Die Angst der Mutter vor dem Baby – und warum die Mutter immer alles schuld ist.

Säuglinge wirken manchmal wie Monster: Sie suchen ohne Rücksicht nach der Brust. Wenn sie hungrig sind, kennen sie kein Erbarmen. Das kann bei dir als Mutter Angst hervorrufen. Du spürst, welch große Bedeutung du für das Baby hast, leidest aber vielleicht irgendwo auch unter der „Rücksichtslosigkeit“ deines Babys.

Du befriedigst meistens wie selbstverständlich die Bedürfnisse deines Babys. Du fütterst dein Baby, du hältst es, wiegst und wärmst es. Und du gestaltest den Raum deines Babys. Du wirst von deinem Baby weiterhin als etwas Umhüllendes erlebt. Du bist auf eine Art auch eine „Umwelt-Mutter“ (Environmental Mother, Begriff geprägt von Donald Winnicott).

Und auch als Erwachsene können wir eine Umgebung als „mütterlich-warm“ und als „wie ein Zuhause“ erleben. Vielleicht ist deswegen die Küche oft der gemütlichste Ort im Haus, weil die „Trieb-Befriedigung“ (das Essen), die Wärme (die Umwelt) und das Zusammensein mit anderen (den Objekten) hier zusammenkommen.

Als haltende Mutter im frühen Leben deines Babys bist du gemäss der Psychoanalyse die „Umweltmutter“ deines Babys. Späterhin wirst du zur „Objektmutter“ – du wirst dann von deinem Kind als ganzer Mensch mit eigenen Bedürfnissen erkannt. Diese Begriffe gehen auf den Psychoanalytiker Donald Winnicott zurück.

Anfangs umgibst du dein Baby häufig noch fast „nahtlos“, sodass sich dein Baby fast wie im Mutterleib fühlt. Und auch du selbst magst die grosse Nähe geniessen. Mit der Zeit entstehen mehr Grenzen zwischen euch. Du wirst mehr und mehr als Mutter mit einem Eigenleben erkannt. Du bist mal da, mal weg, mal müde, mal wach.

Mehr und mehr bist du nicht mehr nur das „Teil-Objekt Brust“ – dein Gesicht, dein Blick und schließlich dein ganzer Körper und dein ganzes Wesen wird von deinem Baby als „Du“ erkannt. Du wirst zur „Objekt-Mutter“, die nicht nur zur Wunscherfüllung da ist, sondern die die Realität widerspiegelt. Vielleicht kennst du diesen Unterschied von Freundinnen: manche scheinen dich nur zu kontaktieren, wenn sie Kummer haben und beruhigt werden wollen. Dann bist du für sie – psychoanalytisch gesprochen – ein Teilobjekt. Andere Freundinnen begegnen dir mit einem ganzheitlicheren Interesse.

Dein Kind kann dich mit der Zeit als „Objektmutter“ und als „Umweltmutter“ innerlich zusammenführen. Es sieht dich dann als ganze Mutter und bemerkt auch, dass du die optimale Umwelt schaffen kannst. „Wie bei Mama/Oma“, sagen und denken wir vielleicht ein Leben lang.

„Ein Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung beinhaltet die Beziehung zur Mutter als Umwelt (die Mutter als Halt gebende Umwelt), der andere beinhaltet die Beziehung zu der Mutter als Objekt (Winnicott, 1963b). Anfangs wiegt der erste Aspekt bei Weitem schwerer als der letztere. (Thomas Ogden: Frühe Formen des Erlebens. 2006 Psychosozial-Verlag, S. 117)

Sobald dein Kind dich als getrenntes Objekt erkennt, entwickelt es auch die „Fähigkeit zur Besorgnis“ um Dich, zur „Capacity for Concern“, wie Winnicott es nannte.

Die Lebensgier

Vätern fällt es unter Umständen anfangs auf, dass du als Mutter manchmal eine Art Angst hast vor deinem Baby. Manche Väter können es liebevoll und verstehend handhaben, andere werfen es der Mutter vor: „Du hast ja Angst vor Deinem Kind!“

Doch es ist etwas Natürliches – so, wie nicht wenige Mütter gleich nach der Entbindung auch Angst vor ihrem Neugeborenen haben. „Habe ich da ein Monster geboren?“, fragen sie sich. Dazu passt häufig, dass Impulse kommen, du könntest deinem Baby etwas antun. Solche Impulse kommen vielleicht manchmal aus dem unbewussten Wunsch, du könntest doch wieder alleine sein, so wie vorher. Mit der Zeit gehen solche Impulse meisten zurück.

Frühe Erinnerungen werden wach

Die frühen Erfahrungen mit unserer Mutter prägen uns ein Leben lang – das ist unser Glück und unser Unglück zugleich. Die Mutter wird im Laufe des Lebens zum „stillen Hintergrund objektbezogenen Erlebens“ (Ogden, 1989, 2006). Im Idealfall hat sie uns in unseren frühesten Lebensphasen einfühlsam genährt, berührt und beruhigt. Thomas Ogden schreibt, dass die Mutter „den Bedürnissen des Kindes so behutsam und unauffällig nachkommt, dass sie selbst kaum bemerkt wird“ (Ogden, 2006, S. 118).

Hier verweise ich auf die aus meiner Sicht lebenslang schädlichen Einflüsse der frühen Vojta-Therapie (englisch: Reflex Locomotion Therapy), bei der die Mutter wahrscheinlich als enorm invasiv erlebt wird – sie wird zu früh als ein äußeres, unbeherrschbares Objekt wahrgenommen, wobei der Säugling durch die Qual zu früh ein „Ich“ und eine Sprache entwickelt.

Dies kann meiner Erfahrung nach dazu führen, dass das Kind später immer wieder Phasen durchläuft, in denen es eine „hypertrophe Subjektivität“ erlebt. Der als Baby nach Vojta behandelte Heranwachsende spürt sich selbst so stark, dass es sich extrem unangenehm anfühlt (Ich-Attacken).

Warum ist die Mutter immer alles schuld?

Die erste Zeit nach der Geburt ist für die Bindung von unschätzbarem Wert. Viele Mütter und Kinder, die direkt nach der Geburt für Tage, Wochen oder Monate getrennt wurden, leiden unter Umständen ihr Leben lang daran. Wenn psychisch schwer leidende Menschen eine Psychoanalyse beginnen, erzählen sie meistens schon in der ersten Stunde über die Beziehung zu ihrer Mutter. Bereits im Mutterleib beginnt die Mutter-Kind-Beziehung und sie wird intensiv nach der Geburt fortgeführt.

Manche Väter fühlen sich anfangs verunsichert, weil sie sich unter Umständen ausgeschlossen fühlen, denn Mutter und Kind bilden in der Anfangszeit eine Symbiose. Die Mutter wirkt fast schizoid – sie verschließt sich in vielerlei Hinsicht der Umgebung und ist auf eine gewisse Art nur noch für das Baby da. Sie nimmt jeden Laut, jedes Atemgeräusch, jede Bewegung aufmerksam auf.

Bereits die ersten Szenen von Anwesenheit und Abwesenheit spielen eine wichtige Rolle bei der psychischen Entwicklung. Wie gut ein Kind oder ein Erwachsener später die An- oder Abwesenheit einer nahen Bezugsperson erträgt, wird bereits zu einem so frühen Zeitpunkt angebahnt.

„Die Mutter ist da, die Mutter ist weg“ – das ist mit das Erste, was ein Baby über Beziehung lernt. Ist das Baby satt und zufrieden, schläft es friedlich ein. Doch wenn der Hunger kommt und die Mutter ist nicht da, macht das Baby die Erfahrung von Abwesenheit. Der Hunger brennt und die Abwesenheit kann wie die „Anwesenheit von etwas Bösem“ erlebt werden. Die Mutter kommt zurück und das Baby macht die Erfahrung von „Rückkehr“.

„Es ist die Aufgabe der Mutter, immer alles schuld zu sein. Dazu ist sie sozusagen da“, sagt ein Kind.

Körperliche Erfahrungen sind Vorläufer von Gefühlen und Gedanken

„Das Ich entwickelt sich am Du“, heißt es. Und so ist es auch mit Babys und Kleinkindern. Das Baby kann Gefühle noch nicht in Worte fassen. Es spürt nur. Es sind die ersten Erfahrungen mit dem eigenen Körper, die später zu geformten Gefühlen führen. Da ist etwas, das im Bauch drückt. Da kommt etwas. Ist es bedrohlich? Es fühlt sich so einengend an. Das Baby möchte weglaufen – es wird unruhig und zappelt mit den Beinen, bevor es sich entleert. Dann wird es das, was da im Bauch so drückte, los. Was für eine Befreiung! Erleichterung und Entspannung machen sich breit.

Die Mutter begleitet die körperlichen Erfahrungen

Diese körperlichen Erfahrungen werden meistens von der Mutter emotional begleitet: „Oh, das drückt da im Bauch, gell? Gleich geht’s Dir wieder besser, siehst Du?“ So oder ähnlich magst du mit deinem Kind sprechen. Dadurch lernt dein Kind schon früh, deine Stimme innerlich zu übernehmen und später daraus eine eigene innere Stimme zu entwickeln – eine Stimme, die der „Stimmung“ der Mutter entspricht. Später kann sich dein Kind selbst innerlich begleiten – es kann sich zum Beispiel gut zureden oder sehr streng mit sich sein.

Du spürst als Mutter durch und durch die große Verantwortung und Bedeutung, die du hast. Wenn du nicht mehr kannst, stirbt dein Kind, so der Gedanke. Schnell hast du vielleicht Sorge, etwas „falsch“ zu machen oder „schuld“ zu sein. Wichtig ist es, mit sich selbst behutsam umzugehen.

Was heißt hier schon „Schuld“? Jede Mutter hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Sie selbst spürt ihre eigenen Schwächen und auch diese können die Entwicklung des Kindes fördern. Die Mutter-Kind-Beziehung ist eine Frage von Intuition, von Natur, Schicksal und „Mehr-Fühlen-als-Wissen“. Es reicht, eine „ausreichend gute Mutter“ zu sein, wie der Psychoanalytiker Donald Winnicott es nannte.

Die Mutter als Gefühlscontainer

Kinder lernen Gefühle kennen, indem sie unter anderem den Mechanismus der Projektiven Identifizierung anwenden. Sie lösen in der Mutter dasselbe Gefühl aus, das sie selbst haben: Sie schreien in Not und die Mutter spürt eben genau diese Not und wird alles tun, um das Baby zu beruhigen.

Diese sehr schwierige Arbeit kann sie nur befriedigend leisten, wenn es ihr selbst gerade ausreichend gut geht. Hier kommt die Umgebung ins Spiel: Ist der Vater da? Gibt es Großeltern oder Geschwister oder enge Begleiter? Ist die Mutter selbst gut bemuttert, dann hat sie den Spielraum, sich dem Baby zur Verfügung zu stellen.

Sie nimmt die Gefühle des Babys auf, schaut sie an, fühlt sie in sich und verarbeitet sie. Dann tröstet sie das Baby, findet Worte, Gesten und Gesichtsausdrücke sowie Berührungen, mit denen sie dem Baby hilft, mit seinen Gefühlen fertig zu werden. Sie macht aus rohen „Beta-Elementen der Psyche“ reife „Alpha-Elemente“, sagt der Psychoanalytiker dazu.

Blicke und Minenspiel fördern die Mentalisierungsfähigkeit

Eine besonders große Rolle bei der psychischen Entwicklung spielen die Blicke der Mutter. Wie schaut sie das Kind an? Wenn das Kind Angst zeigt, dann spiegelt die Mutter dem Kind seine Angst mit speziellen Gesichtsausdrücken.

Sie „markiert“ ihre Gesichtsausdrücke und zeigt dem Baby, wie es ihm geht. Die gut gehaltene Mutter kann zeigen: „Liebes Baby, schau her, so große Angst hast Du. Ich fühle mit Dir, aber ich selbst habe gerade keine Angst.“ Das Baby erkennt diese „Markierung“ im Gesicht der Mutter. Dadurch versteht es langsam, was dieser Gesichtsausdruck bedeutet und es versteht, dass der Gesichtsausdruck der Mutter mit ihm selbst zu tun hat. Es fühlt sich von der Mutter emotional begleitet. Diese Vorgänge sorgen dafür, dass das Kind im Laufe der Zeit über sich und seine Gefühle sowie über andere nachdenken kann.

Geht es der Mutter selbst nicht gut und hat sie selbst übergroße Angst, schaut sie so, dass sich das Baby überwältigt fühlt. Es hat das Gefühl, die Mutter mit seiner Angst anzustecken. Oder aber die Mutter wehrt ihre eigenen Ängste und die des Babys so sehr ab, dass sie „kalt“ wirkt. Das Baby fühlt sich dann allein gelassen.

Die Blicke spielen ein Leben lang eine wichtige Rolle

In unserem Leben spielen die Blicke der anderen eine große Rolle. Wie werden wir von anderen angeschaut? Fühlen wir uns durch Blicke verfolgt? Schauen die anderen uns liebevoll oder eher feindselig an? Fragen wie diese hängen wiederum eng mit den ersten Erfahrungen mit Blicken zusammen, die wir mit Mutter und Vater gemacht haben. Der Blickkontakt zwischen Mutter und Kind hat große Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung des Kindes. Lächelt das Kind, lächelt die Mutter normalerweise zurück. Tut sie das nicht, löst das beim Kind Scham, Irritation, Aggression und Hilflosigkeit aus.

Der Vater kommt hinzu

Der Vater verbindet und trennt Mutter und Kind zugleich: Er sorgt besonders am Anfang dafür, dass die Symbiose zwischen Mutter und Kind möglich wird und geschützt ist. Er hält die Mutter, aber auch das Kind. Gleichzeitig ist er der „rettende Dritte“, der das Kind vor einer zu engen Zweierbeziehung mit der Mutter schützt. Viele Väter sind von Anfang an auch körperlich eng mit dem Kind verbunden, andere sagen: „Anfangs konnte ich nicht viel mit dem Kind anfangen.“

Das Kind genießt es, beim Toben die Stärke des Vaters zu spüren. Der Vater ist der, der das Kind aktiviert, herausfordert und schützt. Die Gefühle von Geborgenheit, Sicherheit, aber manchmal auch von frühen Formen sexueller Erregung beim Kind werden gestärkt. Der Vater spielt bei der Entwicklung des Gewissens psychologisch eine wichtige Rolle: Er repräsentiert das Gesetz und die Regeln. Er zeigt dem Kind die Welt, führt es hinaus und ermöglicht ihm neue Erfahrungen. Besonders wichtig ist er auch bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität – der Junge orientiert sich als Mann an ihm, das Mädchen fühlt sich in der Beziehung zu ihm als „echtes Mädchen“.

„Den größten Gefallen, den ein Vater einem Kind tun kann, ist, die Mutter zu lieben“, heißt es. So wäre es ideal. Aber die Welt ist un-ideal. Wir alle müssen täglich mit Dingen leben, die wir so nie gewollt haben.

Das Ideale gibt es nicht

Die Mutter spürt also von Anfang an, wie wichtig sie für das Kind ist und wieviel sie in der Beziehung zum Kind „falsch“ machen kann. Schuldgefühle gehören zu den Gefühlen, die am schwersten auszuhalten sind. Daher starten wir mit unserer Abwehr, sobald wir Schuldgefühle bemerken.

Wir sagen uns, wie schlimm es doch ist, dass es hierzulande das Wort „Rabenmutter“ gibt. Wir sagen uns, dass es doch bestimmt in Ordnung ist, wenn das Kind noch zwei Stunden länger in der Kita bleibt. Wir versuchen uns als Mütter ständig zu beruhigen. Doch wir bemerken manchmal nicht, dass dies eben Abwehrversuche sind, die oft alles schlimmer machen. Kommt dann noch von außen jemand hinzu, der an unserem Tun als Mutter zweifelt, dann gnade ihm Gott.

Wenn wir als Mutter auf unser Kind blicken, dann denken wir unbewusst oft auch mit, wie wir uns selbst als Baby fühlten und wie unsere Mutter uns behandelt hat. „So will ich es auf keinen Fall machen“, denken wir oft als Mutter.

Wenn wir auf unser Kind schauen, fällt uns all das ein, worunter wir selbst gelitten haben und spüren einmal mehr, welch großen Einfluss eine Mutter auf ihr Kind hat. Natürlich gibt es auch viele andere Menschen mit einem großen Einfluss auf das Kind. Doch die Mutter behält ihre besondere Bedeutung.

Und anstatt dieses Gefühl der Verantwortung loswerden zu wollen, kann es viel sinnvoller sein, es zu erforschen.

Unser „schlechtes Gewissen“ steht oft für etwas ganz anderes – zum Beispiel für die Trauer, die wir selbst empfinden, wenn wir viel arbeiten müssen und nicht bei unserem Kind sein können. Das „schlechte Gewissen“ kann unseren eigenen Wunsch verdecken, mehr gute Zeit mit unserem Kind verbringen zu wollen.

Wir haben so viel Angst vor unseren eigenen Gefühlen und Gedanken, dass wir alles Mögliche abwehren. Und dann haben wir das Gefühl: „Alle Welt gibt mir als Mutter die Schuld.“ So ist es und so war es immer schon. Auch unsere Kinder werden uns später Schuld geben – egal, wie sehr wir uns bemühen, das Beste zu geben. Wenn wir uns damit auseinandersetzen – zum Beispiel durch unser Interesse an Darstellungen der Mutter in Kunst, Religion, Poesie oder Psychologie -, können wir viel Interessantes entdecken und unsere innere Welt als Mutter über das Schuldgefühl hinaus enorm erweitern.

Das Übergangsobjekt nach Winnicott – mehr als ein Teddy

nicott (1896-1971) war ein britischer Kinderarzt und Kinderpsychoanalytiker. Er prägte die Begriffe „Übergangsobjekt“ (1953) und „Übergangsraum“. Ein Übergangsobjekt ist ein Objekt, das die Verbindung zwischen Säugling und Mutter herstellt, wenn sie nicht da ist.

Das Übergangsobjekt macht es dem Kind möglich, eine Trennung von der Mutter besser auszuhalten. Es dient als Verbindungsstück zwischen ihm selbst und der Mutter, also zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innenwelt und Außenwelt.

Unter „Übergangsraum“ versteht Winnicott den „Zwischenbereich des Erlebens“ zwischen innerer und äusserer Realität. Er versteht darunter eine Illusion. Als Erwachsene leben wir diese Illusion aus Sicht Winnicotts in Kunst und Religion weiter.

Winnocott schreibt: „Ich hoffe, ich habe klar gemacht, dass ich nicht präzise vom Teddybären des kleinen Kindes spreche. Es geht mir um den ersten Besitz und um den Zwischenbereich zwischen dem Subjektiven und dem, was objektiv wahrgenommen wird.“ Interessant ist auch, wie Winnicott beschreibt, wie das Baby sich möglicherweise seine eigene Realität schafft: „Die Anpassung der Mutter an die Bedürfnisse des Säuglings verschafft, wenn sie gut genug ist, dem Säugling die Illusion, es existiere eine äußere Realität, die der eigenen schöpferischen Fähigkeit des Säuglings entspricht.“ DW Winnicott, (1983): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, 2020

C.G. Jung liebte Mandalas – Winnicott fand sie beunruhigend. Er erfand lieber das Squiggle-Spiel

Mandalas gelten als beruhigend, doch sie können durchaus beunruhigen. Der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott schreibt treffend: „Das Mandala ist für mich ein wahrhaft beängstigendes Ding wegen seiner absoluten Unfähigkeit, mit der Zerstörungswut, mit dem Chaos, mit der Desintegration und anderen Verrücktheiten in Bezug zu kommen. Es ist eine zwanghafte Flucht vor der Desintegration.“ (Donald W. Winnicott rezensiert C.G. Jung: „Memories, Dreams, Reflections“. Luzifer-Amor 2002, 15. Jahrgang (Heft 30): 162-170, PDF)

„Indeed, Winnicott says of the Self’s chief symbol, the mandala, that he finds it „frightening“, a dead artifact, a defense against splitting off rage and omnipotence that Jung could not house.“ Ann Belford Ulanov, jungchicago.org: Spirit in Jung: In: Memories, Dreams, Reflections, S. 181, Ann Belford Ulanov and Daimon Verlag, Einsiedeln, Schweiz, 2005, amazon

Das Squiggle-Spiel

Das erste Treffen zwischen Kind und Therapeuten ist entscheidend. Wird das Kind Hoffnung schöpfen und Vertrauen fassen? Wenn der Therapeut dem Kind ein Blatt Papier anbietet und es darauf kritzeln lässt, dann bedeutet das Entlastung für das Kind. Der Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott entwickelte Mitte der 60iger Jahre das Squiggle-Spiel (Kritzelspiel). Der Therapeut kritzelt etwas und das Kind vervollständigt das Bild. Etwas Drittes entsteht.

Der Therapeut schaut das Kind nicht direkt an, sondern kommuniziert mit ihm über das gemeinsame Kritzeln. So haben die beiden einen Raum für sich und sind doch nicht direkt miteinander im Kontakt. Das Spiel ist ein wertvolles Instrument zur Diagnose und Therapie.

Das nichtkommunizierende Selbst nach Winnicott: Incommunicado Core

Donald Winnicott ging davon aus, dass wir in unserem Inneren einen Kern des Selbst haben, der mit niemandem in Verbindung steht, der nicht kommunizieren kann und keinen Bezug zur Realität hat. Er nannte dies das „nicht-kommunizierende/nicht kommunizierbare Selbst“ (inommunicado core, 1963), das jeder in sich spüre, das es zu schützen gelte und das mit einem starken Gefühl der Einsamkeit verbunden sei.

Der Psychoanalytiker und Analysand Winnicotts Harry Guntrip, Wikipedia (1901-1975) hingegen sah dies anders. Er konnte der Idee, dass wir so ein abgeschlossenes, nicht-kommunizierfähiges innerstes Selbst haben, nicht zustimmen. „Guntrip thought the core of the self as innately personal (Markillie, 1996).“ (Margaret Boyle Spelman 2013: The Evolution of Winnicotts Thinking, amazon)

Übergangsraum: zwischen Phantasie und Realität

Mit „Übergangsraum“ meinte Winnicott einen Raum, der zwischen Innenwelt und Außenwelt, also zwischen Ich und Nicht-Ich besteht. Auch der Erwachsene braucht und erlebt ständig Übergangsräume. Ein Übergangsraum kann z.B. das Psychotherapiezimmer sein. Hier sind Therapeut und Patient einerseits von der Außenwelt abgeschnitten und doch Teil der äußeren Realität.

Manchmal sagen wir in der Psychotherapie vielleicht: „Im echten Leben ist es so und so, aber hier ist es anders.“ Es taucht dann die Frage auf, ob im Therapieraum überhaupt „echtes Leben“ stattfindet. Der Übergangsraum ist ein Gemisch aus subjektivem und realistischem Erleben. Der Übergangsraum ist ein „Zwischenbereich des Erlebens“ (Winnicott). Zwischen Patient und Therapeut entstehen gemeinsame Gedanken und gemeinsame Erlebnisse, die in einem „Übergangsraum“ erlebt werden. Anstelle des Begriffes „Übergangsraum“ findet man auch den Begriff „intersubjektiver Raum“.

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Links:

Martine Girard (2010):
Winnicott’s foundation for the basic concepts of Freud’s metapsychology? Int J Psychoanal 2010 Apr; 91(2): 305-324. doi: 10.1111/j.1745-8315.2009.00228.x, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20536855/ : „Winnicott attempts to theorize what Freud takes for granted: the function of the holding environment as a framework for id-experiences and the function of object-presenting as a condition of reality-testing. Furthermore, by differentiating between pure male and pure female elements, he is also able to construct a highly speculative theorization in order to distinguish two basic principles: doing and being.“ (Martine Girard, 2010)

Donald W. Winnicott (1963):
Communicating and not communicating leading to a study of certain opposites. In: The Maturational Processes and The Facilitating Environment, S. 179-192, New York: International Universities Press, 1965.
OxfordClinicalPsychology.com

Thomas Ogden (1989):
The Primitive Edge of Experience.Paterson Marsh Ltd. and Jason Aronson Inc.

Thomas Ogden (2006):
Frühe Formen des Erlebens. Psychosozial-Verlag 2006

Donald Winnicott (1953):
Transitional objects and transitional phenomena. International Journal of Psychoanalysis, 34: 89-97

C.G. Jung (1875-1961):
Mandala – Bilder aus dem Unbewussten. Edition C.G. Jung, Verlagsgruppe Patmos, shop.verlagsgruppe-patmos.de/…

Mandala – Das universelle Zeichen in Natur, Kunst und Religion. Drikung Sherab Migched Ling, Zentrum für tibetischen Buddhismus, drikung-aachen.de/…

Stein Braten (2003):
Participant Perception of Others‘ Acts: Virtual Otherness in Infants and Adults. Culture and Psychology, Volume 9, Issue 3, Sept 2003, journals.sagepub.com/…

Michael Günter:
Psychotherapeutische Erstinterviews mit Kindern. Winnicotts Squiggletechnik in der Praxis. Klett-Cotta, 2012, 2017

Winnicott-Institut, Hannover

René Roussillon (1991): Le paradoxe de la déstructivité ou l’utlilisation de l’objet selon Winnicott. Pages 119-129, Presses Universitaires de France, shs.cairn.info/…

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Michael Eigen
Incommunicado core and boundless supporting unknown. European Journal of Psychotherapy & Counselling, Volume 9, 2007 – Issue 4: The Unknown, Pages 415-422 | Published online: 17 Jun 2008
doi.org/10.1080/13642530701725940, tandfonline.com/…

Margaret Boyle Spelman (2013):
The Evolution of Winnicotts Thinking. Examining the Growth of Psychoanalytic Thought Over Three Generations, Karnac Books 2013: S. 283

Beitrag vom 14.5.2026 (begonnen am 27.10.2015)

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