Ich-Schwäche und Ich-Störung: Manchmal brauchen wir jemanden, der uns als „Hilfs-Ich“ dient
Wenn Du ständig andere Menschen zu Deiner Beruhigung brauchst, leidest Du vielleicht unter einer Ich-Schwäche. Das bedeutet, dass Deine „Ich-Funktionen“ eingeschränkt sind. Zu den Ich-Funktionen gehört zum Beispiel die Steuerung von Affekten wie Wut oder Beunruhigung. Auch das richtige Wahrnehmen der inneren und äußeren Welt gehört zu den Ich-Funktionen. Manchmal wird Dein steuerndes „Ich“ möglicherweise von einem strengen „Über-Ich“ mit seinen moralischen Vorstellungen und vom „Es“, also den Trieben, eingequetscht. Eine besonders ausgeprägte Ich-Schwäche heißt „Ich-Defekt“.
Wenn wir uns psychisch geschwächt fühlen, brauchen wir nahe Bezugspersonen, auf die wir uns stützen können und die uns ein Hilfs-Ich anbieten. Der andere hilft uns, uns zu beruhigen und uns innerlich zu sortieren. Von einer „strukturellen Ich-Schwäche“ spricht man, wenn die Struktur „Über-Ich-Es“ nicht ausgeglichen ist.
Ich-Schwäche zeigt sich in kritischen Situationen
Eine Ich-Schwäche bestimmt den Alltag immer wieder, besonders wenn Situationen unübersichtlich und stressig werden oder wenn sie an Vergangenes erinnern, das nicht verarbeitet wurde. Dann ist planvolles und durchdachtes Handeln kaum möglich. Angst kann ebenso auftauchen wie die Schwierigkeit, sich selbst von anderen zu unterscheiden. Es entsteht dann manchmal das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Abgrenzung ist in diesen Momenten schwierig. In anderen Situationen, im ruhigen Fahrwasser, fühlen wir uns dann wieder wohl und können auch – beispielsweise im Beruf – durchaus stark sein.
Wenn du eine Psychoanalyse machst, lernst du, genau zu spüren, was du selbst fühlst und dies dann zu verbalisieren. Der Analytiker kann das selbst gut und wird zum Vorbild. Dieses Vorbild kann man als Analysand in seine eigene Psyche aufnehmen. Unverarbeitete Probleme können nachträglich neu bearbeitet werden. Man lernt sich selbst besser kennen – somit kann man sich auch selbst besser steuern.
Ichstörung in der Psychiatrie: Der Begriff „Ichstörung“ wird in der Psychiatrie so verwendet: Bei einer Ichstörung hat man Schwierigkeiten, sich selbst von der Umwelt abzugrenzen. Wer bin ich und was ist Umwelt? Wer von uns beiden ist hier wütend? Ich oder der andere? Lösen sich meine Körpergrenzen auf? Die Umwelt sieht so komisch aus! Das sind typische Gedanken und Gefühle, die man bei einer Ichstörung haben kann. Daher zählen z.B. Derealisation und Depersonalisation zu einer „Ichstörung“.
Die Fähigkeit, sich von äußeren oder inneren Ereignissen nicht überfluten zu lassen, ist auch eine Ich-Funktion. Es fällt uns manchmal schwer, die eigenen Emotionen anzunehmen, sie (aus-) zu halten und zu „verstoffwechseln“.
Kinder benötigen ihre Eltern natürlicherweise als „Hilfs-Ich“. Die Eltern treten für sie ein, sagen beim Bäcker „Danke“ für das Weckchen, erklären dem Kind, warum es traurig ist und loben es, wenn es etwas erreicht hat. Sie träumen und spielen zusammen mit dem Kind und unterstützen es emotional auf natürliche Weise.
Psychoanalytiker sind „Hilfs-Ichs“ für Erwachsene
Ein Psychoanalytiker steht dem Patienten als Hilfs-Ich (englisch: Auxiliary Ego) zur Verfügung. Was für den Patienten überwältigend ist, kann der Psychoanalytiker vielleicht aufnehmen, ohne selbst überwältigt zu werden. Er kann mitfühlen, er kann die Vergangenheit erahnen, er kann Angst verstoffwechseln. Manchmal ist auch der Analytiker überwältigt. Die Zeit führt nach Überwältigung zurück zur Mitte. Die Verarbeitung schwieriger innerer Zustände und Erinnerungen geht zu zweit leichter als alleine. Irgendwann werden die emotional überwältigenden Wellen zu kleineren Häppchen.
Wenn du eine Psychoanalyse machst, kannst du den helfenden Psychoanalytiker in dir aufnehmen. Du hast dann eine Vorstellung vom Analytiker, auch wenn der im Augenblick real nicht da ist. So lernst du, die Ich-Funktion des Analytikers für dich selbst zu übernehmen. Auch dass ein nahestehender Mensch unser Hilfs-Ich sein kann, ist gut und gesund. Es kann manchmal sogar eine Herausforderung sein, zu „regredieren“, also sich anzulehnen, sich trösten und stärken zu lassen. Nur wenn der andere uns fast ständig als Hilfs-Ich dienen muss, leiden wir vielleicht an einer „abhängigen Persönlichkeitsstörung“ (ein unschöner Begriff, der durch etwas Besseres ersetzt werden müsste).
Das ungute Hilfs-Ich
Dieses System kann jedoch auch krankhaft werden, z.B. in einer Partnerschaft, in der ein Partner eine starke Angststörung hat und der andere Partner so gut wie „nie Angst hat“. Der starke Partner, der als „Hilfs-Ich“ erscheint, ist in Wirklichkeit erleichtert, dass der andere der „Schwache“ ist. Er braucht den schwachen Partner, um seine eigene „Stärke“ zu spüren. Der „Starke“ kann seine eigene Schwäche auf den Partner projizieren. So kann sich ein ungesundes Ungleichgewicht einpendeln.
Wer mit einer starken „Ich-Schwäche“ eine Therapie macht, „braucht“ nach einer Weile den Partner nicht mehr in dem bisherigen Maße als Schutz. Die Partnerschaft kann aus dem Gleichgewicht geraten. Das ist dann auch eine Herausforderung für den Partner, der seine gewohnte Rolle aufgeben muss, indem er eigene Schwächen und Ängste nach und nach zulässt.
Ich-Defekt: Wenn Schuldgefühle nicht vorhanden sind
Ein „Ich-Defekt“ ist eine starke Ich-Schwäche. Wer zum Beispiel in einer gewalttätigen Familie großgeworden ist, wer als Kind keinen Halt und keine Zuwendung erhalten hat, der wird unter Umständen kriminell oder süchtig. Das Ich ist so schwach, dass es Trieb-Impulse wie z.B. Wut kaum hemmen kann. Viele Betroffene konnten zudem nie ein gutes Selbstwertgefühl aufbauen. Auch das Über-Ich ist nur wenig ausgebildet (Über-Ich-Defekt).
Das Gefühl von Schuld und ein schlechtes Gewissen sind kaum vorhanden – was unter anderem daran liegt, dass es so gut wie nie gute Beziehungen gab und die Betroffenen auch kaum eine Vorstellung davon haben, wie es ist, wenn sich ihnen jemand in einer guten Weise zuwendet. Das heißt: Für die Betroffenen besteht auch oft kein Grund, sich schuldig zu fühlen – ihnen gegenüber schien ja auch nie jemand Schuldgefühle zu haben. Statt konstruktiv zu sein und das „Leben zu pflegen“, sind die Betroffenen eher so enttäuscht, verbittert und planlos, dass sie lieber destruktiv sind und Leben zerstören.
Eine lebenslange Auseinandersetzung
Das „Ich“ ist die steuernde Instanz in uns. Bildlich gesprochen liegt es zwischen Es und Über-Ich. Von unten kommt das „Es“ mit seinen Trieben. „Ich habe Hunger!“, schreit es. Von oben kommt das „Über-Ich“ mit seiner Moral: „Du kannst jetzt nicht mitten im Konzert etwas essen!“, flüstert es. Das Ich sagt: „Nach dem Konzert werde ich etwas essen gehen.“ Es kann aber auch sein, dass man den ganzen Tag nichts gegessen hat und man sich im Konzertsaal auf einmal schlecht fühlt. Der Hunger „überkommt“ einen, der Körper reagiert. Man geht raus, um eine Kleinigkeit zu essen. „Das Ich ist zu allererst ein Körperliches“, sagte Sigmund Freud.
Das Ich und der Körper hängen eng zusammen. Wir können uns selbst dann am besten steuern, wenn es uns körperlich gut geht. Sind wir übermüdet, sieht schon alles anders aus.
Das gequetschte Ich
Wenn wir ein sehr starkes Über-Ich haben, dann können wir uns kaum etwas erlauben. Viele Psychoanalytiker haben über das „grausame Über-Ich“ geschrieben und es ist nahe verwandt mit unserem Ich-Ideal. „Das Ichideal zeigt dann eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft in grausamer Weise“, schrieb Sigmund Freud (Die Abhängigkeiten des Ichs, 1923, Projekt Gutenberg).
Im Alltag kann das so aussehen: „Ich erlaube mir niemals, während des Konzerts auf Toilette zu gehen!“ Manche kollabieren, weil sie ihre körperlichen Bedürfnisse so sehr unterdrücken. Es können auch Zwänge entstehen, wenn das Über-Ich zu stark wird: Manche lesen zwanghaft in der Bibel oder müssen sich ständig die Hände waschen, weil sie sich irgendwie schuldig fühlen – sie wollen sich von der Schuld befreien. Doch oft können wir uns selbst gar nicht kontrollieren: Wenn wir an Reizdarm leiden, sind wir gezwungen, auf die Toilette zu gehen, sobald der Druck da ist. In solchen Fällen hat das „Ich“ nicht viel zu sagen – es wird sozusagen von den körperlichen Zwängen „gequetscht“ und hat keinen Spielraum mehr.
Das „Ich“ fühlen wir vielleicht besonders in der Brust. Wenn ich sage: „Ich!“, dann zeige ich mit meinem Finger auf mein Brustbein (Sternum). Oder wir sagen: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Zudem bedeutet „schizophren“ „gespaltenes Zwerchfell“, denn die alten Griechen dachten, dass die Seele im Zwerchfell sitzt.
Realitätsprüfung und mehr
Das „Ich“ ist aber auch die Instanz, die wahrnimmt, die uns sagt, ob wir wachen oder träumen. Wir können die Realität meistens von der Phantasie unterscheiden. Wenn wir sehr aufgebracht sind, ist das schwieriger. Manchmal bekommen wir es gar nicht mit, dass unsere Phantasie stärker ist als der Realitätssinn: Wir befürchten, von unserem echt blöden Chef streng gerügt zu werden, dabei ist er gar nicht so streng. Das Ich bemerkt auch, was innen und was außen ist. Aber auch hier können wir uns vertun, wenn wir gestresst sind oder wenn wir sehr streng mit uns selbst sind: „Ich bin gar nicht wütend, DU bist wütend!“, schreien wir wütend und projizieren unsere Wut auf den anderen.
„Das will ich!“ Wenn wir unseren Willen deutlich spüren, ist unser Ich stark. Wir ballen unsere Fäuste und spüren uns. Wenn wir einschlafen, schläft auch das Ich. Und dennoch werkelt es an unseren Träumen mit.
Ich bin gut
Das Ich will gut bleiben und versucht, sich zu schützen. Bei psychischen Störungen ist das Ich geschwächt und sehr stark mit der „Abwehr“ von unerwünschten Regungen beschäftigt. Ich will eben nicht die Böse sein, daher verdrehe ich alles so, dass ich als die Gute erscheine – auf Kosten des anderen. Manchmal ist das Ich aber auch zu geschwächt, um Unerwünschtes abwehren zu können. Dann können wir mit großer Angst reagieren, weil wir den „Zusammenbruch der Abwehr“ spüren. Im Rahmen einer Psychoanalyse ist dieser Zusammenbruch jedoch oft ein wichtiger Schritt, um sich weiter zu entwickeln. Wenn ich meinen Neid, meine Hilflosigkeit oder meine Machtwünsche nicht mehr abwehren kann, dann spüre ich sie genau und kann mich damit auseinandersetzen.
Was stärkt das Ich?
Das Ich wird gestärkt durch gute Beziehungen, durch körperliche Fitness (auch Muskelkraft gehört dazu) und durch eine gute Selbstkenntnis. Wenn wir Denken und Handeln unterscheiden können, wenn wir eine Grenze zwischen uns und dem anderen empfinden, dann kann das Ich stark sein: Ich nehme beispielsweise wahr, wenn ich „böse“ bin, also z.B. rasende Wut empfinde, aber ich weiß auch, dass ich deswegen den anderen nicht verletzen muss, sondern meine Impulse steuern kann.
Diese Fähigkeit, die Impulse zu steuern, entsteht über die gute Beziehung zu einem anderen Menschen, der uns versteht.
Wenn wir als Baby eine Mutter und einen Vater hatten, die gut mit uns kommunizieren konnten, können wir unsere Impulse besser steuern, als wenn wir in unseren ersten Lebensmonaten und -jahren mit unseren Gefühlen überwiegend unverstanden blieben. Doch niemand hatte eine perfekte frühe Kindheit. Neugier auf sich selbst und die Welt sind gute Voraussetzungen, um das Ich nachreifen zu lassen.
Der Maler Gérard Garouste, carredartistes.com hat sich selbst aus seiner Psychose heraus entwickelt durch Kunst und durch das Lesen alter, weiser Schriften (insbesondere des Talmuds) mithilfe eines Lehrers (Wahn und Wahrheit, Dokumentation, arte 2020).
Auch kann es helfen, den Körper zu schulen, indem man ernsthaft mit einem „Sport“ anfängt, z.B. TaekWonDo, Yoga oder auch Handball – was immer Dir liegt. Du kannst Deine Stimme durch Gesangsunterricht (auch Youtube-Videos) schulen, denn Deine Stimme sagt viel über Deine Persönlichkeit (Per-sona, sonus = lateinisch: der Ton, Laut) aus. Ein Musikinstrument bei einem guten Lehrer zu lernen, ist ebenfalls eine wunderbare Möglichkeit, sein Ich zu stärken. Finde etwas, das Du gut kannst und gerne machst und weiterentwickeln möchtest. Das braucht oft sehr viel Zeit – manche Menschen finden erst in der Mitte oder gegen Ende ihres Lebens ihre Leidenschaft und werden noch in späten Jahren Schauspieler, Künstler, Schriftsteller oder Psychoanalytiker.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Zum Nachlesen:
Michael Ermann:
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Kohlhammer Stuttgart 2004: 86
Dieser Beitrag erschien erstmals am 22.8.2011
Aktualiseirt am 21.11.2022
3 thoughts on “Ich-Schwäche und Ich-Störung: Manchmal brauchen wir jemanden, der uns als „Hilfs-Ich“ dient”
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Ja :-) zu Satz Eins.
Nein zum letzten Satz ;-)
Ist es möglich durch Therapie und Arbeit an sich selbst, einen Weg zu seinem Starken-Ich zu finden?
Ich kann mir gut vorstellen, das man nicht so bleiben muss bzw das es nicht „unheilbar“ ist.
Mit Sicherheit erfordert es viel Mühe und auch seine Zeit, dennoch glaube ich das wenn man konsequent und wirklich bereit ist zu investieren, man seine Schwäche auch in eine konstante Stärke transformieren kann.
Oder täusche ich mich da?
Lg :)
hi dunja,
toller beitrag danke! werde ab jetzt oefter mal in deinem blog vorbeigucken.
@rainer: zum thema selbstwertgefuehl kannst du auch mal die seite durchlesen: http://www.selbstbewusstsein-staerken.net sehr empfehlenswert.
lg, brigitte