Das unerfüllte Bedürfnis – wenn wir kurz vor dem Ziel aufgeben müssen

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche begleiten uns ein Leben lang. Es sind Hintergrundqualen, die vielleicht immer bei uns bleiben werden. Das Abwesende, das Nicht-Erlangte tut uns weh. Das Vergebliche schmerzt uns zutiefst. Das Unerfüllte nehmen wir mit ins Grab. Es gehört genauso zum Leben wie die Erfüllung. Es ist wie eine ständige Qual im Hintergrund. Und wenn wir eines gemeinsam haben, dann ist es das: die Erfahrung des Vergeblichen.
Manchmal, beim Einschlafen oder in anderen überraschenden Momenten spüren wir vielleicht, wie wir trotz allem wieder Wohligkeit fühlen. Wenn Qual zur Trauer wird, ist schon viel gewonnen.
Schon lange hat man es gespürt. Man liegt am Boden und weiß: Das war es jetzt. Schwermütig vollzieht man die Trennung. Man gibt auf. So will man nicht weiterleben. Nach dem Sonnenuntergang geht man erstmal durch’s Dunkle. Die Nacht ist lang. Uns sie ist immer am dunkelsten, bevor es wieder hell wird. Die Erleichterung wird kommen wie Morgennebel auf den Feldern, der sich auflöst.
„Danach begibt sich Mose wieder zu Gott, in die Einsamkeit,
und stirbt an der Grenze zwischen der Wüste und dem verheißenen Land.
Gott selbst begräbt ihn. Daher kennt niemand Moses Grab.“
Christian Nürnberger und Eva Jung: Keine Bibel. 2020, S. 79, www.thienemann-esslinger.de
Von der gnadenlosen Sucht, sein Ziel zu erreichen
Der siebte Ton einer Tonleiter weckt das Gefühl der Unvollkommenheit. „Ich will aber unbedingt das Ende hören!“, möchten wir sagen. Wir fühlen oft, dass wir unbedingt das Ende erreichen wollen – besonders, wenn wir kurz vor Schluss sind. Das Körpergefühl kennen wir aus der Sexualität: Kurz vor dem Ende ist es, als könnten wir nicht mehr aufhören.
Manchmal verfolgen wir Ziele mit einer Verbissenheit, die uns selbst schon krank vorkommt. Wir fühlen uns, als müssten wir sterben, wenn wir nicht das erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Viele Tragödien handeln davon, dass Menschen unbedingt etwas erreichen wollten – koste es, was es wolle. Und wenn das eigene Leben dabei drauf geht! Wie kommt es, dass wir uns an einer Sache, die uns wichtig ist, so festbeißen können? Häufig geht es um tiefe Ängste und auch um frühe Körpergefühle. Schon als Baby wollten oder sollten wir unbedingt geboren werden. Ein „Steckenbleiben“ oder Aufgeben hätte für uns den Tod bedeutet.
Im Krieg wollen Menschen unbedingt ihr Land zurückerobern, sie wollen ihre alte Grenze wiederhaben, sie wollen verbissen etwas einfordern. Wenn wir einen Beruf anstreben, wollen wir vielleicht unbedingt den Abschluss schaffen – manche nehmen sich das Leben, wenn sie scheitern. Wir wollen zu einem Verein gehören, wir wollen in die Gruppe der Freunde gehören – dafür tun wir alles. Wir haben das Gefühl, dass es das Ende der Welt bedeutet, wenn wir unser Ziel nicht erreichen.
„Hat Lina eigentlich schon ihr Kind?“ – „Sie hat es am Tag der Geburt verloren.“
Nur noch Weite ohne Halt
Wenn wir unser Ziel nicht erreichen ist es, als fielen wir in eine weite, trostlose Welt zurück. In Heinrich von Kleists Roman „Michael Kohlhaas“ geht es um einen Pferdehändler, dem zwei Pferde gestohlen werden. Im Kampf um „Gerechtigkeit“ verliert er seine Frau, steckt schließlich ganze Städte in Brand und endet auf dem Schafott. Es war ihm wichtiger, die beiden Pferde zurückzubekommen, als weiterzuleben. Schaut man sich das Leben von Heinrich von Kleist an, erfährt man, dass seine Eltern früh gestorben sind. Im Buch geht es vordergründig um’s „Recht“, aber könnte das darunterliegende Gefühl nicht die brennende Sehnsucht sein, Mutter und Vater (die zwei „Pferde“) wiederzubekommen? Könnte es sich da nicht auch um Rachsucht handeln? Um Rache am Leben, dass man so früh seine Eltern verloren hat?
Die Lücke, die wir im Leben spüren, schmerzt uns so sehr, dass wir alles dafür geben, sie nicht zu spüren. Frauen, die keine Kinder bekommen können, haben manchmal das Gefühl, an diesem Schicksal zu zerbrechen. Was ist es also, was uns da so sehr schmerzt? Ich mag Eckhart Tolles Konzept vom „Pain Body“. Ich verstehe es so, dass unser Körper und unsere Seele die Schmerzen, die wir erfuhren, einspeichert und wir dann ständig damit kämpfen. Der „Pain Body“ liebe die Dramen, sagt Eckhart Tolle – zum Beispiel in dem wunderbaren Podcast „Sex and the Pain Body“ (Youtube).
Eckhart Tolles Konzept vom „Pain Body“
Der „Pain Body“ sei ein Energiefeld, sagt er. Manchmal übernehme uns dieses Energiefeld und zeige extremen Ärger, Hass, Rachsucht, Lust am Schmerz usw. Eckhart Tolle fragt im Video zum Beispiel: „Have you ever tried to argue with a pain body?“ Also: „Haben Sie jemals versucht, mit einem Pain Body zu diskutieren?“ Wenn dieses Energiefeld aktiv sei, dann seien wir keinen vernünftigen Argumenten mehr zugänglich. Dann sind wir wie von Sinnen. Unser innerstes Wesen aber, unser „Consciousness“ (Bewusstsein), wie Eckhart Tolle sagt, sei frei davon und kann das alles beobachten. Wir merken: Wir selbst sind nicht (nur) unser Pain Body. In uns ist auch etwas, das frei von all dem ist. Eine Instanz, die verbunden ist mit dem Rest der Welt.
Unwillkommenem mit Mitgefühl begegnen
Wenn wir versuchen, gegen die „Energien“ des Pain Body anzugehen, haben wir verloren. Doch wenn wir diese Energien akzeptieren, sie bewusst spüren und uns damit auseinandersetzen, können sie nachlassen. Wir können versuchen zu verstehen, wie wir zu diesem gnadenlosen „Ich will aber!“ gekommen sind. Wir können versuchen zu verstehen, warum wir bei dem Gedanken, kein Kind zu bekommen, glatt sterben könnten vor Verzweiflung, während die Freundin nebenan mit demselben Problem kaum daran leidet. „Ich gehe mit dem, was ich mir wünsche, einen Zweierkampf ein wie mit der bösen Mutter, von der ich Liebe wollte und die mich nicht nährte“, sagt eine Frau.
Jeder hat seinen ureigensten Grund für sein „Ich-will-das-haben!“ und für sein „Um-jeden-Preis“. Die Angst vor dem Gefühl des Verlorenseins, des Fallens, der Einsamkeit, der Verzweiflung, der ungewissen Zukunft und auch der Scham ist zu groß, um loslassen zu können. Die Sucht, etwas haben zu wollen, weist auf einen Mangel hin. Auf einen Mangel an Zugehörigkeit, einen Hunger, auf eine Sehnsucht, auf einen Schmerz. Wenn wir uns mit all dem auseinandersetzen, können wir vielleicht neue Auswege sehen, die uns aus der engen, strengen und gnadenlosen Zweierschaft mit unserem Ziel herausführen.
Überidentifikation – oder: Gib dich doch mit weniger zufrieden
„Schau mal, du hast doch so viele Freunde“, hört der Einsame. Ja, aber er will eben seine Liebe finden. Er sucht die Partnerschaft. Dadurch wertet er die Freundschaft nicht ab. Aber er leidet eben daran, keine intime Beziehung zu einer Frau zu haben. „Schau mal, es gibt doch auch noch den Sport“, hört der Geiger, der einen Finger verloren hat. „Du wirst sicher auch ohne Studienabschluss glücklich“, ist der Spruch, der dem Gescheiterten um die Ohren weht. „Es gibt doch auch Wahlfamilien“, hört der Einsame, der keine Familie hat. „Ein Kind ist nicht alles“, sagt die Freundin zu der Frau, die nicht schwanger werden kann.
„Das meiste Leiden entsteht durch unsere Gedanken und Wünsche. Besonders, wenn wir mit einer Sache überidentifiziert sind, ist die Enttäuschung vorprogrammiert“, sagt ein buddhistischer Lehrer.
Die Tiefe des Lochs ist entscheidend
„Über-Identifizierung“ – es ist ein schwieriges Wort. Wenn ich für etwas brenne, hat es einen Grund. „Über-Identifizierung“ kommt oft dort zustande, wo es einen eklatanten Mangel gab. Wer ohne liebevolle Mutter oder Vater aufwachsen musste, wer massive Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit erlebte, wer keine Geschwister hatte, wer aus der Heimat vertrieben wurde oder sonst einen tiefen Riss in sich trägt, der hat oft einen starken inneren Schmerz, der gelindert werden will.
Wie von der Tarantel gestochen fühlt man sich, wenn jemand sagt: „Gib’s doch auf, such‘ Dir was anderes, mach‘ mal ’ne Pause.“ Man ist noch nicht so weit. Man klammert sich fest wie das Äffchen an der Mutter, wie das Baby am Finger des Erwachsenen.
Dieser Schmerz kann den Menschen antreiben. Es gibt Linderungen, die dem Betroffenen tatsächlich zutiefst helfen. Ein eigenes gesundes Kind kann eine Frau oder einen Mann mit vielem versöhnen, was vorher unversöhnlich erschien – sogar mit dem Leben. Auch die Beziehung zu einem Liebespartner, das Finden des richtigen Lehrers, einer liebevollen Familie oder des richtigen Berufes kann tatsächlich einen extremen Hunger stillen. „Der arme Mann, das arme Kind, der arme Lückenfüller“, könnte man sagen. Doch meistens entsteht eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass es nach reichlich Qualen, Bangen und Hoffen „doch noch“ geklappt hat. Eine Art von Schmerz wird vielleicht immer bleiben, aber die tiefe Verzweiflung, die vorher da war, kann abgemildert sein.
Vielleicht jeder Mensch, der für etwas brennt, hat eine Lücke, die fast unmenschlich schmerzt. Manche geben viel Geld aus für die richtige Behandlung, manche warten auf ein Spenderherz, manche brauchen Insulin und jeder braucht gewiss den nächsten Atemzug. Und sicher jeder Mensch braucht Liebe – vor allem als Baby, sonst stirbt er.
Das Dritte erleichtert
Manchmal, da wissen wir vielleicht, was mit Über-Identifizierung gemeint ist. Manchmal haben wir die erleichternde Idee, dass es auch anders gehen kann, dass wir einen Ausweg in etwas Drittem finden könnten, das uns ebenso tiefe Befriedigung finden lässt wie das „Eigentliche“, das wir suchten. Manche sagen, dass wir immer ein Stück Sehnsucht in uns tragen und nie die volle Befriedigung finden können. Ja, wir sind vielleicht immer auf der Suche, aber es gibt auch hier auf Erden das Sattsein.
Das Leben verläuft in Wellen und so können wir uns immer wieder auch vollkommen zufrieden und satt fühlen. Der Schmerz der Lücke kann immer wieder auftauchen und dennoch ist das Sattsein für den Moment eine wunderbare Erfahrung, weil man weiß: Ja, das gibt es. Es gibt auch für mich ein Sattsein, ein Gestilltsein, eine tiefste Zufriedenheit. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, wird weiter danach suchen.
Die, die für etwas brennen, haben meistens eine tiefe Lücke als Vorlage. Sich mit weniger zufriedenzugeben kann manchmal klappen, aber oft bleibt dann so ein fieser Dauerhunger übrig. Denn das Brennen an sich kann auch schon erfüllen. Und ja, es ist eine Katastrophe, wenn man das Ersehnte nicht erreicht. Man fragt sich, wie man damit weiterleben soll. Vielleicht ist es ein Versuch, diesem Schmerz vorzubeugen, indem man sein Herz nicht zu sehr an die Dinge hängt. Aber ist es nicht auch ein wenig Selbstverleugnung?
Wichtiger als die Vorbeugung ist es vielleicht, einen anderen Menschen an seiner Seite zu haben, der versteht, was all das für einen selbst bedeutet. Es ist gut, jemanden zu haben, der den Kampf nachempfinden kann, der den Schmerz des Scheiterns, Verlierens, Vermissens und Nicht-Erreichens zusammen mit uns voll anerkennt. Manche verschmerzen es, anderen bricht es das Herz, wenn das Ersehnte nicht eintritt. Und oft hat man eben niemanden an seiner Seite.
Manche brennen aus, manche sterben daran, wenn sie versuchen, zu erreichen, was sie vermissen. Aber man kann seine Suche, seinen Kampf auch überleben und finden, was man suchte. Vielleicht wird man dann von der „Melancholie der Erfüllung“ heimgesucht, vielleicht aber erlebt man auch eine tiefe Freude, die man so zuvor noch nie gespürt hat. Manche spüren auch nach dem Finden des Vermissten immer noch ihren persönlichen Ur-Schmerz und den Ur-Mangel und sie spüren, dass sie nur einen „Ersatz“ gefunden haben, während „das Wahre“ weiterhin fehlt. Und doch lohnt es sich, seinen Weg zu gehen und seine Erfahrungen in aller Tiefe zu machen.
„Was man liebt, das geht einem an die Nerven.“ Gehört von einer Tierärztin im Fernsehen, die Schwierigkeiten damit hatte, ihren eigenen Hund zu behandeln.
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Links:
Don Mac Lean
By the waters of Babylon
we laid down and wept for thee Zion
www.youtube.com/watch?v=YuYlwI8Vc8Q
safi-nidiaye.com
Wünsche – die Sehnsucht befreien: Youtube
Why is overidentification a problem in econometrics?
www.quora.com/…
Beitrag vom 25.1.2026 (begonnen am 8.1.2017)