Die psychische Verfassung bei Grippe (Influenza) und bei Paukenerguss

Es haut einen um, dieses unglaubliche Krankheitsgefühl. Plötzlich ist es da, mitten in der Nacht. Man möchte aufstehen, doch die Beine tragen kaum. 39 Grad und höher, wie aus heiterem Himmel. Der Kopf ist zu wie bei einer Nasennebenhöhlenentzündung. Das körperlich-sinnlich-emotionale Resonanzsystem ist abgeschaltet. Wie betäubt ist man von: Grippe.
Hypochondrische Ängste mischen sich zur konkreten Krankheit. Influenza – wer gibt mir die Gewissheit, dass es nur das ist? Vielleicht ist es ja doch gleich eine heftige Lungenentzündung? Was, wenn die Bakterien der Superinfektion schon meine Herzklappen oder Nieren angegriffen haben? Und überhaupt: Wem muss ich jetzt alles absagen? Für den Supervisor ist es zu spät: Das Ausfallhonorar von 80 Euro steht schon fest. Die eigenen Patienten wollen informiert sein, also gibt es am nächsten Morgen trotz Kopfnebels erst einmal eine Telefonrunde.
Musikschule und Sport: gestrichen
Bei der Grippe zu kurz kommt vor allen Dingen das Kind: Musikschule, Sporttermine, einfach alles muss für diese und die nächste Woche gestrichen werden, weil Autofahren unmöglich ist. Das Kind langweilt sich, Verwahrlosungsängste tauchen auf. Wie sehr darf eine Wohnung verschmutzen, bevor das Jugendamt kommt? Wegwischen der trüben Gedanken. Jetzt zählt das Gesundwerden. Doch der Körper fühlt sich an, als wolle er erst mal noch weiter krank werden. Schüttelfrost und ein Kribbeln unter der Zunge kündigen den weiteren Fieberanstieg an.
„Wenn Sie die genaue Uhrzeit sagen können, zu der Sie krank geworden sind, dann ist es wahrscheinlich Influenza“, lernte ich im Studium.
Nach fünf Tagen
Nach einer Woche muss doch mal Schluss sein mit Kranksein. Eine berufliche Fahrt nach Bonn endet bereits auf der Hälfte des Weges. Übelkeit und Schwächegefühl zeigen deutlich: Es ist noch lange nicht Schluss. Daheim rächt sich das Fieberthermomenter für den übermütigen Ausflugsversuch: Wir sind wieder bei 39 Grad. Das darf doch nicht wahr sein!
Bei einer Grippe ist die Lebensenergie auf ein Minimum reduziert. Die Grippe ist ein Zustand. Es ist wichtig, sich diesen Zustand zuzugestehen. Er kann viele Wochen dauern. In diesem Zeitraum ist klares Denken und Sich-Sortieren unmöglich. Entscheidungen müssen auf später vertagt werden.
Es wird nicht besser
Bei einer Erkältung kann man sich ja noch irgendwie zusammenreißen. Oder aber man merkt beim nächsten Aufwachen: Da bewegt sich was, es wird langsam besser. Bei einer Grippe wacht man immer wieder auf und denkt: Nichts ist anders als gestern, als vorgestern, als vor einer Stunde. Acht Tage sei die Mindestdauer der Grippe lese ich und kann es doch nicht glauben. Wer es noch nie erlebt hat, kann sich das auch nicht vorstellen. Langsam macht sich die innere Angst breit: Es wird nie wieder besser.
Die ersten zarten Lebenskräfte
Und dann ist es doch irgendwann so weit: Plötzlich, nach vielleicht 16 oder 31 Tagen, macht sich ein zaghaftes Band von Lebenskraft bemerkbar. Es geht der Vorhang ein wenig auf, man kann das Lächeln der Kassiererin bei Edeka erwidern. Der Saft, den man gekauft hat, schmeckt auf einmal wieder. Der Blick in den Kalender treibt einem zwar noch die Schweißperlen auf die Stirn, aber die vage Vorstellung davon, dass man das alles irgendwann wieder bewältigen wird, kommt langsam zurück. Das Ende der Grippe – es gibt es wirklich.
Bei einer lang anhaltenden Grippe ist man verzweifelt und hoffnungslos. Zwischen dem Wunsch, Antibiotika zu schlucken und dem Versuch, es doch ohne zu schaffen. Zwischen dem Anruf bei der Hausärztin und dem Entschluss, sich doch nicht in das vergiftete Wartezimmer zu setzen. Zwischen Aufträgen, die einem entgehen und dem Katzenklo, das endlich wieder gesäubert werden will, spielen sich Dramen ab. Gestehe dir die Zeit zu, die es braucht.
Paukenerguss: Leben in der Wattewelt
Nach einem Infekt leiden nicht wenige Menschen an einem Paukenerguss. Infolge der Nasennebenhöhlenentzündungen hat sich Sekret im Mittelohr angesammelt. Man hat das Gefühl, als sei der Kopf unter Wasser. Man hört fast nichts, vielleicht kommt Schwindel dazu. Manche fühlen sich dabei permanent grippig und völlig erschöpft.
Kreislaufschwäche, Konzentrationsschwäche, Frösteln ohne Fieber oder Hitzegefühle ohne Fieber sind typische Symptome, die den Paukenerguss begleiten. Manche hören ihren Puls, andere bekommen einen Tinnitus dazu, oder es tritt gleich beides ein. Es knackt unter Umständen im Nacken und beim Kauen knistert es. Der ganze Kopf scheint in Mitleidenschaft gezogen.
Das Trommelfell wird unter anderem vom Nervus vagus (10. Hirnnerv, Ramus auricularis) und vom Nervus trigeminus (5. Hirnnerv, Ramus auriculotemporalis) innerviert. Daher ist es kein Wunder, dass man sich insgesamt so schlecht fühlt: Der Vagus-Nerv ist ein Teil des parasympathischen Nervensystems. Er ist für die Ruhe des Körpers zuständig. Er steht mit dem Verdauungstrakt in Verbindung. Wird er überreizt, können Übelkeit und Schwächegefühle entstehen.
Panik
Ein Paukenerguss geht sprichwörtlich an die Nerven. Besonders Menschen, die ihre Ohren beruflich brauchen, sind in heller Aufruhr: z.B. Lehrer, Psychoanalytiker oder Musiker. Wer dann im Internet liest, verstärkt seine Ängste. Da stehen dann Dinge drin wie: Wenn es zu Entzündungen, Ausweitungen und Vereiterungen käme, könne das Mastoid (der Knochenfortsatz hinter dem Ohr) mitbetroffen werden. Es könne eine Hirnhautentzündung entstehen. Oder auf Dauer würden die Gehörknöchelchen angegriffen und man verliere dauerhaft sein Hörvermögen.
Auch ein Tinnitus könne dauerhaft entstehen. Kurzum sieht man sich in Lebensgefahr. Man müsse jedenfalls sofort den Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO) aufsuchen. Ruft man da an, erhält man jedoch erst Wochen später einen Termin. Da gibt’s dann schon eine Diskrepanz zwischen Internet-Infos und Praxis-Alltag.
Die Odyssee
Viele bekommen vom HNO dann Nasentropfen verschrieben, damit die Nasenschleimhäute abschwellen und alles besser belüftet wird. Das Mittelohr steht über die Tube (Eustach’sche Röhre) mit der Nase und dem Rachen in Verbindung. Manche Ärzte empfehlen eine Aufweitung der Eutschach’schen Röhre (HNO-Privatpraxis München). Wird die Tube erweitert, kann Flüssigkeit abfließen. Andere Ärzte versuchen es erst mit einer Parazentese (Schnitt in das Trommelfell, Trommelfellinzision), damit die Flüssigkeit herauslaufen kann.
Bei Kindern wird oft auch ein Paukenröhrchen in das Trommelfell gesetzt, damit das Mittelohr mit der Außenwelt verbunden bleibt. Manche Ärzte raten auch zu einer Entfernung der Polypen. Viele verschreiben Antibiotika oder auch Kortison-Nasensprays. Manche schlagen einen Allergietest vor. Andere rücken dem Patienten direkt mit einer Nasenscheidewand-Operation zu Leibe. Manche haben Glück und es hat sich nur ein Cerumenpfropf (Schleimpropf) im Gehörgang gebildet. Sobald der HNO-Arzt ihn ausgespült hat, fühlt sich der Betroffene bald besser. Der Behandlungsversuche gibt es jedenfalls viele.
Abwarten
Manche verzweifeln auch, weil sie alles probieren und keine Besserung finden. Sie leben gesund, fasten, treiben vorsichtig Sport, schlafen viel, gehen viel an die frische Luft, gehen spazieren, machen Yoga und Kopfstände, probieren Ayurveda und Chinesische Medizin (TCM), meditieren, tragen Mützen, verzichten auf Schokolade, ernähren sich vegan. Und manchmal ist es so, dass der Paukenerguss dennoch eine ganze Weile Gast im Hause bleibt. Man kann wirklich „Kopfstände“ machen und es bessert nichts.
Doch der Körper braucht anscheinend diese Zeit. Einen Paukenerguss zu haben bedeutet, viel Zeit mitzubringen. Da gehen schon mal mehrere Wochen ins Land, bis sich etwas tut. Nach COVID oder einer echten Grippe (Influenza) kann der Körper mehrere Monate brauchen, bis alles überstanden ist. Nasennebenhöhlenentzündungen und Paukenergüsse können dazugehören. Der Paukenerguss bettet den Kopf ein in ein Wattegefühl. Er ist lästig und überflüssig wie ein Kropf, so scheint’s. Doch meistens hilft Eines, um aus der Wattewelt herauszukommen: Das Warten.
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Interessanter Link:
Three quarters of people with flu have no symptoms
17.3.2014, www.nhs.uk/…
Beitrag vm 18.2.2026 (begonnen am 21.2.2015)
3 thoughts on “Die psychische Verfassung bei Grippe (Influenza) und bei Paukenerguss”
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Das freut mich, vielen Dank für die Rückmeldung! Weiterhin gute Besserung, liebe Augustine!
Vielen Dank für diesen Text. Ich wusste Wochen nicht, was mit mir nicht stimmt. Das ist es! Wenn so etwas nochmal passiert, weiss ich besser mit mir und dem Elend umzugehen. Viele Grüße, hs
Der körper zwingt einen zur ruhe und dass man sich endlich mit sich selbst und was in einem vorgeht, auseinandersetzt. Letztes jahr kurz bevor ich eine Woche flach lag, hörte ich tagelang meine kindliche innere stimme „MAMA“ brüllen und weinen….mein körper hat sich dann meine Zuwendung geholt. Seither war die stimme weg. Nun liege ich seit einer Woche wieder flach. Alleinerziehend seit drei jahren, neuer job, familienfeindlicher dienstplan und die Betreuungamöglichkeiten ausgeschöpft. Ich kann nicht mehr. Ich hab die nase wortwörtlich gestrichen voll. Danke liebe dunja.