Die gewalttätige Mutter macht dir das Leben schwer. Doch du kannst eine gute innere Mutter finden.
Ich musste den tobenden, neidischen, hasserfüllten Drachen beruhigen. Ich lernte fürs Leben: Der andere steht im Zentrum. Ich kreise um ihn. Ich versteckte meine eigene Wahrheit, während andere so „Respekt-einflößend“ waren, weil sie sich selbst zum Zentrum machen.
Irgendwann packte mich die Wut. Ich machte eine Therapie und machte mich selbst zum Zentrum. Andere sollten meine Bedürfnisse stillen. Ich chlug ins Gegenteil um – und überging den anderen. Das war aber nicht besser – ich war weiterhin nicht wirklich im Kontakt mit mir, weil ich immer eine Seite erschlug. Vorher erschlug ich mich selbst, dann erschlug ich den anderen.
Wenn ich nur den anderen oder nur mich selbst berücksichtige, dann übersehe ich einen Teil der ganzen Wahrheit.
Ich suchte die Wahrheit. Und verliess mich selbst nicht mehr, wenn es unangenehm wurde. Das konnte ich nur, indem ich Menschen fand, die keine Drachen waren. Ich befragte mich selbst und stellte mich in Frage. Ich fragte mich, ob der andere ein Drache war, ober ob ich ihn nur so sah.
Ich fragte mich: Muss ich meine alte Rolle des „Beruhigers“ weiter spielen? Oder ist dem anderen meine Besorgtheit und ständige Geschäftigkeit vielleicht sogar lästig?
Wenn wir uns diese Fragen stellen, ist die Mutter als „inneres Objekt“ zwar noch vorhanden, aber nicht mehr so wirksam. Das heißt, wir können uns zwar daran erinnern, wie hilflos die eigene Mutter war und wie wir ihr immer helfen mussten, ihre Ängste zu beseitigen, aber die Neigung dazu, auch andere Menschen für hilflos zu halten, nimmt über die Zeit ab. Gleichzeitig suchen wir uns als Bezugspersonen auch eher Menschen aus, die einen ruhigeren inneren Raum haben. Wir lernen, zu unterscheiden.
Die hochambivalente und übermächtige Mutter
„Der Turm, der wackelt, der Turm, der wackelt, die oberste Spitze fällt ab.“ Wie an der Spitze eines solchen Turmes aus dem Kinderlied hast du dich vielleicht gefühlt, wenn du eine hochambivalente Mutter hattest. An derr ambivalenten Mutter, die in extremem Ausmaß mal so, mal so war, konntest du dich nicht orientieren. Es machte dich unruhig. Du konntest nicht einfach „sein“. Du musstest immer die Lage checken und dich fragen: „Wie ist mir die Mutter heute gesinnt? Die Mutter war vielleicht wie ein Zufallsgenerator.
Die Beziehung zu einer solchen Mutter schafft in dir ein vegetatives Desaster. Das Nervensystem ist genauso aufgewühlt wie die Mutter selbst. Menschen, die in der Kindheit eine unberechenbare Mutter hatten, leiden oft noch als Erwachsene an einer „vegetativen Dystonie“, wie man es früher nannte. Heute spricht man eher von einer funktionellen neurologischen Störung. Der Cortisol-Haushalt gerät leicht aus dem Gleichgewicht, die Entzündungswerte sind erhöht und auch das innere Gleichgewicht lässt sich nur allzu leicht aus der Ruhe bringen. Man denkt, es geht einem gut und – wusch – kommen plötzlich Übelkeit, Schwindel oder Atemnot.
Was Säuglingsforscher als „vegetative Affektabstimmung“ bezeichnen, ist zwischen der ambivalenten Mutter und dem Säugling vielleicht oft nicht im Sinne der Beruhigung zustande gekommen. Die nervlich aufgewühlte Mutter hält ihren Säugling und „steckt ihn an“ mit ihrer Anspannung. Oft verfestigt sich diese Beziehung, sodass das Kind oft bis ins Erwachsenenalter hinein unter der Affektlabilität leidet. Doch das System kann sich beruhigen. Wer über lange Zeit neue und bessere Erfahrungen mit stabileren Bezugspersonen macht und regelmäßig meditiert, kann langsam wieder zur Ruhe kommen.
„Meine Mutter reißt mich ein“ – Rilke beschreibt es so treffend
Ich baue mir etwas auf. Ich habe etwas Wichtiges verstanden. Ich bin erleichtert, fühle mich weitergekommen. Doch die, die mir am nächsten steht, sieht es nicht. Sie ahnt etwas. Sie bekommt Angst. Sie gönnt es mir nicht. Und mit einem Wort von ihr ist alles kaputt. Rainer Maria Rilke hat 1915 ein wunderbares Gedicht dazu geschrieben:
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein. Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt, und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt, sogar allein. Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein. Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut. Sie sieht es nicht, dass einer baut. Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein. Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein. … Quelle: rainer-maria-rilke.de/100189achwehe.html . Wege mit Rilke, Lou Albert-Lasard. Frankfurt/Main 1952.
Meine Mutter hängt über mir wie eine schwere Wolke, wie ein mächtiger Schatten, wie eine unsichtbare Last. Immer wieder nimmt sie mir die Luft zum Atmen. Ich spüre sie, wenn ich mit dem Vorgesetzten spreche, spüre sie, wenn sich ein Partner annähert, spüre sie, wenn mein Kind mich streng anblickt. Dieser Blick, er ist überall, er schüchtert mich ein. Und ich reagiere oft noch immer gleich – ich bin wie gelähmt.
Ein Rätsel, das ich lösen will und das sich nicht lösen lässt, löst die Sucht aus, haften zu bleiben. Ich will sie nicht verlieren, die Mutter, die bekannte Beziehungsweise. Ich will sie schützen, indem ich ihr das Gefühl gebe, sie kann mich schützen. Ich suche den Schutz unter ihrem Dach, doch obwohl sie auch manchmal schützen kann, so ist das Dach doch hauptsächlich ein Angreifer, ein Verhinderer.
Ich gehe im Regen spazieren. Der Regen hört auf und ich senke den Schirm, der vorher über mir war, langsam herunter. Ich tauche auf. Ich spüre die frische Luft. Ich mute der Mutter die Trennung zu.
Leben ohne innere gute Mutter
Manche Menschen scheinen einen Schutzmantel zu tragen: Sie wirken ausgeglichen, auch wenn der Alltag hart ist. „Meine Mutter war immer bei mir“, sagt der amerikanische Psychoanalytiker Henry Parens, der zum Thema Bindung, Aggression und Rassismus forschte. Seine Mutter starb im 2. Weltkrieg im Konzentrationslager, aber er trug sie weiterhin im Herzen und sie gab ihm innerlich Kraft.
Ob eine Mutter viel Gutes mitgeben kann, hängt davon ab, wie gut bemuttert sie selbst wurde.
Der Psychoanalytiker und Selbstpsychologe Heinz Kohut sagt in seinem Vortrag „Reflections on Empathy“, dass es denjenigen Menschen am schlechtesten geht, die keine innere gute Mutter haben.
„Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.‘ Was er später noch murmelte, war nicht mehr verständlich. Die beiden letzten Tage saß Narziß an seinem Bett, Tag und Nacht, und sah zu, wie er erlosch. Goldmunds letzte Worte brannten in seinem Herzen wie Feuer.“ (Hermann Hesse: Narziß und Goldmund, Suhrkamp 1975: S. 320, Erstausgabe bei Fischer 1930)
Ohne Mutter, obwohl die Mutter lebt
„Ich habe eigentlich gar keine Mutter“, sagt eine Frau, obwohl ihre Mutter noch lebt. Sie fühlt eine große innere Leere. Einerseits. Andererseits ist das Innere gefüllt mit der krächzenden Stimme der Mutter, die das Kind verachtete, die ihm Zweifel einflößte, die es an sich band und ihm keine Freiheit ließ. Entwicklung ist bei so einer Mutter nur möglich, indem sich das Kind an andere Menschen bindet und relativ früh von zu Hause flüchtet.
Doch im Inneren bleibt eine große, schmerzhafte Lücke. Das Problematische: Wer so aufwuchs, der leidet oft auch an einer großen Unsicherheit bei der Gestaltung anderer Beziehungen. Es ist für diese Menschen oft besonders schwierig, einen warmherzigen, gesunden Partner zu finden. Es ist wie im Märchen von Rapunzel: Das Mädchen steckt im Turm fest, ist mutterseelenallein und wartet auf den Retter.
„Ich verstehe gar nicht, warum die Menschen sich immer wünschen, nach dem Tod ihre Liebsten wiederzusehen. Die Vorstellung, ich könnte meiner Mutter wieder begegnen, wäre die Hölle“, sagt die Tochter einer lieblosen Mutter.
Über Umwege wird Beziehung möglich
Viele Menschen, die unter einer hauptsächlich feindseligen und unmütterlichen Mutter litten, leiden häufig unter Depressionen, Angststörungen und Beziehungsstörungen.
Viele Jahre brauchen wir Geduld und einen langen Atem. Vielleicht eine Psychoanalyse, vielleicht TaiChi. Nicht selten kommt dann doch irgendwann der Partner, mit dem eine liebevolle und erfüllende Beziehung möglich wird. Fast ebenso wertvoll ist ein erfüllender Beruf, eine Passion, die enge Beziehung zu Freunden und oft auch zu Tieren.
Wie das Trauma der Mutter zur Dummheit des Kindes führen kann
Vor dem Kind steht die traumatisierte Mutter. Das Kind weiß nicht, was das heißt. Es weiß nur: Es darf die Mutter nicht berühren. Nicht mit Worten, nicht mit Gefühlen, nicht mit Erinnerungen. Das Kind, es plappert den ganzen Tag, doch es spricht nicht. Sprechen heißt, Worte mit Bedeutung zu versehen. Sprechen heißt, beim anderen anzukommen und Antwort zu erhalten. Doch die schwer traumatisierte Mutter weicht aus. Sie will das nicht. Emotionale Berührung ist undenkbar für sie.
Das Kind vermeidet, Worte zu benutzen, die in Mutters Welt gehören. Es umgeht diese Worte wie die Autos im Straßenverkehr die Baustelle. So kommt es, dass sich das Kind bestimmte Worte nicht merken kann. Es will nichts wissen, um sich und die Mutter vor heiklen Themen zu schützen. Es kann sich keine Namen merken und keine Begriffe aus Mutters Welt.
In der Schule ist das Kind schlecht in Geografie und Geschichte, es meidet Politik. Es wird auf gewisse Weise in Dummheit groß. Als es erwachsen ist, bemerkt das Kind, dass ihm das Sprechen schwer fällt. Schreiben geht. Sprechen vor einer Gruppe geht. Nur eines geht nicht: das Gespräch zu zweit.
Die anderen wundern sich
„Du sagst mir nicht die Wahrheit!“, erbost sich der andere. „Du veräppelst mich doch, Du lügst mich an, Du verschweigst mir doch was!“, hört es. Das Kind, es weiß nicht, was gemeint ist. Es merkt nur: Sprechen zu zweit fällt ihm sehr, sehr schwer. Bei anderen, da ist irgendwas anders. Sie können sagen, was sie fühlen. Sie bekommen Antworten. Ruhige Antworten, keine aufgebrachten. Natürliche Antworten.
Andere können mit anderen ihr Wissen teilen und Problematisches besprechen. Sie können sich zeigen, mit anderen verhandeln, mit anderen in den Dialog gehen.
Das alles kann das Kind nicht. Es führt Innengespräche. Außengespräche sind so anstrengend, dass es schon müde wird, wenn es nur daran denkt. Doch auch im Inneren hat es gelernt, die Dinge zu vermeiden, die zur Berührung führen würden. So sind auch die inneren Dialoge verarmt. Das Kind muss nun mühselig sprechen lernen. Es muss lernen, laut zu denken mithilfe der Sprache, die langsam weiter wird und so wiederum zu einem weiteren Denken führt.
Kinder, die ihre traumatisierten Mütter schonen wollten, entwickeln manchmal fast unbemerkt eine Kommunikationsstörung. Sie stellen sich oft „dumm“, denn es ist, als sei die Wahrheit auch für sie nicht zu ertragen. Sie setzen „Nicht-Wissen“ als Abwehr ein. So fühlen sie sich geschützt. Doch das kann in die Einsamkeit führen. Allein das Wissen darum kann schon zur Veränderung führen.
„Deine Mutter ist verwirrend. Dominant. Alle schleichen um sie herum“, sagt dein Freund. Und du merkst: Du hast dich nicht geirrt. Sie wirkt auch auf andere so. Das ist vielleicht die grösste Erleichterung: Du kannst dir selbst trauen, was das angeht. Und stell dir selbst Fragen, wenn du neue Menschen kennenlernst, damit du das eine vom anderen unterscheiden kannst.
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Dr. Beatrice Beebe:
Decoding Mother-Infant Interaction:
Story of One Mother and Infant
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Beitrag vom 6.2.2026 (begonnen am 10.10.2020)
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War die Mutter über viele Jahre hinweg dominant vor allem als schwerkranke und früh verstorbene Frau, ist nochmals ein Unterschied im eigenen Gefühl zu finden. Sie ging ja sozusagen unter in Dominanz. Sich die Herausforderung zu gönnen, diese Vorgabe nicht anzunehmen, ist eine gute Wahl.