„Wenn die Grippe kommt, ist die Angst weg.“ Über die befreiende Rückanbindung an den Körper
„Es darf Ihnen nicht gut gehen“, hörte ich manchmal in meiner Lehranalyse. Sobald es mir gut ging, musste ich mir zum Ausgleich etwas Schlechtes schaffen, so schien es. Manchmal ist es tatsächlich eine Art Strafbedürfnis: „Wenn es dem anderen schlecht geht, darf es mir doch nicht gut gehen!“, denken wir.
Manchmal schlafen wir nach einem guten Tag erstaunlich schlecht und nach einem schlechten Tag gut. Auch bei sehr schweren psychischen Störungen wie z.B. Psychosen lässt sich oft feststellen, dass die Psychose zurückgeht, wenn gerade eine schwere körperliche Erkrankung da ist.
Wenn du eine Angststörung hast, kannst du das vielleicht auch: bei einer schweren Grippe sind Angstgefühle und Grübeln oft erstmal weg – sie können jedoch aufgrund der Hilflosigkeit auch schlimmer werden. Die körperliche Erkrankung kann wie ein Anker wirken. Es ist, als würde das körperliche Leid das Leid aus der Psyche abziehen oder als liesse sich die Energie, die sonst in der Seele tobt, zurück in den Körper holen. So lassen sich Selbstbestrafungen oder selbstverletzendes Verhalten manchmal auch als eine Art Selbstfürsorge verstehen. Wenn du starken Juckreiz hast, dann kratzt du dich vielleicht so lange, bis es schmerzt, weil der Schmerz besser erträglich ist als der Juckreiz. So ist vielleicht auch das körperliche Leid manchmal leichter erträglich als das psychische.
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Beitrag vom 24.1.2026 (begonnen am 1.2.2022)