Schlechte Tage und Biorhythmen annehmen

Schlechtes Wetter, Bild Nr. 654 von Dunja Voos

Es gibt diese Tage: Da fällt uns gleich das Marmeladenbrot aus der Hand, das Kind verschläft, der Computer muckt, der Bus kommt zu spät. „Heute sind’se aber alle komisch drauf“, sagt die Nachbarin. Und man selbst denkt es auch. Es gibt sie anscheinend, diese „komischen Tage“. Manchmal kämpfen wir dagegen an, rennen mit dem vermeintlich kaputten Computer direkt zum Fachmann, ermahnen uns, uns zusammenzureißen, versuchen, das Wackelige doch noch festzuzurren. Aber es geht auch anders: Wir können bemerken, dass heute so ein „komischer Tag“ ist und uns ohne großen Aktionismus darauf einstellen.

In einer Reportage über die regelmäßigen Unwetter in Santa Barbara, USA, sagt ein Mann: „Wenn morgens das Kindermädchen schon zickt, man sich komisch fühlt und sich der Himmel verfärbt, dann weiß man hier an der Küste: Heute ist wieder so ein Tag. Man zieht sich zurück, wartet ab und versucht erst gar nicht, da was zu wuppen. Morgen wird’s wieder besser.“

Ob nun Santa Barbara oder Köln – die Menschen kennen das. Und wenn wir uns darauf einstellen und uns an solchen Tagen einfach gehen lassen, können wir diese Zeit nutzen, um neue Kraft zu sammeln. Am nächsten Morgen oder ein paar Tage später spüren wir, dass die Welt wieder anders aussieht und neue Kräfte da sind.

„Räum die Spülmaschine später aus.“ Tagesrhythmen beachten gibt Kraft

Ich stehe morgens früh auf – manchmal will ich gleich effektiv sein und räume mit sehr viel Mühe die Spülmaschine aus. Jede Tasse scheint extra Kraft zu kosten. „Erledige zuerst das Unangenehme, denn danach fühlst du dich gut“, lese ich in. Manchmal ist es ja so. Aber an diesem Morgen stellt sich nur Erschöpfung ein.

Vielleicht ärgerst Du Dich auch oft über die nicht ausgeräumte Spülmaschine und fragst Dich, warum Du es immer so weit kommen lässt, dass sich alles anhäuft. Unordnung kostet Kraft. Manchmal freust Du Dich, wenn Du Dich morgens aufgerafft hast und später in ein ordentliches Zuhause zurück kommst. Doch oft ist es doch vielleicht auch so: Eine Freundin ruft an oder Du hörst einen interessanten Podcast. Du stehst an der Spülmaschine und räumst sie wie im Traum aus. „Hab ich das jetzt so einfach gemacht?“, fragst Du Dich.

Der Chronobiologie vertrauen. Es gibt vielleicht Zeiten im Laufe des Tages, da geht Dir vieles wie von selbst von der Hand. Die Aufgabe, für die Du morgens noch das Bundesverdienstkreuz erwartet hättest, erscheint gegen Abend vielleicht wie ein Kinderspiel. Manche Dinge müssen erledigt werden, jetzt und auf der Stelle. Vieles ist anstrengend. Aber vieles wird leichter, wenn Du Deinen augenblicklichen Widerwillen und Deine Schwäche ernst nimmst und warten kannst auf den Augenblick, in dem Du spürst: Jetzt geht’s leichter.

Natürliche Lust- und Unlust-Rhythmen annehmen

Unser Tag verläuft in Rhythmen. Wir haben Phasen, in denen wir uns recht gut fühlen und solche, in denen wir uns plötzlich abgeschlagen und unruhig fühlen, in denen wir Übelkeit verspüren und denken: „Ich schaff‘ das alles nicht.“ Hunger, Durst, Erholungs- und Bewegungsbedürfnis, das Bedürfnis nach Geselligkeit, nach Alleinsein und Ruhe – all das kommt im Laufe eines Tages im Wechsel immer wieder. Manchmal gibt es Konstanten, die wir nicht mögen: Nach der Wintermüdigkeit kommt direkt die Frühjahrsmüdigkeit. „Ich bin immer nur müde, erschöpft und depressiv“, sagen wir vielleicht.

„Das soll ein guter Tag werden“, wünschen wir uns und meinen damit: Es soll ein rundum guter Tag werden. „Nach einer guten Yoga- oder Psychotherapiestunde habe ich so oft eine schlechte Stunde“, merken wir. Solche Dinge hängen von unzähligen Faktoren ab, aber auch vom natürlichen Rhythmus. Es hängt auch ab von den Erwartungen, die wir haben. Wenn wir wissen, dass wir an jedem Tag auch Unlust verspüren, können wir das leichter ertragen.

Abwehr beobachten

Sobald wir Unlust verspüren, wollen wir sie „weg haben“. Wir versuchen, uns gute Gedanken zu machen, obwohl wir schlecht gestimmt sind, zu lächeln, obwohl wir nicht lächeln wollen, uns wachzurütteln, obwohl wir gerade müde sind. Besser kommen wir jedoch damit klar, wenn wir in uns hineinhorchen und merken: „Ah, da simmer ja wieder.“ Dann können wir gucken, wie es uns genau geht, was wir gerade brauchen und suchen. Wir können schauen, was denn gerade war, wer was gesagt hat und wie diese Unlust in uns hinein kam. Wir können aber auch darauf hoffen, dass wir uns in wenigen Stunden wieder anders fühlen.

Bewahre dein Interesse für dich selbst

„Ich weiß, dass ich von 15 bis 17 Uhr nichts zustande bringe, also lege ich mich da einfach auf die Couch und schaue Tiktok.“, sagt eine Texterin. „Ich muss bis 10 Uhr alles geschafft haben, danach ist meine energiereiche Zeit vorbei“, sagt eine Autorin. „Dafür stehe ich aber auch gerne um fünf Uhr auf und erledige die wichtigsten Dinge. Das, was weniger anstrengend ist, mache ich am Rest des Tages.“ Sich so einzustellen auf seinen Tagesrhythmus ist das Beste, was man machen kann. Selbstständige können es sich so einrichten – bei festen Arbeitszeiten ausserhalb der eigenen Wohnung ist das oft viel schwieriger.

Die meisten Menschen kennen ihren Rhythmus. Sie übergehen ihn oft gezwungenermassen.

Als Frau kennst du deinen Monatsrhythmus: In der ersten Zyklushälfte bist du vielleicht schwungvoll, in der zweiten Hälfte eher rückzugs-, wärme- und schokoloadebedürftig. Unser gesamtes Hormonsystem reagiert auf helle und dunkle Monate. Und manchmal empfinden wir den September des Jahres wie die „17 Uhr“ des Tages oder wir empfinden den Montag wie ein viel zu frühes Aufstehen. Jeder Zeitraum hat seine eigenen Farben, Klänge, Empfindungen.

Wie sieht mein Rhythmus aus?

Regelmässigkeit hilft dir, deinen Rhythmus zu leben. Es kann helfen, eine Weile jeden Morgen um 5 oder 6 Uhr aufzustehen, wenn du ein früher Vogel bist. Feste Zeitpunkte dienen auch deinem Körper als Orientierung. Zu wissen: „Egal, was kommt: Von 13-15 Uhr mache ich Mittagspause“, hilft sehr gut, um über den Tag zu kommen. Es ist dann wie in der Woche: Wenn du weißt, dass es einen Sonntag zum Ausruhen gibt, geht’s leichter.

Alle kommen mir heute in die Quere. Ein typischer Montag! Was kann ich bloß tun?“ – „Auf Dienstag warten.“

Wie ist das Wetter in Dir?

Wie das Segelwetter heute in uns drinnen wird, können wir oft schon morgens gut abschätzen. Jeder weiß, was gemeint ist, wenn man sagt: „Ich bin heute mit dem linken Fuß aufgestanden.“ Es gibt Menschen, die „strahlen heute so“, während andere „betrübt“ sind. Oft zieht sich die Stimmung, die wir morgens haben, über den Tag so hin. Und obwohl das so ist, wehren wir uns so oft dagegen. „Heute ist man doch nicht mehr abhängig vom Wetter“, sagen wir uns. Überhaupt scheint es nicht gut zu sein, sich abhängig zu machen. Doch die Kehrseite davon ist, dass wir uns unverbunden fühlen – unverbunden mit der Natur, mit der Atmosphäre da draußen und da drinnen.

Wer sich „abhängig vom Wetter“ macht, der kennt es eben gut. Er kennt Bauernregeln, von denen viele erstaunlich oft zutreffen. Er weiß, wann er sich Regensachen anziehen sollte und wann er einen Sonnenhut braucht. Ist man abhängig vom Wetter, kann man harmonisch mit ihm leben. So ist es auch mit dem inneren Wetter: Ist es bewölkt und regnerisch, kann doch ein heißer Tee besonders schön wärmen. Wichtig ist, dass wir uns zumindest morgens einmal fragen: „Wie ist denn das Wetter heute da drinnen?“

Wetter und Trauma: Wenn Wetterlagen an traumatische Erfahrungen erinnern

„Ich bin total wetterabhängig. Wenn es so kalt ist im Januar, macht mich das ganz krank“, sagt die Patientin. „Da machen Sie sich ja sehr abhängig vom Wetter, von dem, was außen ist“, sagt die Psychotherapeutin. Was die Therapeutin nicht bedenkt: Vielleicht „macht“ die Patientin sich gar nicht abhängig vom Wetter, sondern vielleicht IST sie es? Düfte, Geräusche, bestimmte Melodien können an Situationen erinnern, in denen traumatische Erfahrungen gemacht wurden. Warum sollte das nicht auch mit Wetterlagen und Jahreszeiten so sein?

„Es war ein Frühsommertag, an dem sich mein Blinddarm entzündete. Immer, wenn im Frühsommer so ein Wetter ist, erinnere ich mich daran“, sagt Kathrin. „Meine Mutter starb schon mit 40 Jahren an einem regnerischen Herbsttag. An solchen Tagen werde ich immer unruhig“, sagt Frank. Und es kann vielleicht noch viel weiter gehen: Wenn ein Baby Therapien erhält, z.B. die Vojta-Therapie alle vier Stunden, dann wurde es vielleicht immer um 8, 12, 16 und 20 Uhr traumatisiert. Wäre es nicht denkbar, dass sich auch diese Zeiten mit ihrem Tageslicht irgendwie einprägen?

Natürlich prägt sich auch Angenehmes ein: „Ich bekomme immer noch um 9.40 Uhr Hunger, weil in der Schule da unsere große Pause begann und ich mich auf’s Frühstück freute. Wir bekamen so leckeren, eiskalten Kakao. Dabei bin ich längst erwachsen, aber das ist noch so drin.“

Geprägt – die Bedeutung von Tageszeiten

Wie wir uns täglich fühlen, hängt auch von unseren bewussten und unbewussten Erinnerungen ab. Bestimmte Wochentage, Tageszeiten, Tageslichter oder Wetterlagen lösen wohl in jedem Menschen individuell Gefühle aus. Manchmal ist man einfach nicht „gut drauf“, ohne zu wissen, warum. Manche Patienten haben vielleicht um 14 Uhr mittags Psychotherapie und es wird ihnen immer schlecht – vielleicht kann man auch mal schauen, was die Uhrzeit für sie bedeutet. Wenn wir einmal darauf achten, wie wir uns wann fühlen, können wir interessante Zusammenhänge entdecken.

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Beitrag vom 21.1.2026 (begonnen am 6.7.2016)

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