Mit Wut und Ärger umgehen lernen

„Fühle die Wut als ein Energiefeld“, rät Eckhart Tolle. Wir können genau spüren, wie die Wut durch unseren Körper prickelt und wieviel Kraft dahinter steckt. Dieses Gefühl zuzulassen, ist nicht immer leicht. Die Wut „beherrschen“ soll heißen, dass wir weder uns selbst noch andere damit beschädigen. Das erreichen wir mitunter duch Selbst-Beobachtung, Fühlen, Atmen und Darüber-Sprechen. Es ist oft eine der schwersten Künste überhaupt.
Wut entsteht oft aus Unwissenheit. „Der will doch nur Macht über mich!“, denken wir, oder: „Das hat der doch mit Absicht getan!“ Wenn wir aber einen Einblick gewinnen, was im anderen wirklich vorgeht, dann sind wir oft sehr erstaunt. Dann kommen manchmal Verstehen und Mitgefühl auf. Unsere Wut ist nur dadurch entstanden, dass wir uns alles mögliche gedacht haben, ohne wissen zu können, ob es wirklich so ist.
Das Aufgeben der Wut hat oft mit dem Gefühl zu tun, Kontrolle aufzugeben. Das macht Angst. Wenn ich etwas zerstören will, habe ich es unter Kontrolle. Wenn ich etwas Gutes will, habe ich es nicht unter Kontrolle – dann bin ich auch abhängig vom anderen. Und ich weiß nicht, wie er reagieren wird.
Drängendem Ärger begegnen wir am besten durch Ernstnehmen. Wenn wir spüren: Der Ärger passt nicht so ganz, aber er ist extrem, dann tun wir gut daran, erst einmal abzuwarten. Das kann sehr schwierig sein. Wir meinen, wir platzen und versuchen dennoch, den Ärger zunächst für uns zu behalten, darüber nachzudenken und ihn zu verstehen. Wir haben vielleicht das Gefühl, dass dadurch etwas Schlimmes passiert, aber meistens können wir dadurch Schlimmes verhindern. Drängender Ärger kann extrem schädigend wirken. Das Ernstnehmen und Erforschen des heftigen Ärgeraffekts kann ein wichtiges Werkzeug zur Kanalisierung sein. Der Lohn ist nicht selten eine große Erleichterung, sobald man sich selbst besser verstanden hat.
„Mit mir kann man’s ja machen …“ Wut ensteht häufig aus dem Gefühl heraus, unterdrückt zu werden, nicht gewertschätzt, nicht gesehen, ausgeschlossen oder gequält zu werden. Wütend können wir aber auch werden, wenn jemand uns wirklich erkannt hat: Als Rumpelstilzchen bei seinem Namen gerufen wird, zerreißt es sich in der Luft. Wir denken so oft, dass es uns schützt, wenn wir dieses oder jenes von uns verstecken. Doch sehr oft stören wir damit den Kontakt zu uns selbst und zu anderen. Wenn uns jemand „erkennt“, ist das oft erst ein Schrecken, aber auf Dauer eine Erleichterung.
Bsonders stark ist die Wut auch, wenn wir ignoriert werden, wenn der andere nicht mit uns spricht. Wenn ein anderer nicht auf uns reagiert, sinkt unser Selbstwertgefühl auf Null. Es ruft vielleicht auch Verlassenheitsängste und Verlassenheits-Wut hervor. Man fühlt sich ohnmächtig – und Ohnmachtsgefühle sind ein ganz besonderer Zündstoff für die Wut. Wenn der Partner nicht mit uns spricht, können wir extrem wütend werden. Wut kann uns sprachlos machen. Manchmal hilft nichts, als zu warten, bis die Wut-Atmosphär wieder vergeht. Zwang und Druck aufgeben heißt Wut aufgeben. Den anderen zu fragen, anstatt auf das zu reagieren, was wir uns selbst denken, kann in der Beziehung zu guten neuen Erfahrungen führen.
Wenn wir inneren Abstand finden, haben wir schon viel gewonnen, denn oft „überkommt“ uns die Wut. Wir fühlen uns völlig eins mit ihr, wir fühlen uns im Recht, wir befürchten, dass keiner sieht, wieviel Unrecht uns gerade geschieht. Je wütender wir sind, desto mehr sind wir mit dieser Wut identifiziert, desto mehr sind wir „ganz“ Wut. Je näher es uns an den Kern geht, desto wütender werden wir. Wenn „geistige Gewissheiten“ (z.B. religiöse Überzeugungen) ins Wanken geraten, können wir wütend werden, doch diese Wut beruht meistens auf Angst.
Wut ist ein körperliches Geschehen
Wut ist ein außerordentlich körperliches Geschehen. Wenn wir lernen, unsere Anspannungen bis ins Detail wahrzunehmen, kann es uns auch gelingen, die einzelnen Anspannungen nacheinander wieder loszulassen. Ausatmen gegen Widerstand kann hilfreich sein. Um Wut kontrollieren zu können, ist es wichtig, die einzelnen Emotionen, die mit der Wut zusammenhängen, früh wahrzunehmen. Ausgeschlossen zu sein aus einer Gruppe macht wütend und hilflos. In Ur-Zeiten bedeutete das den Tod. Wenn wir verstehen, dass auch die Stärke des Gefühls einen Sinn hat, können wir mit uns selbst besser mitfühlen. Mitgefühl macht die Wut kleiner.
Eines der besten Mittel, mit Wut umzugehen, ist nicht, sie rauszulassen, sondern sie zu verdauen, also sie zu transformieren. Wenn ich lange genug versuche, ein Gefühl genau zu beschreiben, kann ich manchmal feststellen, wie es zurückgeht. So auch mit der Wut: Nicht weglaufen, nicht abreagieren, nicht loswerden ist die Lösung, auch wenn wir noch so geneigt sind, so zu reagieren. Bleiben und etwas daraus machen, z.B. die Wut in gute Tatkraft oder in ein gutes Gespräch umzuwandeln, ist oft die bessere Lösung. Wut ist eine ungeheure Kraft. Sie zu nutzen, kann ein Segen sein.
Oft haben wir in Beziehungen auch das Gefühl, wir müssten uns ducken und anpassen, wir müssten mitmachen oder uns schon wieder entschuldigen und rechtfertigen. Wir sind überangepasst und unterwürfig, solange, bis die Wut hochkocht. Die „Mit-mir-nicht!-Wut“ oder die „Ich-kann-auch-ganz-anders!-Wut“ kann besonders verheerend sein und mitunter den Arbeitsplatz oder die Freundschaft kosten. Wut auf andere schadet am Ende mir selbst, wenn ich nicht darauf achte, wie ich mit der Wut umgehe.
Manchmal sind wir in Abhängigkeiten gezwungen, uns zurückzunehmen, ja manchmal sogar bis zu einem gewissen Grad uns zu unterwerfen. Wir müssen uns dann innerlich vertrösten und sagen: „Später mache ich es anders. Später arbeite ich an der Veränderung (dieser Schule, dieser Institution, dieses Arbeitsplatzes) mit.“ Den Missstand wahrnehmen und Pläne für die Zukunft schmieden ist manchmal mit die einzige Möglichkeit, eine starke Abhängigkeit auszuhalten.
Eine Institution kann sehr oft nicht dem Einzelnen gerecht werden. Wenn wir uns verdeutlichen, dass dies auch ein bisschen in der Natur der Sache liegt, können wir uns auch entspannen. In jedem Verein gibt es genug Grund zum Verzweifeln. „Die Meute ist schlecht“, könnte man sagen, doch jede Gruppe besteht aus einzelnen Menschen. Hier können wir uns an die Menschen halten, die mit uns sind.
Was hilft?
Die Arbeit an der Wut dauert lange. Geht es uns körperlich und seelisch gut, werden wir nicht so leicht wütend. Gut für uns zu sorgen, ist ein wichtiger Schritt bei der Arbeit an der Wut. Wenn es uns körperlich oder seelisch nicht gut geht, können wir versuchen, rücksichtsvoll mit uns selbst umzugehen. Wut kann durch falsche Annahmen entstehen: „Der will nur Macht ausüben, der will mich fertig machen, dem geht’s viel besser als mir …“ Daher hilft es, die Realität zu überprüfen und den anderen zu fragen, was er wirklich meint und will.
Zen-Meister Muho rät, bei akuter Wut die Hände vor der Brust zusammenzulegen: Youtube. Ich selbst habe bisher immer die Arme fest nach unten gestreckt und dabei die Fäuste geballt.
Manchmal werden wir wütend bei der Vorstellung, dass es uns doch besser gehen könnte. Der Kampf um unser gutes Selbstwertgefühl ist ebenfalls eine gefährliche Stelle. Wir versuchen uns zu loben, das Gute in uns zu sehen und Schuldgefühle von uns zu weisen. Dann werden wir jedoch sehr verwundbar. Wenn wir uns selbst so gut wie möglich erkennen und wenn wir besonders unsere Schwächen erkennen und ertragen, sind wir nicht mehr so leicht kränkbar und daher auch seltener wütend.
Das Bild vom anderen infrage stellen
Wer mit unbeherrschten Eltern groß wurde, trägt diese auch als demütigende und nicht-gewährende „inneren Objekte“ mit sich herum. Leicht sieht man im anderen denjenigen, der einen herabsetzen, entwürdigen, demütigen oder auch festhalten oder niederdrücken will. Unser Bild ist dann völlig eingetrübt – wir können den anderen dann nur noch so sehen, wie wir es gewohnt sind, ihn zu sehen. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir eine „Übertragungsbrille“ auf der Nase haben und wenn wir versuchen, die Wirklichkeit zu erkennen, wird es uns meistens ebenfalls besser gehen.
„Am Ende steht ja eh die Strafe“, denken wir. Was, wenn es anders wäre? Es könnte auch so sein: „Am Ende steht das Verstehen.“
In Rechtsstreitereien sehen wir den anderen oft automatisch als „Feind“. Dabei leidet er vielleicht unter einer ebenso großen Angst wie ich selbst und wird dadurch geleitet. Wir können oft nicht genau einschätzen, was im anderen vorgeht, aber es ist wichtig zu erkennen oder es wenigstens zu erahnen, was in uns selbst vorgeht.
„Wenn ich richtig wütend bin, ist mir alles egal!“
Wenn wir psychisch mehr aufgeladen bekommen, als wir verarbeiten können, reagieren wir manchmal mit einem Gefühl der Betäubung. „Alles ist mir egal“, denken wir. Wenn wir eine schlimme Nachricht erhalten, sagen wir uns vielleicht erstmal: „Ich werde das gut überleben.“ Wir funktionieren wie automatisch und haben scheinbar keine Emotion. „Das muss ich jetzt mit Vorsicht genießen – da kommt noch was“, denken wir und merken dann, wie die Wut anrollt. Sobald die „Betäubung“ aufhört, kommt es häufig zu überwältigenden Gefühlen und überschießenden Reaktionen.
Ob man etwas gegen diesen Mechanismus tun kann, ist die Frage. Der Psychoanalytiker Robert Langs (1928-2014) beschreibt dies als einen zu erwartenden Ablauf: Das emotionale System schaltet sozusagen ab und meldet sich später mit einem „Rebound“ wieder: „The patient’s output may be directed to a … shut-down of derivative expressions with a later rebound, as a rule, into strong derivative expression.“ Science, Systems and Psychoanalysis, Karnac Books 1992, S. 167
Wenn wir über diesen Ablauf Bescheid wissen, können wir sorgsam darauf achten, was passiert, wenn dieser gleichgültige Zustand eintritt. Sich gut kennenzulernen und zu beobachten, ist vielleicht das Einzige, was einem übrig bleibt, aber das kann eine ganze Menge sein.
Inneren Raum schaffen
Wer wütend ist, verlässt den Raum. Es kann helfen, sich auf seinen inneren Raum zu besinnen. Wir können unseren inneren Raum entdecken, pflegen und weiten. In diesem inneren Raum können wir nachdenken, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten und frei atmen. Manchmal fühlen wir uns so verstrickt und eingebunden, dass wir das Gefühl haben, unser innerer Raum ist auf einen schmalsten Spalt zusammengeschrumpft.
Dann kann es helfen, sich zu fragen, ob man gerade von irgendetwas oder irgendjemandem in seinen Bann gezogen wurde – vielleicht von den eigenen Vorstellungen, von Zeitknappheit, von zu hohem Kraftaufwand, von Schlafmangel, von Bewegungsmangel oder von einem anderen, der uns tatsächlich keinen Raum lässt. Du kannst üben, dies alles zu beobachten und bewusst zu durchleben. Auch dadurch schaffst du dir einen inneren Raum.
Gerade das, was wir in der Enge, in der Wut erleben, können wir zur Umwandlung nutzen. Die Wut enthält so viel Energie, dass wir mit dieser Energie viel Produktives machen können.
Wenn unser Kind von anderen Kindern geschlagen wird, regt uns das auf und es tut uns selbst weh. Aber es ist relativ „leicht“: Der andere ist Schuld und unser Kind erhält Mitleid. Unsere „Spiegelneurone“ gehen sozusagen an, wir sind empathisch mit dem Kind. Was wir nicht haben müssen: Schuldgefühle. Schwieriger wird es, wenn unser Kind andere Kinder schlägt. Dann fühlen wir ganz anders. Wir sind vollkommen ratlos. Wir fühlen uns schuldig. Wir werden selbst laut mit dem Kind, ziehen es ruppig am Arm und sagen: „Das macht man nicht.“
Ähnlich verhält es sich, wenn wir selbst Eltern werden. Wer selbst als Kind von den Eltern misshandelt wurde, ist Opfer, erhält Mitleid und Trost. Aber was, wenn ich selbst mein Kind angeschrien, gar geschlagen habe? Wieviele Eltern mag es geben, die von ihren eigenen Taten traumatisiert sind? Wievielen Vätern und Müttern läuft es ein Leben lang nach, wie sie ihr Kind einst anschrieben, schlugen oder ihm sonst etwas antaten?
Das Buch „Frankenstein“ beschreibt wunderbar, wie schwer es ist, mit der eigenen Schuld zu leben.
Wir werden aggressiv und gewalttätig, wenn wir uns in die Enge getrieben fühlen. Wenn wir Angst haben. Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Wenn wir auf unserem Weg nicht weiterkommen und sich uns immer wieder jemand oder etwas dazwischen stellt Wenn wir beleidigt werden, wenn wir nicht beachtet werden, wenn wir ausgeschlossen sind. Wir werden unter Umständen auch brutal, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, wenn uns ein anderer großes Leid zufügt oder noch schlimmer: unseren Liebsten. Vor allem werden wir dann brutal, wenn uns Worte fehlen und wenn wir keine Möglichkeit haben, eine Erklärung für das Handeln des anderen zu finden.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – doch der Elefant in uns kann stärker sein
Wenn wir selbst Opfer von Brutalität waren, dann erwarten wir rasch wieder Brutalität von anderen. Das Merkwürdige ist aber: Das Opfer erwartet immer weiter, dass der andere ihm Gewalt antut. Auch, wenn der andere weit entfernt davon ist, ihn anzugreifen. Das ist zum Einen ein Schutzmechanismus: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Aber irgendwie ist da auch eine Erwartung, dass Dasselbe wieder passiert, weil danach eine Art Beruhigung eintritt. Wer gerade Gewalt erlebt hat, kann sich oft erst einmal für einige Momente der Ruhe gewiss sein.
Vielleicht sind Gewalterfahrungen genauso in unserem Instinkt verankert, wie das Futtersuchen und Schlafenwollen auch. Vielleicht haben wir auch von Gewalt eine „Präkonzeption“. Gebranntes Kind sucht das Feuer. Es meldet sich der Destruktionstrieb, der Todestrieb. Wir spüren vielleicht unseren Drang zur Gewalt, wenden es aber um und sagen: „Ich erwarte die Gewalt von anderen.“
Sanftmut als Abwehr
Es kann sein, dass wir uns nach eigenen Gewalterfahrungen zu „sanften Schäfchen“ entwickeln. Und doch werden wir unter Umständen von Gewaltphantasien gequält – entweder tun wir in der Phantasie anderen Menschen gewaltsame Dinge an, oder wir stellen uns vor, selbst erneut gequält zu werden. Gewalt kann erlebt werden wie ein reinigendes Gewitter, wie ein wohltuender Vulkanausbruch, wie eine sexuelle Befriedigung. Gewalttätig zu sein kann Lust machen. Doch in der Regel ist es uns verboten, so zu denken oder so etwas zuzugeben. In unserer Gesellschaft wollen und müssen wir ständig auf Gewalt verzichten.
Was machen die „Spiegelneurone“ bei Gewalt?
Wenn ein anderer Schmerz empfindet und leidet, dann kann ich mitfühlen. Aber was, wenn wir wütend werden? Bei Wut ist die Empathie häufig reduziert, oft nahezu ausgeschaltet. Wenn wir wütend sind, ist uns egal, was der andere fühlt oder noch besser gesagt: Es tut uns gut, wenn es dem anderen weh tut. Der andere spürt dann den Schmerz, den wir selbst empfunden haben. Das befriedigt uns. Wir können dann den anderen leiden sehen und sind selbst nicht mehr die Leidenden.
Wenn ein anderer gewalttätig auf uns zu kommt, spüren wir in der Regel Angst und wollen weglaufen. Häufig verstehen wir nicht, warum der andere so wütend ist. Wenn uns jemand wütend begegnet, dann richten wir unsere Stacheln auf und sind auf „Gegenwehr“ gepolt.
Wieder anders ist es, wenn wir von außen einen wütenden Menschen beobachten. Wenn wir die Vorgeschichte kennen, dann können wir mitfühlen. Wir kommen vielleicht selbst in Rage, fühlen die Rachlust und rufen dem Angreifer zu: „Gib’s ihm!“ Es ist also ein großer Unterschied, ob wir dem Gewaltbereiten gegenüberstehen oder ob wir als Dritter von außen zugucken. Wichtig ist es für uns immer, zu wissen, wer der „Gute“ und wer der „Böse“ ist. Sobald wir uns verwirrt fühlen, fühlen wir uns höchst unwohl.
Manchmal fühlen wir uns aggressiv, brutal und gewalttätig, obwohl wir das gar nicht wollen. Wir wehren es vielleicht ab, indem wir davon ausgehen, dass der andere uns angreifen will. Manchmal bleibt uns aber nichts anderes übrig, als unsere Wut zu spüren. Manchmal finden wir Erklärungen, die uns verstehen lassen, warum der andere so oder so gehandelt hat. Dann wir unsere Wut kleiner. Manchmal aber stehen wir ganz alleine und ratlos da mit unserem mächtigen Gefühl. Das ist oft sehr schwer auszuhalten.
Schmerz erzeugt Mitleid. Wut erzeugt Wut
Wenn wir uns in unserer Wut jemandem anvertrauen, tun wir das oft in einer wütenden Art. Der andere sieht uns dann meistens verständnislos an. „Ist doch nicht so schlimm“, könnte der andere sagen. Und damit unsere Wut verschlimmern. Erst, wenn wir unter unserer eigenen Wut zusammenbrechen und darüber weinen, dass es so ist, wie es ist, kann uns ein anderer wieder beistehen.
Die Gewalt, die uns selbst widerfuhr, kann wie ein Stempel in uns sein. Dann ist es besonders schwer, mit eigenen gewaltsamen Regungen umzugehen, weil wir doch nie so sein wollten. Wir wollen die Gewalt raushalten aus uns selbst.
Versöhnung ist nur nach ausreichendem Trost möglich
Ehemalige Opfer sind auch nur Menschen. Wem es gut geht, wer satt und warm ist – emotional wie körperlich -, der kann sich oft innerlich versöhnen mit der Person, die ihm das Leid angetan hat. Wem es gut geht, der wird von selbst nicht „einfach so“ aggressiv oder gewalttätig. Gewalt hat immer einen Grund. Meistens stecken Angst und Hilflosigkeit dahinter. Der Gewalttätige braucht Hilfe, doch das Dilemma ist, dass wir dem Gewalttätigen so ungern helfen möchten. Vielleicht, weil wir da doch Angst haben, „angesteckt“ zu werden. Vielleicht, weil wir da doch auch irgendwie das eigene gewaltsame Potenzial spüren. Es schreckt uns ab, es ekelt uns. Es ist uns unheimlich. Es erinnert uns an eigene erlittene Angriffe. Es macht uns wütend.
Manchmal hilft einfach nur, diesem schrecklichen Gefühl der inneren Wut und Brutalität nachzugehen und sich erlauben, es zu spüren, ohne zu handeln. Das fühlt sich dann manchmal an, als wolle man zerbersten. Wir wollen allein sein damit. Der andere hält Abstand. Doch was wir dann auch spüren, ist unser Schmerz. Der eigene Schmerz. Und dieser wiederum ist uns oder wird uns irgendwann vielleicht zugänglich. Mit dem Schmerz wiederum können wir uns zeigen. Andere können uns dann helfen.
Wohin mit der Wut auf früher?
Ich denke, ich weiß, warum mir gerade wieder so übel ist, dass ich die Arbeit unterbrechen muss. Ich denke, ich weiß, warum ich gerade wieder kaum Luft bekomme und mich verloren fühle. Warum ich gerade nicht weinen kann, obwohl ein schreckliches Weingefühl in mir mich zwingen will. Warum ich so langsam vorwärts komme. Warum mir, was für andere selbstverständlich ist, so unglaublich schwer fällt. Warum ich ohne Familie bin, in entsetzliche Stille gehüllt. Wo wart ihr mit euren klugen Sprüchen, ihr Psychologen, Ärzte, ihr Missbrauchsschützer, ihr Polizisten, Richter, Jugendhelfer und Schulprojektleiter? Ich bin wütend auf euch, dass ihr alle nicht da wart.
Ich bin wütend auf die, die mir all das angetan haben. Wütend auf die, die mir das Leben versalzen, die Berührung unmöglich gemacht haben. Ich bin wütend auf die, denen es gut geht und die völlig ahnungslos sind.
„Uns geht es so gut in Deutschland, doch wir sind immer nur am Jammern“, höre ich. Wieder hat da jemand keine Ahnung. Wie ich manchmal jeden Tag um’s nackte Überleben kämpfe. Wieder steigt in mir der Groll auf. Um mich herum wird gefeiert: Hochzeiten, Taufen, bestandene Prüfungen. Die Familien unter sich. Mein Herz rast. Es ist verletzt und ich kann es nicht steuern. Es wird vielleicht früher sterben als andere, wer weiß. Und jedem, dem ich begegne, möchte ich zurufen: „Hast Du eine Ahnung? Weißt Du, wie lange all das dauern kann? Bist Du zufrieden mit Deinem schönen Leben?“ Es kommt der Hass. Und nichts kann ihn bändigen. Außer manchmal eine heiße Tasse Kakao. „Komm runter“, denke ich mir, „Du kannst es eh nicht ändern.“ „Doch wohin soll ich gehen?“, fragt mich meine Wut. Sie lässt ein bisschen ab von mir. „Ja, wohin sollen wir gehen?“, frage ich.
In mir ist etwas, das nicht zerstört wurde – etwas, das mich zum Guten führt. Es ist schwer, die anderen loszulassen und sich selbst auf den Weg zur Geburt zu machen.
Irrationale Wut hat ihren Grund
„Über Wut soll man sprechen“, heißt es so schön. Doch wie soll man darüber sprechen, wenn man wütend ist, dass der andere ein eigenes Leben hat? Wenn es einen wütend macht, dass man sich abhängig fühlt? Wenn es einen wütend macht, dass der andere Haus und Garten hat, während man selbst in einer kleinen Bude hockt? „Über diese irrationalen Wutgefühle zu sprechen, ergibt doch keinen Sinn, oder?“, fragt man sich. Doch! Alleine darüber zu sprechen kann entlasten, wenn der andere zuhört.
„Ich leide unter chronischem Ärger“, sagt ein Patient. „Ich bin in einer gewaltsamen Familie groß geworden und merke, wie mich meine Vergangenheit daran hindert, beruflich und privat vorwärtszukommen.“ Was tun bei einer solchen Verzweiflung und chronischen Wut? „Alle anderen kommen mir glücklicher vor, allen anderen scheint es besser zu gehen“, sagt der Patient.
Es ist alles so lange her
Ja, es gibt chronische Ärgerzustände im Leben, die sich durch kaum etwas lindern zu lassen scheinen. Doch man spürt vielleicht auch, dass diese Zustände wie Wellen stärker werden und sich wieder abschwächen. Chronische Wut aufgrund von furchtbaren Kindheiten ist meistens ein Lebensthema, das man auch zur Lebensmeditation werden lassen kann. Man kann darüber schreiben, man kann sie in Kunst gießen, sich einem Leistungssport oder anderem Projekt widmen.
Wichtig zu spüren ist, dass dieser chronische Ärger oft verbunden ist mit einem Gefühl von Neid und dass diese Gefühle das Zusammenleben mit anderen erschweren können. Auch wenn die Wut und der Neid noch so „irrational“ erscheint, können wir vielleicht darüber sprechen. Und manchmal merken wir, dass hinter so mancher „irrationaler Wut“ auch etwas Konkretes steckt – vielleicht haben wir uns tatsächlich über etwas Nachvollziehbares geärgert, trauten uns aber nicht, es in diesem Moment anzusprechen. Dann kann sich irrationale Wut darüberlegen und verstärken.
„Ich hatte mich gestern darüber geärgert, dass Du mir nicht zugehört hast“, können wir vielleicht sagen. Wenn der andere es aufnehmen kann, merken wir vielleicht, wie sich auch andere schlechte Gefühle abschwächen – vielleicht nimmt der Neid ab oder wir bemerken auf einmal auch die schönen Seiten unserer Studentenbude.
In Wirklichkeit ist es nicht „irrational“
Mit der „irrationalen Wut“ ist es wie mit der „irrationalen Angst“ – sie hat ursprünglich einen festen Grund. Wer eine Spinnenphobie entwickelt hat, der kann von ihr befreit werden, wenn die „wahre Angst“ dahinter erkannt wird. Wer Angst hat, gleich zu sterben, der erfährt vielleicht irgendwann im Leben, dass er als Baby oder Kleinkind fast gestorben wäre und sich heute daran „erinnert“, wenn er in bestimmte Körperzustände gerät.
Die sogenannte „irrationale Angst“ lässt sich zurückführen auf „innere Gefahren“, die genauso ernstzunehmen sind wie „äußere Gefahren“. Diese „inneren Gefahren“ gehen oft zurück auf unbewusste Phantasien, die sich aus real Erlebtem gebildet haben können.
Auch die ursprüngliche Wut des Patienten ist berechtigt. Sie läuft heute oft ins Leere, weil er mit den Eltern nicht mehr sprechen kann oder weil die früheren Täter nicht bestraft wurden. Aber sie bindet sich manchmal auch an andere, aktuelle Gründe zum Wütendsein. Nur verdrängt man möglicherweise den aktuellen, realen Grund und findet sich in der alten Wut-Schlaufe wieder. Woher die aktuelle Wut auch immer kommen mag: Es lohnt sich, darüber nachzudenken und darüber zu sprechen.
Meditation: Unterdrückte Wut in Abhängigkeit
Wir können ja mal über eine sehr schwierige, komplexe Emotion meditieren: Wie fühlt es sich an, wenn man wütend ist, aber diese Wut nicht zeigen kann, weil man abhängig ist? Wie fühlte es sich als Kind an, wenn wir wütend auf Vater oder Mutter waren, sie uns aber mit Schweigen oder Drohungen gegenübertraten? Dann kam etwas Masochistisches in Gang: Wie stellten uns „lieb“, baten um Vergebung.
Was passiert mit unserem Hals? Spüren wir, wie wir da etwas herunterdrücken? Wie die Atmung abflacht? Wir heuchelten und taten alles, Hauptsache, der „gute Kontakt“ war wiederhergestellt. Wann fühlen wir uns heute so? Wenn Chefs zum Gespräch bitten? Wenn der Partner „beleidigt“ ist? wenn wir kurz vor dem Examen stehen?
Wohl jeder kennt dieses Gefühl der geschluckten Wut, weil man abhängig ist. Es gibt Lebenssituationen, in denen es nicht anders geht. Wichtig aber ist, dass wir es wahrnehmen.
In wirklich guten Beziehungen kann man anfangen, zu sprechen. Der Druck im Hals lässt nach. Vielleicht muss man weinen. Aber wir müssen nicht mehr „heucheln“, sondern können uns selbst ernst nehmen und unserer Wut Ausdruck verleihen. Darüber zu sprechen kann unglaublich gut wirken. Wenn wir sprechen, dann „verdauen“ wir die Wut. Der andere versteht. Das Sprechen ermöglicht es uns, wütend zu sein, ohne uns oder dem anderen zu schaden.
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Links:
Muho und Dunja im Gespräch:
Umgang mit Ärger & Wut: Wie lerne ich innezuhalten ohne gleich loszupoltern?
Youtube
Philosophie am Montag:
Seneca: „Über die Wut“
youtu.be/D-UCr-GstzE
Nussbaum, Martha C (2016):
Anger and Forgiveness: Resentment, Generosity, Justice
Oxford University Press
global.oup.com/…
Meshkat D et al. (2010):
Ärgerattacken bei Depressionen: Geschlechtsspezifische Aspekte
Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2010; 11 (3): 22-25
www.kup.at/journals/summary/9155.html
Beitrag vom 21.1.2026 (begonnen am 28.8.2018)
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One thought on “Mit Wut und Ärger umgehen lernen”
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01.09.2018
Ein Gedanke an diesem Wochenende, an dem Nachrichten über die rechtsradikalen chemnitzer Demonstrationen die Medien dominiert:
Auch bei der kollektiv geäußerten (destruktiven) Wut und dem Nach-außen-projizieren der vermeintlichen Schuld dafür geht es m. E. immer (auch) um die inneren Bedingungen der vielen EINZELNEN, also deren individuelle angstbesetzte Phantasien, entbehrungsreiche Erfahrungen, usw..
Aber: Das Nur-heraus-schreien der Wut/Empörung/Not ändert nichts, sondern hält IN JEDEM die starken negativen Gefühle nur aufrecht!
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