Übergewicht, Schmerzen und Erschöpfung hängen eng zusammen: Minibewegungen helfen durch Non-exercise activity thermogenesis (NEAT)

Es ist nicht die Unwissenheit, die zu Übergewicht führt, sondern es ist der Mangel an erfreulichen Momenten, an guten Beziehungen, an Wärme, Erholung, Schlaf oder auch Geld. Zudem können frühkindliche Traumata später zu psychischen und körperlichen Schmerzen führen, die so groß sind, dass nur Essen (vor allem Fettiges und Zucker) sie zu lindern vermag. Durch das Essen bekommst Du das, was Dir gut tut: Wärme, Trost, Stressdämpfung und Energie. Du fühlst Dich für den Augenblick vielleicht weniger allein, wenn Du etwas „zu Dir“ nimmst.

Es geht nicht um die Frage: „Was mach ich falsch?“ Es geht um Fragen wie: „Was belastet mich so sehr? Was raubt mir den Schlaf?“ In den Wechseljahren kann es durch die Hormonschwankungen natürlicherweise zu grosser innerer Unruhe und Schlafmangel kommen. Wenn der Schlaf als Energiequelle fehlt, versuchen wir, mehr Energie durch Essen zu bekommen.

Wenn wir an Schlafmangel leiden, sind wir anfällig für Übergewicht sind (Short Sleep Duration and Weight Gain: A Systematic Review, Patel und Hu, 2008). Doch wir können nicht auf Knopfdruck besser schlafen. Wer im Schichtdienst arbeitet, kann nicht einfach sein Berufsleben umkrempeln; wer ein kleines Kind oder zu pflegende Eltern hat, kann sie nicht einfach aus dem Weg räumen. Und wer aufgrund von Ängsten oder Schmerzen nur wenig Schlaf findet, der kann nicht auf Kommando gut schlafen. Wichtig ist schon allein das Bewusstsein für die Zusammenhänge. Achte auf Deine Müdigkeit und treibe keinen Sport, wenn Du zu erschöpft bist. Allein das Wissen darum, wie wichtig der Schlaf ist, kann zu Veränderungen führen.

Wer Schmerzen hat, kann schlecht schlafen. Schmerzen können auusserdem zu Heisshunger führen. Wenn wir Schmerzen haben, suchen wir uns andere Nahrungsmittel aus, als wenn es uns gut geht. (Amy Amy & Kozak 2012)

„Legen Sie sich hin, wann immer Sie können, wo immer Sie können“, sagte mir eine chinesische Ärztin, als ich völlig erschöpft war. Sobald der Körper liegt, sammelt er Kräfte. „Und wenn es nur fünf oder zehn Minuten sind: Legen Sie sich hin!“ Da gehört schon eine gewisse Disziplin zu. Aber die Ärztin war sich sicher: Nur das wird helfen. Erstaunt stellte ich fest, wo und wann ich überall Schlaf in den Tag einbauen konnte. Und tatsächlich kamen auf diese Weise die Kräfte langsam zurück.

Gemütlich Kaffee trinken

Kaffee soll uns wach machen. Mit ihm assoziieren wir viel Gutes und Gemütliches: Wenn wir uns ein Tässchen Kaffee machen, können wir auch heiße Milch dazugeben. Und natürlich Zucker (auch eine Energiequelle). Vielleicht ein Schokolädchen oder ein Stückchen Kuchen dazu. Und Sahne. Kaffee kann das Verlangen nach Milch und Süßigkeiten verstärken, weil wir Kaffee oft mit diesen guten Sachen zusammen zu uns nehmen. Wir brauchen daran nichts zu verändern. Allein das Bewusstsein dafür kann manchmal bewirken, dass wir einfach mal einen guten Espresso trinken.

Und auch hier wieder kannst Du einmal darauf achten, ob Du mit dem Kaffee nur Deine Müdigkeit wegbekommen möchtest. Wenn Du Dich hinlegen kannst – und seien es nur fünf Minuten -, wirst Du merken, wie Du in dem Moment des Ausruhens der starke Drang nach Kaffee und Süssem kleiner werden kann.

Wenn du dich in der Übermüdung zum Sport zwingst, wirst Du möglicherweise sogar weiter zunehmen. Auch wenn du überhaupt mit regelmässiger Bewegung beginnst, wirst du zunächst wahrscheinlich zunehmen. Doch schon Alltagsbewegungen wie z.B. Gartenarbeit können dazu beitragen, Dein Gewicht zu halten oder zu reduzieren. Der Wissenschaftler James A. Levine (nicht zu verwechseln mit Peter Levine) spricht von der Non-Exercise Activity Thermogenesis, also von der Wärmeentwicklung, die ausserhalb von Sporteinheiten entsteht:

NEAT ist die Energie, die verbraucht wird, wenn wir zur Arbeit gehen, am Computer schreiben, Gartenarbeit machen oder mit unseren Händen etwas tun (Anmerkung Voos: z.B. stricken).
„Non-exercise activity thermogenesis (NEAT) is the energy expended that is not from sleeping, eating or sports-like exercise. It ranges from the energy expended walking to work, typing, performing yard work, undertaking agricultural tasks and fidgeting.“ Levine JA. Non-exercise activity thermogenesis. Proceedings of the Nutrition Society. 2003;62(3):667-679. doi:10.1079/PNS2003281, www.cambridge.org/…

Das Problem sind die Abende

Um zu leben, brauchen wir Energie. Energie holen wir uns unter anderem durch Atmen, Essen, Trinken und Schlafen. Wenn wir zu wenig schlafen, dann nehmen wir an Gewicht zu (z.B. Knutson & Van Cauter, 2008). Wenn wir müde sind und keine Gelegenheit zum Schlafen finden, greifen wir zu Schokolade, Chips und Kaffee. Menschen im Schichtdienst haben meistens Gewichtsprobleme (z.B. Antunes et al., 2010). Wer eine Diät macht, kann tagsüber diszipliniert sein – aber abends, wenn die Müdigkeit kommt, kommt auch der Hunger. Mache es dir, wenn möglich, gemütlich und sorge für genug Wärme, z.B. mit einer Wärmflasche, denn auch das Gefühl, nicht warm genug zu sein, führt zum Essen.

Ein Mittagsschlaf oder ein Spaziergang am Nachmittag hilft, wieder etwas aufzutanken und abends nicht gar so erschöpft zu sein. Bewusst früher ins Bett zu gehen kann ebenfalls hilfreich sein, allerdings nur, wenn du auch wirklich müde bist, also „Schlafdruck“ verspürst.

Gegen die Erschöpfung am Tag kann es auch helfen, es sich nicht zu gemütlich zu machen. Vielleicht kannst du dir einen Stehschreibtisch einrichten (mit Stapelkisten aus dem Baumarkt und einem Brett) oder nutze zum Sitzen am Schreibtisch zwischendurch einen Hocker ohne Lehne. Auch das Essen oder Schlafen am Boden kann Erschöpfung oft lindern. Beim Essen selbst kann es helfen, auf einem bequemen Bauernhocker ohne Rückenlehne zu sitzen.

Wenn du abends Heißhunger bekommst, bist du vielleicht einfach nur müde. Hier kann eine heiße Dusche oder heißer Tee helfen, wenn es noch zu früh ist, um ins Bett zu gehen. Auch eine Tasse heißer Kakao kann gut tun – echter Kakao ohne Zucker kann schmackhaft genug sein, um den Appetit zu befriedigen. Manche kommen auch gut damit zurecht, in den frühen Abendstunden einen Espresso zu trinken. Wichtig ist es, dass du dir bewusst bist, dass die Abende bei Diäten schwierig werden können – dann kannst du dich tagsüber besser darauf einstellen. Nicht selten grüsst auch die Einsamkeit …

Ein neues Wohn- und Arbeitsumfeld können Dir im Laufe der Zeit mehr Kraft geben. Bleibe geduldig, schau, wovon Du träumst und versuche, in vielen kleinen Schritten die Dinge zu verwirklichen, die Dir gut tun.

Übergewicht: Woran soll ich mich halten, wenn ich abnehmen will?

Du kannst die kunstvollsten Anstrengungen unternehmen, wenn Du abnehmen willst, doch die Grundprinzipien bleiben dieselben. An erster Stelle steht ausreichend Schlaf. Wer im Nachtdienst arbeitet, hat oft naturgemäß Probleme mit dem Gewicht. Wenn wir müde sind und keine Gelegenheit zum Schlafen haben, ziehen wir unsere Energie aus dem Essen – Müdigkeit lässt dich zum Essen greifen.

Schlaf ist genau wie Essen, Atmen und frische Luft eine Energiequelle. Wenn du erschöpft bist, bist du vielleicht auch zu müde zum Sport. Manchmal ist der erste Ansatz der Ernährungs- bzw. Gewohnheitsumstellung, die Erschöpfung zu lindern, damit du bereit werden kannst für Bewegung und gesündere Ernährung.

Vielleicht könnten diese Fragen wichtig sein: In welchen Lebenssituationen verändert sich mein Gewicht? Umzüge, Trennungen, Familiennzuwachs, Duldungsstress und Erkrankungen lassen uns zu- oder abnehmen. Wie sähe ich aus, wenn ich schlank wäre – würde ich meiner Mutter mehr ähneln? Was würde ich befürchten, wenn ich dünner wäre? Wie männlich oder weiblich würde ich mich mit einem anderen Gewicht fühlen? Was fühle ich, wenn ich an mir herunterschaue – wenn ich schlanker oder übergewichtiger bin? Kann ich meinen Körper spüren? Bin ich mir mein eigener Schoß?

Vielleicht brauchst du auch das Gefühl, dass dein Bauch voll ist. Manchmal brauchst du es vielleicht sogar, dass dein Magen schmerzt. Keine leere Ecke findet sich dann mehr dort. Hier kann vielleicht die Yoga-Atemübung Agni Sara (Agni ist das Verdauungsfeuer) und Uddiyana-Badha (Bauchverschluss) genau richtig sein: Youtube, Michael Bijker

Das Essen muss schmecken

Wenn du deine Ernährung umstellst, ist es wichtig, dass dir dein Essen weiterhin schmeckt. Du brauchst genügend Fette, Süsse und Gewürze, damit du nicht das Gefühl bekommst, du müsstest noch mehr essen, um endlich zufrieden zu sein. Wenn etwas nicht gut schmeckt, neigen wir dazu, immer noch einen Bissen mehr zu nehmen, in der Hoffnung, doch noch eine leckere Stelle zu finden. Auch das Gefühl, der Vollständigkeit halber etwas aufzuessen, kann uns dazu verleiten, mehr zu essen als wir eigentlich wollen.

Alles, was Energie gibt, ist hilfreich bei der Ernährungsumstellung. Dazu gehört auch die richtige Temperatur. Wenn du vom langen Stillsitzen am Schreibtisch frierst, kann eine Wärmflasche gut tun. In der Hitze des Sommers hingegen müssen wir manchmal kreativ werden, um die lähmende Hitze zu lindern.

„Eine Schale pro Mahlzeit reicht aus“, sagen ayurvedische Mediziner. Sie raten dazu, bei einem Sättigungsgefühl von 80 Prozent mit dem Essen aufzuhören. Das kann jedoch auch irgendwann zu dem Wunsch führen, sich einmal richtig satt zu essen und sich damit zu über-essen. „Morgens wie ein König, mittags wie ein Kaiser, abends wie ein Bettler“, sagten unsere Großeltern noch. Wenn es in dein Leben passt und deinem Biorhythmus entspricht, ist es gut, wenn du es dir so einrichtest. Mit den heisseren Sommern wird es jedoch auch in unseren Breitengraden mehr zur Gewohnheit, mittags nur einen Snack und abends warm zu essen. Auch in südlichen Ländern wird abends oder spätabends gegessen, ohne dass die Menschen dicker wären als hier.

In der Langsamkeit liegt die Kraft. Eine Ernährungsumstellung braucht viel Zeit. Überfordere dich nicht. Wenn du zukünftig Mandeln essen willst statt Schokolade, klappt das oft besser, wenn du eine Zeitlang Mandeln hinzufügst, aber weiterhin noch Schokolade isst. Hinzufügen ist am Anfang der Ernährungsumstellung oft besser als „Weglassen“, weil man so nichts vermisst und trotzdem neue Gewohnheiten einführt.

Mehr Bewegung kann anfangs zu mehr Gewicht führen

„Hilfe! Trotz Sport und Ernährungsumstellung nehme ich zu!“ Nicht entmutigen lassen. Viele nehmen bei mehr Bewegung zunächst einmal zu. Die Umstellungen dauern sehr, sehr lange, wenn sie nicht im Jojo-Effekt enden sollen – oft sogar mehrere Jahre. Wichtig ist es, selbst zu kochen und die Speisen so natürlich wie möglich zu halten. Wer morgens Brötchen mag, wird vielleicht gerne Brötchen aus der Packung in den Ofen schieben. Vielleicht schaffst du es ja hin und wieder, zum Bäcker zu laufen oder die Brötchen ganz selbst zu backen. So hast du dich schon mit dem Essen beschäftigt, ohne zu essen.

Dasselbe mit Nachtischen: Schnell ist der Pudding aufgemacht, doch besser ist es, ihn zu kochen, weil hier die Sinne angeregt werden und man die „Energie ins Essen steckt“, wie die traditionell chinesischen Mediziner sagen. Auch ein leckerer Nachtisch wie Tiramisu ist schnell gemacht (Löffelbiskuits mit dem restlichen Espresso von morgens übergießen, ein Eigelb, Zucker, Rum und etwas Mascarpone zusammenrühren, auf die Biskuits streichen und echtes Kakaopulver darüber streuseln). Man kann sich dann darauf freuen. Dasselbe gilt für den Kuchen am Nachmittag: Man darf sich darauf freuen, es ist Kultur, vielleicht Gewohnheit von Kindes Beinen an. Aber man kann den Kuchen vielleicht selbst backen oder nochmal zum Bäcker spazieren.

Das sind natürlich Idealvorstellungen, die im Alltag oft nicht umsetzbar sind. Doch auch wenig davon in Zeiten in denen es geht, hilft – wie zum Beispiel auch Intervallfasten. Viele kommen gut damit zurecht, abends ab 18 Uhr nichts mehr zu essen, damit das Verdauungssystem mindestens 12 Stunden Ruhe hat.

Kreative Arbeit hält schlank. Wer kreativ arbeitet, dem ist nicht langweilig und er ist zufriedener mit dem, was er geschaffen hat. Man hat dann weniger das Gefühl, sich etwas zuführen zu müssen.

Besonders hüftfreudig sind Fett-Zucker-Kombinationen. Wenn du gerne heissen Kakao trinkst, dann kannst du dich vielleicht an echten Kakao ohne Zucker gewöhnen. Dein Geschmack wird sich mit der neuen Ernährung umstellen.

Feste Zeiten helfen

Feste Zeiten helfen beim Abnehmen – Heißhungerattacken können so vermieden werden. Frühstück um 7, zweites Frühstück um 10, Mittagessen um 12 Uhr, Kaffeetrinken um 15-16 Uhr und Abendessen um 18 Uhr könnten solche feste Zeiten sein. Schwierig sind langweilige Arbeiten am Schreibtisch oder lange, berufliche Autofahrten mit Stehen im Stau. Das ruft unweigerlich das Gefühl hervor, dass wir etwas zu uns nehmen wollen/müssen. Dieser Trieb kann so stark werden, dass uns alles andere egal wird.

Die liebevoll zugeschnittenen Möhrchen helfen nur bedingt. Hunger kann sich durch einen Ortswechsel oder eine praktische Tätigkeit an der frischen Luft (Gartenarbeit? Autoputze ) wieder legen. Auch grundsätzliche Überlegungen können helfen: Ist dieser Beruf/dieser Arbeitsplatz noch gut für mich? Oder esse ich, weil ich es einfach nicht mehr aushalte? Das Gefühl, „zu kurz zu kommen“, führt oft zum Essen. Das Gefühl, „satt und zufrieden“ zu sein, kann man auf vielen Ebenen erreichen, besonders aber auch auf der körperlichen Ebene, wenn man Sinnliches erlebt – z.B. barfuß durch Schnee oder nasses Gras läuft.

Erst Neues hinzufügen, nicht direkt etwas weglassen

Wer seine Ernährung umstellen möchte, lässt am besten zuerst alles, wie es ist. Viele, die abnehmen möchten, lassen gleich zu Beginn einer Diät gewohnte Nahrungsmittel weg. Das ist jedoch problematisch, weil der Körper sich nur ungern von dem trennt, was er kennt. Soll die Ernährungsumstellung dauerhaft sein, sollte man anfangs nur etwas hinzufügen und nichts wegnehmen. Das heißt: Ernähre dich wie bisher, aber achte darauf, Dir zusätzlich zum Knabbern rohes Gemüse mit ins Auto oder an den Schreibtisch zu nehmen.

Gesunde Ernährung ist immer wieder anstrengend und gewöhnungsbedürftig. Da müssen Äpfel und Kartoffeln geschält, Nüsse gekauft und Tees gekocht werden. Damit du das durchhältst, ist es wichtig, das Neue nur langsam zur Gewohnheit werden zu lassen. Ganz langsam wirst du spüren, wie manche bisherige Nahrungsmittel dir die Kraft rauben und welche dir Energie geben – auch im Verlauf: gerade Zucker-haltiges scheint zuerst Kraft zu geben und die Stimmung zu heben, doch der „Breakdown“ folgt einige Stunden später. Solche Wellenbewegungen mitzubekommen, hilft, sich mit der Zeit zu stabilisieren.

Wenn wir fit werden wollen, sollten wir nach dem guten Gefühl suchen. Wenn du mit dem Laufen beginnen willst, dann wähle kleine Schritte, also eine hohe Schrittfrequenz. Egal, wie langsam du läufst oder wie ungewohnt es aussehen mag: ein Gefühl der Leichtigkeit ist das Ziel. Daran erinnern wir uns und dieses Gefühl ist es, das uns zum nächsten Schritt nach einigen Tagen Pause motiviert.

Dieses Gefühl der Leichtigkeit kann sich überall einstellen, wenn man nur langsam und vorsichtig genug vorgeht. Statt gewaltsamer Stretchings sind vorsichtige Dehnübungen besser. Dabei ist es nicht das Ziel, im Stehen die Hände auf den Boden zu bekommen. Das Ziel ist es, die Position zu finden, die ein angenehmes Gefühl auslöst. Wenn du dann am Schreibtisch sitzt und an Sport denkst, kommt nicht der Gedanke: „Oh nein!“, sondern der Gedanke: „Ich möchte mich wieder in dieses Gefühl begeben.“

Die eigene Figur hängt eng mit den Beziehungen zusammen: Viele magersüchte Mädchen haben oft die „Disziplin“ zum Hungern, weil sie so verzweifelt sind. Die selbst auferlegte Diät ist ein Kampf ums eigene Leben, um Trennung und Selbstständigkeit.

Insbesondere die Beziehung zur Mutter spielt bei der Magersucht anscheinend eine wichtige Rolle. Im Hunger wird zudem verstärkt das Hormon Ghrelin gebildet, das antidepressiv wirkt und Ängste lindern kann. In anderen Beziehungen hingegen kann man leicht übergewichtig werden: Junge Mütter, die sich alleine um die Kinder kümmern, nehmen oft ungeheuer zu. Es fehlt ihnen selbst an Bemutterung, Unterstützung, Erholung und Schlaf. Damit sie Kraft für ihr Baby haben, greifen sie notgedrungen auf die Energiequelle „Essen“ zurück.

Beziehungen verändern den Stoffwechsel

Häufig werden die Kinder dick, deren Eltern wortwörtlich belastet sind – wenn Eltern voller Kummer, Sorgen und (Geld-)Mangel sind, können sie ihre Kinder nur schwer emotional nähren. Sie können oft nur wenig Interesse für ihre Kinder aufbringen, weil sie depressiv sind und selbst nicht auf befriedigende Beziehungen zurückgreifen können. All das macht dick.

Beim Thema „Ernährung“ reicht es nie, auf den einzelnen Menschen zu schauen. Man muss immer fragen: In welchen Beziehungen lebt er? Wie wurde dieser Mensch groß, welche Arbeit hat er, wieviel Schlaf bekommt er, hat er genug Geld, ist er einsam? „Disziplin“ hat man, wenn man weiß, wofür man etwas tut, aber besonders auch, wenn man weiß, für wen man etwas tut.

Depressionen und Gewicht hängen zusammen – manche verlieren in der Depression an Gewicht, andere nehmen zu („Kummerspeck“). Der Stoffwechsel verlangsamt sich bei der Depression und er wird hochgefahren bei einer Angststörung oder Panikattacke. Wie die Nahrung verwertet wird, hängt sehr stark von unserem Gemütszustand ab. Auch der Appetit verändert sich: Bei Mangelgefühlen entsteht oft Hunger auf Ungesundes oder Fettes. Wenn es uns gut geht und draußen bei 30 Grad die Sonne scheint, freuen wir uns auch über einen Apfel. Im Winter aber, besonders bei Einsamkeit, muss der heiße Kakao her, damit uns etwas wärmt. Eine gute Wärmflasche am Abend kann manchmal dafür sorgen, dass wir nicht mehr zum Essen greifen.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

James A. Levine et al. (2005):
Interindividual Variation in Posture Allocation: Possible Role in Human Obesity
Science 28 January 2005: Vol. 307. no. 5709, pp. 584 – 586, Abstract
Bereits kleine Bewegungen können beim Abnehmen helfen:
„If obese individuals adopted the NEAT-enhanced behaviors of their lean counterparts, they might expend an additional 350 calories (kcal) per day.“ (Übersetzt von Voos: „Wenn übergewichtige Menschen die NEAT-Gewohnheiten ihrer schlankeren Mitmenschen übernahmen, konnten sie 350 Kilokalorien mehr pro Tag verbrennen.“)

Adipositas ist das medizinische Wort für starkes Übergewicht, oder auch „Fettleibigkeit“ (lateinisch: adeps = fett). „Adipositas permagna“ notieren Ärzte, wenn sie die „wirklich“ dicken Menschen meinen („permagnus“ = sehr groß). Diese Diagnose erhält man ab einem Body Mass Index von 40. Ab einem Body-Mass-Index (BMI, Körpergewicht in kg/m² Körperlänge) von 25 gilt man als übergewichtig, ab einem Wert von 30 als „fettleibig“ = adipös. Traumata und infolge dessen Schlafmangel sind wichtige Ursachen des Übergewichts (Midei and Matthews, 2011).

Midei AJ und Matthews KA (2011):
Interpersonal violence in childhood as a risk factor for obesity: a systematic review of the literature and proposed pathways
„A review of only the higher-quality studies also shows consistent positive associations between interpersonal violence from caregivers and peers and obesity.“
Free Access, Obesity Rewiews, Volume12, Issue5, May 2011: Pages e159-e172
doi.org/10.1111/j.1467-789X.2010.00823.x
onlinelibrary.wiley.com/…

Affton M. Koball et al. (2011):
Eating when bored: Revision of the emotional eating scale with a focus on boredom
Health Psychology, Oct 17, 2011, No Pagination Specified. doi: 10.1037/a0025893

Schlafmangel fördert Adipositas (2007): „Lebensgewohnheiten, die den Schlaf fördern, bezeichnet Dr. Sanjay R. Patel aus Cleveland als neuen Ansatz in der Prävention von Adipositas. Er leitet ihn aus der Nurses’ Health Study ab (Am J Epidemiol 164, 2006, 947). … Schon zu Beginn waren Teilnehmerinnen mit höchstens fünf Stunden Schlaf durchschnittlich 2,5 Kilo … schwerer als Frauen, die sieben Stunden pro Nacht schliefen.“ Ärztezeitung 13.3.2007
Originalstudie: Sanjay R. Patel et al. (2006):
Association between reduced sleep and weight gain in women
Am J Epidemiol 2006, Nov 15; 164(10): 947-954
DOI: 10.1093/aje/kwj280
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16914506/

Petra Warschburger (2008):
Psychosoziale Faktoren der Adipositas in Kindheit und Adoleszenz
In: Herpertz, de Zwaan, Zipfel (Herausgeber):
Handbuch Essstörungen und Adipositas pp 259–264
link.springer.com/…

Hungerhormon (Ghrelin) vertreibt auch Angst und Depression
Von Joachim Czichos (2008)
www.wissenschaft-aktuell.de/…
„Bei Nahrungsmangel steigt der Blutspiegel des Hormons Ghrelin. Das löst aber nicht nur ein Hungergefühl aus – Ghrelin dämpft auch die Angst und depressive Gefühle, wie amerikanische Forscher jetzt entdeckt haben.“ (Originalquelle: Michael Lutter et al.: The orexigenic hormone ghrelin defends against depressive symptoms of chronic stress. Nature Neuroscience 2008, 11, pages752–753, DOI: 10.1038/nn.2139, www.nature.com/articles/nn.2139)

Benjamin Kuntz und Thomas Lampert (2008):
Sozioökonomische Einflussgrößen der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas in Deutschland
„Frauen aus der niedrigsten Einkommensgruppe haben eine um den Faktor 3 erhöhte Chance, von Adipositas betroffen zu sein im Vergleich zu Frauen aus der höchsten Einkommensgruppe.“
edoc.rki.de/…
Deutsche Ärzteblatt, Jahrgang 107, Heft 30, 30. Juli 2010

E. Amy Amy and Andrea T. Kozak (2012)
“The More Pain I Have, the More I Want to Eat”: Obesity in the Context of Chronic Pain
(Übersetzt von Voos: „Je mehr Schmerzen ich habe, desto mehr will ich essen.“)
Volume20, Issue10, October 2012, Pages 2027-2034, Free Access
doi.org/10.1038/oby.2012.39
onlinelibrary.wiley.com/doi/full/…
„Five themes emerged indicating that patients with comorbid chronic pain and obesity experience: depression as magnifying the comorbid physical symptoms and complicating treatment; hedonic hunger triggered by physical pain and associated with depression and shame; emotional or “binge” eating in response to pain; altered dietary choices in response to pain; and low self-efficacy for physical activity due to pain.“

Fernsehtipp:
Cuisine ouverte: Présenté par Mori Sakko
France 2, 11 Août 2024

Knutson, Kristen L. and Van Cauter, Eve (2008):
Associations between Sleep Loss and Increased Risk of Obesity and Diabetes
Annals of the New York Academy of Sciences, Volume 1129, Molecular and Biophysical Mechanisms of Arousal, Alertness, and Attention/ pages 287-304, May 2008
onlinelibrary.wiley.com/doi/…

Orfeu M. Buxton et al. (2010):
Sleep Restriction for 1 Week Reduces Insulin Sensitivity in Healthy Men
Diabetes September 2010 vol. 59 no. 9 2126-2133
diabetes.diabetesjournals.org/…

L.C. Antunes et al. (2010):
Obesity and shift work: chronobiological aspects
Nutrition Research Reviews / Volume 23 / Issue 01 / June 2010, pp 155-168
dx.doi.org/10.1017/S0954422410000016,
Published online: 02 February 2010
journals.cambridge.org

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 30.10.2011
Aktualisiert am 11.1.2026

10 thoughts on “Übergewicht, Schmerzen und Erschöpfung hängen eng zusammen: Minibewegungen helfen durch Non-exercise activity thermogenesis (NEAT)

  1. Ostseefloh sagt:

    Liebe Dunja Voos,
    Schlafmangel und Dauerstress haben mich dick gemacht. Schon mein Leben lang. Jede der unzähligen Diäten war Stress – und mit Traurigkeit verbunden – aber auch Sport in übermüdetem Zustand (Dank chronischem Schlafmangel quasi ständig) oder im Zeitstress. Dabei habe ich immer beobachtet, dass schlanke Menschen in meiner Umgebung „viel“ und sorglos essen, dabei auch mal eine Mahlzeit (ungeplant) knapper oder ausfallen lassen und viele davon sich nicht für Sport interessieren. Dieses Muster begegnet mir seit 27 Jahren Leidensgeschichte mit Übergewicht. Bisher war ich echt zu doof, um das auf mich anzuwenden – ich kämpfe und strampel immernoch…
    Herzliche Grüße
    Iris Ostseefloh

  2. Guten Tag Frau Dr. Voss,

    mit großer Aufmerksamkeit und Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Als selbst betroffene, was das Thema Übergewicht angeht, fand ich ihn außerordentlich informativ. Vor allem der Punkt Schlafmangel hat mich aufhorchen lassen. Als Krankenschwester im Schichtdienst, dachte ich immer ich bilde mir das nur ein, dass wenn ich zu wenig Schlaf bekomme, mein Körper in Sachen Gewicht verrückt spielt. Über die Jahre hinweg konnte ich beobachten, dass ich bei Schlafdefizit tendenziell zunehme, auch wenn ich beim Essen diszipliniert bin.

    VG Bianca

  3. christina sagt:

    Liebe Frau Dr. Voss,
    ich möchte mich aufrichtig bei Ihnen bedanken zu diesem Thema. Lieder gibt es immer noch nicht genügend Informationen bei einer dissoziativen Identitätsstörung und Übergewicht und Übergewicht nach sexuellem Missbrauch in Therapie. Immerhin bin ich mächtig stolz, das ich es geschafft habe mein Gewicht von 138 kg auf 88 kg zu reduzieren.
    Es war Kampf, ein unendlicher Kampf und wie gesagt, ich habe erkannt, diese Schlafstörungen und Flashbacks führten und führen immer noch dazu, dass ich esse, esse mich warm und erlebe dann erst einmal ein wohliges sattes Gefühl.
    Es ist nur von kurzer Dauer und ich bin dankbar, das ich drei Hunde habe, die mir immer wieder sagen, lasse mal den Kühlschrank zu und laufe mit uns durch Wald und Feld.
    Danke, das Sie mir und meinen Seelchen immer wieder eine große Hilfe sind, ich glaube ich habe es noch niemals gesagt … Danke, dass es Sie gibt.
    Bleiben Sie behütet… Christina mit Seelchen…

  4. Katharina B. sagt:

    Ich bin ebenfalls mit zwei Dutzend Kilos zuviel unterwegs. Mit Programmen wie dem berühmten WW kann ich nichts anfangen. Auf den guten Weg gebracht haben mich Aufmerksamkeitstechniken in Zusammenhang mit Essen, sowie Body-Feedback und Medidation. Und ganz, ganz viel Selbstmitgefühl und Selbstliebe.
    Der wichtige Schritt ist, von den Selbstvorwürfen wegzukommen („Wieso hast du jetzt diese Schokolade gegessen und erst noch die ganze Tafel wenn du doch genau weisst, dass du abnehmen solltest….“) und hin zum (analytischen) Selbstmitgefühl: „Was hat mich so traurig/einsam/elend gemacht, dass ich so viel Schoki zum Trost essen musste, damit es mir besser ging?“
    Ein weiterer Schritt ist zu lernen auf das zu achten, was man isst, wie man es isst, den Geschmack, den Geruch… Man isst dadurch viel bewusster und langsamer. Und hört auf, tagsüber hundert kleine Sachen in den Mund zu stopfen (wie die Brötchenreste des Kleinen, das halbe Joghurt, das er stehen liess …)

  5. Der NEAT-Ansatz ist aber, wenn ich das richtig verstanden habe, bloße Theorie?
    Mehr alltägliche Bewegung zu realisieren, ist wegen der alten Gewohnheiten schwierig – eine Frage der Motivation und des Umfelds. Sportvereine bieten wenig an, wo Übergewichtige sich wohlfühlen.
    Bedingt wäre Qi-Gong zu empfehlen; ich vermute es jedenfalls. Konzepte, die die Selbstkontrolle erleichtern, kommen auch an die Grenzen des Machbaren. Zur Wirksamkeit von Psychotherapie und -Analyse bei Adipositas liegen m.W. noch nicht einmal Daten vor. Relativ sicher lässt sich aber belegen, dass das Interesse an dem Thema verhältnismäßig gering ist. Was den Ansatz, mit Selbsthilfegruppen wirksame Veränderungen zu ermöglichen, betrifft: Der ist völlig in Vergessenheit geraten, lange, bevoer er den Kinderschuhen entwachsen ist. Da wäre noch vieles möglich, wenn es gewollt wäre.

  6. Dunja Voos sagt:

    Liebe Silke, ja, das mit dem Kleinkind kenn ich auch. Ich glaube, in dieser Zeit bleibt einem fast nichts anderes übrig, als die mütterlichen Rundungen an sich zu akzeptieren. Für Schlaf und Bewegung ist dann später wieder mehr Zeit ;-).

  7. Silke Jäger sagt:

    Liebe Dunja,
    ich habe mit Ineresse gelesen, dass Schlafmangel zu erhöhtem Appetit führt. Seitdem habe ich diesen Aspekt einmal bei mir beobachtet und stelle genau das bei mir fest: Zu wenig Schlaf zerstört meinen Biorhythmus, ich kann nicht richtig frühstücken, weil ich zu müde bin und habe im Laufe des Tages einen völlig chaotischen Appetit gekoppelt mit einer Unlust auf gesunde Lebensmittel. Von Spaß beim Kochen kann keine Rede sein und dadurch schmeckt das Essen auch nicht besser. Schokoriegel und Co. gehen in dieser Situation wirklich besser.
    Da mein Schlafmangel häufig mit unterbrochenen Nächten durch ein kleines Kind verursacht ist, fühle ich mich jedoch etwas hilflos bezüglich der Ursachenbekämpfung und setze darauf, dass die Zeit es richten wird. Von per magna bin ich zum Glück noch sehr weit entfernt. :-)

  8. Dunja Voos sagt:

    Liebe Lotta, ich bin überzeugt, dass die Operation der schlechteste Weg ist und dass diese oft durchgeführt wird, obwohl noch viele andere Wege gegangen werden könnten. Die Verlockung, sofort etwas „Einschneidendes“ zu tun, ist natürlich groß. Doch ob man sich danach auf längere Sicht wirklich erleichtert fühlt, ist fraglich. Dunja

  9. Dunja Voos sagt:

    Liebe Lotta, ich bin überzeugt, dass die Operation der schlechteste Weg ist und dass diese oft durchgeführt wird, obwohl noch viele andere Wege gegangen werden könnten. Die Verlockung, sofort etwas „Einschneidendes“ zu tun, ist natürlich groß. Doch ob sich die Patienten hinterher auch auf längere Sicht wirklich so erleichtert fühlen, ist fraglich. Dunja

  10. lottchen79 sagt:

    Also ich bin sicher, dass Adipositas einiges mit der Psyche und auch mit Vorsorge zu tun hat. Doch was macht man, wenn es schon passiert ist. Ich kann in meiner Situation keinen Sport treiben und durch FDH oder Vermeidung psychischen Stresses kann man auch nicht wirklich 50kg abnehmen. Ich habe auf der Seite adipositasmuenchen.de Informationan zu operativen Behandlungen gelesen und bin der Meinung, dass ab einem bestimmten Stadium fast nichts anderes mehr hilft.
    LG Lotta

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