Psychoanalyse: Warum folgt auf die gute Stunde so oft eine schlechte Stunde?

„Letzte Stunde war so schön! Ich habe so viel über mich gelernt, ich habe mich so gut aufgehoben gefühlt!“, sagt die junge Studentin. „Aber weißt Du was?“, fragt sie und beginnt fast zu weinen: „Ich kann das Gute irgendwie nicht aufrecht erhalten. Ich weiß schon zu 100%, dass die nächste Stunde nicht gut wird, egal wie sehr ich mir eine gute Stunde wünsche. Immer kommt nach der guten Stunde eine schlechte.“ Dieses Phänomen kennst du aus deiner Psychotherapie oder Lehranalyse vielleicht auch.
In unserem Beispiel setzt die Patientin zwei verschiedene Dinge gleich, die sich jedoch natürlich vermischen. Sie sagt, sie könne „das Gute nicht halten“ und sie sagt, sie wünsche sich in der nächsten Stunde wieder eine gute Stunde. Das sind verschiedene Dinge, die sich aber natürlich gegenseitig bedingen.
Innerlich „das Gute zu halten“ ist wirklich oft schwierig und gerade wenn du eine sehr schwere Kindheit hattest, rechnest du immer mit dem Schlimmsten. Es fällt dir vielleicht schwer, das Bild des Analytikers in dir als ein Gutes zu bewahren. Kaum ist der Analytiker abwesend, kommen die Ängste: Ist er nicht doch böse? Will er mich verführen oder ausnutzen? Tut er mir gut? Sobald du deinen Therapeuten wieder „in echt“ siehst, kann sich der Spuk auflösen und du nimmst ihn wieder realistischer oder als gut wahr – von weiteren möglicherweise negativen Übertragungen in der Stunde einmal abgesehen …
„Nochmal, nochmal!“ Das Gute nicht erzwingen wollen
Etwas anderes ist es aber, wenn du unbedingt möchtest, dass die nächste Stunde wieder „gut“ wird. Der, der im Geiste „schlecht“ ist (der Analytiker, die Mutter), soll unbedingt gut bleiben oder wieder gut werden. Doch die Psychoanalyse besteht aus Begegnungen und hier lässt sich nichts erzwingen. Du erlebst vielleicht dasselbe wie damals, wenn du nach Hause kamst: Du wusstest nicht, was du vorfinden würdest. Wir wissen jedoch auch nicht, wie wir selbst körperlich und psychisch beim nächsten Termin drauf sein werden. Wir wissen es auch nicht vom Psychoanalytiker. Wir wissen nicht, was uns einfallen wird und wie sich die Stunde gestalten wird.
Offen für dieses Ungewisse zu sein, fällt dir vielleicht besonders schwer, wenn du zumeist unsichere Bindungen erlebt hast. Die Crux ist nun: Wenn du unbedingt eine gute Stunde herbeiführen willst, steigt die Chance, dass sie missrät, denn gerade die gute Begegnung kommt ohne Zwang und Druck zustande. Wenn ich bewusst jetzt Verdauung haben will, kommt sie nicht.
Die Angst mitnehmen
Die Lösung kann manchmal darin bestehen, die Angst wahrzunehmen, die hinter dem ungeheuren Wunsch steckt, die nächste Stunde müsse so gut werden wie die letzte. Es ist die Angst, ausgeliefert zu sein und nichts steuern zu können. Vielleicht befindest du dich in einer permanenten Mangelsituation, in der es dich nach einer guten Bindung, Beziehung und Begegnung dürstet. Der Wunsch, dass es gut werden soll, kann sich ins Unermessliche steigern. Doch wenn wir das wahrnehmen, können wir manchmal etwas Abstand davon gewinnen. Die schönsten Momente unseres Lebens sind oft Überraschungsmomente.
Wir können allerdings die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die nächste Stunde wieder gut wird, z.B. indem wir für ausreichend Schlaf sorgen und uns darum bemühen, unser körperliches Wohlbefinden so gut wie möglich zu erhalten. Wir können dafür sorgen, dass wir möglichst pünktlich ankommen und so ehrlich wie möglich sind. Wir können vor der Stunde einen leckeren Tee trinken. Alles, was die Zufriedenheit fördert und Druck und Zwang aus der Sache nimmt, kann die „gute Stunde“ leichter ermöglichen.
Sternstunden
Das Problem ist, dass es uns oft so schlecht geht, dass wir noch nicht einmal guten Willens sind und am liebsten alles zerstören möchten. Wenn wir aber auch das als Chance begreifen, diese Zustände zu erleben und sie in der Analysestunde gemeinsam zu bearbeiten, dann können aus den scheinbar „schlechtesten Voraussetzungen“ die schönsten Momente entstehen. Wenn wir uns in unserer Aggression, Rachsucht, in unserer Qual und dem Elend plötzlich verstanden fühlen, dann ist solch ein schöner Moment wieder zustande gekommen. Aber wir wissen nie, ob es sich so ergibt oder nicht. Wenn wir innerlich offen bleiben für die gesamte Gefühlswelt, dann können wir Ehrlichkeit erleben und allein diese „gefühlte Wahrheit“ kann zu der Befriedigung führen, nach der wir uns sehnen.
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Beitrag vom 14.1.2026 (angefangen am 5.8.2018)


