Wie kann ich mit meinen unaushaltbaren Schuldgefühlen umgehen?

Manche meiner eigenen Taten erlebe ich wie ein Trauma, denke ich manchmal. Die Bilder verfolgen mich massiv und es gibt nichts auf der Welt, das entschuldigen könnte, was ich getan habe. Manchmal kann uns das Leben in furchtbare Zwangslagen bringen. Schuld kann unterschiedlich groß sein. „Dass ich mein Kind so sehr angechrien habe, verzeihe ich mir nie“, denke ich. Viele Eltern plagen sich mit Erinnerungen an Szenen in denen sie ihren Kindern etwas angetan haben. Wer schuldig ist, dem fällt es sehr schwer, darüber zu sprechen.

Opfer zu sein, kann relativ leicht sein, so möchten wir denken. Opfer bekommen Zuwendung und werden für gut gehalten. Schuldig zu sein heißt hingegen, ausgestoßen und böse zu sein. Manches ist unentschuldbar. Und doch werden wir oft schuldig, weil wir einst selbst Opfer waren.

Manche Menschen können Entschuldigungen nicht annehmen, was sich schrecklich für uns anfühlt, wenn wir uns so gerne entschuldigen würden. Schuldgefühle können so sehr quälen, dass manche sich deswegen das Leben nehmen möchten. Andere können oft nicht verstehen, wie man sich so schuldig machen konnte. Mit Kindern, die missbraucht wurden, hat man Mitleid. Werden diese Kinder aber erwachsen und selbst zu Tätern, hört das Mitleid auf: „Es lässt sich eben nicht alles mit der Kindheit entschuldigen!“, sagen wir.

„Als meine Tochter klein war, habe ich beim Kochen nicht aufgepasst und sie mit heissem Wasser übergossen.“ … „In der Schwangerschaft konnte ich nicht aufhören, Alkohol zu trinken – mein Kind ist halbseitengelähmt“ … „Beim Klettern ist meine Schwester abgestürzt – ich fühle mich schuldig für ihren Tod.“ … „Ich bin trotz Müdigkeit nochmal los und habe mir die Knochen schwer gebrochen. Ich habe mir selbst eine Behinderung zugefügt.“ … „Ich habe im Affekt meinen Mann erstochen.“ Schuld kann unerträglich gross sein.

Gefangen in Schuld

Als Schuldige fühlen wir Verzweiflung und suchen nach einer Stimme, die sagt: „Ich verstehe das.“ Wir wollen beichten. Schuld wiegt schwer und fühlt sich oft tatsächlich an wie eine Last auf dem Körper. „Ach könnten wir es doch ungeschehen machen!“, denken wir. Auf Twitter las ich den Satz: „Schuldgefühle sind gar keine echten Gefühle.“ Wohl jeder, der unter schweren Schuldgefühlen leidet, kann hier nur vehement widersprechen.

Menschen taten sich schon immer schwer mit dem Schuldgefühl. Wir wollen das Schuldgefühl verbannen. In wohl allen Religionen geht es um das Thema Schuld. Die Schuld ist immer bei uns, denn Leben ist nicht möglich, ohne dass wir uns schuldig machen und schuldig fühlen. Und daher warten wir so oft auch auf eine Erlösung von diesem Schuldgefühl. Beichtstühle wurden leider in vielen Kirchen abgeschafft. Dabei täte es so gut, wenn wir mit jemandem über unsere ungeheure Schuld sprechen könnten. In Psychotherapien und Psychoanalysen wird regelmässig gebeichtet.

Was tun?

„Wie soll ich mit meinem Schuldgefühl umgehen?“, magst Du Dich fragen. „Wie kann ich die wiederkehrenden Bilder meiner Tat irgendwie abschwächen?“ Ich denke, dass sich Schuld mit einer traumatischen Erfahrung vergleichen lässt. Du kannst als Opfer eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, aber auch als Täter. Mit regelmässiger Meditation, mit Yoga, Psychotherapie oder Psychoanalyse lassen sich Antworten finden. Schuldgefühle überhaupt empfinden zu können, ist etwas Gesundes. Wirklich schwierig wird es, wenn Menschen keine Schuldgefühle entwickeln können.

Sich schuldig fühlen zu können heißt, sich als ein Selbst erleben zu können, das getrennt von anderen ist. Es heisst, sich selbst als Autor eigener Taten erleben zu können und es heisst, empathisch sein zu können. Wenn wir uns schuldig fühlen, fühlen wir uns als jemand, der aktiv etwas getan oder gelassen hat. Vielleicht haben wir uns selbst enorm geschadet, vielleicht haben wir uns sogar eine Behinderung zugefügt (ich denke z.B. an Samuel Koch und den Unfall mit seinem Vater in der Sendung „Wetten dass“ vor vielen Jahren). Wenn wir uns schuldig fühlen, fühlen wir das Prinzip von Ursache und Wirkung. Mit dem Schuldgefühl geht häufig das Gefühl von Reue einher, wozu auch der Wunsch nach Wiedergutmachung gehört. Mit solchen Regungen können wir mit anderen Menschen in Verbindung und in Resonanz treten.

Natürlich gibt es auch Formen des pathologischen Schuldgefühls, z.B. wenn man sich eben nicht von einem Täter getrennt fühlt und meint, man sei genauso grausam wie der Täter, obwohl man nur das alltägliche Leben lebt, das von uns auch „Grausames“ abverlangt wie Abgrenzung, Abweisung oder Notlügen. Schuldgefühle, die in Täterfamilien transgenerational nach Kriegen weitergegeben werden, sind nochmal ein ganz eigenes Kapitel. Man fühlt sich mit dem Täter verbunden (identifiziert) und fühlt sich schuldig, obwohl man sich selbst „objektiv“ gesehen nicht schuldig gemacht hat. Wir können uns auch schuldig fühlen, wenn wir ein verstorbenes Geschwister haben, wenn wir meinen, mit dem falschen Geschlecht geboren worden zu sein oder wenn wir überhaupt glauben, die Welt käme ohne uns viel besser klar.

Da wir wohl immer gerade an irgendetwas Schuld sind (vor allem als Liebende, als Kind, als Mutter und Vater oder auch als ungewollt Kinderlose), kann das eigene Schuldgefühl mit allen möglichen Dingen verknüpft werden.

Wer sich schuldig gemacht hat, bei dem meldet sich oft auch das Strafbedürfnis. Wir wollen irgendwie einen Ausgleich zu unserer Schuld schaffen. Über unsere Gefühle, unsere Zwangslage und unsere Reue nachzudenken, zu schreiben oder zu sprechen, kann quälend sein, aber auch entlasten. Es fühlt sich oft schlimm an, wenn wir nicht sofort Entlastung spüren. Der Meditationslehrer Eckhart Tolle hat sich viel mit Menschen beschäftigt, die im Gefängnis sitzen. Sein Konzept vom „Pain Body“ und dem wahren Bewusstsein kann zu befreienden Aha-Effekten führen.

Psalm 38.5 ff: „Denn meine Sünden gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden. Meine Wunden stinken und eitern wegen meiner Torheit.“

Wie lässt sich Schuldgefühl eigentlich containen (= emotional halten)? In den meisten Religionen gibt es Praktiken zur Selbstkasteiung: für manche gehört dazu das Fasten, die körperliche Verausgabung oder auch das Sich-selbst-Schlagen. Schuldgefühl ist eine Art Wut auf sich selbst. Schuldgefühl heißt, man hat sich und dem anderen Schaden zugefügt. Sobald Schuldgefühl auftaucht, will man es schnell los werden – und reagiert reflexhaft mit Wut.

Vielleicht werden ja genau die Menschen Richter, die Schuldgefühle am schlechtesten aushalten können, dachte ich heute, als ich eine Frau mit einem Radfahrer über Verkehrsregeln diskutieren sah. Die Frau kam rasch aus der Einfahrt in den Kreisverkehr gefahren und hätte den Radfahrer fast umgenietet. Sofort beschuldigte sie ihn auf’s Heftigste, er hätte sich nicht an die Verkehrsregeln gehalten. Sie brüllte und zeigte mit dem Finger auf ihn. Dabei war an dieser Stelle die Verkehrsregelung fragwürdig, man konnte sich hier kaum sicher sein. Doch das Gefühl, vielleicht selbst im Unrecht gewesen zu sein, konnte die Frau nicht aushalten. Blitzschnell verurteilte sie den Radfahrer. „Manchmal bin ich wütend auf den, der in mir das Schuldgefühl ausgelöst hat“, könnte man sagen.

Schuld annehmen können bedeutet Freiheit zur Entwicklung

Wer seine Schuldgefühle allzu schnell abwehrt mit Wut oder Richtersprüchen, der kann gar nicht mal in sich hineinhorchen. Wie fühlt sich Schuld an? Ist da auch Reue in mir oder bin ich einfach nur „kalt“? Schäme ich mich meiner Schuld? Vielleicht schäme ich mich mehr als andere, weil ich streng religiös erzogen wurde? Vielleicht leide ich unter einem viel zu strengem Über-Ich? Dann wird das Schuldgefühl rasch unerträglich. Das Über-Ich kann wie ein innerer Terror sein.

Ist mein Schuldgefühl in seiner Intensität „angemessen“?, können wir uns fragen. Habe ich mein Schuldgefühl vielleicht mit der falschen Sache verbunden, also fühle ich mich bewusst vielleicht in Bezug auf XY schuldig, doch in Wirklichkeit fühle ich mich gegenüber Z schuldig? Dann wäre eine Verschiebung passiert, so wie zum Beispiel im Traum, wo das Gefühl nicht mit der Sache zusammenpasst. All diese Überlegungen kann man anstellen, wenn man innerlich einen Korb für sein Schuldgefühl bereithält und es nicht gleich wieder von sich weist. Dadurch kann Schuld verarbeitet werden.

„Ich hab nix gemacht!“

„Nicht schon wieder eine Mobbing-Situation! Nicht schon wieder eine so frühe Trennung vom Partner! Nicht schon wieder ausgeschlossen sein!“, denken wir uns. Und doch geraten wir immer wieder hinein. Zu einem Streit gehören nicht immer zwei – es kann sein, dass ein anderer uns angreift, ohne dass wir in irgendeiner Form einen Einfluss hätten. Doch wenn sich die Dinge wiederholen oder wir denken: „Das kommt mir bekannt vor“, dann sind wir vielleicht doch irgendwie beteiligt.

Bewusst denken wir: „Ich kann nichts dafür! Ich will doch nur Frieden und Harmonie. Ich liebe den anderen doch! Ich hab‘ nichts getan!“ Aber im Hinterkopf haben wir vielleicht so ein kleines, aber dichtes Gefühl, das uns sagt: „Doch. Irgendwie, ich weiß nur nicht wie, habe ich da mitgemacht. Ich habe da was ausgelöst. Ich war irgendwie übergriffig, angriffslustig, böse, triumphierend, masochistisch. Irgendwie ist da so eine Spur, aber ich komme nicht weiter.“ Sich selbst erst einmal einzugestehen, dass man innerlich spürt: „Ich hab‘ doch was gemacht“, ist ein riesiger Schritt.

Wir sind nicht einfach so „böse“

Wir haben oft Hemmungen, uns so etwas wie einen inneren Zerstörer einzugestehen, weil wir das Gefühl haben, wir seien dann „böse“, wenn es wahr wäre. Doch wir haben einen Grund, warum wir so geworden sind, wie wir sind – und meistens ist eben früher etwas „Böses“ mit uns geschehen, wenn sich solche unerklärlichen Muster immer wieder abspielen. Es ist oft sehr, sehr schwierig, hier weiter ehrlich in sich nachzuforschen und die neuen und immer wieder verletzenden Situationen, zu beobachten, zu fühlen, zu analysieren und bewusst zu durchleben. Wir versuchen, „harmlos“ zu gucken und merken doch: Wir sind es nicht. (Wohl jeder kennt den „Hundeblick“ von Politikern …)

„Ich hab‘ nix gemacht!“, sagt der PC-User am Telefon. Und der Techniker weiß schon Bescheid.

Natürlich fühlen wir uns auch für manches schuldig, für das wir „wirklich“ nichts können. Wenn Eltern sich einen Jungen wünschen und eine Tochter bekommen, dann kann das Mädchen nichts „dafür“, dass es ein Mädchen ist und doch spürt es die nicht einordenbaren Blicke der Eltern. Es hat das Gefühl, dass es eben doch „irgendwie schuldig“ ist. Wenn das erkannt und verstanden wird, lässt auch das Schuldgefühl nach. Anders ist es bei den Dingen, an denen wir tatsächlich „irgendwie“ beteiligt sind. Hier bleibt das Schuldgefühl oft bestehen, auch wenn wir noch so sehr versuchen, uns davon loszueisen.

Es ist so ungerecht!

Es geschieht uns etwas, was wir nicht wollen. Wir hätten lieber Frieden und doch scheinen wir im anderen etwas auszulösen, das ihn auf eine bestimmte Art handeln lässt, die uns weh tut. Es ist ein Zusammenspiel. Wenn wir ein Gefühl für uns selbst bekommen und diesem winzigen Funken folgen können, der uns sagt: „Das mache irgendwie auch ich“, dann haben wir die Chance, die Dinge tiefgreifend zu verstehen, was oft eine große Erleichterung für einen selbst, aber auch für den anderen mit sich bringt.

Traumatisierte haben zweimal Schmerzen: einmal auf dem Weg ins Trauma und einmal auf dem Weg nach draußen.

Ein mühsamer Weg

Der Weg der Selbsterkenntnis ist nicht einfach. Wenn Kinder regelmäßig Opfer von Gewalt werden, ist das für sie so furchtbar, dass sie sich psychisch damit behelfen, zu glauben, dass sie selbst die Gewalt verursacht hätten. Dann wären sie nicht „nur“ Opfer. Kommt die Gewalt häufiger vor, lernen sie im Laufe der Zeit, die gewaltsame Situation (unbewusst, vorbewusst oder bewusst) selbst herzustellen. So haben sie das Gefühl, nicht mehr ganz ohnmächtig zu sein. Dieser Kreislauf kann unbewusst mit ins Erwachsenenalter genommen werden und dann geschehen immer wieder schmerzhafte Dinge, die sich nicht erklären lassen.

Schon vor dem ersten Atemzug machen wir uns „schuldig“. Wir verursachen als Embryo und Fötus der Mutter Übelkeit und Erbrechen, wir verursachen ihr Schmerzen bei der Geburt, wir nehmen mit unserem Atem einem anderen die Luft weg, wir verschmutzen durch unsere Ausscheidungen die Welt, wir erschlagen Mücken oder bewirken durch unser Schreien als Baby, dass die Mutter Schlafmangel erleidet. Obwohl so vieles in der Natur der Sache liegt, fühlen wir uns manchmal für alles mögliche schuldig. Kaum etwas ist komplexer als das „Schuldgefühl“.

Schuldgefühle nicht so schnell wegschieben

„Ich finde es unerträglich, mit dem Gedanken zu leben, jemandem etwas angetan zu haben. Es ist für mich leichter zu ertragen, selbst Opfer als Täter zu sein.“ Sich schuldig zu fühlen, ist extrem unangenehm. Ähnlich wie beim Gefühl des Opferseins zeigt das Gefühl des Täterseins, dass da etwas geschehen ist, was nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Die Autorin Mary Shelley (1797-1851) stellt in ihrem Buch „Frankenstein“ das Leben mit dem Schuldgefühl einzigartig dar. Schuldgefühle möchte man am liebsten gleich wieder weg haben. Das „schlechte Gewissen“ ist ebenfalls eine Art Schuldgefühl, das an einem nagt. Das Problem wird jedoch meistens größer, wenn man versucht, das Schuldgefühl abzuwehren. Man lügt, man verbiegt sich, man verschweigt, man verdreht die Wahrheit oder man gibt kurzerhand einem anderen die Schuld.

Schuldgefühle sind eng verbunden mit einem Strafbedürfnis oder einer Angst vor Strafe, mit Schamgefühlen, mit Wut auf sich selbst und einem geringen Selbstwertgefühl. Schuldgefühle schneiden uns von anderen Menschen ab und machen uns einsam.

Schuldgefühl zu Recht oder zu Unrecht?

Schuldgefühle können unendlich viele Gewichte annehmen. Manche Menschen fühlen sich schon dafür schuldig, dass sie geboren wurden. Es gibt sogenannte „berechtigte“ und „unberechtigte“ Schuldgefühle. Sich dafür schuldig zu fühlen, dass eben die Sonne untergegangen ist, spricht für ein psychotisches Schuldgefühl und für Allmachtsphantasien. Andererseits braucht man auch eine gute Portion psychischer Gesundheit, um sich schuldig fühlen zu können. Manchen narzisstischen bzw. emotional vernachlässigten Menschen mangelt es an Schuldgefühlen.

Manche Menschen haben einen regelrechten „Beichtzwang“ und müssen ständig über ihre „Schuld“ sprechen. Beichtstühle hatten eine wichtige Funktion – insbesondere, weil der Beichtende dem Geistlichen nicht ins Gesicht schauen musste. In der Psychoanalyse haben die Patienten immer wieder das starke Verlangen, etwas zu „beichten“ – dann sind sie heilfroh, wenn sie auf der Couch liegen und den Analytiker, der hinter ihnen sitzt, nicht sehen können.

Auseinandersetzung hilft

Es ist oft furchtbar, aber auch sehr fruchtbar, sich mit seinen Schuldgefühlen auseinanderzusetzen. Es geht dabei nicht unbedingt um die großen schuldhaften Taten, es geht nicht um Mord, sondern schon um die „kleinen Dinge“, die uns das Alltagsleben schwer machen. „Ich mache mir ein schlechtes Gewissen, nur, weil ich mein Kind schon morgens um acht in der Kita abgegeben habe und es weinend dort zurücklassen musste.“ Die Mütter versuchen sich gegenseitig zu beruhigen: „Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben.“

Doch ist das schlechte Gewissen nicht auch etwas Wertvolles? Fühlt die Mutter nicht einfach nur etwas „Wahres“, nämlich dass sie dem Kind in dem Moment mehr Trennung zumuten musste, als es seinem Alter entsprach? Ist es nicht auch ein Trennungsschmerz, den die Mutter selbst fühlt und vielleicht ein Ärger auf ein System, das eine frühe Kinderbetreuung notwendig macht? Es steckt so vieles dahinter!

Wir verpassen Wertvolles, wenn wir weglaufen

Es ist doch schade, wenn wir immer nur davor weglaufen und den schlechten Gefühlen keinen Platz geben. Aus den schlechten Gefühlen kann sich etwas Gutes entwickeln. Auch schlechte Gefühle brauchen ihren Platz – sie hin- und herzuschieben führt zu Verwirrung, ist kraftaufwendig und verursacht noch mehr Schmerzen. „Achja, ich bin mal wieder alles Schuld!“, sagt der Masochist. Auch hier werden Wut und Schuld durch die Gegend bewegt. „Lieber nehme ich die Schuld auf mich, als dass ein anderer sich schlecht fühlt“, sagen wir vielleicht. Wie wäre es, die Schuld einmal nicht zu bewegen und sie anzuschauen? Ihr den Platz zu geben, den sie braucht? Ihr so viel Platz zu geben wie unseren Wünschen, Ängsten, Sorgen, unseren Liebesgefühlen, Trennungsschmerzen, unserem Neid, unserer Wut und Freude? Dann kann viel Interessantes passieren.

Wir können unsere Schuldgefühle an uns beobachten. Wir können steuern, mit welchen Augen wir unser eigenes Schuldgefühl betrachten: mit gütigem Blick oder mit Augen, die niemals verzeihen. Wie schuldig wir uns fühlen, hängt von vielen Faktoren ab: von unserem Selbstwertgefühl, unserem Über-Ich, unseren Bindungen, unserer Beziehung zu uns selbst, unseren Kindheitserfahrungen und vielem mehr. Und oft fühlen wir uns schuldiger für das, was wir unterlassen haben als für das, was wir getan haben.

Die Last der Schuld

Die Schuld kann unglaubliche Ausmaße annehmen. Am schwersten wiegt es natürlich, wenn ein Menschenleben ausgelöscht wurde oder lebenslange Behinderungen bei einem anderen durch mein Tun oder Unterlassen die Folge sind. Wer einen Menschen in einem Unfall überfahren hat, wer als Arzt schwere Fehler begangen hat, der beschäftigt sich vielleicht ein Leben lang immer wieder mit seiner Schuld.

„Altwerden ist die Anhäufung von Schuld“, könnte man sagen: Je mehr wir mit Menschen zu tun haben, je verantwortungsvoller unsere Aufgaben sind, je mehr wir tun (oder nicht tun), desto mehr können wir anderen Menschen schaden. Manche Menschen trauen sich nicht, ihren Bedürfnissen nachzukommen aus Sorge, dass dann ein anderer zu kurz kommt. Doch wenn ich selbst zu kurz komme, kommt eben ein Mensch zu kurz, denn ich bin ja selbst ein Mensch.

Vorsichtig und gedankenvoll

Wir können eben nur versuchen, uns selbst und die anderen ernst zu nehmen und mitfühlend zu sein. Die Dinge mit Nachdenken und bewusst zu tun, kann oft viel Leid verhindern. Aber wir können nie verhindern, dass wir anderen weh tun. Schlimm wird es oft nur, wenn wir die Augen verschließen. Wenn ich merke, wie leicht es ist, „schlecht zu sein“ und anderen zu schaden, ist es auch leichter, für andere Verständnis zu haben. Wir müssen viel weniger denken: „Der Idiot da!“, wenn wir uns selbst möglichst gut kennen. Dann gelingt es uns mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, mit uns selbst und den anderen weniger streng ins Gericht zu gehen.

Wir haben dem anderen gegenüber Schuldgefühle. Und zack – hören wir uns etwas sagen, was wir besser nicht gesagt hätten. Wir sagen „Ja“, obwohl uns nach „Nein“ zumute ist, aber das schlechte Gewissen hat uns dahin getrieben. Wir sagen: „Ja, lass‘ uns Mittwoch treffen“, weil der andere danach fragt, obwohl uns Mittwoch gar nicht recht ist. Wir denken, der andere fühlt sich gut mit Mittwoch, aber was er wirklich denkt, wissen wir nicht. Wir sind eigentlich nur im Dialog mit unserer inneren Stimme und verkomplizieren uns das Leben.

„Mist!“, denkt der andere. „Mittwoch kann ich eigentlich auch nicht, aber ich habe dem anderen gegenüber so ein schlechtes Gewissen, dass ich ihm lieber mal etwas zu viel anbiete als zu wenig.“ Dann haben wir zwei Menschen, die beide tun, was sie eigentlich nicht wollen. Und was passiert bei beiden? Richtig: Ärger kommt auf und in Reaktion darauf ein neues schlechtes Gewissen.

Wie können wir es anders machen? Schritt Eins ist, das Schuldgefühl wahrzunehmen, es sich innerlich ruhig ausbreiten zu lassen. Schritt Zwei ist, innerlich zu denken: Ich möchte nicht aus dem Schuldgefühl heraus etwas anbieten, was mir eigentlich zu viel ist, denn dann wird alles schlimmer. Wir halten unser Schuldgefühl bei uns und sagen, wonach uns zumute ist: „Nein“, oder: „Donnerstag wäre mir lieber.“

Das kann schwer auszuhalten sein, aber es ist die Weiche, die zurück wieder auf’s Ehrlichkeits-Gleis führt. Schritt drei ist, davon auszugehen, dass der andere sagt, was er meint. Wenn wir das Gefühl haben, es ist nicht so, können wir es ansprechen. Wenn wir unser Schuldgefühl aushalten und die Dinge nicht tun, weil wir ein schlechtes Gewissen haben, dann werden wir mit der Zeit ehrlicher. Wir können dem anderen dennoch signalisieren, wenn uns etwas leid tut oder wenn wir etwas wiedergutmachen wollen. Aber die Wiedergutmachung geht nicht darüber, dass wir uns selbst erneut beschädigen, über unsere Grenzen gehen oder uns strafen.

Die Effekte zeigen sich nach einer Weile

Wenn wir eine Weile ehrlicher mit uns selbst gelebt haben, dann nehmen wir auch von anderen an, dass sie sagen, was sie meinen. „Wie wäre es mit Mittwoch?“, fragt der andere. Und wir wissen: Er bietet es uns an, weil es ihm wirklich angenehm ist und nicht, weil er ein schlechtes Gewissen hat. „Donnerstag wäre mir lieber“, sagen wir. Aber Donnerstag kann der andere nicht. Dann treffen wir uns Freitag. Und die Welt ist für beide in Ordnung. … Wenn das so einfach wäre! Das Leben besteht aus Zufällen, aus dem Unbewussten, aus Kompromissen, Zugeständnissen, Unlust und Ratlosigkeit. Wichtig ist jedoch, dass wir unser Schuldgefühl wahrnehmen und nicht wie aus der Pistole geschossen aus dem schlechten Gewissen heraus antworten.

Schaffen wir uns innerlich einen Raum, lassen wir uns Zeit mit dem Antworten, fragen wir, ob wir nochmal überlegen dürfen. Wenn wir dann entscheiden oder etwas anbieten, selbst wenn es ein „Kompromiss“ ist, fühlen wir uns wahrscheinlich wohler.

Wie fühlt sich unsere Schuld an?

Schuldgefühle machen alles kompliziert. Man möchte dem anderen nicht wehtun. Man bringt zum Beispiel nicht den Mut auf, ihm abzusagen, weil man ihn mag und nicht enttäuschen will. Man schämt sich. Und schreibt eine Mail, in der man ihm absagt. Und dann? Die Absage sei nicht das Problem, sagt der andere. Sondern die Absage per Mail. Ungewollt hat man alles nur schlimmer gemacht. Und fühlt sich schuldig. Und der andere? Verschiebt vielleicht. Denn auch die Absage wäre ein Problem, doch es wird auf die Mail verschoben. Schuldgefühle jedenfalls will man nicht haben. Sie machen schwer und mutlos. „Feige“ sagen manche. Wie empfinden Sie Schuldgefühle? Wo im Körper spüren Sie sie?

„Ich bin Dir doch egal!“

Der andere reagiert auf den Brief so: „Mit mir kann man’s ja machen! Ich bin Dir doch total egal, sonst würdest Du mehr Achtung vor mir haben.“ Schuldgefühle führen zu Missverständnissen. Denn der Brief war ja das Ergebnis eines zu großen Schuldgefühls, einer zu großen Scham im Vorfeld. Briefe, die rüde erscheinen, bedeuten oft das Gegenteil. Schuldgefühle verwirren und lassen beide Beteiligten hilflos zurück.

Schuldgefühle will man weghaben. Darum redet man unentwegt beruhigend auf sich ein.

Milde

„Wenn Du nicht immer gleich explodieren würdest, hätte ich es Dir auch persönlich gesagt“, mag der Schuldige sagen. Strenge im Vorfeld kann zu einem Drückebergerverhalten führen. Aber oft ist der „strenge Andere“ nur ein Abbild unserer inneren strengen Mutter oder unseres strengen Vaters. Es sind oft Kindheitserinnerungen, die uns in der Gegenwart erstarren lassen. Die Folge sind Verhaltensweisen, die noch mehr Schuld mit sich bringen. Helfen kann hier nur ein sanfter und verstehender Blick auf sich selbst und den anderen. Worte wie „Milde, Barmherzigkeit, Verzeihen, Gnade“ führen aus der Schuld heraus. Wichtig ist, dass wir diese Worte auch bei uns selbst wirken lassen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie sich Schuld anfühlt. Ähnlich wie Hunger kann sie ein Ganzkörpergefühl sein. Im Gegensatz zum Hunger, der stark im Bauch lokalisiert ist, landen Schuldgefühle eher auf dem Rücken. Im oberen und unteren „Kreuz“. Im Nacken könnte man Schuld auch fühlen, denn ähnlich wie bei der Scham senken wir unseren Kopf und können dem anderen nicht in die Augen sehen.

„Durch meinen Fehler starb XY.“ „Durch meinen Fehler verlor ich das Liebste, was ich hatte auf der Welt.“ „Meinen Fehler werde ich mit ins Grab nehmen.“ „Mein Fehler macht keinen Sinn. Er tut nur weh.“ Manche Menschen treibt ihr Fehler fast in den Suizid. Die bleibenden Schäden scheinen unverzeihlich.

Ein schwerer Fehler kann sich anfühlen wie eine schwere Krankheit. Manche Menschen zerbrechen fast an ihrer Last. Und doch gelingt es ihnen oft, in mühevoller Arbeit wieder ans Licht zu kommen. Manchmal war ein Fehler nichts anderes als unsere eigene Grenze, als ein Schicksal, ein Überwältigtsein. Es ist wichtig, sich selbst für Fehler nicht so hart anzugreifen, sondern zu versuchen, sich in Ruhe zu lassen und den Fehler und sich selbst zutiefst zu verstehen.

Schlaflos durch unbestimmte Schuldgefühle

„Ich bin rechtschaffen müde“, sagen wir am Abend. Wir haben viel geschafft und uns darum bemüht, die Dinge gut zu machen. Wir haben ein gutes Gewissen und können gut einschlafen. Doch es ist nicht immer leicht, ein gutes Gewissen zu haben. Oft spüren wir, dass wir etwas falsch machen, aber wir wissen nicht so genau, was das ist. Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, versuchen wir, uns selbst zu beruhigen. „Sei nicht so streng mit Dir“, sagt die Freundin. Wir bekommen zu hören, dass unser schlechtes Gewissen nicht berechtigt sei und dass wir bestimmt nicht schuld seien. Doch unser Gefühl sagt uns etwas anderes. Wir sind unruhig, grübeln ohne Ergebnis und wälzen uns im Bett.

Wir sind bemüht, uns selbst und unsere Wahrnehmung ernstzunehmen. Doch bei einem der schwierigsten aller Gefühle, dem Schuldgefühl, weichen wir aus. Wir versuchen uns klarzumachen, dass wir einfach zu streng erzogen wurden und dass deswegen unser Gefühl an dieser Stelle nicht richtig sein kann.

Wenn wir von neidischen und schmerzerfüllten Eltern streng erzogen wurden, dann haben wir auch heute noch vielleicht das Bild, dass andere Menschen uns nichts gönnen, uns am Weiterkommen hindern und uns nichts geben wollen. Wenn wir dieses Bild von unseren Mitmenschen haben, dann neigen wir dazu, uns durchmogeln zu wollen.

Können wir mit anderen Menschen sprechen?

Wir haben die Vorstellung, dass die anderen uns nicht weiterkommen oder gehen lassen, wenn wir ernsthaft mit ihnen reden. Wir stellen uns vor, dass wir unsere Ziele nur erreichen und unsere Bedürfnisse nur erfüllen können, wenn wir irgendwie „hintenherum“ gehen. Wir brechen heimlich Regeln. Wir sagen: „Mach‘ ich!“ und wissen schon, dass wir es nicht machen werden. Fast unmerklich respektieren wir die anderen nicht mehr. Und dann wächst langsam ein unbestimmtes Schuldgefühl. Und es ist wie bei anderen Gefühlen auch: Unser Schuldgefühl trügt uns in der Regel nicht. Das Schwierige ist eben oft, unser Gefühl dem passenden Ereignis zuzuordnen.

Manche unserer Schuldgefühle trügen uns allerdings doch – beispielsweise können wir uns schuldig fühlen, als Mädchen geboren zu sein, obwohl sich unsere Eltern einen Jungen gewünscht hätten. Oder wir fühlen uns dafür schuldig, dass unsere Mutter unseretwegen nicht ihre beruflichen Wege gehen konnte (wollte). Das sind Schuldgefühle, die wir in der Situation mit den Eltern vermittelt bekamen – doch natürlich haben wir an diesen Dingen keine Schuld. Sobald wir das erkennen, kann das Schuldgefühl nachlassen.

Doch im täglichen Leben bekommen wir oft selbst nicht bewusst mit, wir wir mit anderen umgehen und wie wir versuchen, uns gegen das Gegebene aufzulehnen. Oft steckt dahinter die Angst, die anderen würden uns genau das verwehren, das wir eigentlich brauchen. Es entsteht ein Teufelskreis, weil wir selbst so vieles heimlich aushecken, dass die anderen uns gegenüber misstrauisch werden. Wenn wir tyrannische Eltern hatten, die uns ohne Sinn und Verstand begrenzten, dann haben wir uns unsere Methoden über Jahre angewöhnt, mit denen wir doch an unser Ziel kommen.

„Wahrheit lindert Leiden“, heißt es. Die Wahrheit anzuerkennen ist der erste Schritt zu einem Leben in mehr Wohlbefinden. Vielleicht können wir auch mit bestem Willen und starkem Nachdenken nicht die Stellen erkennen, an denen wir zu Recht ein schlechtes Gewissen haben. Aber wir können uns ernst nehmen und auf Spurensuche begeben, damit wir wieder den Schlaf des Gerechten schlafen können.

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Links:

Steiner, John (1990):
Pathological Organizations as Obstacles to Mourning:
The Role of Unbearable Guilt

International Journal of Psychoanalysis 1990, 71, S. 87-94
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2332300/

Segal, Hanna (2000):
The Mind of the Fundamentalist/Terrorist.
Not Learning from experience: Hirshima, the Gulf War and 11 September
In: Newsletter of the International Psychoanalytical Association, Vol 11, Issue 1, 2002: Seite 33-35

Beitrag vom 23.1.2026 (begonnen am 17.4.2018)

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