Wie lässt sich mit psychischem Dauerschmerz leben? Das eigene Leid zur Lebensmeditation machen
Gewalterfahrungen in der Kindheit haben das Leben ausgebremst. Es gab einen Unfall und schwere Verletzungen. Der eigene Sohn hat sich vor Jahrzehnten abgewendet. Die Angststörung ist trotz Psychoanalyse nicht vergangen. Der Junkie greift die Ärztin an – seither hat sie Hepatatis C. Der Kinderwunsch wurde nie erfüllt. Wie lässt sich mit solchen Dauerschmerzen leben?
Da ist der unendliche Groll auf das Geschehene, die Wut auf die Täter, auf sich selbst, auf das Verpasste, auf das Schicksal. Da ist der Neid auf all jene, denen es anders geht. Da ist die unendliche Einsamkeit, weil das eigene Schicksal so individuell ist, dass man es mit niemandem teilen kann. Depressionen und Trauer sind fester Bestandteil des Lebens – manche leben mit einem erträglichen, andere mit einem zeitweise unerträglichen Ausmaß. Das, was einem passiert ist, lässt das geistige Leben oft anstrengend werden. Die Kunst ist, sich zu erleichtern, wehrloser zu sein, den Verlust von Kontrolle anzunehmen. Man ist herausgefordert, aus dem Leben eine Lebenskunst zu machen.
Mozart, Zauberflöte, die zwei Geharnischten:
„Der, welcher wandelt diese Straße voll Beschwerden,
wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden.
Wenn er die Schrecken des Todes überwinden kann,
schwingt er sich aus der Erde Himmel an.
Erleuchtet wird er dann imstande sein,
sich den Mysterien der Isis ganz zu weihn.“
Was so schmerzt, ist der Verlust. Die Abwesenheit von etwas oder jemandem ist die größte Herausforderung für die Psyche. Wohin mit der unendlichen Wut, mit dem Groll, die aus dem Schicksal entstanden sind?
Betrachten
Im Grunde kann man immer wieder nur Eines tun: Wahrnehmen, neugierig anschauen und erkunden. Verdauen. Veratmen. Neugierig schauen, welche Formen und Farben der Schmerz annimmt und ihn kennenlernen. Manchmal kann man feststellen, wie das pure Anschauen zur Veränderung führt: Festes kann dadurch weicher werden. Wichtig ist es auch, die Einsamkeit anzuerkennen und sich dadurch mit den anderen verbunden zu fühlen, dass man weiß, dass jeder mit dieser Einsamkeit zu kämpfen hat, egal, wie glücklich er erscheint.
Mitgefühl hilft
Wenn man einen Menschen findet – egal, ob einen Freund, einen Berater, einen Pfarrer, eine „Schwester“, einen „Guru“, einen Therapeuten oder einen Psychoanalytiker, der mit einem zusammen den Schmerz fühlt, kann das sehr heilsam sein. Einmal die Erfahrung gemacht zu haben, dass ein anderer wirklich mitfühlen konnte, kann die Innenwelt so verändern, dass man den Schmerz besser tragen kann. Umgekehrt kann es genauso gut tun, mit einem anderen mitzufühlen, der von seinem Leid berichtet.
„Ich habe bisher keinen einzigen Menschen erlebt, dessen Weg nicht schwierig war.“
Dr. Kausthub Desikachar, in der Reihe „Patanjali’s Yogasutra“, Youtube
Singen hilft
Vielen hilft es auch, zu singen, z.B. im Chor. Persönlicher Gesangsunterricht oder das Erlernen alter Gesänge wie z.B. Mantrasingen bei Reina-Berger.de kann sehr erfüllend sein. Auf X.com gibt das „Abendgebet“ unter dem Stichwort #Twomplet (abgeleitet von „Twitter“ und „Komplet“ = Abendgebet, lateinisch completorium „Schlussandacht‘) ein Gemeinschaftsgefühl. Die Suche nach dem, was einem persönlich hilft, ist wie eine Reise. Jeder ist auf so einer Reise, doch Menschen mit dauerhaften Schmerzen reisen vielleicht intensiver und weiter und sehen mehr grau-diesige, aber auch bunt-leuchtende Länder.
Lebensmeditation
Kürzlich stieß ich auf ein wunderbares Video von Eckhart Tolle (youtube). Darin antwortet er auf die Frage eines Zuschauers, wie dieser mit einer Angst umgehen soll, die er fast ständig in sich spüre. Der Fragende sei das Kind von Holocaust-Überlebenden. Ich finde die Frage unglaublich wichtig, weil das Thema der „permanenten Angst“ häufig viel zu kurz kommt. In vielen Texten zur Psychologie steht geschrieben, dass Panikattacken nach einigen Minuten abebben. Doch es gibt viele Menschen, die unter einer mehr oder weniger permanenten Angst leiden. Kaum ist die eine Panikattacke abgeflaut, rollt die nächste heran. Die Betroffenen leiden unter einem inneren Beben, das immer wieder auftaucht und lange anhält.
Gleich zu Anfang erklärt Eckhart Tolle, dass es einem Kind wahrscheinlich nicht gelingen würde, mit einer so starken Angst umzugehen und dass es wohlmöglich dissoziieren würde. Hier kommt aus meiner Sicht die Psychoanalyse ins Spiel. Es gibt Ängste und „bebende Grundgefühle“, die so stark sind, dass auch ein äußerlich Erwachsener sie nicht alleine bewältigen kann. Wenn dieser Erwachsene nie ausreichend Hilfe erfahren hat, dann ist er da innerlich immer noch ein Kind – ein Kind ohne innere Mutter.
Aus meiner Sicht ist es wichtig, diese überstarke Angst erst einmal mit Hilfe eines Psychoanalytikers zu verstehen und zu beruhigen. Der Betroffene braucht erst einmal die Erfahrung des Containments. Bei überstarken Ängsten kann aus meiner Sicht nur ein Psychoanalytiker die Zeit und intensive Haltearbeit bieten, die der Betroffene braucht. Ich glaube, nur so gelingt es dem Betroffenen, eine „gute innere Mutter“/einen „guten inneren Vater“ in seine Psyche aufzunehmen, sodass er mit sich selbst dann so weiterarbeiten kann, wie Eckhart Tolle es vorschlägt.
Die Vorstellung, dass bei sehr schweren frühen Störungen die Heilung nur mithilfe einer engen Beziehung (am besten zu einem Psychoanalytiker) gelingt, stammt aus meiner eigenen Erfahrung. Doch es gibt auch andere Wege. Der Psychiater Dr. Christian Dogs hat selbst viel Gewalt in seiner Kindheit erfahren, ist jedoch überzeugt, dass man es alleine schaffen kann und nicht unbedingt einen anderen dazu braucht.
Sich dem Leid hingeben
Eckhart Tolle erklärt, wie man sich seinem Leiden hingeben kann. Wenn man es loswerden wolle, könne dies nicht gelingen. Nur die Hingabe, das Sich-Ergeben („surrender“) würde den Weg hinaus ermöglichen. Er zählt verschiedene Leidenswege auf, auch Situationen, die man erstmal nicht ändern kann, wie z.B. das Gefangensein im Gefängnis (wörtlich und im übertragenen Sinn).
Wenn es ein extremes Leiden sei, so Eckhart Tolle, so könne man daraus sozusagen eine Lebens-Meditation machen. Es sei möglich, aus dem Leid herauszufinden, indem man sich ihm immer wieder unterwirft, es körperlich genau wahrnimmt und indem man versucht, die sorgenvollen Gedanken davon abzuschneiden, sodass der Kreislauf aus gedanklicher Sorge und körperlich-emotionaler Angst unterbrochen wird. Er sagt, dass es sehr unangenehm sein kann und dass man dies „a lot“, also wirklich sehr, sehr oft machen muss, um eine Veränderung, eine Transformation zu erreichen.
Aus Erfahrung weiß ich, was „a lot“ hier heißen kann – eine unvorstellbare Menge an Zeit, Wiederholung und Aufwand. Es kann zur Transformation kommen, es kann Veränderung eintreten, aus dem Leid kann Kreativität, Verständnis, Liebe entstehen, aber immer wieder auch Hass, Verzweiflung und Verbitterung (doch auch Zartbitterschokolade kann man schmelzen …). Der Gedanke, dass man aus einem Lebensthema eine „Lebensmeditation“ machen kann, hat etwas Tröstliches. Man kann lernen, mit dem Leiden immer wieder neu umzugehen, damit zu spielen, damit zu tanzen.
„Ich nenne es ‚die Akzeptanz des scheinbar nicht Akzeptierbaren‘.“ Eckhart Tolle
Sich vom Leben mitnehmen lassen
„Du siehst aber mitgenommen aus!“ Wenn wir uns nicht entscheiden können, wenn wir Angst vor einem großen Schritt haben oder unerträglichen Veränderungsdruck spüren, können oder müssen wir uns auch mal vom Leben mitnehmen lassen und schauen, wohin es uns führt. Nicht selten trägt es uns an helle Ufer, auch, wenn wir uns vorher ausgemalt haben, dass es ab in die Dunkelheit geht.
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Beitrag vom 30.1.2026 (begonnen am 12.7.2017)