Die psychoanalytische Deutung erlernen – eine Kunst in Psychotherapie und Psychoanalyse

Ein Psychoanalytiker hört lange zu und deutet dann. Er findet im Dickicht eine Lichtung, beschreibt das Gefühl oder Bild, das in ihm entstanden ist, er hat eine Idee, errät den Zustand des Patienten oder stellt einen bisher nicht gesehenen Zusammenhang her.
„Deutung“ in der Psychoanalyse heißt vereinfacht: etwas Unbewusstes bewusst werden lassen. Eine Deutung weist auf die „Bedeutung“ von etwas hin. Doch wann ist das, was der Analytiker sagt, nur eine Äußerung, und wann eine Deutung? Wenn eine Deutung (englisch: Interpretation) zutrifft, dann sind Patient und Analytiker oft berührt und erleichtert. Beide haben dann das Gefühl, etwas verstanden zu haben.
Eine korrekte Deutung ist sowohl für den Patienten als auch für den Analytiker häufig eine Überraschung (Bion in Grotstein: A Beam of Intense Darkness, Karnac 2007, S. 83). Kommt eine Deutung zu früh, „wird sie von niemandem gehört“ (Anne Marie Sandler: Encounters through generations, Youtube). Der Analytiker sollte die Deutung erst aussprechen, wenn er das Gefühl hat, dass der Patient sie verdauen kann, also dass der Patient „deutungsbereit“ ist. Deutungen kommen dem Analytiker am besten im Zustand der frei schwebenden Aufmerksamkeit – sie haben oft etwas Träumerisches.
Die erleichternde Deutung wird vom Patienten oft ersehnt. Als Analytikerin siehst du dich manchmal unter dem Druck stehen, etwas Hilfreiches zu sagen. Doch wenn du dich zu einer Deutung quälst, hat sie nur wenig Wert. Es kann wichtig sein, dem Erwartungsdruck des Patienten zu widerstehen. Auch könnte dieser Druck selbst gedeutet werden.
Passt: Psalm 119, 162: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute findet.“
Die Deutung hängt auch von der psychoanalytischen Schule ab
Mann könnte vereinfacht sagen: Freudianer deuten („erklären“) Trieb- und Wunsch-Abwehr-Konflikte: „Sie würden gerne Ihrem Partner die Meinung sagen, aber haben Sorge, die Beziehung könnte das nicht verkraften.“ Dies ist eine Konfliktdeutung, auch Inhaltsdeutung genannt.
Auch kann man das Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen deuten: „Sie haben vielleicht das Gefühl, ich bin genauso empfindlich wie Ihr Partner.“ Das ist eine „Übertragungsdeutung“ im Hier und Jetzt. Da es sich auf die Beziehung zwischen Analytiker und Patient bezieht, spricht man hier auch von „Binnenübertragungsdeutung„. Es ist auch möglich, den Widerstand des Patienten zu deuten: „Sie sagen jetzt vielleicht nichts, weil sie befürchten, dass es unsere Beziehung zerstören könnte, wenn Sie Ihre Gedanken aussprechen“ (Widerstandsdeutung).
Als genetische Deutungen werden solche Deutungen bezeichnet, die den Zusammenhang zwischen Jetzt und Kindheit erklären. Beispiel: „Sie müssen hier vielleicht immer kämpfen, weil Sie schon bei Ihrer Mutter darum kämpfen mussten, verstanden zu werden.“
Genau wie Ich-Psychologen weisen „Freudianer“ z.B. auf die starken Gebote des Über-Ichs hin: „Sie befürchten, bestraft zu werden, wenn Sie Ihre Meinung sagen.“ Selbstpsychologen deuten vielleicht die Funktion, die ein anderer Mensch für den Patienten haben könnte: „Sie sehen in mir die Person, die Sie beruhigen kann, aber Sie sehen mich nicht als Ganzes.“
Deuten heißt, etwas emotional erfahrbar zu machen.
Kleinianer wollen die unbewussten Phantasien verdeutlichen und gehen auf die „inneren Objekte“ ein: „Vielleicht haben Sie die Phantasie, Sie würden Ihre (innere) Mutter töten, wenn Sie Schlechtes über sie denken.“ Analytiker, die besonders auf die Mentalisierungsfunktion des Patienten achten, erklären vielleicht verschiedene Motivationen und Absichten des Patienten und seiner Mitmenschen: „Vielleicht hatte Ihre Mutter Ihnen nichts Böses gewollt – vielleicht hatte sie Angst, Sie würden Schaden nehmen, wenn sie nicht aktiv werden würde.“
Arten von Deutungen in der Psychoanallyse:
Objektale Deutungen: Objekte wie Tiere, Menschen oder Dinge werden als vom Patienten getrennt gedeutet. Beispiel: Ein Patient träumt von einem roten Laster. Dann kann man deuten: Der rote Laster soll die Schulden des Patienten darstellen.
Subjektale Deutungen: Bei einer subjektalen Deutung geht der Analytiker davon aus, dass das, wovon der Patient erzählt, ein Teil des Patienten ist. Der rote Laster könnte vielleicht der Patient selbst sein, der bereits zu viele Sorgen auf sich nehmen musste. Erzählt der Patient zum Beispiel von einer Kollegin, die nie genug bekommen kann, dann könnte der Analytiker zum Beispiel sagen: „Vielleicht können Sie selbst ja auch nie genug bekommen.“ Besonders Personen und Tiere in Träumen kann man subjektal deuten: „Da war dieser Hund mit diesem weit aufgerissenen Maul.“ Hier könnte der Analytiker sagen: „Vielleicht sind Sie ja der Hund, der ungeheuren Hunger hat.“
„Die Gruppe um Weiss und Sampson (Weiss 1992) geht von der Hypothese aus, dass das entscheidende Ziel des Psychotherapiepatienten darin besteht, seine ihm unbewussten pathogenen Überzeugungen durch den Analytiker falsifiziert zu bekommen“ (Mertens/Waldvogel: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Kohlhammer 2008: S. 138)
Phänomenologische Deutung: Sie bezieht sich auf den Patienten, „wie er ist“ und auf die Situation, in der sich der Patient im Leben gerade befindet. Beispiel: „Sie kaufen sich immer so große Autos, weil Sie vielleicht damit verstecken wollen, wie klein Sie sich fühlen.“
Gesättigte und ungesättigte Deutung: Gesättigte Deutungen erklären dem Patienten etwas vollständig: „Sie sind heute vielleicht so bockig, weil Sie sich fühlen, als würde ich Sie genauso in die Ecke drängen, wie die Mutter es immer tat.“ Ungesättigte Deutungen deuten nur etwas an und lassen Raum für weitere Entwicklungen in der Stunde: „Es ist, als seien Sie in eine Ecke gedrängt worden …“ Ungesättigte Deutungen können auch nur aus einem Wort oder kurzen Nachdenk-Fetzen bestehen: „… wieder in der Ecke …“
Binnenübertragungsdeutung und Außenübertragungsdeutung:
„Sie haben Sorge, ich könnte Sie genauso fallen lassen, wie Ihr Vater es tat.“ Die Beziehung zwischen Patient und Analytiker wird direkt besprochen. „Sie sehen in Ihrem Chef immer wieder Ihren dominanten Vater und werden dann unterwürfig.“ Die Beziehung zwischen Patient und Analytiker kann sich in der Außenwelt im Zusammenspiel mit anderen widerspiegeln. Die Außenbeziehung muss natürlich nichts mit der Analytiker-Patient-Beziehung zu tun haben, sondern kann allein etwas über den Analysanden bzw. den Außenstehenden sagen.
Prozessdeutungen beziehen sich auf Prozesse, z.B. auf den analytischen Prozess im Laufe der Zeit: „Früher hatten Sie an dieser Stelle immer einen Fluchtreflex. Heute können wir uns das hier in Ruhe anschauen.“
Aktuale Deutung (Hinz 2009): Lauscht er Analytiker seinem Patienten und beobachtet er ihn, fallen ihm bestimmte Möglichkeiten der Deutung ein. Die Deutung, die der Analytiker aus einer Reihe von möglichen Deutungen auswählt, ist die aktuale Deutung.
Tiefe Deutung: Bei einer „tiefen Deutung“ sagt der Analytiker dem Patienten etwas, das sich auf ein ganz ursprüngliches Problem in der Vergangenheit bezieht oder/und auf etwas tief Unbewusstes.
Der Psychoanalytiker James Strachey (1887-1967) schreibt: „Er (der Ausdruck „tiefe Deutung“) beschreibt zweifellos die Deutung von Material, das entweder genetisch früh und historisch entfernt von der gegenwärtigen Erfahrung des Patienten liegt oder das sich unter einer schweren Last von Verdrängung befindet – Material jedenfalls, das beim normalen Stand der Dinge für das Ich des Patienten überaus unzugänglich und weit von ihm entfernt ist.“ (S. 508) James Strachey (1935): Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1935, 21 (4): 486-516
Mutative Deutung (mutare = lat. wechseln, sich verwandeln, sich verändern): Eine Deutung, die zu einer spürbaren Veränderung beim Patienten – und manchmal auch beim Analytiker – führt. Beispiel: „Bei der ‚mutativen Deutung‘ vollzieht sich nach Strachey ein Austausch von Über-Ich-Inhalten, wobei Einstellungen des Analytikers, die dieser anlässlich bestimmter Deutungen vermittelt, als neue, milde Über-Ich-Anteile verinnerlicht werden. Dieser Austausch läuft darauf hinaus, dass sich der Patient partiell mit dem Psychoanalytiker identifiziert.“ Übertragungsdeutung und Realität, S. 295, Helmut Thomä, Horst Kächele: Psychoanalytische Therapie: Grundlagen, Band 1, Verlag Springer 2006
Die bekannteste aller Deutungen ist wahrscheinlich die Traumdeutung.
Bion: Erst fühlen, dann deuten
Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897-1979) hat Einleuchtendes zur Deutung gesagt (James Grotstein: A Beam of Intense Darkness, Karnac 2007). Durch seine Therapie mit Borderline-Patienten und Psychotikern hat er gelernt:
„I do not think such a patient will ever accept an interpretation, however correct, unless he feels that the analyst has passed through this emotional crisis as a part of the act of giving the interpretation.“ (In: Grotstein: A Beam of Intense Darkness, S. 91) Übersetzt von Voos: „Ich glaube nicht, dass so ein Patient jemals eine noch so korrekte Deutung akzeptieren wird, wenn er nicht spürt, dass der Analytiker zuvor selbst durch diese emotionale Krise gegangen ist. Dieses Mit-Erleben der Krise ist Teil des Deutungsvorgangs.
„… the interpretation is merely setting a formal seal on work that has already been done.“
„… die Deutung besiegelt nur die Arbeit, die vorher schon getan wurde.“
Wilfred Ruprecht Bion (Chris Mawson, Redakteur) 2021:
The Complete Works of W.R. Bion:
Taylor & Francis, Volume 11 – Seite 1959
Google Books
Der Psychoanalytiker Wilfred R. Bion (1897-1979) beschreibt die „Deutung“ als ein „Element“ der Psychoanalyse: „Da der Analytiker ständig dazu aufgerufen ist zu entscheiden, ob er mit einer Deutung intervenieren soll, sollte die Entscheidung mit ihren Komponenten von Einsamkeit und Introspektion als ein Element der Psychoanalyse angesehen werden …“ Bion: Elemente der Psychoanalyse, suhrkamp taschenbuch 1992: S. 46
Wenn man falsch liegt
Ähnlich wie eine Mutter nicht immer richtig errät, was mit ihrem Kind ist, so kann auch der Psychoanalytiker mit seiner Deutung falsch liegen. Der Patient fühlt sich dann missverstanden. Die Deutung hat dann manchmal mehr mit dem Psychoanalytiker als mit dem Patienten zu tun. Manchmal ist der Psychoanalytiker plötzlich so in seiner eigenen Welt gefangen, dass er etwas „deutet“, was sich auf seinen eigenen Innenraum bezieht. Oft durchmischen sich jedoch auch das Unbewusste des Patienten und des Analytikers, sodass erst im Laufe der Verwicklung eine neue „Entwicklung“ zustande kommt und dann neues Deuten möglich wird.
Sobald ein Missverständnis deutlich wurde, ist die Versuchung groß, immer noch mehr zu sagen, sich wieder herauszureden, sich zu rechtfertigen. Doch meistens ist das der Situation nicht zuträglich. Besser, man lässt vielleicht nach einer kurzen Erklärung die „falsche“ Deutung sacken. Es ist nicht leicht, das Schuldgefühl, das hier entstanden ist, für sich selbst zu verdauen. Solche Szenen können deine eigene Entwicklung als Psychoanalytiker*in fördern, aber auch im Zusammenspiel mit dem Patienten etwas bewirken.
Mit der Deutung innerlich spielen
In der Psychoanalyse geht es viel um’s Spielen. Sobald die Dinge konkret werden, hört das Spiel auf. Spielen bedeutet, geistig beweglich zu bleiben und die Dinge mal von rechts, mal von links zu betrachten. Manchmal fällt einem als Analytiker hinter der Couch früh eine Deutung ein, zum Beispiel: „Vielleicht zeigt sich in dem, was Sie hier erleben, wie es Ihnen mit Ihrer Mutter ging. Auch die Mutter hatte kein offenes Ohr für Sie.“ So eine Deutung kann etwas in Gang bringen und weitere Ideen entstehen lassen. Sie kann aber auch etwas töten. Sie kann den Patienten zunächst zufriedenstellen und den Assozisationsprozess beenden. In jeder Situation zeigt sich neu, wann man eine Deutung am besten ausspricht.
„Vielleicht habe ich da gerade etwas verstanden“
Wenn du deine Deutung eine Weile für dich behältst, entsteht ein innerer Raum. Du kannst auf einmal mit dem entsprechenden Ohr hören. Passt das, was die Patientin erzählt, zu meiner inneren Deutung? Welche weitere Aspekte tun sich auf? Manchmal kann der Eindruck entstehen, der Analytiker ließe den Patienten zappeln. Dann ist das gute Gespür wichtig: Wann ist es Zeit, die Deutung auszusprechen? Manchmal spricht der Patient die Deutung nach einer Weile selbst aus – er kann dadurch wie bei einer Geburt das Gefühl bekommen, selbst den Weg in die Welt gefunden zu haben.
„Wir versäumen dabei aber nie, unser Wissen und sein [des Patienten] Wissen strenge auseinander zu halten. Wir vermeiden es, ihm, was wir oft sehr frühzeitig erraten haben, sofort mitzuteilen oder ihm alles mitzuteilen, was wir glauben erraten zu haben. Wir überlegen uns sorgfältig, wann wir ihn zum Mitwisser einer unserer Konstruktionen machen sollen, warten einen Moment ab, der uns der Geeignete zu sein scheint, was nicht immer leicht zu entscheiden ist.“ … „In der Regel verzögern wir die Mitteilung einer Konstruktion, die Aufklärung, bis er [der Patient] sich selbst derselben so weit genähert hat, dass ihm nur ein Schritt, allerdings die entscheidende Synthese, zu tun übrig bleibt. Würden wir anders verfahren, ihn mit unseren Deutungen überfallen, ehe er für sie vorbereitet ist, so bliebe die Mitteilung entweder erfolglos oder sie würde einen heftigen Ausbruch von Widerstand hervorrufen …“ Sigmund Freud: Die Psychoanalytische Technik. Aus: Abriss der Psychoanalyse (1940), GW (Gesammelte Werke), Band 17, S. 103, Projekt Gutenberg
Wenn uns hinter der Couch eine gute Deutung einfällt, sind wir manchmal ganz begeistert. Wir möchten sie dem Patienten gleich mitteilen. Er könnte uns dann dankbar sein oder uns sogar bewundern. Doch da verpufft schnell. Oft ergibt sich aus der Zurückhaltung der Deutung für beide ein belebendes, befreiendes und interessantes Spiel. Der Patient assoziiert und der Analytiker kann die Assoziationen des Patienten um seine innere Deutung (die ja eine Hypothese ist) herumtanzen lassen. Wenn du es schaffst zu warten, merkst du vielleicht, wie der Patient über Assoziationen selbst zu der Deutung findet, die du als Analytiker*in schon länger im Kopf hattest.
Der Patient selbst hat zum Verstehen gefunden. Auch für dich als Analytiker*in ist das ein schönes Gefühl. Ein bestätigendes „Ja“ oder „Aha!“ gibt dem Patienten die Rückmeldung, dass man gemeinsam eine Vermutung hatte, die sich nun als plausibel bestätigt.
Schon während du als Analytiker*in deine Deutung still in dir trägst, kann es dazu kommen, dass der Patient sich tief verstanden fühlt. Er spürt deine Resonanz auf seine Innenwelt. Es ist, als reagierte er auf die Deutung, die du dir schon zurechtgelegt hast. Das Spiel mit der inneren Deutung, die nicht ausgesprochen wird, kann beiden viel Freude bereiten und einen verstehenden „Spielraum“ eröfffnen.
Deuten am Dringlichkeitspunkt
In der Hundeschule lernt man: Die Reaktion des Menschen muss in direktem zeitlichem Zusammenhang mit dem Verhalten des Hundes stehen, weil der Hund schon etwas später keinen Zusammenhang mehr zwischen den Geschehnissen herstellen kann. Es ist schon merkwürdig, die Psychoanalyse mit einer Hundeschule zu vergleichen, aber kürzlich kam es mir in den Sinn, als ich meinte, den richtigen Zeitpunkt für eine Deutung verpasst zu haben. Manchmal geschieht es ganz schnell – der Psychoanalytiker überlegt, ob er die Deutung nun geben soll oder nicht und wenige Augenblicke später merkt er: Jetzt ist es zu spät. In der Psychoanalyse gibt es für den passenden, sich aufdrängenden Augenblick zur Deutung einen schönen Begriff: den Dringlichkeitspunkt.
Der Psychoanalytiker James Strachey (1935) schreibt: „Eine mutative (Anmerkung: eine zur Veränderung führende) Deutung kann nur bei einer Es-Regung mit aktueller Besetzung Anwendung finden. (Heißt: Der Patient muss von einem Gedanken oder Gefühl stark ergriffen [= „besetzt“] sein.) … Jede mutative Deutung muss gefühlsmäßig ‚unmittelbar‘ sein, der Patient muss sie als etwas Gegenwärtiges empfinden. … Deutungen müssen immer auf den ‚dringlichsten Punkt‘ hinzielen. In jedem bestimmten Moment wird eine besondere Es-Regung in Bewegung sein; diese Regung und keine andere ist dann für eine mutative Deutung gerade empfänglich. Zweifellos ist es weder möglich noch wünschenswert, die ganze Zeit mutative Deutungen zu geben; aber wie Melanie Klein (Anmerkung: Die Psychoanalyse des Kindes, 1932) hervorgehoben hat, ist es eine sehr wertvolle Eigenschaft eines Analytikers, jeden Augenblick den ‚Dringlichkeitspunkt herausfinden zu können‘.“ James Strachey: Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1935, 21 (4): 486-516, archive.org/…
„(Der Dringlichkeitspunkt) … kennzeichnet den Augenblick, an dem etwas aus dem Unbewussten des Analysanden auftaucht und der Analytiker glaubt, es deuten zu müssen. Es ist etwas, was innerhalb des intersubjektiven Feldes geschieht, das beide Beteiligte zusammen umfasst und eine eigene, teils unbewußte Dynamik besitzt.“ Madeleine Baranger (1993): Die geistige Arbeit des Analytikers: vom Zuhören zum Deuten. Jahrbuch der Psychoanalyse: Band 30, www.frommann-holzboog.de/…
Dringlichkeitspunkt = französisch: Point d’urgence
„C’est ‚le fantasme inconscient‘ créé par les deux membres du ‚couple‘ qui vient à constituer un point d’urgence à interpréter en priorité.“ Übersetzt von Voos: „Es ist eine unbewusste Phantasie, die von beiden (dem ‚analytischen Paar‘) kreiert wird und die dann zum Dringlichkeitspunkt wird, der vorrangig gedeutet werden will.“ Madeleine et Willy Baranger (2009): La situation analytique comme champ dynamique. Revue Francaise De Psychanalyse, 2009/2 (Vol. 73), DOI : 10.3917/rfp.732.0605,
www.cairn.info/…
Wenn der Patient schweigt, kann es dennoch einen Dringlichkeitspunkt geben:
„… the point of urgency is already present in the silence. … Consequently, we need to differentiate various points of urgeny in an analytic session or sometimes in a sequence of sessions.“
„Der Dringlichkeitspunkt ist bereits in der Stille da … Folglich müssen wir zwischen verschiedenene Dringlichkeitspunkten in einer analytischen Sitzung oder einer Folge von Sitzungen unterscheiden.“ Madeleine Baranger, Willy Baranger (2008): The analytic situation as a dynamic field. The International Journal of Psychoanalysis. Volume 89, Issue 4, August 2008, Pages 795-826. https://doi.org/10.1111/j.1745-8315.2008.00074.x, onlinelibrary.wiley.com/…
In der Phantasiewelt bleiben, Zurückhaltung üben. Der Psychoanalytiker wirkt wie „ein Geist“
In der Psychoanalyse gibt es zwei Ebenen: die reale und die Phantasie-Ebene. Die Hauptarbeit findet auf der Phantasie-Ebene statt. Sobald es auf die konkrete Ebene geht, ist besondere Zurückhaltung angesagt. Der Patient liegt auf der Couch und sagt, was ihm einfällt. Es entstehen Übertragungen und Gegenübertragungen. Der Analytiker sitzt hinter der Couch und nimmt beim Zuhören die träumerische Haltung ein, die zum Beispiel eine Mutter oder ein Vater einnimmt, wenn sie/er den Säugling auf dem Arm hält. Doch dieser Prozess kann leicht gestört werden.
Die Mutter hat mehr oder weniger bewusste, schwebende Gedanken: „Was könnte mein Kind gerade fühlen? Wie es meiner Schwester ähnelt! Was wird wohl aus ihm werden? Hat es Hunger, will es ausscheiden, ist es müde? Ich selbst bin gerade soo müde!“ Dieses träumerische Gefühl kennen wir auch, wenn wir ins Gespräch vertieft sind, auf freien Autobahnen fahren, Musik hören oder über unsere Zukunftsperspektiven sinnieren. Das alles finden wir interessant.
Die Geschehnisse auf der realen Ebene reißen uns aus dem Fluss freier Gedanken heraus: Das Telefon klingelt, die Freundin fragt, wie spät es eigentlich ist, das Kind hat einen Mückenstich oder man schaut auf die Uhr, um einen konkreten Plan einzuhalten.
Zurück auf den Boden der Tatsachen
Im psychoanalytischen Gespräch hebt man ab – man ist rasch in der Gefühls-, Gedanken- und Gesprächswelt, in der ein Flow erlebt werden kann. In der Psychiatrie hingegen sieht es oft anders aus – dort herrscht das Konkrete vor. Der Patient sagt: „Ich habe wieder so viele Alpträume“ und der Psychiater fragt: „Sollen wir die Medikamentendosis erhöhen?“ Die Phantasie-Ebene wird sofort verlassen oder gar nicht erst betreten. Der Psychiater spricht das bewusste Denken des Patienten an. Das „Schwebende“ wird unterbrochen vom Konkreten. Manchmal zeigt sich der Patient dann genervt und es ist ihm, als sei etwas abgebrochen worden.
In einer Psychoanalyse-Sitzung pendeln Analytiker und Patient zwischen der real-konkreten und der Traum-Welt hin und her. Die Verhaltenstherapie hält sich mehr in der realen Welt auf. Es gibt Patienten, mit denen man leicht ins Träumerische kommen kann; andere wiederum sind stark im konkreten Denken verhaftet. Dies hängt unter anderem von der Art der psychischen Störung und der psychischen Reife bzw. „Struktur“ des Patienten ab. Wie sehr man beispielsweise mit Psychotikern im Konkreten oder Phantasienvollen arbeiten soll, wird unter Fachleuten immer wieder diskutiert.
Verweilen
Die innere Haltung, die der Analytiker einnimmt, ist von großer Bedeutung. Kann er über den Patienten nachdenken? Kann er sich fragen: „Was bedeutet das, was mein Patient da gerade erzählt? Warum ist er so auffällig gekleidet? Welche Körperhaltung nimmt er ein? Welche Bilder entstehen in mir in Bezug auf den Patienten?“ So bleibt der Analytiker in seiner nachdenklichen, verstehenden und komplexen Welt und kann dieses beruhigte Bei-Sich-Sein auf den Patienten übertragen. Dazu braucht der Analytiker nicht viel zu sagen – der Patient wird diese träumerische Haltung spüren und irgendwann nachahmen.
Wenn das Konkrete überwiegt
Gestört ist dieser Prozess dann, wenn der Analytiker merkt, dass er mehr und mehr ins Konkrete kommt. Manchmal versuchen Patienten regelrecht, den Analytiker ins Konkrete zu locken. Wenn der Analytiker mit dem Patienten beginnt, um verschiedene Meinungen zu kämpfen, wenn er beginnt, immer häufiger konkret auf Fragen des Patienten zu antworten, dann verlässt der Analytiker seine analytische Haltung und kommt mit dem Patienten sozusagen auf den Boden der Tatsachen: „Sie haben das gesagt“ – „Nein, das stimmt nicht, ich habe das gesagt!“ Sowohl der Patient als auch der Analytiker merken, wenn die Tendenz, konkret zu werden, zunimmt. Es entsteht unter Umständen das Gefühl, dass die Arbeit gestört ist.
Der wunde Punkt des Analytikers
Diese Tendenz, konkret zu werden, kann unter anderem da auftauchen, wo ein persönlich wunder Punkt des Analytikers erreicht wird, den er selbst noch nicht ausreichend bearbeiten konnte. Wenn ihn die Situation mit dem Patienten so sehr an Unheilvolles aus dem eigenen Leben erinnert, dass er seine Angst kaum noch für sich behalten kann, steigt der Analytiker sozusagen aus.
Er antwortet vielleicht zu hastig, fühlt sich gefangen, wehrt ab, wird wütend oder lässt sich zu Handlungen oder Aussagen verführen, die er später bereut. Er kann die analytische Situation nicht mehr halten. All dies steht auch in enger Verbindung zum Wesen des Patienten und was er mit dem Analytiker „macht“. Analysieren heißt auch, zu versuchen auseinanderzupflücken, wo was verortet ist.
Wenn der Zahnarzt mit dem Bohrer den Nerv erwischt, ist es fast unmöglich, still zu halten. Jeder Mensch hat wunde Punkte.
Auf dem Weg in die eigene Mitte
Doch woher nimmt man als angehender Analytiker die Kraft, die Spannung auszuhalten und sich in drängenden Momenten zurückzuhalten? Es ist neben der geleisteten Verdauungsarbeit vielleicht auch eine Mischung aus Übung, Erfahrung und der inneren Überzeugung, dass es sich schon lösen wird. In der Ausbildung lernt man: Wenn man als Analytiker der Verführung des Patienten nachkommt, kann man in Teufels Küche kommen. Andererseits muss man sich auch verwickeln lassen, um im Nachgang verstehen zu können, was eigentlich passiert. Das ist oft eine schwierige Arbeit, denn Themen wie Retraumatisierung, sexuelle Übergriffe und Missbrauch liegen hier entlang des Weges.
Meditation, Yoga, Tai Chi, aber auch Musizieren, Sport und Tanzen in der Freizeit können helfen, Zurückhaltung in der analytischen Situation zu üben. Man kann es auch im Alltag üben: bei Heißhungerattacken, Ungeduld, Appetit auf eine Zigarette etc. Wenn man die eigene Regung bewusst wahrnimmt und sie nicht von sich weisen will, dann kann man oft feststellen, dass die Erregung nachlässt und nach einigen Minuten Ruhe einkehrt.
Wenn dir deutlich wird, dass Stillhalten ein aktives Geschehen ist, dann merkst du zunehmend, wie fruchtbar es ist.
Je weitreichender die Schmerzen in der eigenen Analyse gehalten und verdaut wurden, desto größer wird die innere Freiheit. Das eigene Unbewusste wird „markiert“, so nennt es der Psychoanalytiker Marc Solms, sodass man früher erfassen kann, was innerlich gerade vor sich geht.
Wird es leichter?
Vielleicht fällt es jüngeren Analytikern schwerer, sich zurückzuhalten, als älteren. Es fällt schwerer, wenn man als Analytiker selbst in einer krisenhaften Lebensphase steckt, wenn es Partnerschaftsprobleme gibt oder wenn man wider Willen wieder alleine leben muss. Es fällt schwerer, wenn man müde ist oder krank wird. In Geldnot und zu Beginn der Ausbildung ist man angespannter als gegen Ende der Ausbildung. Jeder kennt Zeiten, in denen man sich gut zurücknehmen kann, in denen man Aversives oder auch Angenehmes sich entfalten lassen kann und Zeiten, in denen man angekratzt und auf Zerstörungskurs ist. Diesen Wechsel anzuerkennen, hilft, entspannter zu bleiben.
Warten können
Das Sich-Zurückhalten ist eine Übung, die jeden Tag geübt werden kann. Bei Aldi an der Kasse ebenso wie im Stau. Wer still sein kann und dies als wertvolle Fähigkeit betrachtet, kann oft viele freudige Überraschungen erleben.
„Do I dare disturb the universe?“, fragte der Psychoanalytiker Wilfred Bion .
Diese Frage ist immens wichtig. Wie kann ich es wagen, das Universum zu stören? Die Natur gedeiht dort am besten, wo der Mensch nicht eingreift. Wann und wie er eingreifen sollte, ist oft schwer zu beantworten. Die Analyse ist ein empfindliches System. Patient und Analytiker entwickeln sich oft dann am besten, wenn der Analytiker den Patienten und sich selbst in Ruhe lassen kann.
Der Psychoanalytiker ist wie ein Geist
Der Psychoanalytiker sitzt hinter der Couch – man kann ihn nicht sehen, sondern nur hören. Berührungen gibt es nur in Form von Handschütteln am Anfang und am Ende der Sitzung. Es ist wie ein „Abschied von der Realität“ zu Beginn und eine „Wieder-Begrüßung der Realität“ zum Ende der Stunde. Das Händeschütteln in der Psychoanalyse erinnert an den Applaus in einem Konzert: Am Ende von ergreifender Musik wird der Gefühlswelt mit dem Applaus ein Ende gesetzt. Es ist der Übergang von der verträumt-emotionalen Welt zurück in die „wirkliche“ Welt.
Der Patient sieht im Analytiker teilweise Eigenschaften, die nicht der Realität entsprechen – er sieht sozusagen Gespenster: Der Analytiker wird „wie der Vater“ oder „wie die Mutter“. Der Analytiker hingegen kann sich nie ganz sicher sein, was im Patienten vorgeht, doch er hat seine eigenen Gegenübertragungsgefühle. Sie geben ihm Hinweise darauf, wie der Patient sich fühlen mag.
Die Begegnung zwischen Patient und Analytiker findet teilweise in tranceartigen Zuständen statt: Der Patient gibt sich seinen freien Assoziationen hin und hat dabei vielleicht die Augen geschlossen. Der Analytiker begibt sich in einen meditativen Zustand, in die sogenannte „gleichschwebende Aufmerksamkeit“. Hier können sich beide dann leichter auf einer unbewussten, fast schlafähnlichen, Ebene treffen.
Wir führen mit dem Analytiker ein inneres Gespräch. Wir haben kein „Gegenüber“ sondern ein „Dahinter“. Wir hören ihn, ähnlich wie wir uns selbst hören, wenn wir mit uns sprechen.
Der Patient nimmt den „Geist“ auf, die Psyche verändert sich
Wir selbst denken in Worten und Bildern über uns nach. Unsere inneren „Repräsentanzen“ bestimmen mit, wie wir uns im Alltag fühlen. Wir wir mit uns selbst umgehen, hängt auch davon ab, welches innere Bild wir von Mutter und Vater haben – gingen sie liebevoll mit uns um, können wir uns selbst auch liebevoll begegnen. War das überwiegend nicht der Fall, sehnen wir uns nach einer Korrektur. Der Analytiker ist eine Instanz, die wir neu in unsere Psyche mit aufnehmen können – er wird zu einer neuen Repräsentanz. Sehen wir in ihm unsere Mutter und erleben wir ihn aber anders, so kann sich auch das innere Bild von unserer eigenen Mutter verändern.
Psychische Vorgänge, die wir selbst nicht verarbeiten konnten, kann der Analytiker sozusagen für uns „verdauen“ und sie uns in reiferer Form wieder zurück geben. Was wir vorher nicht aushielten, wird „handhabbar“. Auch diesen Vorgang können wir verinnerlichen. Das, was wir mit dem Analytiker zusammen erleben, nehmen wir in unsere Psyche auf – als Erinnerung, als Mechanismus, als Gefühl, als Sinneseindruck. So kann sich die Psyche verändern.
Unantastbar
Meiner Meinung nach geht all dies gerade deswegen so gut, weil sich beide nicht sehen können und sich auch nicht berühren. Anfassen ist Realität, doch in der Psychoanalyse geht es gerade darum, die Phantasie, die Psyche, den „Geist“ zu berühren. Wenn es eine gute Beziehung ist, nehmen wir den Analytiker innerlich mit auf unsere Lebensreise. Er wird ein Teil von uns. Zunächst ist es noch „er“, der in uns wirkt, also die Erinnerung an ihn, an das Bild von ihm. Doch mit der Zeit machen wir „es“ uns zu eigen und merken, dass wir selbst zunehmend so funktionieren können, wie einst der Psychoanalytiker für uns funktionierte. Wir haben etwas in uns aufgenommen und assimiliert. Daher ist die Psychoanalyse etwas, das der Analytiker mit großer Vorsicht durchführen muss. So wird es auch verständlich, warum die Ausbildung so intensiv ist und so lange dauert.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Sigmund Freud (1916):
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Kapitel 6: Voraussetzungen und Technik der Deutung
Projekt Gutenberg
Hinz H (2009):
Optionale Deutung – Aktuale Deutung:
Bemerkungen zum ungeschriebenen Konzept der Deutungsoptionen von Wolfgang Loch.
Jahrbuch der Psychoanalyse 59, 69-93, fromman-holzboog
Timo Storck:
Deutung
Kohlhammer, 1. Auflage 2022, S. 72
Firmansyah, D., Mergel, K., Benecke, C. et al. (2021):
Deutungen: eine qualitative Studie unmittelbarer Patientenreaktionen.
Forum der Psychoanalyse 37, 323-336 (2021)
Beitrag vom 27.1.2026 (begonnen am am 19.8.2016)
VG-Wort Zählpixel im ersten Absatz (4761832fc3534c059f826d1becfccf8d).