Rheumatoide Arthritis und die Psyche
Die Rheumatoide Arthritis, auch Primär Chronische Polyarthritis (PCP) genannt, lässt viele Betroffene verzweifeln. Die Innenhäute der Gelenke sind entzündet, Finger, Zehen und Hände manchmal kaum zu gebrauchen. Die Erkrankung zählt zu den sieben klassischen Psychosomatosen, wobei insbesondere an schwere Traumata gedacht werden muss. Je länger die Erkrankung dauert, desto stärker verformen sich die Gelenke. Sehr oft entwickelt sich die Arthritis zwischen dem 25. und 50. Lebensjahr. Besonders Frauen sind betroffen. Es ist nicht so, dass man sagen kann: Menschen mit dieser oder jener Persönlichkeit bekommen diese oder jene psychosomatische Erkrankung. Aber dennoch lassen sich manchmal Gemeinsamkeiten zwischen den Betroffenen feststellen.
Menschen mit einer Rheumatoiden Arthritis sind oft sehr aufopferungsbereit. Sie pflegen und umhegen ihre Familie liebevoll, aber auch mit voller Kraft. Viele sind äußerst gewissenhaft. Genügsamkeit und Geduld sind weitere Eigenschaften, die sich bei Menschen mit Rheumatoider Arthritis oft finden lassen. Manchen fällt es schwer, sich selbst und ihren Körper gut wahrzunehmen. Viele Betroffene sind sehr zaghaft und leiden unter ihren eigenen Hemmungen. Sobald sie Aggressionen verspüren, meldet sich ihr überstarkes Gewissen, das ihnen feindselige Gefühle absolut verbietet.
Schwierige Lebenssituationen sind oft der Auslöser
Belastende Lebensereignisse (Life-Events) wie der Tod eines Angehörigen, Schwierigkeiten im Beruf, aber auch Spannungen oder Trennungen in der Familie, können zum Ausbruch der Rheumatoiden Arthritis führen. Häufig beginnt die Erkrankung auch nach einem Sport-Verbot aufgrund einer Verletzung. Wenn die Möglichkeit zur Bewegung wegfällt, dann fällt auch die Möglichkeit zur Entlastung bei Spannungen weg. Aggressionen stauen sich noch stärker an, die Gegenreaktion ist eine noch stärkere Hemmung und das Ergebnis ist wortwörtlich eine Starre.
Viele Betroffene fühlen sich unbewusst aufgrund ihrer nur allzu menschlichen Aggressionen übermäßig schuldig.
Die Schmerzen, die durch die Rheumatoide Arthritis verursacht werden, sind für viele Patienten eine Entlastung in dem Sinne, dass sie unbewusst das Gefühl haben, von ihrer Schuld ein wenig befreit zu werden. Schon geringe Gelenkveränderungen durch sehr starke Schmerzen bemerkbar machen – möglicherweise steckt dahinter eine „Körpererinnerung“ an sehr frühe Verletzungen. Manchen Betroffenen geht es trotz der Schmerzen subjektiv oft erstaunlich gut. Seelisch kann der Schmerz eine Entlastung von Schuldgefühlen bedeuten.
Es gibt Betroffene, bei denen die Rheumatoide Arthritis relativ schnell voranschreitet. Sie haben starke Schmerzen und oft auch einen starken Leidensdruck. Andere beschreiben eher, dass die Krankheit schleichend verläuft und auch nur langsam angefangen hat. Sie leiden seltener an psychischer Anspannung.
Passives Verhalten macht alles schlimmer
Patienten, die der Krankheit teilnahmslos gegenüber stehen, leiden oft stärker unter der Polyarthritis als aktivere Patienten. Sobald die Betroffenen das Gefühl haben, dass sie selbst etwas gegen ihr Leiden unternehmen können, geht es ihnen auch besser. Die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien (Coping-Stile) haben einen starken Einfluss darauf, wie man selbst die Erkrankung erlebt. Forscher konnten sogar zeigen, dass psychische Faktoren wie Ängste oder Depressionen stärker mit der Funktion der Gelenke zusammenhängen als mit dem sichtbaren Schaden im Röntgenbild oder mit den Entzündungswerten im Blut. Wer also an Ängsten leidet, der hat oft stärkere Gelenkbeschwerden als jemand, der frei ist von Ängsten – selbst, wenn das Röntgenbild bei der zweiten Person den größeren Gelenkschaden anzeigt.
Besserung in Sicht
Wer etwas über Strategien zur Schmerzbewältigung lernt und seine Aktivität fördert, der ist dem körperlichen Geschehen weniger hilflos ausgeliefert. Viele Betroffene lernen auch, vertrauter mit ihrem Körper zu werden und die Beschwerden besser beschreiben zu können. So werden Gelenkschmerzen weniger intensiv erlebt. Aber auch objektive Werte wie die Blutsenkungsgeschwindigkeit, der Rheumafaktor im Blut und die Griffstärke, können sich unter sozialer und emotionaler Unterstützung verbessern.
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Links und Literatur:
„PTSD may be a risk factor for the development of rheumatoid arthritis.“
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Post-traumatic stress disorder prior to diagnosis is as rare in spondyloarthritis as in non-inflammatory rheumatic conditions and rheumatoid arthritis.
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https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1297319X22001609
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Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 9.5.2012
Aktualisiert am 14.7.2024


