Wenn Beruhigungsversuche beunruhigen

Manchmal haben wir ein besonderes Problem: Wir können uns nicht beruhigen lassen. Die Beruhigungsversuche der anderen beunruhigen uns nur noch mehr.

Das kann an unseren Kindheitserfahrungen liegen: Wenn die Menschen, die uns eigentlich beschützen und beruhigen sollten, selbst zur Gefahr wurden, dann haben wir die Orientierung verloren. Wenn wir Gewalt von unseren Eltern erfuhren, wurde es psychisch kompliziert: Die Erwachsenen waren gleichzeitig Misshandler und Tröster.

Das Gefühl von Gefahr brennt sich ein. Wenn wir als Kind sagten: „Ich höre ein Geräusch“ und die Eltern uns antworteten: „Quatsch, da ist nichts“, dann bekamen wir den Eindruck, dass unsere Wahrnehmungen uns vielleicht täuschen. Und dieser Eindruck macht Angst. Das Gedicht „Der Erlkönig“ von Goethe handelt davon.

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Beitrag vom 15.9.2026 (begonnen am 20.1.2013)

3 thoughts on “Wenn Beruhigungsversuche beunruhigen

  1. Jay sagt:

    Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit.
    Mitte der 80er Jahre, ich, fünf oder sechs Jahre alt, bin mit meinem Vater im Wald.
    Ich soll Fahrradfahren lernen – ohne Stützräder.
    Ich fahre auf meinem Kinderfahrrad im Kreis und mein Vater hält mich hinten,
    am Rahmen des Rades fest, damit ich mich sicher fühle und üben kann.
    Während der Fahrt schaue ich nach hinten. Ich sehe mein Vater steht mehrere
    Meter von mir entfernt und hat einfach losgelassen, ohne etwas zu sagen.
    Ich falle sofort mit dem Fahrrad um.
    Mein Vater will beschwichtigen: „Na siehst du, es geht doch!“
    Ich fühle mich reingelegt. Das merke ich mir.

  2. Christine Seiler sagt:

    Ich finde, dass es beim Beruhigen oft wesentlich ist, dass der „Beruhiger“ selbst ruhig bleibt. Gerade heute habe ich als Erzieherin die Erfahrung bei einem Kind gemacht, dass man gar nicht viel „tun“ muss. Es reicht meistens, dem Kind zu signalisieren, dass man IN RUHE zuhört und die Trauer / Wut / Aufregung in dem Moment einfach akzeptiert.

  3. Solitude sagt:

    Ich kenne nur zu gut, dass mich die Beruhigungsversuche anderer eher wütend machen als mir helfen. Ich habe dann oft das Gefühl das eigentlich etwas vertuscht werden soll.

    Ich bin letzte Woche im Krankenhaus wegen einer schweren Eileiterentzündung auf beiden Seiten operiert worden. Die Schmerzen, die ich deswegen hatte, haben Anfang Januar begonnen und wurden aber in der Zwischenzeit wieder schwächer. Sie waren konstant da. Eine mir selbst in Gedanken oft gestellte Frage war, ob ich mir die Schmerzen etwa nicht nur einbilde. Die dadurch entstandene Verunsicherung hat mich davon abgehalten mich noch intensiver darum zu kümmern als ich es ohnehin schon getan hatte und so kam es erst letzte Woche zu der Operation.

    Ich erinnere mich sehr gut an den Satz meiner Mutter
    „Das bildest du dir nur ein“ wenn ich Schmerzen hatte oder wenn ich etwas erzählte was ein schlechtes Bild auf sie werfen könnte, wie z.B. dass sie mich schlug, obwohl sie eigentlich ihre Kinder nie schlagen wollte und dementsprechend mit ihrem eigenen schlechten Gewissen nicht umgehen konnte. Sie war einfach als alleinerziehende Mama von zwei Kindern überfordert und konnte uns nicht erziehen. Erst als ich bereits 28 Jahre alt war hat sie zum ersten Mal zugegeben „dass ich sie manchmal schon heftig bekommen habe“.

    Ich habe immer gewusst, dass sie lügt. Die Erinnerungen waren zu konkret und zu häufig. Zu offensichtlich war ihre eigene Ablehnung gegen das Schlagen ihrer Kinder. Wir haben oft hinterher zusammen geweint. Trotzdem hat sie oft gesagt, dass ich mir das nur einbilden würde oder es geträumt hätte und auch wenn ich immer dagegen kämpfte und ihr sagte, dass sie lüge, es hat seine Spuren in Form eines tiefen Zweifels in mir hinterlassen. So stark, dass ich mich in dann in Beziehungen wiederfinde in denen meine Grenzen nicht beachtet werde, weil ich sie nicht achte und ich mich bei Konflikten immer frage ob ich mir das nicht nur einbilde, ob ich nicht einfach hysterisch bin und auch ob ich „Nein!“ sagen darf.

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