Das Ich und das Selbst aus psychoanalytischer Sicht: Heinz Hartmann prägte die „Ich-Psychologie“

Das „Ich“ ist sehr schwer zu definieren. Es gilt als eine Einheit der Persönlichkeit. Das Ich denkt, plant, fühlt und nimmt die Realität wahr. Es ist vorrangig bewusst, enthält aber auch unbewusste Anteile. Die steuernden Funktionen werden Ich-Funktionen genannt. Mithilfe des „Ichs“ regulieren wir unsere innere Gefühlswelt und die Beziehung zu anderen Menschen.

Sigmund Freud schrieb in „Das Ich und das Es“ (1923), Projekt Gutenberg und psychanalyse.lu/….pdf: „Das Ich ist zuallererst ein körperliches.“ Jeder von uns kennt das, wenn wir krank sind – schon eine Erkältung macht uns zu einem anderen Menschen und schränkt unseren Blick auf die Welt ein. Wir sind dann auf uns selbst zurückgeworfen.

Das Ich als Vermittler

Weiterhin hat Sigmund Freud das Modell von Es, Ich und Über-Ich entworfen. Das Ich vermittelt dabei zwischen „Es“ und „Über-Ich“. Ein unreifes Ich macht sich durch eine Ich-Schwäche oder einen Ich-Defekt bemerkbar. Wer unter einer Ich-Schwäche leidet, der braucht oft eine andere Person als so genanntes Hilfs-Ich. (Ich habe versucht, Sigmund Freuds „Strukturverhältnisse der seelischen Persönlichkeit“ nachzumalen. Quelle: „Neue Folge der Vorlesungen“, 1933. Im Original zu sehen z.B. auf Wikipedia).

Bewusstes Wahrnehmen, Unterscheiden, Erinnern, Denken und Steuerung der Triebe sind Ich-Funktionen. Das Ich denkt, plant und schaut voraus. Es „arbeitet“ nach dem Realitätsprinzip und vermittelt zwischen dem Gewissen (dem Über-Ich) und den Trieben (dem Es). Aus „Ich will Essen und zwar Jetzt!“ wird mithilfe des Ichs: „Ich habe zwar Hunger, aber ich kann noch etwas warten.“ Zu den Ich-Funktionen zählen auch die Abwehrmechanismen, die dazu da sind, Ängste zu reduzieren. Sind die Ich-Funktionen eingeschränkt, spricht man von einer Ich-Schwäche.

Kleinkinder entdecken ihr Ich

„Anna holt den Eimer“, sagt die knapp zweijährige Anna, wenn sie sich selbst meint. Es ist, als würde sie sich selbst von außen beobachten. „Ich hole den Eimer“, sagt sie mit zweieinhalb Jahren, wenn sie ein „abgeschlossener Mensch“ auf dem Weg zum Trockenwerden ist. Es ist auch das Alter, in dem sie eine innere Objektkonstanz von den Eltern entwickelt, das heißt, sie kann sich dann z.B. die Mutter weiterhin vorstellen, auch wenn sie nicht da ist.

Mit der inneren Objektwelt (also den Bildern von anderen Menschen in sich selbst) entwickelt sich auch das Bild von sich selbst sozusagen als eine Person, zu der man eine Beziehung hat: „Ich wasche mich“ = Ich steuere mich und wasche meinen Körper. Ich beobachte mich von innen her selbst bei dem, was ich tue. Es ist eine großer Schritt, wenn ein Kind das erste Mal „Ich“ sagt.

„Ich ist ein Widerstand“, hörte ich den Philosophen AlanWatts.com sagen. Wenn wir im Flow sind, bemerken wir unser Ich gar nicht. Wenn wir träumen, haben wir wie ein widerstandsloses Ich – ähnlich beschreibt es der Psychoanalytiker Paul Federn im Zusammenhang mit den „Ich-Grenzen“ im Schlaf. Wenn das Kind das erste Mal „Ich“ sagt, ist es im Alter des Widerstands: Es lernt in dieser Phase auch, seinen Stuhl bewusst zu halten und „Nein“ zu sagen.

Das Ich ist eng an die Realität gebunden. Das Ich will „normal“ sein, also zur Realität passen. Wenn das Ich von der Aussenwelt abgeschnitten wird, kann eine Psychose entstehen. Auch wenn wir schlafen, trennt sich das Ich von der äußeren Realität ab und wir träumen – der Traum ist eine Art Psychose: „Wir haben es am Traum gesehen; wenn sich das Ich von der Realität der Aussenwelt ablöst, verfallt es unter dem Einfluss der Innenwelt in die Psychose.“ Sigmund Freud: Die psychoanalytische Technik, Projekt Gutenberg.

„Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach.
Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur

Das Ich und das Selbst

Mit „Ich“ ist nach Freud eine „Struktur des seelischen Apparates“ gemeint. Wenn wir „Ich“ sagen, zeigen wir auf unsere Brust – dorthin, wo Herzschlag und Atem liegen.

Mit dem Ich steuern wir uns. Dazu ist es auch manchmal nötig, dass wir bestimmte Gefühle oder Gedanken „abwehren“, das heißt, dass wir sie verdrängen oder sie „bereden“, damit sie sich abschwächen oder mehr zu dem werden, was wir eigentlich wollen und ertragen können. Das Ich kann gestärkt werden, zum Beispiel, indem uns Unbewusstes/Vorbewusstes bewusst wird oder indem ein besonders starkes Über-Ich gelockert wird. Freud sagte: „Wo Es war, soll Ich werden!“ (Sigmund Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, 31. Vorlesung, 1933, Projekt Gutenberg).

Das „Ich“ hat also eine Funktion, es „macht“ etwas, es arbeitet und es gestaltet teilweise auch unsere Träume. Das „Selbst“ hingegen ist etwas „Seiendes“. Die Begriffe „Bewusstsein“, „Ich“ und „Selbst“ sind nicht immer so leicht voneinander zu trennen.

So kann ich mich aus einer höheren Warte selbst beobachten, aber auch das ist immer noch eine Ich-Leistung. Während ich mich beobachte, wird derjenige, den ich da im Geiste beobachte, ein „Ich-Selbst“. Und wenn „Ich“ nach einer Ohnmacht „zu mir komme“ (zu meinem Körper, zu meinen Sinneseindrücken usw.), dann erlange ich das Bewusstsein wieder, das heißt, ich kann „mich“ wieder fühlen und denken, also „Ich“ sein. Das Selbst wird dann zu etwas Körperlichem, zu einem Objekt. „Wir“ können (aktiv) „uns selbst“ zuschauen.

Der Psychologe Aaron Mishara (2010) schreibt (übersetzt von Voos): „Die Begriffe Geist und Gehirn bleiben unpräzise wegen ihrer Mehrdeutigkeit, denn wir sind beides: Wir sind Geist, also wir sind ein Selbst (wir haben ein sogenanntes Erste-Person-Erleben) und wir haben einen Geist (Gehirn und Körper), also ein Selbst, das wir in der dritten Person beschreiben.“ (Originaltext:) „These terms (Mind and Brain) remain imprecise due to a fundamental ambiguity that we are both minds, i.e., being a self (socalled first-person experience), and brains or bodies, i.e., having a self (third-person perspective).“ (Mishara, 2010)

Das Tiefe in uns

Und dann gibt es noch so eine Art „inneren Beobachter“ in uns, der alles einfach beobachtet und mitunter als „das Bewusstsein“ bezeichnet wird. Er ist immer da und immer ruhig, doch nur manchmal lenken wir unsere Aufmerksamkeit darauf. Einmal las ich die Beschreibung: „Die Wahrnehmungen fließen dem Bewusstsein zu.“ Wer Yoga lernt, der lernt vielleicht das Wort „Citta“ kennen, was oft mit „Bewusstsein“, aber auch mit „das Unbewusste“ oder „der Geist“ übersetzt wird. Wirklich verstehen kann man die Konzepte wohl erst, wenn man sich eingehend mit Yoga beschäftigt. Im Buch „Freud und Yoga“ (Desikachar und Krusche, 2007, 2014 North Point Press, S. 30, amazon) fand ich den schönen Satz des Yogalehrers Desikachar (1938-2016):

„Citta means ‚that which is close to consciousness that is almost consciousness.‘ In Sanskrit we say, ‚That consciousness which pretends to be consciousness is citta.'“ („Das Bewusstsein, das vorgibt, Bewusstsein zu sein, ist Citta.“)

„Die begriffliche Unterscheidung von Ich und Selbst wurde (Anmerkung Voos: in der Psychoanalyse) erst 1950 von Heinz Hartmann exakt vorgenommen“ (Hans Kilian und Lotte Köhler: Von der Selbsterhaltung zur Selbstachtung, S. 26, Psychosozial-Verlag, 2013). Der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott sagt über das Selbst: „Das Zentrum des Selbst ist ein verhältnismäßig nutzloses Konzept. Viel wichtiger ist es, Kontakt mit den Grundkräften des individuellen Lebens zu erlangen, und mir scheint sicher, dass, wenn die wirkliche Grundkraft die Kreativität ist, die Destruktivität direkt daneben steht.“ Donald W. Winnicott rezensiert C.G. Jung: „Memories, Dreams, Reflections“. Luzifer-Amor 2002, 15 (30): 162-170

Freud-Zitat: „Wo Es war, soll Ich werden“

Hunger, Wut, Rachsucht, Verdrängtes – in uns tobt oft der Mob. „Es ist, als sei ich ferngesteuert. Mein Körper und meine Gefühle machen, was sie wollen“, sagen wir vielleicht manchmal. Unser „Es“, das ist das Unbewusste, das Archaische. Es ist unser Keller, in den wir alles Psychische abgelegt haben, was wir nicht haben wollten. Es ist der Ort unserer Triebe. Von da aus wirken die Kräfte und wir haben oft das Gefühl, nicht mehr Herr über uns selbst zu sein.

Durch die Psychoanalyse soll Unbewusstes bewusst gemacht werden. Wir wehren uns oft dagegen, denn das Unbewusste ist oft unangenehm. Es ist unangenehm, wenn uns unser verdrängter Neid, unsere Aggression, unsere Erregung bewusst wird. Wir wehren uns oft dagegen, doch wenn wir mehr „Es“ zulassen können, haben wir auch mehr Kontrolle über uns. Die geladene Pistole bewusst in der Hand zu halten ist etwas anderes, als sie unbewusst irgendwo herumschwirren zu haben.

Um unser Unbewusstes bewusst werden zu lassen, müssen wir oft erst unser „Über-Ich“ lockern, also unser Gewissen erweichen und unsere strengen Moralvorstellungen herunterschrauben. Dann kann das Ich Neues aus dem Unbewusten aufnehmen und sich aneignen. Es wird mit der Zeit stärker und wir können uns selbst immer besser steuern.

„Wir ahnen, in den ökonomischen Konflikten, die sich hier ergeben, machen Es und Überich oft gemeinsame Sache gegen das bedrängte Ich, das sich zur Erhaltung seiner Norm an die Realität anklammern will.“ Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse

Das Ziel der Psychoanalyse hat Sigmund Freud im Jahr so 1933 formuliert: „Ihre Absicht ist ja, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation auszubauen, so daß es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.“
Sigmund Freud, 1933 a, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.

Die Ich-Psychologie (Ego Psychology) von Heinz Hartmann

Der Name „Ich-Psychologie“ wurde besonders von dem Psychoanalytiker Heinz Hartmann (1894-1970) geprägt. Geht der Psychoanalytiker „Ich-psychologisch“ vor, dann analysiert er zum Beispiel die Abwehrformen, mit denen sich der Patient zu schützen versucht. Es geht darum, das „Ich“ zu stärken, damit es nicht von den Trieben (dem Es) und dem Gewissen (dem Über-Ich) eingequetscht wird.

Nach Heinz Hartmann gibt es Anteile des Ichs, die unabhängig sind von Konflikten Dazu zählen nach Hartmann z.B. die motorische Koordination, das Gedächtnis und die Realitätsprüfung (Youtube: Heinz Hartmann, Ego Psychology)

„Für ihn (Heinz Hartmann) hatte das Ich zwei Funktionen: Die eine besteht darin, zur Vermeidung von Konflikten Abwehrmechanismen zu entwickeln; die andere, nach Hartmann bedeutendere, ist konfliktfrei und wird von ihm als ‚autonomes Ich‘ bezeichnet. Das autonome Ich ist von Geburt an präsent und entwickelt sich unabhängig vom Es. …“ Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen, Psychosozial-Verlag 2004, S. 350

Heinz Hartmann mochte den Freudschen Begriff „Trieb“ nicht. Er sprach von aggressiven und libidinösen Motivationen.

Die Ich-Funktionen stärken

„Ich-Funktionen“ werden in den verschiedenen psychologischen Bereichen verschieden definiert. Bei Hartmann gehören z.B. folgende Fähigkeiten dazu: die Fähigkeit, sich erinnern zu können, etwas bewusst wahrnehmen, aufmerksam sein, sich konzentrieren, die Bewegungen koordinieren und sprechen zu können – also alles das, womit wir uns selbst bewusst steuern. Diese Fähigkeiten kann man untersuchen, schulen und stärken. Der Psychoanalytiker und der Patient konzentrieren sich dabei unter anderem auf die Realitätsprüfung: „Was nehme ich innerlich wahr und wie sieht die äußere Realität aus? Wie kann ich mich an die äußere Realität anpassen?“ Das sind wichtige Fragen der „Ich-Psychologie“, die ja eigentlich „Ich-Psychoanalyse“ heißen müsste.

Weitere wichtige Vertreter der Ich-Psychologie:

Die Kritiker von Freuds Triebtheorie nennen sich „Neo-Psychoanalytiker“. Die Psychoanalytiker, die die Arbeit von Anna Freud und Heinz Hartmann fortführten, heißen „Post-Ich-Psychologen“.

Zu den Post-Ich-Psychologen gehören:

Charles Brenner und Jacob Arlow veröffentlichten 1964 den Text „Psychoanalytic Concepts and Structural Theory“. Hier schreiben sie unter anderem über die Beobachtung, dass sich die Menschen häufig selbst bestrafen oder sich ihren Erfolg verbieten – bei diesen Menschen ist das strenge, kritische Über-Ich also besonders stark ausgeprägt.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Aaron L. Mishara (2010):
Kafka, paranoic doubles and the brain:
hypnagogic vs. hyper-reflexive models of disrupted self in neuropsychiatric disorders and anomalous conscious states

Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine 2010, 5:13
www.peh-med.com/content/5/1/13
www.ncbi.nlm.nih.gov/…

Hans Kilian und Lotte Köhler:
Von der Selbsterhaltung zur Selbstachtung
Der geschichtlich bedingte Wandel psychoanalytischer Theorien und ihr Beitrag zum Verständnis historischer Entwicklungen
Psychosozial-Verlag, Gießen 2013
S. 25: Die Unterscheidung von Ich und Selbst
www.psychosozial-verlag.de

Hartmann, Heinz (1939):
Ich-Psychologie und Anpassungsproblem
Ego psychology and the problem of adjustment
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago, 24, 62–135.
https://psycnet.apa.org/record/1939-05159-001

Wolfgang Mertens
Psychoanalytische Schulen im Gespräch (I)
Strukturtheorie, Ichpsychologie und moderne Konflikttheorie
Verlag Hans Huber, 1. Auflage 2010, S. 13
amazon

Charles Brenner, Psychoanalyst, Dies at 94
New York Times, 22. Mai 2008
http://www.nytimes.com/2008/05/22/nyregion/22brenner.html

Jacob A. Arlow, 91, Analyst Of Fantasy in the Unconscious
New York Times, 24.5.2004
www.nytimes.com/…

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 28.7.2007
Aktualisiert am 28.12.2025

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