Schwellengefühle

Wir schenken ihnen kaum Aufmerksamkeit, dabei sind sie so mächtig: die Momente auf der Schwelle. Wie oft fühlen wir uns wie ein Baby, das Baby weint, wenn es ins Bettchen gelegt wird – das Gefühl an der Schwelle zum Getrenntsein, zum Lichtausmachen ist so unangenehm.

Bevor die Psychotherapiestunde beginnt, kommt der Druck. Gleich geht der Vorhang auf und man betritt die Bühne. Im Wartezimmer meinst du, fast ohnmächtig zu werden, bis endlich dein Name gerufen wird. Du stehst auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, zur Partnerschaft, zum Elternsein, zu den Wechseljahren, zum Alter, zum Tod.

Wenn du es wagst, die unangenehmen Gefühle auf der Schwelle zuzulassen, kannst du vielleicht die Erfahrung machen, dass du die Situation gut aushalten kannst. Es entsteht ein neuer psychischer Zustand – du kannst vielleicht das Zuhause in dir selbst ist wiederentdecken.

Immer besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass du hinter der Schwelle emotional in einer noch größeren Hölle landest. Doch du kannst immer noch beobachten. Wer sich in unbekannte Welten begibt, macht sich vertraut mit der Welt.

„Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone, Wandel, Übergang. Fluten liegen im Worte ’schwellen‘ …“ Walter Benjamin. „Benjamin ist nicht so sehr von den klar gezogenen Linien der Grenzen, sondern von den durchlässigen Übergangszonen fasziniert, die eine eigene Form der Erfahrung – er nennt sie „Schwellenerfahrung“ – bedingen.“ (Philosophie für Einsteiger, Ansgar Lorenz und Antonio Roselli, amazon)

„Dort ist das Tor der Bahnen der Nacht und des Tags; ein Türsturz umschließt es und eine steinerne Schwelle.“ Parmenides, Fragment I, Kirk/Raven 2001, links.springer.com: S. 267. Siehe auch: Parmenides, gottwein.de und jurclass.de

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Links:

Walter Benjamin.
In: Philosophie für Einsteiger von Antonio Roselli und Ansgar Lorenz. Wilhelm-Fink-Verlag 2017, S. 108
Brill.com, International Walter Benjamin Society, amazon.de

Beitrag vom 25.7.2026 (begonnen am 3.6.2022)

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