Psychoanalyse-Ausbildung: Welcher Patient passt zu mir?

Es gibt Ärzte, die nur in den Krisengebieten dieser Welt glücklich sind. Sie haben mit „Husten und Schnupfen“ nichts am Hut. Andere hingegen mögen die geduldige Arbeit mit Patienten, die schon wieder mit Spannungskopfschmerzen kommen. In der Psychoanalyse ist es manchmal ähnlich. „Ich kann auf keinen Fall mit magersüchtigen Patienten arbeiten“, sagt ein sehr erfahrener Psychoanalytiker. „Psychosen finde ich so interessant, dass ich am liebsten mit solchen Patienten arbeite“, sagt der andere.

Patienten mit Süchten finden oft nur schwer einen Therapeuten, doch auch sie finden manchmal „ihren“ Analytiker. Viele feine Aspekte spielen bei der Passung zwischen Patient und Analytiker eine Rolle.

Wer sich in der Ausbildung nach Patienten umschaut, merkt vielleicht rasch, wie schwierig das sein kann. Wird der Patient zuverlässig sein? Wird er sich ausreichend gut binden können? Kann er im Zweifel ein Ausfallhonorar zahlen? Kann er ausreichend abstrahieren, symbolisieren, selbstreflexiv sein? Fragen wie diese tauchen auf. Damit ein „Ausbildungsfall“ in der DPV-Ausbildung anerkannt wird, muss es möglich sein, mit dem Patienten „klassisch psychoanalytisch“ arbeiten zu können. Auch bei der Auswahl der Patienten ist das Unbewusste immer mit dabei. Viele entscheiden sich gleich zu Beginn für Patienten mit Störungen, die der eigenen Störung ähnlich sind – weil man sich damit dank Lehranalyse immer besser auskennt. Nicht selten neigt man zu Beginn der Ausbildung auch dazu, eher schwerer traumatisierte Patienten anzunehmen.

Es gibt auch Überraschungen: „Ich dachte immer, ich hätte Geduld für Patienten mit einer Suchtstruktur, aber ich merke, dass das gar nichts für mich ist“, sagt man vielleicht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so gut mit schizoiden und narzisstischen Patienten arbeiten kann, auch, wenn es eine besondere Herausforderung ist.“

Sind die Patienten allzu verschieden von der eigenen Welt oder sind sie zu ähnlich, kann es schwierig werden. Wenn der Analytiker auf einen Patienten trifft, dessen Trauma dem eigenen zu ähnlich ist, merkt er schnell, dass er sich zu sehr mitreißen lässt. Er verliert dann als Analytiker seine Beweglichkeit. „Ich habe gleich in der ersten Stunde gemerkt, dass mir diese Patientin zu ähnlich ist. Ich hätte nur noch weinen können“, sagt eine junge Analytikerin.

Hilfreich ist es, wenn der Patient zumindest eine gute Bezugsperson in seinem Leben hatte, die ihm viel bedeutete. Doch auch ein Patient, der – in welcher Form auch immer – an Gott glauben konnte, hat eine innere Beziehung zu jemandem oder etwas (siehe Dialog zwischen Dr. Gerald Gargiulo und Samira Alpern, Youtube). Das ist für die Behandlung von Vorteil.

Motivation zur täglichen Arbeit

Bei der Auswahl psychoanalytischer Patienten muss man immer bedenken, dass man sie mehrmals pro Woche, gefühlt fast jeden Tag sieht – und das vielleicht über Jahre. „Gehe ich noch gerne zur Arbeit, wenn ich diesen Patienten aufnehme?“, könnte man sich fragen. „Sie haben ein Recht auf gute Patienten“, hörte ich einmal eine erfahrene Analytikerin sagen. „Es gibt keine unkomplizierten Patienten“, sagt ein anderer. Der amerikanische Psychoanalytiker Dr. Gerald Gargiulo (www.drgargiulo.com, Becoming a Psychotherapist: Autobiography, Youtube) sagt, dass ihm so mancher Patient anfangs vielleicht nicht so sympathisch ist – doch, wenn er am Ende der Analyse geht, dann mag er ihn.

Der Augenblick entscheidet mit

Bei Zweifeln, ob man einen Patienten aufnehmen möchte oder nicht, können manchmal wenige Augenblicke reichen, um mehr Gewissheit zu erlangen. Wenn man einen Patienten während der Sitzung aufgrund der Antipathie innerlich schon abgeschrieben hat, kann sich das nochmal ändern, wenn man beim Händeschütteln beim Abschied merkt, dass der Händedruck wirklich angenehm ist. Ein guter Duft oder eine angenehme Stimme können unter Umständen wichtige begleitende Kriterien für die Aufnahme eines Patienten sein. Einen geeigneten Patienten für die Psychoanalyse zu suchen, ähnelt in mancher Hinsicht einer Partnersuche. Man möchte so gerne helfen, doch in der Ausbildung zählt auch eine gesunde Portion Egoismus: Die Frage, ob der Patient sich für die eigene Ausbildung eignet, darf man sich stellen. Und: Sage nie „Ja“ zu einem Patienten, nur weil Du Angst hast vor seiner Reaktion, wenn Du ihn ablehnst. „Wer soll ihm denn sonst helfen?“, fragt man sich manchmal. Es wird schon andere geben, die dem Patienten helfen können. Doch egal wie sorgfältig man bei der Auswahl der Patienten auch vorgeht – man weiß nie, wie die Analyse verlaufen wird.

Sandor Ferenczi: „Ohne Sympathie keine Heilung“

„Warum soll eigentlich immer alles nur an mir liegen?“, fragt sich so mancher Patient. Der Psychoanalytiker Sandor Ferenczi (1873-1933), ein Schüler Sigmund Freuds, legte damals schon viel Wert auf die Person der Psychoanalytikers. Obwohl die „intersubjektive Psychoanalyse“ häufig als etwas relativ Neues dargestellt wird, hat schon Ferenczi die Gegenseitigkeit betont. Eine Zeitlang experimentierte er mit gegenseitiger Psychoanalyse (mutuelle Psychoanalyse). Ferenczi probierte verschiedene Methoden aus. Bei der „aktiven Psychoanalyse“ wollte er die Patienten aktivieren. Er verbot ihnen zum Beispiel, sich motorisch abzureagieren oder „forcierte“ die Phantasien, indem er darauf bestand, dass sie Unangenehmes zu Ende dachten.

Auch verbot der den Patienten bestimmte sexuelle Praktiken und bestand darauf, dass sie während der Analysestunden nicht wegen Stuhl- oder Harndrangs zur Toilette gingen. „Ferenczi versuchte mit seiner aktiven Technik, die Ich-Widerstände der Patienten zu überwinden“ (Professor Dr. Hans Waldemar Schuch: Aktive und elastische Psychoanalyse? 2001, PDF: S. 13). Die aktive Technik rief viel Ärger in den Patienten hervor und nachdem Ferenczi seinen eigenen Sadismus darin erkannte, ließ er von der aktiven Psychoanalyse wieder ab.

„Ohne Sympathie keine Heilung“, sagte Ferenczi. (Das klinische Tagebuch von 1932)

„Denn die subjektiven Angaben anderer sind nicht anders als durch einen Vergleich mit den eigenen Gemüts- und Geistesvorgängen verständlich“ (Ferenczi 1928: Über den Lehrgang des Psychoanalytikers. In: Bausteine III, S.423)

Ferenczis mütterliche Analyse

Nach der Phase der Strenge entwickelte Ferenczi eine mütterliche Analyse, in der er den Patienten besonders weich und warmherzig begegnete. Er berührte Patienten und ließ sich berühren. Die vielen Wendungen in seiner Psychoanalyse konnten viele Kollegen nicht nachvollziehen und so galt Ferenczi unter anderem als „Enfant terrible“ der Psychoanalyse. Andere wiederum sahen seine mütterliche Technik als Vorläufer der modernen Tiefenpsychologie. Ferenczi fand, dass besonders die sehr schwer gestörten Patienten von der mütterlichen Haltung profitieren konnten: „Solche Neurotiker müßte man förmlich adoptieren und erstmalig der Segnungen einer normalen Kinderstube teilhaftig werden lassen“ (Ferenczi 1929, Relaxationsprinzip und Neokatharsis. In: Bausteine III, S. 488). Ferenczi erkrankte schließlich an perniziöser Anämie und verstarb daran.

Ferenczi wurde in Miskolc, Ungarn, geboren und starb in Budapest. Das „cz“ im Namen „Ferenczi“ ist eine historische Schreibweise und wird wie „c“ gesprochen. (Wikipedia). Ferenczi war erster Präsident der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung (gegründet 1913).

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Dr. Hans-Waldemar Schuch (2001):
Aktive und elastische Psychoanalyse?
Die Technischen Experimente des Sandro Ferenczi (1873-1933)
dr.hans-waldemar-schuch.de/…

Dr. S. Ferenczi, 1933, Budapest:
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind
Die sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse
Herausgegeben von Sigmund Freud, Band XIX, Heft 1/2
archive.org/…

Ferenczi:
Ohne Sympathie keiene Heilung
Das klinische Tagebuch von 1932

Goddemeier, Christof
Sandor Ferenczi: „Enfant terrible“ der Psychoanalyse
Deutsches Ärzteblatt, PP 7, Ausgabe Mai 2008, Seite 215
https://www.aerzteblatt.de/archiv/60146

M. Balint:
Die technischen Experimente Sandor Ferenczis
Psyche, 1966, 20(12), 904-925
https://www.psychosozial-verlag.de/53350

Edith Düsing (Universität Köln, 2007):
Die heilsame Kraft der Beziehung bei Sandor Ferenczi
Balint 2007; 8(3): 73-84
DOI: 10.1055/s-2007-981275
www.thieme-connect.com/…

One thought on “Psychoanalyse-Ausbildung: Welcher Patient passt zu mir?

  1. Nessaia sagt:

    Ist ja interessant, wie die Sache aus der Sicht des Analytikers aussieht. Für einen als Patient ist es auch besser, wenn man dem Analytiker „liegt“. Da ist es schon gut, wenn der Behandler einen gar nicht erst nimmt, wenn er keine Lust hat, einen zu behandeln.

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