Borderline: Meine Stimmung kippt so leicht und alle halten mich für unersättlich. „Borderliner und Narzissten manipulieren doch nur“, heisst es. Was kann ich tun?

„Ich liebe Dich sehr, aber mit diesen Einbrüchen alle paar Wochen kann ich echt schlecht leben“, sagt dein Freund vielleicht. Immer wieder gerätst du in Beziehungen unter Spannung – und diese Spannung ist kaum auszuhalten. In dir ist Tumult, der nach aussen dringt. Plötzlich fühlst du dich schrecklich einsam, isoliert und eingeengt.

Du fühlst dich vielleicht, als seist du an eine Kante gerutscht von der du gleich abstürzt. Du meinst, du müsstest auch die Menschen um dich herum in diesen Alarmzustand versetzen. Ansonsten könnte etwas Schlimmes passieren, so das Gefühl. Jede gefühlte Ungerechtigkeit, jeder Schmerz soll gleich ausgeräumt werden. Doch dein Freund könnte dich verlassen, so die Sorge. Du willst dich anpassen und hast das Gefühl, du verlierst dich selbst dabei.

Die anderen scheinen nur schwer verstehen zu können, was in dir vorgeht. Sie fühlen sich wie vor den Kopf gestoßen und reagieren harsch mit Abweisung. Doch auch du selbst verstehst dich nicht. Du scheinst alles um dich herum und auch dich selbst zerstören zu müssen. Was mit viel Arbeit aufgebaut war, muss mit einem Mal kaputt gehen, so deine Vorstellung. Hinterher musst du alles wieder mühselig aufbauen. Und irgendwie scheint sich da nichts zu verändern.

Doch was dahinter steckt, sind oft unaushaltbare Zustände. Das Gefühl, abzurutschen und verlassen zu werden, erfahren wohl die meisten Menschen als Kind. Doch bei dir war es wahrscheinlich extrem. „Mein Vater drohte jeden Abend damit, sich umzubringen“, erzählt eine Betroffene. Wann immer im Leben etwas passiert, das diese Gefühle wieder hervorruft, kommt Panik auf. Auslöser kann schon allein die zunehmende Dunkelheit am Abend sein oder die Uhrzeit, an der es immer wieder katastrophal wurde.

Wenn du innerlich in Panik gerätst und meinst, es folgt die Katastrophe, wenn du jetzt nichts sagst oder tust, folgt oft der grosse Streit oder ein anderer Schaden. Und da ist es dann wieder, dieses Zerreissgefühl. Du willst dich „zusammennehmen“ und in Beziehungen Neues üben, aber erschwerend kommt hinzu, dass du dir vielleicht einen Freund gesucht hast, der selbst psychisch geschwächt ist, der vielleicht Alkohol trinkt oder beleidigt reagiert, wenn du einmal deine Ruhe brauchst.

Doch selbst, wenn du mit sehr reifen Menschen zusammen bist, können Spannungen unerträglich werden. Doch mit der Zeit kannst du lernen: Auch, wenn es sich noch so dringlich anfühlt – auch diesmal ist es nicht schlimmer als sonst, denn jedes Mal meinst du, dass es diesmal aber ganz besonders schlimm ist. Ein Schiff mit besseren Gefühlen wird kommen und dich wieder abholen. Die anderen werden zurückkommen und wieder da sein. Und du selbst wirst dich wiederfinden.

Wenn es dir gelingt – und das dauert viele Jahre – den Schmerz als zu dir gehörig anzunehmen, nehmen die Wellenbewegungen ab. Nicht hoffen, dass „das“ weggeht, sondern verstehen, dass da immer wieder gruselige Erinnerungen sind, lässt die hohen Wellen kleiner werden – nach und nach. Aus meiner Sicht lässt sich das am besten in einer Psychoanalyse lernen, doch auch Somatic Experiencing oder fast tägliches Yoga und gut gelehrte Meditation können helfen. Jeder Tropfen zählt.

Das Kippen von Stimmungen hat viele Gründe

„Aber eben hast du doch noch gesagt …“, hörst du. Du wechselst so schnell deine Meinung und fällst so rasch in eine andere Stimmung, dass du selbst gar nicht mitkommst. Deine Anpassung an den anderen kann einer von vielen Gründen sein. Wenn du einmal deine Meinung sagst, schaust du sofort darauf, wie der andere reagiert. Wenn er nur ausatmet, dann hörst du vielleicht direkt eine Gegenstimme daraus. Kann ja sein, dass der andere anderer Meinung ist, doch du versuchst dich sofort daran anzupassen, von dem du meinst, dass der andere gerade so und so denkt oder fühlt. Dann nimmst du deinen Meinungsäusserungsversuch zurück.

Wenn du mit einer psychisch kranken Mutter oder einem Vater aufgewachsen bist, konntest du dich vielleicht nur schützen, indem du dich unsichtbar gemacht und angepasst hast. So erfasst du vielleicht auch heute noch blitzschnell, was der andere möglicherweise will. Aber vielleicht kannst du dir da gar nicht so sicher sein. So manches Mal richtest du dich vielleicht nur danach, wovon du glaubst, dass der andere es will.

Ein weiterer Grund für das rasche Kippen sind die Extreme, die du vielleicht als Kind erlebt hast: Entweder waren Mutter oder Vater gewalttätig oder sie ließen dich als Kind völlig im Regen stehen, weil du ihnen gleichgültig warst, weil sie eine Kraft für dich hatten. Vielleicht folgte dann eine Phase, in der Mutter oder Vater es wieder gutmachen wollten: sie waren überbesorgt und überfürsorglich. Und du wusstest nie: „Was ist mir jetzt angenehmer? Das In-Ruhe-gelassen-werden oder die ansteckende Überbesorgtheit?“ Du konntest vielleicht so manches Mal nur wählen zwischen Aufmerksamkeit durch Gewalt, Verwöhntwerden oder Ignoriertwerden. Die extremen Stimmungen und Gefühle dazu sind fest in deiner Psyche, in deinem Körper verankert.

Spezialfall Vojta: Wenn du als Baby die Vojta-Therapie erhalten hast, warst du immer einem plötzlichen Angriff durch die Mutter (oder den Vater) ausgesetzt. Auch hier geriet dein Körper rasend schnell in Anspannung und wenn die Vojta-Therapie vorbei war, fühlte sich das Vorbeisein vielleicht wie ein anderes Extrem an. Auch heute noch kannst du vielleicht rasend schnell auf Uhrzeiten, Gerüche, die Gesten anderer und deine eigenen Körperempfindungen anspringen. Die gute Stimmung hört plötzlich auf oder aber die schlechte Stimmung wird plötzlich gut, wenn die Qual plötzlich nachlässt.

Auch „innere Objekte“ (hier: Vater und Mutter) spielen beim Kippen eine Rolle. Wenn du „A“ sagst, was deine Mutter vielleicht auch tun würde, kann sofort der innere Vater folgen, der „B“ sagen würde. Das führt zu Spannungen, weil die Differenzen nicht gelassen angeschaut werden können. Es ging von Kindes Beinen an immer um Leben und Tod – wie bei Impf- oder Kriegsdiskussionen. So ist das „Kippen“ häufig auch ein Schwanken zwischen den inneren Objekten „Vater und Mutter“. Wenn also Vater und Mutter extreme Konflikte und Ängste hatten, ist auch deine Innenwelt zweigeteilt – das wird jedoch mit dem Älterwerden oft besser.

Die Affekte „Ärger und Angst“ sind bei Stimmungsschwankungen oft beteiligt. Die Angst zieht dich nach unten, lässt dich verkriechen, der Ärger explodiert und geht hoch in die Luft. Oder du versuchst, deinen Ärger zu verstecken. Auch durch das Verstecken kann es leicht zum Kippen kommen, z.B. wenn sich der Ärger auf einmal doch nicht mehr zurückhalten lässt.

Vielleicht hast du das Gefühl, der andere könnte deinen Ärger nicht verstehen – vielleicht, weil du deinen Ärger selbst nicht verstehst. Das macht aber nichts – das ärgerliche Gefühl hat Recht. Nur musst du manchmal noch rausfinden, worauf es sich wirklich bezieht.

Trennungen sollten verhindert werden

Es ist für dich oft sehr schwer, herauszufinden, was du „wirklich“ wolltest, denn du durftest nicht wirklich ein Gespür für dich selbst entwickeln. Das hätte für deine Eltern bedeutet, dich als getrenntes Wesen wahrzunehmen und das machte ihnen vielleicht schreckliche Angst, weil sie vielleicht schon furchtbare Trennungen oder Tode erlebt hatten. In der Folge hast du dich vielleicht sehr angepasst, sodass du dich selbst oft nicht gut kennst – Psychoanalytiker würden sagen, du leidest unter einem „falschen Selbst“ und du warst „narzisstisch besetzt“, was so viel heisst wie: deine Eltern wollten nicht merken, dass du ein unabhängiger Mensch bist. Sie meinten dann, immer genau zu wissen, was du denkst und fühlst.

Wenn dir solche Zusammenhänge bewusst werden, kann das schon helfen. Die pure Beobachtung dessen, was ist, kann schon zur Veränderung führen.

Es kann eine beruhigende – oder auch beunruhigende – Entdeckung sein, dass wenigstens dein Atem ganz zu dir selbst gehört. Gerade anfangs kann dir das sehr bedrohlich erscheinen, denn du selbst merkst, dass du ein lebendiges Wesen bist mit einem Eigenleben (siehe Youtube-Katzenvideos, auf denen Katzen ihren eigenen Schwanz entdecken). Du kannst deinen Atem nicht über längere Zeit einem anderen Menschen anpassen. Nur du selbst bestimmst, wie du atmest – dein Körper macht es die meiste Zeit des Tages ganz alleine.

An dieses Gefühl der Einzigartigkeit kannst du dich vielleicht nur sehr langsam gewöhnen. Hab keine Angst, dann nicht mehr mit anderen verbunden zu sein. Denk vielleicht an deine Katze: Sie sitzt nur da und du liebst sie trotzdem – oder gerade deshalb! Diese Sicherheit kann sich Schrittchen für Schrittchen entwickeln, sodass das deine Stimmung unabhängiger von anderen wird und seltener kippt – oder anders gesagt: Du kannst mit der Zeit deine inneren Bewegungen mit mehr Zutrauen beobachten, ohne direkt etwas tun zu müssen.

Sind Menschen mit einer Borderlinestörung wirklich unersättlich?

„Borderliner werden nie satt! Sie saugen Dich aus, bis Du keine Kraft mehr hast!“ Sätze wie diese hört man manchmal von erschöpften Therapeuten. Dasselbe sagt man über Kinder. Aber: Sind die Betroffenen wirklich unersättlich? Wenn man schon von Unersättlichkeit spricht, könnte man auch fragen: Wann erscheint jemand unersättlich und wie ließe sich das verstehen? Unerstättlichkeit entsteht doch nur dann, wenn die richtige Befriedigung bisher nicht gefunden wurde.

Das Ziel eines unzufriedenen Kindes oder Erwachsenen ist es doch meistens, zurück zur Zufriedenheit, zur eigenen Mitte zu gelangen. Das Bestreben, auf ungesunde Weise immer mehr zu wollen, kommt, wenn man immer knapp am befriedigenden Ziel vorbeischießt. Wenn du als Baby weinst, weil du eine Decke brauchst, kannst du noch so viel gefüttert werden – bis jemand auf die richtige Idee kommt und dich zudeckt. „Sattsein“ heißt, gefüllt zu sein mit dem Richtigen – wenn ständig das Richtige fehlt, erscheint man als unersättlich.

Jeder kann „satt“ werden. Bei manchen sieht es nur so aus, als hätten sie eine „Sattwerde-Behinderung“. Etwas zu bekommen und anzunehmen kann auch als etwas Intimes empfunden werden. Die eigene Scham macht dich unzufrieden und lässt dich nicht bekommen, was du brauchst. Du wehrst es manchmal sogar ab und gönnst dem anderen nicht, dass er dich zufrieden machen kann. Vielleicht hast du oft auch die Vorstellung, der andere könnte in Not geraten, wenn du genug hast. Du sorgst dich ständig um den anderen, obwohl alles in Ordnung ist.

„Sattwerden durch das Passende“ kann sich in einer Psychoanalyse oder in der Zen-Meditation zeigen, ebenso wie hungrig bleiben. Doch Unpassendes wird viel leichter toleriert, wenn das Gefühl da ist, dass die Basis, also zum Beispiel die Beziehung zu den wichtigsten Mitmenschen stimmt. Zu dem „Richtigen“ kann z.B. auch das Gewahrwerden von Trauer sein. Hinter vielen nervigen Kreisläufen steckt eine unerkannte Trauer. Die Suche nach dem Richtigen wird oft durch Scham behindert, denn sich zu zeigen mit seinen Bedürfnissen kann wie Nacktsein erlebt werden.

Nur wenn das echte Bedürfnis hinter dem Kampf erkannt wird, kommt Ruhe hinein. Manchmal erst dann, wenn du wirklich beruhigt bist, kannst du eher aufhören, dich mit dem möglichen Hunger des anderen zu beschäftigen und ihn füttern oder beruhigen zu wollen. Du darfst satt sein, auch wenn du nicht genau weisst, ob der andere auch satt ist.

Bindung wird gerade dann zufriedenstellend, wenn einer nichts mehr mit dem anderen „macht“. Beide können sich dann erlauben – sofern es die Scham zulässt – ruhig, zufrieden und satt zu sein (und dabei gesehen zu werden). Sowohl die Abhängigkeit (also das Gefüttertwerden) als auch die Trennung vom anderen (durch In-Ruhegelassen-Werden) muss dann nicht mehr so stark abgewehrt werden.

Säuglinge suchen den Blickkontakt zu Mutter und Vater und sind völlig verzweifelt, wenn dieser nicht adäquat erwidert wird. Eine ständige Nicht-Passung zwischen Mutter und Kind, frühe Trennungen nach der Geburt, lange Hungerphasen oder größere medizinische Behandlungen als Baby lösen wahrscheinlich das Gefühl aus, unverbunden zu sein. Wenn alle Welt uns abzulehnen scheint, ziehen wir uns auf uns selbst zurück. „Nie wieder“ soll uns dieser Schmerz zugefügt werden. Wenn wir Angst haben, erneut Verlassenheitsgefühle zu spüren, dann behelfen wir uns, indem wir versuchen, den anderen zu kontrollieren.

Der narzisstische Modus

Im narzisstischen Modus möchten wir völlig autark sein. Wir wollen nie wieder abhängig von jemandem sein. Wir zeigen uns stark und suchen uns andere Menschen, die „schwächer“ sind als wir. So müssen wir unsere eigene Schwäche nicht spüren. Es gibt ein klar definiertes „oben und unten“.

Dabei sind wir jedoch verunsichert: Wenn wir nicht so verfahren, sind wir dem anderen sozusagen natürlicherweise so viel wert, dass sie von sich aus auf uns zugehen und mit uns zusammensein wollen? Wenn wir daran zweifeln, dass der andere schon adäquat auf uns reagieren wird, dann beginnen wir, zu „manipulieren“. Wir lächeln den anderen an, nur damit er zurücklächelt. Was natürlicherweise eigentlich so funktioniert, bekommt im narzisstischen Modus einen gekünstelten oder gesteuerten Charakter. Wer zu früh zu sehr verlassen oder attackiert wurde, verlässt sich meistens nicht mehr auf andere. Und isoliert ich damit selbst.

Manchmal schämen wir uns für unser eigenes Lebendiges, wenn es sichtbar wird

Es ist uns im narzisstischen Modus extrem unangenehm, wenn emotionale Regungen in der Zweierbeziehung auftauchen. Da es irgendwie nicht zu natürlichen tiefen Gefühlen kommt, versuchen wir künstlich, Tiefe herzustellen, aber auch den anderen festzuhalten. Der Schwächere darf uns nicht verlassen, damit eigene Schwächen nicht sichtbar werden. Ausserdem wollen wir den Verlassenheitsschmerz nie wieder spüren.

Wenn wir etwas über Narzissmus lernen wollen, lesen wir vielleicht so etwas: „Die Patienten wollen eine symbiotische Beziehung mit dem Therapeuten eingehen, sie wollen mit ihm verschmelzen.“ Doch was heißt das? Der Wunsch, mit dem anderen zu verschmelzen, kann immer wieder auftauchen. Und wenn wir viel zu wenig mimische Spiegelung und Nähe erfahren haben, z.B. weil schon die Mutter früh sehr depressiv war, fühlen wir uns möglicherweise ganz besonders unverbunden mit anderen Menschen. Manchmal wird Menschen im narzisstischen Modus regelrecht vorgeworfen, sie wollten mit anderen verschmelzen. Es ist, als würde man einem Verdurstenden vorwerfen, er würde zu sehr nach Wasser lechzen.

Abweisung

Allein das Verstandenwerden kann ein Verbundenheitsgefühl oder auch Sättigungsgefühl bewirken – gleichzeitig kann es eine Art „Nähe-Allergie“ auslösen. Vielleicht haben wir nämlich auch so große Probleme mit Nähe und Distanz, weil wir schon früh „schlechte Nähe“ erlebten, z.B. abweisende, unempathische oder gewaltvolle Nähe. Vielleicht hat uns unsere Mutter nicht geschützt, wenn der Vater uns zu nah kam – oder umgekehrt. Vielleicht haben wir „sichere Zärtlichkeit“ auch nie erfahren und gelernt.

Wir alle wollen Kontakt zum anderen aufnehmen. Neugeborene suchen den Blick der Mutter und bringen sie damit zum Lächeln (wenn es der Mutter gut geht). Das ist ganz natürlich. Wir selbst wollen freundlich behandelt werden, doch manchmal sind wir zu jemandem nur deshalb freundlich, weil wir von ihm abhängig sind und ihn gnädig stimmen wollen. Wo fängt „Manipulation“ an?

Wenn die Mutter nicht reagiert

Normalerweise erwidert die Mutter den Blick des Kindes – sie schaut das Kind an (sehr schön gezeigt in den Videos der Säuglingsforscherin Beatrice Beebe). Das Baby sucht und findet den Blick der Mutter. Die Beiden sind im Kontakt miteinander und das Baby kann sich selbstwirksam fühlen. Eine depressive Mutter hingegen erwidert den Blick nicht deutlich genug oder nur sehr langsam. Das macht den Säugling unruhig. Der Säugling verstärkt seinen Versuch, den Blick der Mutter zu erhaschen. Vielleicht fängt da das an, was wir „Manipulation“ nennen. Aus dem Gefühl heraus, etwas Lebenswichtiges nicht natürlicherweise zu bekommen, müssen wir uns im narzisstischen Modus bewusst anstrengen, um es vom anderen zu erhalten.

Kinder, die wenig antwortende Blicke erhalten haben, fühlen sich wenig liebenswert. Sie haben das Gefühl, sie müssten sich enorm darum bemühen, geliebt zu werden und mit dem anderen in Kontakt zu kommen.

Interpretationssache

Die Mutter eines drei Monate alten Säuglings ist überzeugt, dass der Säugling sie „manipulieren“ will, wenn er sie anlächelt. Vielleicht hat der Säugling auch schon herausgefunden, dass die Mutter nur auf verstärkte Gesten reagiert. Eine Mutter, die selbst die Abhängigkeit hasst, sagt sich: „Und wenn er mich so anlächelt, dann soll er erst recht nicht bekommen, was er will!“ Die Mutter, die sich vom Säugling gezwungen fühlt, reagiert mit Abwendung. Das Gute ist für beide so nah und doch so weit weg. Die Mutter hat selbst so viel Krankmachendes erlebt! Sie will frei sein, sie will sich nicht gesteuert fühlen von so einem kleinen Wurm.

Wird das Kind groß, fragt es sich, was mit ihm nicht stimmt. Es hat das Gefühl, dass die anderen unberechenbar auf ihn reagieren und dass er ohnmächtig ist. Es ist, als drücke das Kind einen grünen Knopf und bekäme „rot“ als Antwort. So ein Kind – und auch Erwachsener – wird glatt verrückt daran, dass er das Gefühl hat, dass er kaum etwas beim anderen bewirken kann. Sich nie wieder ohnmächtig zu fühlen, das ist das Ziel.

Alles, was uns nach schwierigen Kindheitsgeschichten ohnmächtig fühlen lässt, lehnen wir ab – oft auch im Guten: Wir wollen nicht dankbar sein, wir wollen uns nicht „untergeben“, uns nicht führen lassen, geschweige denn an etwas glauben. Und auch der Kommunikationspartner hat es schwer: Nichts reizt den Narzissten mehr zur Aggression als Dankbarkeit.

Die Natürlichkeit geht verloren

Kinder, die so aufwachsen, verlassen sich lieber nicht auf natürliche Annäherung und natürliche Antworten. Sie kennen sowas kaum. Sie verlassen sich lieber auf die Technik, auf Angelerntes und auf bewusste Anstrengung. Das kann funktionieren: Wenn sie stark lächeln, lächelt der andere – wenn vielleicht auch widerwillig – zurück.

Kommt ein Mensch in dieser Verfassung zum Psychotherapeuten, stellt der möglicherweise ein „pathologisch-kontrollierendes Lächeln“ fest. Wenn der Therapeut selbst mit Unsicherheiten kämpft, und nicht will, dass „man ihm auf der Nase herumtanzt“, bemüht er sich vielleicht sogar bewusst um einen ernsten Blick, um sich vom stark lächelnden Patienten abzugrenzen. Und schon geht das Dilemma für den Patienten von vorne los. Wenn seine Kontrollmechanismen nicht mehr funktionieren, wird er erneut unruhig und verzweifelt. Was funktioniert dann noch?

In einer Psychoanalyse kann der Psychoanalytiker das Zusammenspiel aufnehmen. Vielleicht fühlt er sich bedrängt vom Lächeln des Patienten und spürt: Da will ich gar nicht drauf antworten. Der Analytiker kann jedoch weiter denken und phantasieren: Vielleicht fühle ich mich so apathisch wie die Mutter des Patienten damals? Vielleicht nehme ich nun die Rolle der ehemaligen Mutter an? Dem Patienten erscheint es dann, als erlebe er etwas Altbekanntes: Er lächelt und der andere lehnt ihn ab. Der Analytiker kann jedoch mit dem Patienten darüber sprechen und erforschen, was da passiert. In sich wiederholenden ähnlichen Szenen in der Psychoanalyse kann das Problem über die Zeit in Worte gefasst werden.

Wie rauskommen aus der Misere?

Es ist unglaublich schwierig, aus dem Kreislauf von Angst, Anspannung, Wut und Depression herauszukommen. Vielleicht erfährst du in der Therapie, wie du durch starke Kontrolle den anderen bedrängst. Du erfährst, dass du dadurch das Gegenteil erreichst von dem, was du – bewusst jedenfalls – willst: statt Nähe entsteht mehr Abstand. Diese Erkenntnis kann dich beschämen und gleichzeitig befreien. Der Weg ins Trauma tut weh – und der Weg raus aus dem Trauma fast noch mehr.

Liebevoll angeblickt werden

Patienten, die eine Psychoanalyse machen, bekommen über die Zeit oft eine liebevollere Beziehung zu sich selbst. Da die Eltern auch immer „innere Eltern“ und somit ein Teil von einem selbst sind, wird der Blick auf sich selbst weicher, sobald man die eigenen Eltern besser verstehen kann.

Du merkst vielleicht: „Nicht, weil ich nicht liebenswert war, hat die Mutter weggeguckt, sondern weil die Mutter so viele eigene (psychische) Probleme hatte, hat sie weggeguckt.“ Der Druck, dich beweisen zu müssen, kann nachlassen. Dadurch, dass du dem anderen mit weniger Druck begegnest, kann auch der andere entspannter reagieren und du kannst neue Erfahrungen machen.

Wenn wir für unsere eigenen narzisstischen Züge offen sind, können wir mit der Zeit bewusster registrieren, wann wir auf andere Druck ausüben. Wir können dies dann bewusster sein lassen. Sobald wir uns selbst ernster genommen fühlen, können wir auch andere ernster nehmen.

Es geht langsam

Der Druck, unter wir stehen, wenn wir selbst betroffen sind, kann meistens nur sehr langsam sinken. Wir können auch als Erwachsene erleben, was wir bei gesünderen Eltern hätten erleben können: dass wir nämlich nur wenig „machen“ müssen und uns trotzdem relativ sicher sein können, dass wir ernstgenommen werden. Wir können Kontaktaufnahme-Versuche machen und uns sicherer werden, dass diese natürlicherweise erwidert werden. Dass der andere zurücklächelt, wenn wir lächeln. Dass darauf Verlass ist.

„Bei Borderlinern muss man hart bleiben und an einem Strang ziehen.“

„Wir müssen als Team zusammenhalten und eine Front bilden“, sagt die Stationsschwester einer psychiatrischen Jugendklinik. „Wir dürfen uns weder manipulieren noch umwerfen lassen. Nur, wenn wir bei unserem ‚Nein‘ bleiben, kann der Patient sich beruhigen und die Realität begreifen.“

Nach vielen Gesprächen mit Patienten zweifele ich diese Methode an. „Erst, wenn du dich da angemeldet hast, sind wir wieder für dich da“, heißt es. Es heißt, der „Borderliner“ würde sich beruhigen, wenn er vor einer klaren Linie stehe. Aber geht es dem Patienten nicht wie dem Kind auf der Treppe in der Aus-Zeit?

„Na klar habe ich mich beruhigt“, sagt mir ein Patient. „Nach drei Tagen war ich ruhiger, weil mir ja nichts anderes übrig blieb. Aber ich war einfach resigniert und die Wut sitzt bei mir immer noch tief“, sagt er.

Die Patienten, die auf die „harte Linie“ treffen, spüren meistens eins: unsäglichen Hass, unsägliche Wut, Verzweiflung und Resignation. „Dann bringe ich mich halt um!“, drohen manche. Und drücken damit aus, worum es wirklich geht: Um Leben und Tod.

Das Drama ist echt

Die Patienten, die das „harsche Nein“, die „strenge Linie“ erfahren, haben nicht selten wirklich das Gefühl, sie müssten sterben. Doch weil die Situation so vertrackt ist, so emotional aufgeladen und vielleicht auch sexuell erregt ist, können auch viele Therapeuten oft nicht mehr „klar denken“. Sie greifen zu dem, was den Gesunden logisch erscheint: Das Kind wird sich beruhigen, wenn der Vater/die Mutter ein Fels in der Brandung ist. Das mag bei einigen Patienten hilfreich sein, es mag viele beruhigen, aber viele eben auch nicht und in bestimmten Situationen bringt es die Betroffenen noch mehr auf.

Denn was die Patienten in dem Moment der Verzweiflung wirklich brauchen, ist keine „klare Linie“, sondern Verstehen.

Das Chaos sehen

Borderline-Patienten brauchen im erregten Status jemanden, der mit ihnen in das Chaos eintaucht, da mit ihnen entlang spaziert und versteht, was der Betroffene meint. Es muss bedeutungsvoll bleiben. Borderline-Patienten waren meistens extremen Trennungen oder extremer Gewalt ausgesetzt. Da gab es Erwachsene, die hart waren und sagten: „Ich gehe jetzt über Deine Grenze, ich tue Dir jetzt weh, ich führe diese Therapie jetzt mit Dir durch, egal, was Du sagst.“ Borderline-Patienten sind also oft extrem vertraut mit Menschen, die reaktionslos wie eine Wand sind, die bei ihrem Gutdünken bleiben und mit denen sich nicht verhandeln lässt, bei denen es keinen Ausweg aus der Gewaltsituation gibt.

Auf der anderen Seite haben sie es erlebt, völlig alleingelassen und fallengelassen zu werden. Wenn Therapeuten „hart“ gegenüber Borderline-Patienten sind, erleben die Betroffenen wieder dasselbe, das sie früher erlebt haben.

Das Kennzeichen einer psychischen Erkrankung ist, dass das, was bei Gesunden funktioniert, hier eben nicht funktioniert. Borderliner geraten häufig in Not, wenn sie sich entscheiden müssen. Es ist dann fast, als seien sie zwei Personen. Als seien sie in der Innenwelt zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissen und als könne es – egal wie – nur schlecht enden.

Manche Kinder sind tatsächlich beruhigt, wenn ein Elternteil signalisiert: „So, jetzt ist es 21 Uhr und Du gehst ins Bett wie jeden Abend. Ich begleite dich und es ist gut so.“ Das gibt Kindern in einer guten Eltern-Kind-Beziehung Sicherheit. Auch hier spielen sich abends manchmal „Dramen“ ab, aber sie bleiben in einem bestimmten Rahmen und am Ende schläft das Kind gut ein. Bei Borderline-Patienten sieht es bildlich gesprochen so aus, dass sie ins Bett gehen und stundenlach mit großer Wut und riesiger Verzweiflung wach bleiben. Es ist vielleicht niemand da, der sie jemals verstanden hat.

„Ich habe das Bedürfnis, mich vor diesem verrückten Patienten abzugrenzen. Er treibt mich in den Wahnsinn.“ Wenn man bedenkt, dass dieses Gefühl durch projektive Identifizierung entstanden sein könnte, könnte man sagen: So hat sich der Borderliner damals als Kind gefühlt, als er mit den verrückten Eltern umgehen musste.

Wie kann es anders gehen?

Hilfreicher als die „klare Linie“ ist es oft, wenn man vor dem Patienten eben nicht „eine Front“ bildet und nicht bei seinem „Nein“ bleibt. „Aber dann können die Patienten einen doch zu allem verführen!“, sagen manche. Ich glaube, das ist etwas anderes. Natürlich gibt es z.B. in der Psychoanalyse ein dauerhaftes „Nein“ bei bestimmten Themen, z.B. gibt es keine Berührung außer das Händeschütteln zur Begrüßung und zum Abschied. Aber ich glaube, das verstehen auch die Patienten. Wenn der Therapeut sich und seine Integrität schützt, wenn er den Rahmen hält, ist es für die Patienten nachvollziehbar und sie spüren, dass es auch sie selbst schützt.

Ich spreche hier von Zwischenbereichen und vom Körper des Patienten, z.B. wenn ein Patient partout keine Medikamente einnehmen will oder wenn er länger in der Klinik bleiben will, die Therapeuten aber beschlossen haben, dass er gehen muss, weil er nicht pünktlich kommen kann.

Wann immer der Patient in einen Bereich gerät, in dem er den Therapeuten etwas von sich zeigen möchte, gilt es, aufnehmend zu bleiben. Wenn der Patient am schwierigsten Punkt verstanden wird und erfährt, dass der Therapeut gesprächs- und verhandlungsbereit bleibt, genauso, wie er es bei einem gesunden Gegenüber auch bliebe, dann ist das für den Patienten eine heilsame Erfahrung.

Es ist wie bei Kindern: Man kann sie betrachten wie kleine Erwachsene unter Berücksichtung, dass sie eben Kinder sind. Wir würden keinem erwachsenen Partner aus erzieherischen Gründen das Handy wegnehmen.

Ähnlich ist es bei Borderlinern auch: Es ist wichtig, dass der Therapeut ihn weiterhin wie einen gesunden, erwachsenen Menschen behandelt unter der Berücksichtigung, dass da ein schwer gequälter Mensch vor ihm steht (der möglicherweise auch ihn quält). Und dieser Mensch findet nicht durch eine „klare Linie“ aus seiner Qual, sondern durch einen gemeinsamen Spaziergang am Rande des Abgrunds. „Schau her, das habe ich erlebt“, möchte der Patient sagen. Und wenn er spürt, dass er Therapeut dieses innere Gefühl der Widerwärtigkeit mitfühlen kann, dann ist der Weg nach draußen in eine „vernünftigere“ Welt gebahnt.

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Links:

David Puder:
Devaluation, Transference, Narcissism with Diana Diamond
Psychiatry & Psychotherapy 24.10.2025
www.psychiatrypodcast.com/…
Interessant: Permanente Ablehnung ist zumindest ein organisiertes Bindungsverhalten, erklärt Diana Diamond. Es kann ein Fortschritt sein, wenn der Patient vorher desorganisiert war.

Introduction To Psychoanalysis: Otto Kernberg
www.youtube.com/watch?v=UOkG8J9OxKs

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 3.3.2016
Aktualisiert am 10.1.2026

One thought on “Borderline: Meine Stimmung kippt so leicht und alle halten mich für unersättlich. „Borderliner und Narzissten manipulieren doch nur“, heisst es. Was kann ich tun?

  1. Psychiatristontherun88 sagt:

    Ja, so ist es (leider). Ich habe nach so vielen Jahren, in denen ich gelernt habe mich gut zu regulieren und zu wissen, dass der Schmerz zu mir gehört, manchmal immer noch Einbrüche mit dem Gefühl, dass es nicht wieder aufhört. Und dann geht es wieder. :-)

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