Overthinking und Grübelzwang: Das Leiden unter dem Unlösbaren. Fühlen kann dich vom Denken entlasten.

Wenn wir an Grübelzwängen leiden, müssen wir immer denken. Wir suchen die Lösung, aber finden sie nicht. Das Grundgefühl ist das Gequältsein. Schon morgens, wenn wir aufwachen, taucht unser quälender Gedanke auf: Da ist es wieder. Doch wie finde ich aus der Qual heraus? Es fühlt sich an wie ein Rätsel, das du nicht lösen kannst wie z.B. die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach dem Tod. Es ist das tiefe Grundgefühl, dass da etwas nicht passt und vielleicht nie passend werden kann. Es ist vielleicht wie das Gefühl, nicht mit der Mutter zusammenzupassen. Auch deine Wünsche, dein So-Sein und dein Körper passen nicht zu den Anforderungen, die von aussen kommen, so dein Eindruck.

Viele Zwangsgedanken kreisen um Leben und Tod, um den Sinn des Lebens, aber auch um Beziehungen, um Geld und Alltagsfragen. Wenn wir ein Rätsel lösen können, atmen wir erleichtert auf. Es passt. Diese Erleichterung ist es, die zum Beispiel an der Mathematik so viel Freude macht. Vielleicht werden deswegen so viele Menschen mit einer Neigung zum Zwang auch Mathematiker.

Während du grübelst, möchtest du vielleicht weinen, aber es geht nicht. Das ist bei einer Panikattacke sehr ähnlich – die Anspannung ist zu gross, der Zustand ist wie eingefroren. Erst wenn Grübelzwang oder Panik vorbei gehen, kommen die erleichternden Tränen. Bei der Zwangsstörung kommt etwas nicht zum Ende. Es ist, wie wenn man aus einem Text ein Wort anguckt: Man könnte nach einer Weile verrückt werden. Erst, wenn wir wieder den Zusammenhang sehen, in dem das Wort steht, geht es uns besser.

Wir fühlen uns am Leben gehindert – durch unser Grübeln. Und manchmal wissen wir auch nicht, ob Leben überhaupt so eine gute Idee ist.

Leben mit dem Unpassenden

Die Frage ist, ob ich mit dem Unpassenden und Ungelösten leben kann. Kann ich damit leben, dass ich einen Spielekasten mit kreisförmigen Öffnungen habe, aber meine Bauklötze dreieckig sind? Die Unruhe, die entsteht, weil die Dreiecke draußen oder drinnen bleiben müssen und nicht durch die Öffnung passen, kommt der Unruhe, die wir im Zwang erleiden, sehr nahe. Das Leiden entsteht durch den fehlenden Austausch und die fehlende Erfahrung von Passung.

Dass etwas passt, ist für uns lebensnotwendig: Das Herz muss groß genug sein, um die passende Menge Blut aufnehmen zu können, die Alveolen unserer Lunge müssen die Luft fassen können. Wenn wir uns Ruhe wünschen, ist es wichtig, Ruhe zu finden. Wenn wir Künstler sein wollen und können nicht als Künstler arbeiten, fühlen wir uns gefangen und unwohl. Wenn wir zu viel Unpassendes im Leben haben, leben wir mit einer ständigen Beunruhigung.

Du hast vielleicht ein ständiges Gefühl der Bedrohung, das sich auch durch Zwangshandlungen nicht lange beruhigen lässt. Wir wollen eine Lösung finden, aber es geht nicht. Es ist sehr schwierig, mit dem Unpassenden und all den Ungereimtheiten zu leben. Die Rätsel des Lebens und des Todes halten wir besser aus, wenn wir tragende Beziehungen haben, in denen wir uns gut fühlen. Doch das ist ein grosses Ziel, das wir uns vielleicht nur langsam erarbeiten können. Körperarbeit kann ein Anfang sein, denn wenn wir uns in uns selbst stimmig fühlen, wirkt sich das auch auf unsere Gedanken und Gefühle aus.

Zwänge bei Kindern und Jugendlichen

Kleine Kinder können unglaublich zwanghaft sein. Da muss es unbedingt die blaue Eiskugel oder genau dieser Frühstücks-Becher sein. Zwänge sind Teil einer normalen Kleinkind-Entwicklung. Auch Jugendliche haben ihre Zwänge. Von einer „Zwangsstörung“ spricht man, wenn die Zwänge einen deutlichen Leidensdruck hervorrufen. Doch so unangenehm sie sind: Zwänge haben meistens ihren Sinn. Wird der Sinn der Zwänge erkannt, können sie nachlassen.

Zwänge kommen oft dann, wenn du etwas Bestimmtes nicht fühlen willst, z.B. Schuld, Erregung oder Aggressionen. Auch von manchen Gedanken und Phantasien möchtest du dich vielleicht abhalten. Wenn du nicht an den rosa Elefanten denken willst, denkst du nur noch daran. Zwänge können auch dann auftreten, wenn du dich körperlich nicht wohl fühlst – besonders auch, wenn du müde bist oder lange in einer still gesessen oder gelegen hast. Du fühlst dich dann vielleicht an unangnehme, einengende Situationen aus deinem Leben erinnert. Dann versuchst du möglicherweise unbewusst, durch Zwänge Kontrolle zu erlangen. Vielleicht hast du einen Waschzwang entwickelt, um den „Schmutz der Vergangenheit“ loszuwerden.

Der Zwang gibt zunächst Stabilität, doch dann kommt vielleicht das Gefühl, dass du dich darin verlierst. Als kleine Kinder konnten wir „zwanghaft spielen“ oder beispielsweise „zwanghaft masturbieren“. Ab der Pubertät kreisen wir in Gedanken oft um bestimmte Themen. Wir machen „zu“, sind in uns und es kann nichts mehr von aussen kommen. Im Zwang sind wir oft allein oder zu zweit – real oder nur in Gedanken: Ich und der verhasste Partner, ich und die Mutter, ich und mein Thema, ich und mein Körper. Etwas Drittes von aussen könnte Erleichterung bringen: eine neue Idee, ein neuer Mensch, ein gutes Buch. Auch unsere Neugier und unser Forschergeist könnten uns herausführen. Doch die Verbindung zu diesem Neuen kann uns auch ängstigen.

„Ich gehe im anderen auf – das wäre für mich die Erlösung“, sagt einer. „Für mich wäre die totale Zerstörung die Erlösung“, sagt ein anderer. „Nur meinen Körper empfinde ich als Last.“ Das bewusste Denken ist das Problem. Nachts, wenn wir schlafen, sind wir meistens frei vom Zwang.

Der erste Schritt zur Linderung besteht oft darin, zu erkennen und zu verstehen, was war, kurz bevor der Zwang einsetzte. Nicht selten kann das Erkennen der „wahren Gefühle und Gedanken“ die Zwänge zurückgehen lassen. Auch ist es wichtig, die Angst zu erforschen, die hinter dem Zwang steckt. Zwangsdenken ist manchmal eine bewusste Anstrengung, zu anderen Zeiten fühlen sich die Zwangsgedanken wie aufgedrängt an. Doch wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Denken tatsächlich auch von unerträglichen Gefühlen entlasten kann: Eine logische Erklärung zu finden, das Richtige zu lesen und sich zu bilden kann ebenfalls zum Ende von Zwangsgedanken führen.

Das Träumen ist ein Zustand, der vom bewusst-kontrollierten Wachdenken weg führt. Doch schon der Gedanke daran, löst in dir vielleicht Angst aus. Vielleicht stellst du auch fest, dass du entweder Panikattacken hast oder Zwangsgedanken, aber nicht beides gleichzeitig. Manche Zwangsgedanken können in dir eine tiefe Angst verursachen. Dennoch scheinen Angstgefühle und Zwang sich eher abzuwechseln, als gemeinsam aufzutreten. Es fühlt sich so an, als wärest du nur sicher, wenn du deine Zwangsgedanken fortführst. Doch es kann helfen wieder in den Körper zu kommen und zu fühlen. Das geht nicht auf die Schnelle. Durch langsame und ausdauernde Körperarbeit (z.B. Yoga, erlernt im Einzelunterricht) kannst du mehr zu einem Gefühl von Ruhe finden. Doch die tiefe Beunruhigung kann Teil des Lebens bleiben und mal stärker und dann wieder schwächer werden.

Zwangsgrübeleien sind wie gestörter Schlaf am Tag: Du magst das fokussierte Bewusstsein nicht aufgeben

Wir träumen nicht nur in der Nacht – auch tagsüber nehmen wir träumerische Zustände ein (Bion). Wir bekommen streckenweise nicht mit, dass wir gerade verträumt irgendwo hinblicken. Wir müssen nicht über jeden Schritt nachdenken, machen unseren Schreibkram und fahren Auto. Bei Zwangsgrübeleien funktioniert das zwar auch, doch es ist, als würde ein permanentes Hintergrundband mitlaufen. Im Zwang bist du quasi permanent wach und „bewusst“ und findest keine Ruhe. Wenn Du an Zwangsgedanken leidest, fällt es Dir wahrscheinlich schwer, einmal vom bewussten Denken abzulassen und in die Träumerei (Reverie) überzugehen.

Du befürchtest vielleicht, von einer „Schiene“ abzukommen und in die falsche Schiene zu geraten. Vielleicht hast Du ständig das Gefühl, Du müsstest aufpassen – und das macht Dich fertig.

Wichtig ist es, denn Sinn der Zwänge zu verstehen.

Die Ursache für den Zwang ist fast immer eine zunächst unbestimmbare Angst, was deutlich wird, wenn Du zum Beispiel versuchst, Deinen Zwängen einmal nicht nachzukommen: Dann entsteht Angst. Und auch hier kannst Du schauen: Was fühlst du vielleicht noch – oder auch: was kannst du gerade nicht fühlen, was ist abwesend, was vermisst du?

Es gibt möglicherweise unbewusste bzw. vorbewusste Phantasien und traumatische „Erinnerungen“ die dazu führen, dass Du Dich am Zwang festhältst. Sexualität, Scham, Schuld, grausame Vorerfahrungen – all dies kann an einer Zwangsstörung beteiligt sein. So quälend der Zwang auch ist, so kann er auch wie ein Schutz empfunden werden. Es kann helfen, an das Spielen zu denken, sich einen „dritten Raum“ oder eine dritte Möglichkeit vorzustellen. Auch Bewegungen und die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und die Gefühlswelt können vom Zwang wegführen.

Der Psychologe Peter Levine, Begründer des „Somatic Experiencing“ spricht von der „natürlichen Wachsamkeit“ im Körper. Also etwas in dir passt auf dich auf und lässt dich nicht zu Schaden kommen – wenn du auf dich hörst. Auf der Website somatic-experiencing.de heisst es: „Dabei verändert sich nach und nach das Körpergefühl hin zu mehr Sicherheit und Präsenz. Diese natürliche Wachsamkeit im Körper wirkt sich positiv auf Gedanken, Gefühle, Emotionen und Überzeugungen aus.“

Immer wieder tauchen die quälenden Gedanken und Handlungen auf, gegen die Du scheinbar nichts tun kannst. Sie sind so logisch und echt, dass auch keine Erklärungen oder Gedankenexperimente helfen. Es ist, als ob die Zwänge Dich packten – nicht umgekehrt. Oft stecken hinter den Zwängen unerträgliche frühe Körpererfahrungen wie z.B. medizinische Behandlungen, Eingesperrtwerden und Eingeengtsein. Wenn Du daran gehindert wirst, Deinen Zwang auszuführen, können enorme Ängste entstehen.

In der Psychoanalyse heisst es oft, dass Magisches Denken bei der Zwangsstörung eine große Rolle spielt. „Magisches Denken“ bedeutet, dass Du gedanklich zwei Dinge zusammen tust, die eigentlich getrennt voneinander sind. Wie bei dem Witz mit dem Klatschen und dem Elefanten: „Warum klatschen Sie immer? – Um die Elefanten fernzuhalten. – Aber hier gibt’s doch gar keine Elefanten! – Sehen Sie?“

Vielleicht hast auch Du Angst, es könnte etwas sehr Schlimmes passieren, wenn Du aufhörst, deine Gedanken zu denken oder deine Zwangshandlungen zu tun. Dahinter steckt oft viel Unverarbeitetes. Menschen, die früh sexuell misshandelt wurden entwickeln nicht selten einen Waschzwang – symbolisch gesehen soll der Dreck weg. Doch dieser Zusammenhang kann vielleicht gar nicht gesehen werden.

Bei Zwangsgedanken ist es oft so, dass etwas verhindert werden soll. „Wenn ich nur immer an das schwarze Loch denke, kann ich auch nicht dort hineinfallen“, könntest Du vielleicht denken. Aber was du für die Zukunft verhindern willst, hast du vielleicht schon in der Vergangenheit erlebt. Vielleicht kommst du immer wieder in Körper- und Seelenzustände, die Du schon als Kind kanntest. Du fühlst Dich vielleicht gefangen und hoffnungslos. Der Zwang quält dich vielleicht sehr, aber Du hast dabei keine Affekte wie bewusste Angst, Neid, Wut oder Trauer. Solange der Zwang aktiv ist, würde es dir zum Beispiel wahrscheinlich schwer fallen, zu jemandem zu gehen, zu weinen und zu erzählen, wie sehr du gerade leidest. Die beweglichen Gefühle scheinen wie ausgeschaltet zu sein.

Manchmal kannst Du vielleicht beobachten, wie es dir von jetzt auf gleich besser gehen kann, zum Beispiel durch ein bestimmtes Licht oder eine bestimmte Körperhaltung. Gedanklich kannst du dann zwar noch die Gefahr oder das Problem sehen, aber es lässt sich dann sozusagen damit leben. Beispielsweise haben sehr viele Menschen Angst vor dem Tod. Doch bei Zwangsgedanken scheinen die Gefühle und Gedanken, die mit dem Tod verbunden sind, unaushaltbar zu sein. Wenn es Dir wieder besser geht, dann kommt Deine Angst vor dem Tod wieder auf einen normalen Level zurück – der du hast sogar das Gefühl, dass wohl schon alles irgendwie gut sein wird.

Der Körper wird bei den Zwangsgedanken allzu oft wie ausgeschaltet. Wenn du zurück in deinen Körper findest, zum Beispiel durch eine Grippe, einen Asthma-Anfall, beim Waten durch ein Moor oder im Schlaf, dann merkst du vielleicht, wie „der Grip der Zwangsgedanken“ nachlässt. Zwangsgedanken können zum Beispiel dann sehr stark werden, wenn Du körperlich lange in einer bestimmten Position verharren musstest.

Es ist oft schwer zu sagen, ob der Zwangsgedanke „Dich hat“ oder ob Du den Gedanken aktiv herbeiziehst.

Zwangshandlungen oder der Zwangsgedanken sind oft auch als Symbol zu verstehen. Sie wollen eine Geschichte erzählen und auf etwas hinweisen. Zwänge können so grausam werden, dass sie vielleicht auch ein Mittel Deiner Psyche sind, Dich selbst zu bestrafen. Wenn es Dir gelingt, eine innere gute Stimme zu finden, mit der Du Dir sowas sagst wie: „Ach Spätzchen, quäl Dich doch nicht so“, kann es manchmal besser werden, denn Zwangsgedanken sind auch auf eine einsame Situation verengt: Du bist mit Dir allein. Du fühlst Dich, als ob niemand sonst auf der Welt diesen Horror verstehen könnte. Du bist allein mit Dir. Durch eine mitfühlende Stimme in Dir kannst Du manchmal den Raum öffnen.

Zwänge drehen sich oft um die Themen Reinheit, Sauberkeit, Makellosigkeit. Beispielsweise ist auch die Phobie vor den eigenen körperlichen Makeln (körperdysmorphe Störung) eine Art Zwangsstörung. Auch religiöse Inhalte können den Zwang bestimmen: Du willst frei von Schuld sein, Du bestrafst Dich selbst, Du willst nicht an dreckige, schamhafte Sexualität oder Ausscheidungen denken. Manchmal ist das Gefühl von Peinlichkeit dabei. Doch Du bist nur ein Mensch. Es ist unmöglich für einen Menschen, rein und schuldfrei zu bleiben. Jeder muss zur Toilette und wohl jeder hat auch sexuelle Wünsche und Vorstellungen.

In der Pubertät können insbesondere sexuelle Phantasien Angst machen und Zwangssymptome auslösen.

Aus einer tiefen Angst heraus, dem Schicksal ausgeliefert zu sein oder sich selbst nicht mehr beherrschen zu können, können Zwänge entstehen. Zwar hast Du einerseits das Gefühl, dass du von den Zwängen regiert wirst, aber andererseits verleiht dirder Zwang auch ein Gefühl von Kontrolle: „Wenn ich bis 12 zähle, passiert mir nichts“, so der Gedanke. Achte auch einmal darauf, in welchen Situationen Deine Zwänge auftreten: Im Zusammensein mit anderen? Bei monotonen Sportarten? Oder purzeln Dir morgens gleich nach dem Aufwachen die Zwangsgedanken in den Sinn?

Das Gefühl, frei sein zu wollen, ohne den anderen sein zu wollen, kann Zwangsgedanken und Druckgefühle auslösen. Manchmal aber, wenn Du dann tatsächlich alleine bist, können starke Angstgefühle auftauchen. Es ist fast so, als ginge es mit dem anderen nicht, aber ohne den anderen auch nicht. Dann könnte man sich fast an eine Borderlinestörung erinnert fühlen. Auf jeden Fall kann der tiefe Wunsch, sich von einem anderen zu trennen, zu Zwangsgedanken führen, wenn die Trennung irgendwie nicht möglich oder verboten zu sein scheint.

Deine Zwangsgedanken und -handlungen kommen Dir selbst vielleicht als verrückt vor – du erlebst sie als „Ich-dyston“ (Ich-fremd). Interessant dabei ist, dass du vielleicht entweder Zwänge, oder aber Angst hast, aber vielleicht selten beides gleichzeitig. Wenn Du den Zwangsgedanken aufhörst, entsteht vielleicht grosse Angst. Das kann sich besonders auch in besonderen Lebenssituationen zeigen: am Ende der Schulzeit, zu Beginn einer Partnerschaft, in den Wechseljahren, bei der Pflege kranker Eltern etc.

Manchmal kann die Vorstellung, endlich mal allein zu sein, helfen. Vielleicht möchtest Du alles auch einmal richtig ordentlich zerstören! Auch kannst du dich vielleicht in der Vorstellung üben, mehr und mehr zum Beobachter der Lebensereignisse zu werden und selbst nicht mehr in den Situationen zu kleben. Das wird mitunter leichter, je älter man wird.

Zwangsneurose und Zwangsstruktur

Psychoanalytiker unterscheiden die Zwangsneurose/Zwangsstörung von der Zwangsstruktur. Menschen mit einer Zwangsstörung leiden an den typischen Symptomen wie Grübeln, Zählen, Waschen oder Kontrollieren. Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur hingegen haben manchmal gar keine Zwangssymptome, sondern sie sind einfach gewissenhafte Menschen – sie sind ordentlich und lieben das Gewohnte. Viele Berufe erfordern diese Eigenschaften und manch einer wünscht sich, er hätte mehr davon.

Sigmund Freud (Das Wesen der Psychoneurosen): „Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen kann erfolgen durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken möglichst konträren Inahltes; daher im Falle des Gelingens der Grübelzwang, regelmäßig über abstrakte, übersinnliche Dinge, weil die verdrängten Vorstellungen sich immer mit der Sinnlichkeit beschäftigen.“ In: Otto Dornblüth, Leipzig, 1911, S. 491

Alles wird starr

Wenn du an Zwängen leidest, bemerkst du vielleicht, dass du dich nicht so vital und so flexibel fühlst, wie du es gerne würdest. Hier kann es vielleicht helfen, Yoga zu erlernen, denn der flexiblere Körper macht auch den Geist flexibel, aber es ist ein langer Weg. Vielleicht merkst du: Jede Entscheidung wird zur Hölle. Dein Gewissen ist vielleicht so streng, dass du dir alle Freuden deines Lebens vorenthältst. Vielleicht hattest du auch strenge Eltern, die dir selbst viel Entspannung und Gutes vorenthalten haben. Und nun behandelst du dich selbst so, wie deine Eltern dich einst behandelt haben. Psychoanalytisch sagt man: Dein Über-Ich ist stark ausgeprägt. Man könnte auch sagen: „Gesetze (werden) wichtiger als Liebe und spontane Menschlichkeit“ (Siegfried Elhardt: Tiefenpsychologie, 2001).

Doch auch wenn Du noch so sehr leidest: Deine Zwänge haben einen Sinn. Sie können auf Traumata und Probleme hinweisen, aber auch von ihnen ablenken. Vielleicht fürchtest du dich so sehr vor eigenen Aggressionen, der eigenen Erregung oder den eigenen gewaltsamen Phantasien, dass es Dir auf eine Art „angenehmer“ ist, die Lampen an der Decke zu zählen. Aber das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, über die man nachdenken könnte. Zu bedenken ist vielleicht auch ein neurologischer Anteil: beispielsweise kommen sogenannte „Neurologische Soft Signs“ häufig bei Zwangsstörungen vor.

Psychoanalyse kann helfen

In einer Psychoanalyse will man den ursprünglichen Gefühlen, Erlebnissen und Phantasien nachgehen. Denn die Zwänge waren ja nicht immer da. Sie entstanden allmählich als Schutz vor Gefühlen, vor Ängsten, Erinnerungen, Phantasien und Wünschen. Die ursprünglichen Gefühle und Phantasien hast du vielleicht verdrängt, aber sie sind ja immer noch da. Du brauchst vielleicht deine Zwänge, um das, was aus dem Unbewussten nach oben drängt, wieder runterzudrücken. Das ist unglaublich anstrengend. Du fühlst dich vielleicht gefangen und wünschst dir, endlich innere Freiheit zu finden.

Sigmund Freud sagt über Zwangshandlungen: „Niemals sind diese primär, niemals enthalten sie etwas anderes als eine Abwehr, nie eine Aggression; die psychische Analyse weist von ihnen nach, dass sie – trotz ihrer Sonderbarkeit – durch Zurückführung auf die Zwangserinnerung, die sie bekämpfen, jedesmal voll aufzuklären sind.“ Sigmund Freud, Werke aus den Jahren 1892-1899. Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, GW, Imago Publishing London: S. 389

Geiz, Pedanterie und Eigensinn – das sind aus psychoanalytischer Sicht die Eigenschaften, durch die sich viele zwanghafte Menschen auszeichnen. Die Zwangsstörung hängt eng mit der analen Phase zusammen. In dieser Phase lernt das 2- bis 3-jährige Kind, „Nein“ und „Ich“ zu sagen, seine willkürliche Muskulatur zu beherrschen und – in unserer Kultur – aufs Töpfchen zu gehen. Wer einen Zwang hat, möchte damit möglicherweise sexuellen Themen (also Themen der „ödipalen Phase“) ausweichen.

Wut schüren und dann einklemmen

Wenn Eltern die Grenzen und das „Nein“ ihres Kindes nicht respektieren, dann lehnt sich das Kind gegen die äußere Dressur innerlich auf. Ist es dem Kind verboten, seine Wut zu zeigen, wird es daran gehindert, seine Aggressionen dosiert auszudrücken. Dann leiden viele noch als Erwachsene an einem besonders unsicheren Umgang mit Wut und Ärger – entweder, sie halten den Ärger gehemmt zurück, oder sie müssen immer gleich explodieren. Doch der Umgang mit Wut und Ärger ist für die meisten Menschen nicht leicht – oft steckt hinter der Wut auch die Sorge, man könnte den anderen daduurch verlieren.

Sigmund Freud: „Oder der Kranke versucht, jeder einzelnen Zwangsidee durch logische Arbeit und Berufung auf seine bewussten Erinnerungen Herr zu werden; dies führt zum Denk- und Prüfungszwange und zur Zweifelsucht.“ ebd. S. 390

Auch Eltern müssen sich und ihren Körper „abgrenzen“

Zwänge können aber auch aus der umgekehrten Situation entstehen: Wenn ein Elternteil sich einem Kind gegenüber zu wenig abgrenzen kann oder will, kann es passieren, dass sich das Kind und der Erwachsene sexuell zu nahe kommen. Die moralische Grenze, die die Eltern nicht aufbauen konnten, will das Kind dann später umso stärker aufbauen, nach dem Motto: „Wenn ich hier nicht für die Grenzen sorge, dann tut es keiner.“ Das hat zur Folge, dass es sich später auch eigene lustvolle Gedanken und Gefühle verbietet. Dann kommt der Zwang.

Hat das Kind grenzüberschreitende Eltern, entwickelt es später mitunter Schuldgefühle. Es denkt, es hätte die Grenzüberschreitungen nur erlebt, weil es selbst nicht klar genug Grenzen gesetzt hätte. Von nun an versucht es ständig, zwanghaft selbst die Grenze aufzustellen, die der Elternteil ihm zu gegebener Zeit nicht gesetzt hat. Die Folge: Der Betroffene setzt seine Grenzen so früh und ist so „übermoralisch“, dass er manchmal Schwierigkeiten damit hat, eine vertrauensvolle oder gar intime Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Meistens wird das Ganze auch dadurch verkompliziert, dass die Betroffenen beides erlebt haben: Ein Elternteil war überstreng, der andere zu lasch.

Typische Abwehrmechanismen bei Zwängen

  • Reaktionsbildung: Dabei reagieren wir auf einen bestimmten Impuls ganz anders, als man erwarten würde: Obwohl – oder gerade weil – du den Nachbarn nicht magst, grüßt du ihn vielleicht ganz besonders freundlich.
  • Ungeschehenmachen: Gesagtes oder Handlungen, die du bereust, möchtest du durch Zwangshandlungen ungeschehen machen. Du sagst: „Klopf auf Holz“, damit das Gesagte nur ja nicht eintritt.
  • Auch das Verschieben von Konflikten auf andere Situationen oder Gegenstände ist ein typischer Mechanismus. Anstatt dem Kollegen an den Kragen zu gehen, fängst du vielleicht an, Krawatten zu zählen. Der ursprüngliche aggressive Impuls ist dann verschwunden und wird noch nicht einmal mehr erinnert.
  • Die Isolierung ist eine Abwehrform, bei der das Gefühl an Stellen verdrängt wird, wo eigentlich viele starke Gefühle vorhanden sein müssten. So sprichst du vielleicht vom Tod eines nahestehenden Menschen, jedoch ohne Traurigkeit in deiner Stimme.

Sigmund Freud: „Ursache dieser Unangreifbarkeit der Zwangsvorstellung … ist aber nur ihr Zusammenhang mit der verdrängten Erinnerung aus früher Kindheit, denn wenn es gelungen ist, diesen bewußt zu machen, wofür die psychotherapeutischen Methoden bereits auszureichen scheinen, dann ist auch der Zwang gelöst.“ Freud: Werke aus den Jahren 1892-1899: Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, GW S. 392

Sigmund Freud: „Es sei daran erinnert, dass man den Versuch gemacht hat, Zwangsvorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären!“ (Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose: Die infantile Sexualität, 1909, Projekt Gutenberg)

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Petry, Heinz (2011)
Obsessive Compulsive Disorder: Psychoanalytisch gesehen eine Zwangsneurose
Dtsch Arztebl Int 2011; 108(43): 741-742
DOI: 10.3238/arztebl.2011.0741b

hellodoctorkai, Tiktok
www.tiktok.com/@hellodoctorkai/video/7516327418609634616

Harry T. Hunt:
Dark Nights of the Soul: Phenomenology and Neurocognition of Spiritual Suffering in Mysticism and Psychosis
First Published September 1, 2007, Research Article
doi.org/10.1037/1089-2680.11.3.209
journals.sagepub.com/doi/abs/10.1037/1089-2680.11.3.209

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V. (DGZ),
www.zwaenge.de

Sigmund Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose
„Es ist in der Tat korrekter, von »Zwangsdenken« zu sprechen und hervorzuheben, daß die Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psychischen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Versuchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das Bestreben, diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen »Denkverbindung« herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient in einer der ersten Sitzungen.“ Projekt Gutenberg

Siegfried Elhardt:
Tiefenpsychologie.
Kohlhammer Stuttgart 2001: 128-132

Burkhard Meyer-Sickendiek
Depressive Rumination: Zur theoretischen Aktualität des Grübelns heute
in: Tiefe: Über die Faszination des Grübelns, 1. Januar 2010: S. 51-79
doi.org/10.30965/9783846749524_004
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Beitrag vom 31.1.2026 (begonnen im Jahr 2006)

2 thoughts on “Overthinking und Grübelzwang: Das Leiden unter dem Unlösbaren. Fühlen kann dich vom Denken entlasten.

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Frau Schleicher,
    ganz herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung, über die ich mich sehr freue. Ich schreibe zu diesem Thema weiter, sobald ich Neues habe!

  2. Minna sagt:

    Danke vielmals für den Artikel, Sie drücken die innere Lage einer Person, die solche Erfahrungen in der Kindheit gemacht hat. sehr plastisch und empathisch aus! Es wäre schön, wenn Sie dazu noch weitere Erkenntnisse und vielleicht Hilfestellungen veröffentlichen würden!

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