Telepathie und Psychose: Über das unheimliche Gefühl der Tiefe in sich selbst
Es ist viel zu lesen über Phänomene, die sich nur schlecht erklären lassen. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) beschrieb, wie ein goldglänzender Rosenkäfer (Cetonia aurata) gegen die Scheibe des Therapiefensters flog, während seine Patientin von einem Traum mit einem Rosenkäfer erzählte. Er nannte dieses Phänomen, bei dem sich Geistiges kurze Zeit später oder zeitgleich draußen in körperlicher Form zeigt, „Synchronizität“. Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch solche oder ähnliche Phänomene.
In der Psychoanalyse erzählt ein Patient vielleicht einen Traum, der das wiedergibt, was der Psychoanalytiker am Tag zuvor erlebt hat. Interessant ist, was mit dem Gefühl des Unheimlichen passiert. In dem Moment des telepathischen Ereignisses (Patient träumt vom Analytiker) ist für den Träumer nichts Unheimliches dabei. Das Gefühl der Unheimlichkeit tritt oft erst im Nachhinein auf – hier bei dem Empfänger, der im Nachhinein von dem Traum erfährt und sich erkannt fühlt.
Besonders Psychotiker, Kinder und Jugendliche beschäftigen sich viel und gerne mit nicht erklärbaren Phänomenen, doch gerade bei ihnen lässt sich oft auch erkennen, wie groß ihr Wunschdenken ist. Zudem spielt die Sehnsucht nach Sensationen eine große Rolle. Zur Zeit sind auf TikTok Videos über „Manifestationen“ sehr beliebt.
Psychose oder telepathisches Erleben?
Gerade viele Psychotiker geben allem, was geschieht, eine übermäßige Bedeutung. Es fällt ihnen schwer, die eigenen Affekte wahrzunehmen und Worte dafür zu finden. Zudem sind sie häufig geplagt von schrecklichen Erinnerungen, teils aus der averbalen Zeit. Die Augen der Mutter, die die Grenzen des Babys missachteten, wurden zu verfolgenden oder leeren, unheimlichen Blicken.
Aus der Telepathieforschung ist bekannt, dass Zustände, in denen es wenig Bewusstsein gibt, wie Einschlafen oder Trance, telepathische Erlebnisse möglicher machen. „Alle derartigen Beeinträchtigungen des Bewusstseins fasste (Jan) Ehrenwald (1900-1988) unter dem Begriff „Minusfunktion“ zusammen.“ (Wolfgang Leuschner: Telepathie und das Vorbewusste – Experimentelle Untersuchungen, Sigmund-Freud-Institut, 2004: S. 17, amazon) Bewusstes Denken hingegen scheint Telepathie auszubremsen. Möglicherweise sind Psychotiker durch ihre Realitätsferne auch empfänglicher für telepathische Vorgänge als andere Menschen.
Das „Tiefegefühl“
Als ich in kürzlich in der Küche stand und etwas über COVID sagte, was gerade durch die Nachrichten ging, las mein Kind exakt Dasselbe auf ihrem iPad. Ich sah, wie sehr es sie erschreckte. Ich selbst aber hatte die Zusammenhänge beobachten können – ich hatte keine Angst, weil ich die Kette der Situationen habe verfolgen können. Meinem Kind jedoch kam es vor, als seien unzählige Zufälle gleichzeitig zusammengekommen – es löste ein unheimliches Gefühl in ihm aus.
Das Wort „Zufall“ deutet schon auf das Gefühl des „Fallens“ hin, das dann entsteht.
Das Gefühl, das in solch scheinbar unerklärlichen Situationen entsteht, ist ein Gefühl von unglaublicher Tiefe. Es ist, als öffnete sich alles in uns. Der andere, der gerade das sagt, was wir dachten oder das träumte, was wir erlebten, scheint mitten in uns selbst hineinzustapfen.
Wenn wir uns so durchlässig und unheimlich fühlen, haben wir vielleicht die angstvolle Phantasie, ein anderer könnte uns in aggressiver Weise telepathisch beeinflussen. Der Psychoanalytiker Richard Reichbart erklärt in seinem Video „Psi and Psychoanalysis“ (Youtube), dass dies möglicherweise vorkommen kann – und das ängstigt uns zutiefst. Was, wenn wir solche Phänomene in der Therapie schwerer psychischer Störungen mit berücksichtigen müssen?
Richard Reichbart war Lehranalysand von Jule Eisenbud (1908-1999). Von ihm lernte er, Telepathie mitzudenken. Dieses Phänomen würde uns immer umgeben und tauchte täglich auf. Es sei genauso anzusehen wie das Unbewusste, das uns ebenfalls täglich begleite.
Das Ich-Erleben
Während des psychotischen Erlebens oder während einer starken Panikattacke fühlt es sich es so, als sei das „Ich“ gar nicht da (siehe: „Die Suche nach dem Subjekt im psychotischen Erleben“, Küchenhoff 2015). Ich denke an ein Youtube-Video zur Meditation, in dem es darum ging, dass man versuchen sollte, sein „Ich“ innerlich zu erhaschen. Man würde dann merken, dass da gar nichts ist und dass das Ich eine Illusion sei. Oft wird dabei vergessen, dass das „Ich“ ja zunächst „ein Körperliches ist“, wie Sigmund Freud sagte. Wenn wir also unerklärliche Zufälle erleben, ist es, als vergäßen wir für einen Moment unseren Körper.
Wir können in manch unheimlichen Momenten des Zufalls kurz nicht mehr zwischen innen und außen, zwischen Ich und Du unterscheiden. Das Prinzip von „Ursache und Wirkung“ scheint verloren zu gehen. Es finden scheinbar zwei gleichförmige Dinge parallel statt. Wir verlieren dabei unser „Selbstwirksamkeitsgefühl“, was sich z.B. in einem Schwächegefühl bemerkbar machen kann. Wir spüren Ohnmacht und Schrecken, was jedoch – ähnlich wie bei einem Orgasmus – nur wenige Momente anhält. Wir können das, was da mit uns passiert, nur schwer in Worte fassen.
Forschung zur Virtuellen Realität (VR) und Künstlichen Intelligenz (KI) hilft uns
Dank der Forschungsarbeiten zur Virtuellen Realität (VR) und zu Technik-Hirn-Verbindungen erweitert sich gerade unser Wissen über die Telepathie. Bereits der Erfinder des EEG (Elektroenzephalogramm), Hans Berger (1873-1949) hatte die Idee von elektromagnetischen Hirnfeldern, über die sich Menschen gegenseitig beeinflussen konnten. Auslöser zu seiner Erfindung war ein Unfall, den seine Schwester über die Ferne mitbekommen hatte. Bei der Entwicklung des EEG zeigte sich dann, dass die elektrischen Ströme des Hirns viel geringer sind als gedacht. Doch immerhin waren sie stark genug, um ein EEG abzuleiten.
Heute schreiben Forscher: „In human studies, telepathy has been weighed and confirmed (Dikker et al., 2017; Grau et al., 2014; Hildt, 2019; Jiang et al., 2019; Rao et al., 2014; Stephens et al., 2010).“ Ehsan Hosseini: Brain-to-brain communication: the possible role of brain electromagnetic fields (As a Potential Hypothesis). Heliyon März 2021.
Die fehlende Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich macht uns Angst
Ein kleines Kind sagte mir einmal, ich solle zu der Musik, die aus dem CD-Player kommt, nicht singen, weil es dann nicht mehr unterscheiden könne, ob die Melodie aus dem Player kommt oder von mir. Auch wenn es selbst sang, wehrte es sich, wenn ich mitsang – auch hier war es dem Kind unheimlich, wenn ich selbst in die gleiche Tonlage einstimmte, die es selbst gerade sang. Das „Wehren“ verschaffte dem Kind ein „Ich-Gefühl“ und schützte es so vor dem Gefühl des Sich-Auflösens, des Nicht-mehr-Unterscheidenkönnens.
Differenzierung gibt Sicherheit
Man könnte also sagen, dass das Gefühl für das „Ich“ während eins unheimlichen Erlebnisses einen Augenblick lang verschwindet. Und das ist es, was uns bei der Vorstellung von Telepathie in so schreckliche Angst versetzen kann. Wir haben das Gefühl, nicht mehr unterscheiden zu können, verwirrt zu werden, nicht mehr klar denken zu können und durchdrungen zu werden.
Gerade Psychotiker hatten oft Mütter, die zu ihren Kindern sagten: „Du bist für mich wie aus Glas“, also in dem Sinne, dass sie alles wüssten, was im Kind vorging (siehe Harold Searles: Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung). Gleichzeitig bedeutet der Satz, dass das Kind für die Mutter durchsichtig, also gar nicht da ist. Eine Mutter, die die Trennung zwischen ihr und dem Kind nicht wahrhaben will, kann ihr Kind tatsächlich nicht sehen. Hieraus lässt sich die Angst vieler Psychotiker erklären, andere könnten ihre Gedanken lesen.
Die Angst, der andere könnte unsere Gedanken lesen, ist eine relativ reife Angst, denn Wort-Gedanken sind ja schon Sprache und Sprache ist ein Zeichen für Bewusstsein. Schlimmer ist die Angst, der andere könnte irgendwie die eigenen Zustände erfassen und mit uns etwas machen.
Kommunikation von „Unbewusst zu Unbewusst“ kann Angst machen
Unter „Telepathie“ stellen wir uns vor, dass der andere Zugang zu unserem Innersten hat – also nicht nur zu den Gedanken im Kopf, sondern auch zu unseren Erinnerungen, Erlebnissen, Phantasien und Träumen.
Den Betroffenen, die meinen, Telepathie zu erleben, fehlt es paradoxerweise an dem Gefühl, wirklich verstanden zu werden – also mit Gedanken und Gefühlen verstanden zu werden.
Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt in seiner Studie „Telepathie und das Vorbewusste“ (Sigmund-Freud-Institut 2004), dass Telepathisches fragmentarisch sei und mit eigenen Phantasien aufgefüllt werde. In Experimenten sendeten Versuchsteilnehmer Bilder gedanklich an „Empfänger“, also Versuchsteilnehmer, die im Keller saßen. Die Bilder enthielten erstaunlich viele Elemente des gesendeten Bildes, waren aber fragmentarisch. Aus meiner Sicht ähnelten sie den Bildern, die kleine Kinder oder Psychotiker malen.
Richard Reichbart sagt im Youtube-Interview mit Jeffrey Mishlove („New Thinking Allowed“): „Es wird sehr kompliziert“, wenn wir die Möglichkeit der Telepathie mit in psychologische Überlegungen und Modelle aufnehmen.
„Telepathische Gefühle“ können mit dem Gefühl verbunden sein, schutzlos ausgeliefert und durchgängig zu sein, ohne Substanz zu sein.
Selbstkenntnis und Wahrnehmung stärken
Es bedarf oft großer Selbstkenntnis und Übung, um zu bemerken, wie sich die Wahrnehmung durch eigene Affekte verändert. Wenn z.B. im Zusammensein mit einem anderen schreckliche Erinnerungen an frühere, ähnliche Situationen auftauchen, kann es sein, dass wir den anderen plötzlich als bedrohlich wahrnehmen. Wenn wir aber formulieren können, was in uns vorgeht, dann fühlen wir uns auch vom anderen besser verstanden und wir können bemerken, wie auch der andere sich für unsere Wahrnehmung wieder verändert. Er sieht wieder freundlicher und verständnisvoller aus.
Es gibt Zufälle und unerklärliche Phänomene. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Verarbeitungsmodi in uns selbst, die manches unheimlich erscheinen lassen, was sich jedoch sehr gut erklären lässt. Die Dinge voneinander unterscheiden zu lernen, ist eine wichtiger Aspekt der Psychoanalyse.
Auszug aus Sigmund Freuds: Das Unheimliche (1919):
(bezugnehmend auf „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, 1815, schreibt Freud:)
„An gewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnung zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich hört das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, der den Vater für diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, nach dem Sandmann befragt, leugnet dann zwar, daß ein solcher anders denn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau weiß greifbarere Auskunft zu geben: »Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung (= Fütterung) für seine Kinderchen, die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.« Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war, um so schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen, so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest.“ (Ausgabe reclam 2020: S. 18)
Marion Bönnighausen über „Der Sandmann“:
„Es ist ein finsteres Nachtstück über die Abgründe der Seele, das E.T.A. Hoffmann geschrieben hat.“
etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/portfolio-item/sandmann/
Spezialfall Vojta-Therapie
Bei der Vojta-Therapie werden dem Baby Reflexpunkte gedrückt, durch die es quasi „gezwungen“ ist, die Bewegung auszuführen, die es ausführen soll. Es bewegt sich selbst und gleichzeitig nicht. Die Bewegung wird durch jemand anderen ausgelöst – nicht durch den eigenen Willen. Es entsteht eine Art „Marionettengefühl“. Das Baby schreit und wehrt sich, um sein Selbstgefühl zu retten. Diese frühe schreckliche Erfahrung kann auch später im Leben immer wieder zu unheimlichen Zuständen führen (Emobodiment, Implizite Erinnerung).
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Literatur:
Sigmund Freud (1919):
Das Unheimliche
www.reclam.de…Das_Unheimliche
E.T.A. Hoffmann:
Der Sandmann
etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/…
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 20.3.2021
Aktualisiert am 18.8.2022
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