Wie Psychoanalytikerin werden, wenn das Geld fehlt?
„Ich würde so gerne Psychoanalytiker/in werden, aber für die Ausbildung fehlt mir das Geld“, sagen viele. Sie rechnen sich aus, was die Ausbildung kostet und was sie verdienen – und geben auf. Aber fangen wir mal bei Null an. Fangen wir beim Denken und Fühlen an. Am Anfang heißt es: „Ich würde ja gerne, aber es geht nicht.“ Man könnte auch sagen: „Ich will das so unbedingt! Ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen! Und ich bin total verzweifelt, dass das aus finanziellen Gründen nicht geht.“
Wichtig ist es erst einmal, sich die Gefühle zu verdeutlichen, die mit dem Berufswunsch verbunden sind. Ist die Sehnsucht wirklich da? Oder unterdrückt man sie, weil die Hoffnungslosigkeit zu groß ist? An dieser Stelle möchte ich die Gründerin der „körperzentrierten Herzensarbeit“ Safi-Nidiaye.com vorstellen. In ihrem Youtube-Film „Wünsche – die Sehnsucht befreien“ erzählt sie, wie wichtig es ist, dass man es für möglich hält, dass die eigenen Wünsche in Erfüllung gehen. Das Herz braucht es sozusagen, dass man die Erfüllung des Wunsches für möglich hält – und das ist gar nicht so einfach.
Es gibt Momente, in denen die Idee auftaucht, dass es möglich werden könnte. Diese kleinen Momente sind es, die man als wertvoll erkennen und innerlich einbetten sollte. Außerdem kann man sich eine Sammlung an Vorbildern anlegen. Zum Beispiel hat arte.tv eine Sendereihe über „Frauen und Ozeane“ gedreht. Die Wal-Retterin Nan Daeschler Hauser, www.instagram.com/… hat immer finanzielle Probleme und trotzdem erreicht sie es, Schutzgebiete für Wale einzurichten. Der Film „Nan Hauser – Wege der Wale“ ist sehr beeindruckend (arte.tv).
Erst wollen, dann für möglich halten
Sobald man weiß: „Genau das will ich!“, folgt die Frage: „Wie kann ich es möglich machen?“, oder besser gesagt: „Wie kann es möglich werden?“ Manchmal braucht man an dieser Stelle oft selbst erst eine Psychoanalyse oder ein gutes Coaching, denn es kann durchaus sein, dass man sich diesen Weg nicht erlaubt. Immer wieder verbarrikadiert man sich den Weg gegen den eigenen Willen. Dahinter können auch körperliche Bilder stecken wie z.B. die Angst, man würde den neuen Beruf aus körperlichen Gründen nicht aushalten oder durchhalten.
Sich Zeit lassen
Nach einiger Zeit mag man also zu dem Punkt kommen, an dem man sicherer ist, dass man den neuen Weg gehen möchte, dass man Psychoanalytiker*in werden will oder einen anderen Traumberuf erreichen will. Dann steht man immer noch vor dem finanziellen Problem, aber man ist vielleicht offen geworden für die Möglichkeiten, die es gibt. Die amerikanische Yogalehrerin Sean Corn wollte zum Beispiel nie etwas anderes machen als Yoga, aber sie hatte kein Geld für die Kurse. Also fing sie als Putzfrau in einem Yogazentrum an, sodass sie die Kurse von anerkannten Yogalehrern besuchen konnte, ohne etwas zu bezahlen (siehe Youtube: Sean Corn: An Uncommon Yogini). Eine große innere Beweglichkeit und Offenheit hilft also, neue Wege zu finden.
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Annehmen können
Ein Teil des Weges zum Traumberuf besteht vielleicht zunächst daraus, erst einmal „gefüttert“ zu werden, sich füttern zu lassen, die „gute Nahrung“ annehmen zu können. Hat man einen Teil des Weges geschafft, stellt sich vielleicht ein neues Denken ein: Man ist gestärkt und bekommt mehr und mehr das Gefühl, dass das Geld sozusagen „aus einem selbst“ kommen kann. Die Menschen spüren, dass man das, was man macht, mit Liebe macht. Sie bemerken die zunehmende Erfahrung und die Fähigkeiten. Sie wissen das Angebot zu schätzen und sind bereit, dafür zu zahlen.
Geld ist immer da
„Geld ist immer da“, sagte mir eine Freundin und Wirtschaftswissenschaftlerin in den schwierigen Anfängen meiner Ausbildung. Es ist nur die Frage, wo es gerade ist und wie und wo man sich selbst dabei sieht. Man kann denken: „Ich werde mich hoch verschulden, das wird schlimm enden.“ Oder man kann denken: „Ich bin Ärztin/ich bin Psychologin/ich bin Juristin/Theologin. Es ist eine Investition in mich selbst. Ich weiß nicht, wohin es führen wird, ob ich gesund und stark bleibe, aber ich gehe davon aus, dass ich die nächsten 20, 30, 40 Jahre gut in diesem Beruf arbeiten kann. Es ist üblich, dass angehende Psychoanalytiker*innen viel Geld aufnehmen, damit die Praxis ans Laufen kommt.“ Langsam denkt man in größeren Zahlen und man gewöhnt sich an die größeren Zahlen. Und man gewöhnt sich an die Wellenbewegungen.
Von Punkt zu Punkt gehen
Landen, umsehen, weitergehen. Das eigene Geschäft erblüht. Die Trainerin Sabine Asgodom.de nimmt für eine Stunde Coaching mitunter 700 €. Sie empfindet, dass ihre Arbeit so viel wert ist und ihre Kunden empfinden dasselbe. Man kann im Dorf-Chor singen oder im Thomaner-Chor (Youtube: „Markus will Thomaner werden.“ Kika, 2004). Darüber entscheidet nicht nur der familiäre Hintergrund, sondern auch das eigene Talent, die Fähigkeit, zu singen.
Alles einmal durchmachen
Es ist vielleicht wichtig, alle Erfahrungen zu machen: Kein Geld, keine Unterstützung zu haben, hoffnungslos zu sein; die Erfahrung zu machen, dass Geld von außen als Geschenk oder Kredit kommen kann und die Erfahrung, dass es irgendwann sozusagen aus einem selbst kommen kann, weil man die eigenen Fähigkeiten entwickelt und anbietet, für die andere zu zahlen bereit sind. Offen bleiben, sich zeigen, gute Menschen finden, gute Nahrung annehmen, verlangen können und es für möglich halten – das sind vielleicht die Zutaten, die es möglich machen können, den Traumberuf zu verwirklichen, obwohl so vieles dagegen spricht.
Wie soll ich die Psychoanalyseausbildung finanzieren?
Eine Psychoanalyse-Ausbildung, zum Beispiel bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) ist teuer. Eine Lehranalyse-Stunde kostet um die 100 Euro und mehr. DPV-Institute bieten für Ärzte und Psychologen Weiter- bzw. Ausbildungen nach den Richtlinien der Ärzte- bzw. Psychotherapeutenkammer an. Ein Abschluss nach den speziellen Ausbildungsrichtlinien der DPV wird häufig als Zusatz erworben.
Die Zugehörigkeit zu einer Vereinigung bietet viele Vorteile wie z.B. den Rückhalt durch Kollegen oder auch den Anschluss an internationale Gesellschaften wie die International Psychoanalytic Association (IPA, ipa.world). Es ist auch möglich, ausschließlich einen DPV-Abschluss zu erwerben – allerdings kann man dann nur Selbstzahler behandeln.
In der DPV-Ausbildung sind vier Stunden Lehranalyse pro Woche vorgeschrieben – es müssen mindestens 600 Lehranalyse-Stunden absolviert werden. (Wer nur die Aus-/Weiterbildung nach den Richtlinien der Ärzte-/Psychotherapeutenkammer macht, der kann auch nur dreimal pro Woche zur Lehranalyse gehen.) Pro Jahr geht man zu ca. 160 Sitzungen Lehranalyse, das macht also 16.000 Euro pro Jahr.
Vor dem Vorkolloquium, also etwa in den ersten zwei bis drei Jahren der DPV-Ausbildung, darf man noch keine Patienten psychoanalytisch behandeln – es sei denn, man arbeitet schon als Psychoanalytiker (z.B. als Arzt mit dem Zusatztitel „Psychoanalyse“) in eigener Praxis. Ausbildungsfälle im Rahmen der DPV-Ausbildung müssen nach jeder vierten Stunde supervidiert werden.
Es ist es wert
Nach dem Vorkolloquium kommen also noch die Kosten für die Supervisionen hinzu. Außerdem zahlt man Semestergebühren an das Ausbildungsinstiut. Monatlich muss man während der Ausbildung (Beispiel DPV) etwa mit 2000 Euro Ausgaben rechnen. Die Finanzierung stellt für viele Ausbildungsteilnehmer und -kandidaten (vor und nach dem Vorkolloquium) ein großes Problem dar. Doch wenn der Wunsch da ist, diese Ausbildung zu beginnen, dann tun sich hier oft ungeahnte Möglichkeiten auf. Das Geld, das man in der Ausbildung ausgibt, ist eine Investition in die eigene Lebensschule. Es geht immer auch um Hoffnungen, Beziehungen, Liebe, Trauer und Schmerz. Daher wird das Geld für viele zu einem der wichtigsten Themen.
Manchmal muss man sich überwinden, aber man kann mit den Eltern, mit Freunden und auch sogar mit Twitter-Followern sprechen. Man kann von seinem Vorhaben und Herzenswunsch erzählen. Es gibt etliche Stiftungen, die einen unterstützen, vorne an natürlich die DPV-Stiftung. Ich kann leider konkret keine weitere Stiftung nennen, die die Ausbildung unterstützt, aber ich höre hier und da von Kollegen und Kolleginnen, die zumindest kleine Beiträge über mir völlig unbekannte Stiftungen erhalten. Später möchte ich selbst gerne ein Patenschaftssystem oder eine Stiftung gründen, die Ausbildungen leichter möglich macht.
„Es“ kommt
Durch die Lehranalyse, die erst einmal mit vier Stunden pro Woche „unmöglich“ erscheint, gewinnt man ein besseres Gespür für sich selbst. Man selbst wendet sich Arbeiten zu, die einem mehr liegen, weniger Kraft kosten und mehr Geld einbringen. Durch den Weg zu sich selbst kann man sein Potenzial besser ausschöpfen und zu neuen Verdienstmöglichkeiten finden. Manchmal muss man mutige und kreative Wege einschlagen.
Ich habe relativ zu Beginn der Ausbildung ohne Eigenkapital eine Wohnung als Praxisraum gekauft – das ist heute bei den hohen Preisen natürlich sehr viel schwieriger, aber eine Überlegung wert. Ich konnte auch eine Bank finden, die mir trotz meiner recht unsicheren Lage damals einen Kredit gewährte. In der Ausbildung wird man sich ganz besonders bewusst, dass wir alle abhängige Wesen sind und dass es gemeinsam leichter geht als alleine. Manche legen aus finanziellen, familiären und persönlichen Gründen zwischendurch auch eine Ausbildungspause ein. Manche geraten durch die Lehranalyse an sehr wunde persönliche Punkte und machen in der Pause dann für sich auch noch einmal eine Patientenanalyse bei ihrem Lehranalytiker.
Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung – neben dem Beruf – sind diese (Beispiel DPV):
– Die Stiftung der DPV vergibt Kredite bis zu einer Höhe von 20.000 €.
– Die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV), zu der die DPV gehört, vergibt ebenfalls Kredite. Nähere Infos hier: Candidate Loans.
Crowdfunding:
Wer ein bisschen kreativ ist, kann auch versuchen, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Es ist spannend, über ein eigenes Projekt – wie z.B. Bloggen oder Bücherschreiben – und Crowdfunding an Geld zu kommen. Schwierig, aber möglich ist es, auch direkt für die eigene Ausbildung zu sammeln, z.B. via Paypal.me. Ich bin sehr dankbar, damals noch über krautreporter.de eine Schweizer Familie gefunden zu haben, die die Kosten für eineinhalb Jahre Lehranalyse übernommen hat. Diese Familie ist mir ans Herz gewachsen und sie ist zu einem der wichtigsten Pfeiler meines Lebens geworden.
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Beitrag vom 23.2.2026 (begonnen am 11.6.2016)
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