Über das Gefühl, ekelig zu sein
Manchmal haben wir vielleicht das Gefühl, uns vor uns selbst ekelig zu fühlen. Möglicherweise fing dieses Gefühl in der Pubertät an. Da bekam man Akne, fing an, zu riechen, Speckröllchen anzusetzen und sich mit Haar und Körper unwohl zu fühlen.
Lieblose Eltern haben durch ihre kritischen Blicke und distanzlose Sprache dafür gesorgt, dass sich das Gefühl von Ekel verstärkte. Frauen, die darunter leiden, sich ekelig zu fühlen, hatten oft Mütter, die sich selbst als Frau nicht schätzten und sich nicht gut pflegten. Oft kamen die Mütter oder Väter einem mit ihrem Körper viel zu nah.
Schaut die reife Frau auf ihren Bauch, erkennt sie den „ekeligen Bauch“ ihrer Mutter wieder. Sie kam damals aus dem Bauch der Mutter – dieses Gefühl der Nähe ist heute ekelig. Umarmungen mit der Mutter sind vielleicht unvorstellbar geworden.
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Kerstin Jung al. (2011):
Das Gefühl des Beschmutztseins bei erwachsenen Opfern sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend.
Verhaltenshterapie 2011; 21: 247-253, DOI: 10.1159/000333389, karger.com/…
Beitrag vom 11.5.2026 (begonnen am 13.5.2015)
4 thoughts on “Über das Gefühl, ekelig zu sein”
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Liebe Mira Müller,
vielen Dank für Ihren Kommentar! Das ist richtig: „Trauma“ heißt – sogar meistens – nicht, dass es ein schreckliches Erlebnis gegeben hat. Die meisten traumatisierten Menschen sind wiederholten Qualen ausgesetzt gewesen. Darüber schreibe ich in meinem Buch „Schatten der Vergangenheit“ (https://www.medizin-im-text.de/neu-trauma-buch/). Heute wird dies auch als „kPTBS“ (komplexe posttraumatische Belastungsstörung) beschrieben.
Oft eignet sich eine hochfrequente Psychoanalyse mit vier Terminen pro Woche zur Behandlung solcher Verletzungen, die – wie Sie richtig schreiben – so mit der Identität verwoben sind, dass sich auch mit dem Finger nicht mehr auf ein oder einzelne Ereignisse zeigen lässt.
In der Psychoanalyse stellen Patient und Analytiker eine enge emotionale Beziehung miteinander her. Der Analytiker oszilliert dabei zwischen seinem unmittelbaren Erleben mit dem Patienten und dem Nachdenken über das Erlebte. Patient und Analytiker können dabei in einen meditativen oder tranceartigen Zustand kommen. Das macht es möglich, so schwer fassbare Zustände besser zu begreifen. Der Patient kann mehr und mehr differenzieren, sich besser beobachten. Er kann den haltgebenden Analytiker in seine Psyche aufnehmen und so sein eigenes Leid besser halten. Der Patient lernt auch, besser über sich selbst nachdenken zu können, sodass er seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Je vertrauter er mit dem Geschehenen und sich selbst wird, desto besser kann er das eigene Leid tolerieren und verstehen, was meistens mit einem Rückgang von Spannungen verbunden ist.
Viele Grüße,
Dunja Voos
Liebe Frau Voos,
nicht immer braucht es den einen, ganz großen Schrecken, für eine Traumatisierung. Viele Erlebnisse von mäßiger Gewalt können dieselben psychichen Folgen haben wie eine schwere Misshandlung, viele Formen von leichterer sexualisierter Gewalt dieselben Folgen wie eine Vergewaltigung. Mir scheint jedoch, dass es in den Fällen von wiederholter, leichter Gewalt manchmal schwieriger ist, das Ausmaß der Traumatisierung zu begreifen. Vielleicht ist dann auch die Aufarbeitung in einer Therapie schwieriger, weil die Dinge so wenig greifbar und schwerer zu verstehen sind? Ekelgefühle lassen sich dann zum Beispiel nicht auf ein bestimmtes Ereignis zurückführen, sondern sind so diffus in die Identität verwoben, dass sie sich nur schwer auflösen lassen. Wie kann die Psychoanalyse in solchen Fällen helfen, welche therapeutischen Schritte braucht es typischerweise?
Viele Grüße und herzlichen Dank für ihren tollen Blog!
Das freut mich sehr, liebe/r Neuhier. Vielen Dank für diese Rückmeldung – solche Informationen sind sehr wertvoll für mich, damit ich meiner Arbeit eine sinnvolle Richtung geben kann.
Sehr geehrte Frau Voos, immer wieder, wenn ich bei Google ‚ Stichworte‘ zu Lebensthemen eingebe, komme ich auf Seiten von Ihnen. Und jedes Mal , egal bei welchem Thema, bin ich erstaunt, wie treffend Sie Gefühle und Situationen beschreiben. Dieses: ja, ganz genau so geht es mir. Vielen Dank.