Mehr als ein Teddy: Winnicott über das Übergangsobjekt und den Übergangsraum. Warum er keine Mandalas mochte und das Squiggle-Spiel erfand.

Donald Woods Winnicott (1896-1971) war ein britischer Kinderarzt und Kinderpsychoanalytiker. Er prägte zum Beispiel die Begriffe „Übergangsobjekt“ (1953) und „Übergangsraum“. Ein Übergangsobjekt ist ein Objekt, das die Verbindung zwischen Säugling und Mutter herstellt, wenn sie nicht da ist. Das Übergangsobjekt macht es dem Kind möglich, eine Trennung auszuhalten. Es dient als Verbindungsstück zwischen ihm selbst und der Mutter, also zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innenwelt und Außenwelt.

Unter „Übergangsraum“ versteht Winnicott den „Zwischenbereich des Erlebens, zu dem sowohl die innere Realität als auch das äußere Leben beitragen – ich untersuche daher das Wesen der Illusion, jenes Raumes, der dem Kleinkind zugebilligt wird und dem im Leben des Erwachsenen Kunst und Religion zugehören.“*

Winnocott schreibt: „Ich hoffe, ich habe klar gemacht, dass ich nicht präzise vom Teddybären des kleinen Kindes spreche. Es geht mir um den ersten Besitz und um den Zwischenbereich zwischen dem Subjektiven und dem, was objektiv wahrgenommen wird.“ Interessant ist auch, wie Winnicott beschreibt, wie das Baby sich möglicherweise seine eigene Realität schafft:

„Die Anpassung der Mutter an die Bedürfnisse des Säuglings verschafft, wenn sie gut genug ist, dem Säugling die Illusion, es existiere eine äußere Realität, die der eigenen schöpferischen Fähigkeit des Säuglings entspricht.“ Winnicott, DW (1983): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, 2020

C.G. Jung liebte Mandalas – Winnicott fand sie beunruhigend. Winnicott erfand lieber das Squiggle-Spiel

Mandalas gelten als beruhigend, doch sie können durchaus beunruhigen. Der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott schreibt treffend: „Das Mandala ist für mich ein wahrhaft beängstigendes Ding wegen seiner absoluten Unfähigkeit, mit der Zerstörungswut, mit dem Chaos, mit der Desintegration und anderen Verrücktheiten in Bezug zu kommen. Es ist eine zwanghafte Flucht vor der Desintegration.“ (Donald W. Winnicott rezensiert C.G. Jung: „Memories, Dreams, Reflections“. Luzifer-Amor 2002, 15. Jahrgang (Heft 30): 162-170, siehe Heftregister Luzifer-Amor, PDF)

„Indeed, Winnicott says of the Self’s chief symbol, the mandala, that he finds it „frightening“, a dead artifact, a defense against splitting off rage and omnipotence that Jung could not house.“
Ann Belford Ulanov: Spirit in Jung: In: Memories, Dreams, Reflections, S. 181
Ann Belford Ulanov and Daimon Verlag, Einsiedeln, Schweiz, 2005, amazon

Das Squiggle-Spiel

Das erste Treffen zwischen Kind und Therapeuten ist entscheidend. Wird das Kind Hoffnung schöpfen und Vertrauen fassen? Wenn der Therapeut dem Kind ein Blatt Papier anbietet und es darauf kritzeln lässt, dann bedeutet das Entlastung für das Kind. Der Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott entwickelte Mitte der 60iger Jahre das Squiggle-Spiel (Kritzelspiel). Der Therapeut kritzelt etwas und das Kind vervollständigt das Bild. Etwas Drittes entsteht.

Der Therapeut schaut das Kind nicht direkt an, sondern kommuniziert mit ihm über das gemeinsame Kritzeln. So haben die beiden einen Raum für sich und sind doch nicht direkt miteinander konfrontiert. Das Spiel ist ein wertvolles Instrument zur Diagnose und Therapie.

Das nichtkommunizierende Selbst nach Winnicott: Incommunicado Core

Was das „Selbst“ ist und wie es definiert werden kann, dazu gibt es viele Philosophien. Der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott (1896-1971) ging davon aus, dass wir in unserem Inneren einen Kern des Selbst haben, der mit niemandem in Verbindung steht, der nicht kommunizieren kann und keinen Bezug zur Realität hat. Er nannte dies das „nicht-kommunizierende/nicht kommunizierbare Selbst“ (inommunicado core), das jeder in sich spüre, das es zu schützen gelte und das mit einem starken Gefühl der Einsamkeit verbunden sei. Winnicott verwendete den Begriff „incommunicado core“ öffentlich erstmals im Jahr 1963.

Der Psychoanalytiker und Analysand Winnicotts Harry Guntrip (1901-1975) hingegen sah dies anders. Er konnte der Idee, dass wir so ein abgeschlossenes, nicht-kommunizierfähiges innerstes Selbst haben, nicht zustimmen. „Guntrip thought the core of the self as innately personal (Markillie, 1996).“ (Margaret Boyle Spelman 2013: The Evolution of Winnicotts Thinking, amazon)

Übergangsraum: zwischen Phantasie und Realität

Mit „Übergangsraum“ meinte Winnicott einen Raum, der zwischen Innenwelt und Außenwelt, also zwischen Ich und Nicht-Ich besteht. Dieser Raum ist für Säuglinge immens wichtig. Doch auch der Erwachsene braucht und erlebt ständig Übergangsräume. Ein Übergangsraum kann z.B. das Psychotherapiezimmer sein. Hier sind Therapeut und Patient einerseits von der Außenwelt abgeschnitten und doch Teil der äußeren Realität.

Manchmal sagen Patienten „Im echten Leben ist es so und so, aber hier ist es anders.“ Es taucht dann die Frage auf, ob im Therapieraum überhaupt „echtes Leben“ stattfindet. Der Übergangsraum ist ein Gemisch aus subjektivem und realistischem Erleben. Der Übergangsraum ist ein „Zwischenbereich des Erlebens“ (Winnicott). Zwischen Patient und Therapeut entstehen gemeinsame Gedanken und gemeinsame Erlebnisse, die in einem „Übergangsraum“ erlebt werden. Anstelle des Begriffes „Übergangsraum“ findet man auch den Begriff „intersubjektiver Raum“.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Winnicott, Donald (1953):
Transitional objects and transitional phenomena.
International Journal of Psychoanalysis, 34: 89-97

C.G. Jung (1875-1961):
Mandala – Bilder aus dem Unbewussten
Edition C.G. Jung, Verlagsgruppe Patmos,
shop.verlagsgruppe-patmos.de/mandala-011350.html

Mandala – Das universelle Zeichen in Natur, Kunst und Religion
Drikung Sherab Migched Ling, Zentrum für tibetischen Buddhismus
drikung-aachen.de/…

Michael Günter:
Psychotherapeutische Erstinterviews mit Kindern.
Winnicotts Squiggletechnik in der Praxis
Klett-Cotta, 2012, 2017

Winnicott-Institut, Hannover

René Roussillon (1991) :
Le paradoxe de la déstructivité ou l’utlilisation de l’objet selon Winnicott
Pages 119 à 129
Presses Universitaires de France
shs.cairn.info/…

Christiane Ludwig-Körner:
Der Selbstbegriff in Psychologie und Psychotherapie.
DUV Springer Fachmedien, Wiesbaden 1992: S. 232 ff.

Michael Eigen
Incommunicado core and boundless supporting unknown
European Journal of Psychotherapy & Counselling, Volume 9, 2007 – Issue 4:
The Unknown, Pages 415-422 | Published online: 17 Jun 2008
doi.org/10.1080/13642530701725940
www.tandfonline.com/…

Margaret Boyle Spelman (2013):
The Evolution of Winnicotts Thinking
Examining the Growth of Psychoanalytic Thought Over Three Generations
Karnac Books 2013: S. 283

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 8.2.2013
Aktualisiert am 25.8.2023

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