft zumindest ihr Denken wieder „einschalten“. Der Psychoanalytiker Harold Searles (1918-2015), der mit Psychotikern arbeitete, sagte, dass auch die kränkeste Mutter noch gesunde Anteile hatte. Daher kann es sein, dass Sie trotz aller Qualen dennoch die entscheidenden psychischen Fähigkeiten ausreichend von ihrer Mutter/Bezugsperson mitbekommen haben (z.B. intuitiv im Säuglingsalter).

  2. Dunja Voos sagt:

    Liebe Conny,
    ich denke, dass eine Psychoanalyse hier oft helfen kann. Wenn man seinen Psychoanalytiker fast täglich sieht, ist er wie ein „Begleiter“ oder „Coach“, wie Sie es nennen. Er wird nachträgliche zum Zeugen für das Geschehene. In der Psychoanalyse kann der Patient tatsächlich Erlebtes innerlich wiederholen. Eine warmherzige Atmosphäre erleichtert es meistens, die Gefühle wiederzubeleben.

    Und ich sehe es auch wie Sie: Der Psychoanalytiker kann dem Patienten gut helfen, wenn er nachfühlen kann, was der Patient fühlt. Daher ist die Lehranalyse in der Psychoanalyse-Ausbildung ja auch so enorm wichtig. Der Analytiker „kennt“ oft die Gefühle, die der Patient hat. Zwar aus anderen Zusammenhängen, aus Erfahrungen in seinem eigenen Leben, aber er kann da mitschwingen. Und er konnte diese Gefühle in der eigenen Lehranalyse bearbeiten. In diesen Fällen fühlt sich der Patient besonders verstanden. Diese Situationen tragen sehr zur Veränderung bei.

  3. Melinas sagt:

    Hallo Conny,
    das ist sehr interessant. Ich grübelte zuerst lange darüber nach über das Mentalisieren, das in diesem Artikel erwähnt wird. Da fielen mir Widersprüche bei mir auf.
    Wenn mentalisieren tatsächlich das Nachdenken über sich selbst und andere ist – wie beschrieben und gleichgesetzt wird mit dem Manko Gefühle zu spüren….dann stimmt für mich da irgendetwas nicht. Denn ich bin ein Prototyp der in der Kindheit nichts gespürt hat (trotz täglicher Misshandlung und Erniedrigung) ich spürte nicht einmal die körperlichen Schmerzen, die heftig waren – mit Brüchen und blutunterlaufenen Stellen, von den seelischen ganz zu Schweigen….Allerdings kann ich heute 50 Jahre etwa nach diesen Misshandlungen behaupten, dass ich äußerst fähig bin über mich und andere Nachzudenken. (Allerdings stimmt es, dass ich dies bis 17 Jahre nicht konnte und ich selbst immer von mir behauptete, dass ich bis dahin ein Tierchen war). Also was hat mich geheilt???? dass ich mit 17 plötzlich über mich und andere nachzudenken anfing. Ich hatte noch keine Therapie zu diesem Zeitpunkt und lebte nach wie vor unter schlechten Bedingungen – nämlich im Heim, hatte keine „einfühlenden Gegenübers“.
    Ich würde das gerne besser verstehen Frau Voos. Haben Sie eine Antwort für mich?
    Was mir bei dem Thema auffällt ist, dass ich mich inzwischen äußerst gut in Gelegenheiten einfühlen kann, die mit Natur, leidenen Tieren und Menschen, Ungerechtigkeiten, Ausgrenzungen etc… zu tun haben, also alles was ich einmal selbst erlebt habe.
    Im Umkehrschluß würde das vielleicht tatsächlich heißen, dass Du Conny recht hast und ein Analytiker bzw. Therapeut sich nur wirklich einfühlen kann, wenn er gleiche Erfahrungen gemacht hat.
    LG

  4. Conny sagt:

    Hallo,
    nach meiner Erfahrung ist es fast unmöglich, in einer Therapie Gefühle zuzulassen.
    Wer wie ich in der Kindheit die physischen und psychischen Emotionen abspalten musste, um das alles zu überleben, der weiß gar nicht, was Gefühle sind.
    Theoretisch brauchen diese Menschen Begleiter/Coachs, um diese „Kindheit“ zu wiederholen, mit Erklärungen. So wie man Kindern erzählt, wie Farben zu benennen sind, so ist diesen Erwachsenen zu erklären, wie Emotionen zu benennen sind und wie sie sich anfühlen.

    Gefühle kann man nicht zulassen, die man nicht kennt, und nicht fühlt.
    Nach meiner Auffassung und Erfahrung tun sich Therapeuten/Psychologen schwer, das nachzuvollziehen, v.a. emotional zu verstehen.

    Was ein Heilkundiger (Arzt, Therapeut etc.) nicht emotional versteht, kann er niemals richtig erfolgreich behandeln.

    VG.

Schreibe einen Kommentar