„Anstrengung bringt mich um.“ Unbewusste Phantasien von Vojta-Opfern machen die Pathological Demand Avoidance (PDA, Anstrengungsvermeidungssyndrom) verständlich

Wenn Babys und Kleinkinder die Vojta-Therapie erhalten, können sie sich später nicht bewusst daran erinnern. Als junge Erwachsene sind sie dann unter Umständen in psychiatrischen Kliniken und es lässst sich oft nicht so richtig erklären, warum die psychische Störung so ausgeprägt ist. Psychotherapeuten kommen nicht auf die Idee, nach Vojta zu fragen – meistens haben sie auch keine Vorstellung davon, wie diese Form der Physiotherapie aussieht.

Die Betroffenen können nicht anklagen, weil sie eben noch nicht sprechen konnten, als sie mit der Vojta-Therapie gequält wurden. Nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dieser Thematik glaube ich, dass spezifische (unbewusste) Phantasien durch die Vojta-Therapie entstehen können. Einige liste ich hier auf:

  • „Jeder kann in mich eingreifen, aber ich kann niemanden erreichen.“ Die Betroffenen haben die Erfahrung eines schwer gestörten Containments gemacht: Die Mutter war übergriffig und gewalttätig – sie drang durch das Drücken der Reflexpunkte in das Kind ein. Gleichzeitig wurde sie angewiesen, das Schreien des Babys zu überhören. Das kann auch für die Mutter traumatisch sein.
  • „Die Tür bleibt immer zu. Ich gehe bei anderen immer erst einmal von einem ‚Nein‘ aus.“
  • „Ich muss mich über alle Maßen anstrengen, um auch nur ein Minimum zu erreichen.“ Nicht wenige Betroffene sind meiner Erfahrung nach später arbeitsunfähig oder nur eingeschränkt arbeitsfähig. „Anstrengung“ ist das Schlagwort der Vojta-Therapie. Allein das Wort löst bei manchen Betroffenen eine Art „psychische Allergie“ aus (heute oft als Anstrengungsvermeidungssyndrom bezeichnet). „Anstrengung“ wird mit „Hölle“ und Fehlen von Resonanz gleichgesetzt. Andere wiederum sind beruflich extrem erfolgreich, jedoch bleiben sie oft ohne Partner und akzeptieren am ehesten die geistige Anstrengung.
  • „Ich werde gequetscht, ich werde erdrückt.“ Schon leichtere Situationen von Druck lösen das Gefühl von Erdrücktwerden aus.
  • „Ich bin sexuell pervers.“ Viele Betroffene, die die Vojta-Therapie auch noch erhielten, als sie schon sprechen konnten, können sich an sexuell aufgeladene Situationen erinnern. Die Mutter (die in der Regel die Behandlerin war) und/oder die Therapeuten wurden als erregt wahrgenommen. Auch die behandelten Kinder selbst spürten mitunter sexuelle Erregung während der Therapie. Bei der Vojta-Therapie sind die Kinder in der Regel bis auf die Windel nackt. Einmal hörte ich das Argument, dass Videos über die Vojta-Therapie in Deutschland kaum zu finden sind, weil sich pädophile Menschen daran erregen könnten.
  • „Mein Körper ist abstoßend und ekelig – ich schäme mich für meinen Körper.“
  • „Achte auf jede Bewegung. Wenn nur eine Bewegung falsch ist, passiert etwas Schlimmes.“ Die Vojta-Therapie wird verordnet, nachdem das Baby/Kind genau beobachtet wurde. „Fehlende Reflexe“, „schwache Muskeln“ (Hypotonus), „Schiefhals“ und andere motorische „Störungen“ führten zur Vojta-Therapie.
  • „Gleich geht es wieder los.“ Viele werden von einem ständigen Gefühl der Bedrohung begleitet. Babys und Kleinkinder werden häufig alle vier Stunden mit der Vojta-Therapie behandelt. Jeder ruhige Moment ist eine Bedrohung in dem Sinne, dass das Schlimme gleich wieder kommen kann. Auch als Erwachsene fühlen sich die Betroffenen noch mitunter so.
  • „Das hört nie auf!“ Babys haben noch ein recht ausgedehntes Zeitgefühl. Während der Vojta-Therapie erleben sie möglicherweise eine „unendliche Hölle“. Sie können darin nicht sterben und nicht leben. Auch als Erwachsene haben manche Betroffene noch das schreckliche Gefühl, dass etwas Furchtbares nie mehr aufhöre.

Die Babys sehen während der Behandlung nicht mehr süß aus. Es sind gequälte Kinder. Sie erinnern mich in ihren Gesichtsausdrücken manchmal an Greise, die bereits alles gesehen und erlebt haben … So ein Kind möchte man nicht mehr hochheben … „Ich bin ein ungeliebtes Kind“ ist eine weitere Phantasie vieler Betroffener.

Was, wenn der nächste Angriff weg bleibt?

Alle drei Stunden kommt der nächste Angriff. Da kann man die Uhr nach stellen. Schon lange geht das so. Ohne Pause. Doch dann, eines Tages, liege ich da: Am Ende der dritten Stunde geschieht nichts. Es kommt die vierte Stunde. Die fünfte. Der Angriff bleibt aus. Ich liege lauschend auf dem Rücken. Was macht der Körper mit so einer schrecklichen Situation?

Der Körper erwartet den Angriff wie eine Garantie. Er hat sich schon immer auf den nächsten Angriff vorbereitet – mit Anspannung konnte er die Überraschung und das Grässliche etwas abmildern. Doch nun bleibt der Angriff aus. Aber die Spannung, sie bleibt. Wie lange?

Abwesenheit ist die Anwesenheit von etwas Schlimmerem. Die Abwesenheit von Essen macht Hunger. Die Abwesenheit von Trost macht Verzweiflung und Wut. Die Abwesenheit eines geliebten Menschen macht seine Abwesenheit selbst zu etwas „bösem Anwesenden“. Die Abwesenheit von etwas Bösem, das sich nicht mehr verorten lässt, ist eine gruselige Abwesenheit.

Wenn der Angriff ausbleibt, fühlt sich der Körper wie eingefroren an. Es ist wie ein Phatnomschmerz. Der Angriff bleibt aus, doch Körper und Seele können nicht entspannen.

Es wächst der Wunsch, bestraft zu werden, weil sonst die Leere zu groß ist. Jedes Kind wünscht sich lieber Strafe als Nicht-Beachtung, wobei Nicht-Beachtung die größte Form der Strafe ist. Im alten Griechenland soll es die „Sorge vor der ausbleibenden Naturkatastrophe“ gegeben haben, hörte ich. Wenn der Schlag ausbleibt, stellen sich alle Haare auf. Sie können nur langsam wieder absinken.

„Schau doch, es ist niemand mehr da, der Dich angreift“, hört man. Doch das vergrößert die Angst umso mehr. Einmal hörte ich eine Interpretation des Gedichts „Der Erlkönig“. Dort hieß es, der Junge sei daran zugrunde gegangen, dass der Erwachsene ihn nicht hörte, ihn nicht ernst nahm, seine innere und äußere, seine phantasierte und reale Qual nicht sah.

Komm‘ doch, komm‘ doch, Nana-nana Naana!

Ist denn da überhaupt noch jemand, wenn niemand mehr da ist, der mich angreift? Doch! Die anderen – sie werden vor meinem inneren Auge zu Angreifern. Ich bin wie im Fieber. Ich bekämpfe sie, obwohl sie mir gar nichts tun. Sie weichen verstört zurück. Ich mache sie zu Angreifern, weil ich sie dazu herausfordere. Ich mache sie zu Angreifern, weil ich sie angreife. Ich will es so wie früher! Sie verstehen mich nicht! Ich werde einsam.

Doch wie kann ich aus meiner Leere finden? Nicht mit Angriff. Sondern mit Vorsicht. Mit Ertasten der Realität, von der ich noch nicht weiß, ob sie gut oder böse ist. Ich muss es eine Weile offen lassen. Ich riskiere es, dass der andere gut ist.

Menschen, die als Baby nach Vojta behandelt wurden, haben oft Schwierigkeiten mit dem Thema „Anstrengung“. Vojtatherapeuten sagen, dass die Vojtatherapie „anstrengend“, aber nicht schmerzhaft sei. Ich denke, dass die Vermeidung von Anstrengung bei den Betroffenen möglicherweise mit der Erfahrung in der Vojtatherapie zu tun hat. Die Anstrengung selbst wird zum Trigger. Doch jetzt kommt ein neues Schlagwort hinzu, das die Differenzierung erschweren könnte: Das „Pathological Demand Avoidance Syndrome“. Die Ursache der Anstrengungsvermeidung wird in der Neurobilogie gesehen. Siehe: PDA – anders autistisch, von Nicole Agathe Chou-Knecht und Elisabeth Carl (2026), exlibris.ch

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Links:

Vojtatherapie und Anstrengungsvermeidung (PDA)
Dunja Voos auf tiktok

Autismus und Pathological Demand Avoidance (PDA)
www.buddenbohm-und-soehne.de …

beitrag vom 9.3.2026 (begonnen am 13.3.2019)

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