Wahn und Halluzination – wie kommt man raus? Auch die negative Halluzination kann schlimm sein

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Bei einem Wahn hat man überstarke Phantasien, Sinneseindrücke und Gedanken, die scheinbar weit entfernt von der äußeren Realität sind. Man kann sich zum Beispiel verfolgt fühlen (Verfolgungswahn), großartig fühlen (Größenwahn) oder man ist überzeugt, an einer bestimmten Erkrankung erkrankt zu sein (hypochondrischer Wahn). Es ist nicht immer leicht zu sagen, ab wann eine Vorstellung ein Wahn ist. Manchen Menschen wirft man „Wahn“ vor und stellt hinterher fest, dass ihr Gefühl, ihre Erinnerung oder Vermutung richtig war. Bei anderen Menschen denkt man, es ist „normal“, was sie fühlen, denken und sagen, doch dann stellt sich heraus, dass es ein Wahn ist.

„… wenn sich das Ich von der Realität der Aussenwelt ablöst, verfällt es unter dem Einfluss der Innenwelt in die Psychose.“ Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse, Gesammelte Werke, Band 17, Kapitel 6, S. 98.

Das Wahnsystem stabilisiert den Wahn

Bei wahnhaften Vorstellungen baut man sich meistens ein ganzes Gerüst in der Phantasie auf, in das der Wahn hinein passt (Wahnsystem). Beispiel: Jemand glaubt, er hat Magenkrebs. Dann sammelt er alle möglichen „Beweise“ für seine Erkrankung. Das gesamte Gedankengebäude um den Wahn herum ist das „Wahnsystem“. Solche Wahnsysteme finden sich natürlich nicht nur beim Einzelnen, sondern auch in Gruppen und in der Gesellschaft (z.B. Holocaust). Der Wahn ist oft schwer aufzulösen, weil er eine feste Überzeugung ist.

Wahn = englisch: Delusion, französisch: le délire psychotique

Den Wahn wie einen Traum zu verstehen und innlerlich zu deuten, kann helfen.

„… aber man darf die Liebe als Heilpotenz gegen den Wahn nicht verachten …“ Sigmund Freud: Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva

Wir alle kennen unsere kleinen Wahnüberzeugungen, die wir selbst sogar als solche erkennen und gegen die wir trotzdem nicht ankommen. Kein „Sieh-doch-mal!“, keine noch so vernünftige Argumentation kann uns erreichen, wenn wir von unserem persönlichen Bild in einer Sache überzeugt sind. Wir meinen dann, Recht zu haben und glauben, die anderen sähen einfach nur nicht, wie es „wirklich“ ist. Im psychotischen Wahn ist diese Unverrückbarkeit noch viel extremer. Der Wahn ist stärker als die Realität. Da helfen möglicherweise jedoch gemeinsames Phantasieren, emotionale Berührung und das Spiel. Der Wahn ist eine Art „vierter Raum“, den es zu verstehen gilt.

Die Psychoanalytikerin Elisabeth Aebi Schneider schreibt: „‚Délirer‘ heißt eigentlich ‚Wahnen‘ und beschreibt den Vorgang der Schaffung, Entwicklung, Aufrechterhaltung und Unterbringung eines Wahngeschehens, der in einem Raum stattfindet, der weder innen noch außen noch im Übergang anzusiedeln, sondern der ein ganz spezifischer ist. Diesem vierten Raum entspricht eine vierte, paradoxale Realität, die unzerstörbar ist und von Racamier sehr poetisch beschrieben, fast schon besungen wird. Die faktische Realität, die so oft angeführt wird, kommt nicht gegen sie an. Wenn etwas den Kampf gegen die Wahnrealität aufnehmen kann, dann ist es am ehesten das Spielen im Winnicottschen Sinn.
Elisabeth Aebi Schneider: Redaktionelles Vorwort. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXXI, 2016, 3/4, S. 287

Negative Halluzination: Wo etwas ist, wird nichts gesehen

Bei einer Halluzination sieht oder hört man etwas, was nicht da ist (visuelle oder auditive/akustische Halluzination). Bei einer Halluzination sehe ich also weiße Mäuse. Bei einer „negativen Halluzination“ phantasiert man ein Nichts an der Stelle, wo eigentlich etwas ist. Die demente Oma ist überzeugt davon, dass die Tochter nicht da ist, obwohl sie neben ihr steht. Jemand ist überzeugt, ganz allein zu sein, obwohl nahestehende Personen bei ihm sind.

Schon Sigmund Freud beschrieb den Begriff der negativen Halluzination. Unter Hypnose ist es möglich, Menschen dazu zu bringen, dass sie Dinge nicht sehen, die eigentlich da sind.

Doch es kann auch weniger konkret sein: Das kleine Kind erwartet die Mutter und ist überzeugt davon, dass sie nicht kommt, weil sie vielleicht schon öfter viel zu spät oder gar nicht gekommen ist. Das Baby hat Hunger und „spürt“ die fehlende Brust, weil die Mutter zu lange auf sich warten lässt. Ist die Mutter dann endlich da, dann braucht das Baby eine Weile, um ihre Anwesenheit zu registrieren.

Verarmungswahn kann auch eine Art „negative Halluzination“ sein – ebenso wie das Gefühl, „ganz allein“ auf dieser Welt zu sein.

Auch als Erwachsene kennen wir die „negative Halluzination“: Wir liegen im Bett und spüren vielleicht zunächst den fehlenden Partner, obwohl der da ist. Wenn er nicht da ist, spüren wir seine Abwesenheit schmerzlich. Dieses Grundgefühl des „Fehlens“ kann sich in Leere und Langeweile äußern (Hartocollis, 1977). Darunter leiden besonders solche Menschen, die schon früh die Abwesenheit der Mutter oder des Vaters ertragen mussten.

Verfolgungswahn – wenn einem was „nachläuft“

Eine Art von „Verfolgungswahn“ kennen wir wahrscheinlich alle: Wir haben etwas Verdorbenes gegessen und das „rennt uns immer noch nach“. Die Bilder, den Geschmack und den Geruch des Essens können wir nicht vergessen. Wenn wir nur dran denken, könnten wir k…. Hier können wir gut erkennen, wie wir durch etwas „verfolgt“ werden, was wir in uns aufgenommen haben. Beim Verfolgungswahn ist es ähnlich: Das, wovon sich der Mensch in der Psychose verfolgt fühlt, ist häufig schon „in ihm drin“.

Verfolgungswahn kann aus vielen Gründen heraus entstehen. Menschen mit einer Psychose fühlen sich oft verfolgt, z.B. von Stimmen oder von anderen Menschen. Sie haben das Gefühl, die Blicke der anderen lasteten nur auf ihnen. Da ist sozusagen etwas überdimensioniert. Beim Verfolgungswahn scheint etwas von außen zu kommen, was eigentlich innerlich stattfindet. Es ist wichtig, die persönliche Bedeutung herauszufinden.

Über die Projektion kann auch bei „Gesunden“ das Gefühl entstehen, auf eine gewisse Art verfolgt zu werden. Beispielsweise haben aggressionsgehemmte Menschen oft das Gefühl, andere seien „böse“ oder „sauer“. Oft sehen sie in den anderen die Wut, die sie selbst jedoch nicht spüren. Manchmal „machen“ sie den anderen auch wütend (via Projektive Identifikation), das heißt, der andere reagiert tatsächlich wütend.

Nicht zu vergessen beim Verfolgungswahn ist der Körper. Körperhaltungen, die eingenommen wurden, als man Traumatisches erfuhr, können wirken wie ein Trigger. Wenn ich weglaufe, atme ich schnell. Eine schnelle Atmung kann das Gefühl von Verfolgtwerden verstärken.

Aggressionen wiegen schwer

Wird die eigene Wut nicht gespürt, finden wir sie oft in den anderen Menschen wieder. Dadurch entsteht zum Einen das Gefühl von Schwäche (weil man ja etwas von sich weggegeben und in einen anderen „hineingelegt“ hat) und zum Anderen das Gefühl von Angst, denn die Wut, die „beim anderen“ ist, könnte jederzeit zu einem zurückkehren, das heißt, es könnte jederzeit die eigene Wut auftauchen und gespürt werden. Das macht Angst.

Ganz schrecklich verfolgt fühlen sich Menschen oft auch von ihrem eigenen malignen Introjekt.

Psychotische Menschen malen oft Bilder, auf denen viele Augen zu sehen sind. Sie fühlen sich durch viele Blicke verfolgt (siehe auch: „The Bayesian Brain and Psychoanalytic Dimensions of Hyper-salience in Psychosis“ von Michael Garret et al. 2020, link.springer.com …). Über den Blick hat der Philosoph Jean-Paul Sartre viel geschrieben. Die Betroffenen hatten oft in ihrer Familie keinen Privatraum. Mutter und Vater haben „das Eigene“ ihres Kindes nicht akzeptiert. Häufig durfte der Betroffene nicht „die Tür zu machen“, also sich abgrenzen.

Die Mütter von Menschen mit Psychosen sagten häufig so etwas wie „Der liebe Gott sieht alles“ oder „Du bist für mich wie aus Glas“ (der Psychoanalytiker Harold Searles berichtet davon).

Telepathie?

Manche Menschen mit „Verfolgungswahn“ haben oft auch „telepathische Erlebnisse“. Paradoxerweise treten diese Erlebnisse nicht dann auf, wenn ein anderer Mensch sie versteht, sondern eben dann, wenn die Betroffenen sich permanent unverstanden fühlen. Dann beginnen sie in der Phantasie eine Nähe ohne Grenzen zum anderen herzustellen. Das Ziel ist es eigentlich, das Gefühl von Isolation zu überwinden, doch dies schlägt häufig um in das Gefühl, keine Grenze mehr zu haben und vom anderen verfolgt zu werden.

Kleine „Verfolgungswahne“ haben wir, wenn wir quasi narzisstisch träumen: Wenn wir tanzen oder ein Instrument gut spielen, stellen wir uns vor, wie der andere uns zusieht oder zuhört. Dann spüren wir mitunter eine große Nähe – wir sind fast ein bisschen überzeugt davon, dass der andere uns sehen oder hören kann. Auch hier spielt die Sehnsucht nach Kontakt und Bewundertwerden eine große Rolle.

Häufig aber ist der Verfolgungswahn (die Paranoia) mit sehr großer Angst verbunden. Die Betroffenen sind darauf angewiesen, die Erfahrung zu machen, dass sie ein abgegrenzter Mensch sind, der nicht verletzt wird. Überdies müssen sie oftmals sehr langsam lernen, ihr strenges „Über-Ich“ zu lockern, sodass sie ihre eigenen aggressiven Gefühle, aber auch Wünsche und Sehnsüchte wahrnehmen können. Hierzu ist oft eine jahrelange, hochfrequente Therapie notwendig, in der viel „richtiges“ Containment stattfindet.

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Links:

Garrett, M., Brereton, A., Forster, V. et al.(2020)
The Bayesian Brain and Psychoanalytic Dimensions of Hyper-salience in Psychosis
Current Behavioral Neuroscience Reports Volume 7, pages 158–164, (2020)
doi.org/10.1007/s40473-020-00211-8
link.springer.com/article/10.1007/s40473-020-00211-8
Personal meaning embedded in a delusion expressive of an individual’s life history may help explain the persistence of the ideational content of a delusion despite appropriate pharmacological treatment.“

Hartocollis, P. (1977)
Affects in borderline disorders.
In P. Hartocollis (Ed.): Borderline Personality Disorders. The Concept, the Syndrome, the Patient.
New York: International Universities Press, pp. 495-507, amazon

Beitrag vom 27.2.2026 (begonnen am 17.9.2016)

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