Nicht jeder ist seines Glückes Schmied und nicht jeder kann Verantwortung übernehmen

Kinder, die in „Bildungsferne“ aufwuchsen, die Gewalt, Armut und Vernachlässigung erlebt haben, haben oft nur geringe Fähigkeiten, sich zu spüren, auszudrücken oder zu mentalisieren. Sie wuchsen bei psychisch kranken Eltern auf und haben in ihrem Umfeld kaum etwas anderes erlebt als Desaster.

Manchen Menschen geht es so schlecht, dass sie eben nicht „Verantwortung“ für sich übernehmen können. Man müsste das Gefühl haben, dass man selbst der Autor, der Urheber eines Geschehens sein kann. Wenn Babys an einer Leine ziehen und sehen, dass sich dann ein Püppchen bewegt, jauchzen sie vor Freude, weil sie ihre Selbstwirksamkeit spüren.

Manche Kinder wachsen in so unberechenbarem Umfeld auf, dass sie ihre Selbstwirksamkeit fast nie spüren – meistens eben nur in Form von Gewalt. Diese Menschen befinden sich in einem Alptraum. Und daraus kann man sich zunächst gar nicht wecken. Erst im Verlauf des Traumes, wenn man wacher wird, wird es möglich, sich selbst durch Schreien aufzuwecken.

Manche Menschen können sich trotzdem befreien. Es sind die Menschen, die wissen, dass ein anderer, guter Mensch von außen kommen muss. Die Ressource dieser Menschen heißt: „Ich weiß, dass ich suchen muss, dass ich Ausschau halten muss. Dass ich mich zeigen muss. Und dass ich fragen kann.“

Nebenbei brauchen sie dabei ein großes Durchhaltevermögen. Aber wenn es ihnen gelingt, auch nur einen Menschen zu finden, zu dem sie Vertrauen haben können, dann haben sie es geschafft. Es ist dann, als wäre im Eis eine kleine Stelle aufgetaut. Dann wird es immer leichter, mehr Eis aufzutauen, sich Wissen anzueignen und sich ein „gutes inneres Objekt“ zu schaffen. Die Chance steigt, wenn die Leute da draußen wissen: Nicht jeder ist seines Glückes Schmied. Doch man kann zum Glücks-Schmied werden, wenn ein Schmied von außen kommt und einen ausbildet.

Verantwortung kann nur tragen, wer fühlt, dass er der Autor des Geschehens ist

„Verantwortung“ ist ein vielgeliebtes und großes Wort. Es steht für Freiheit des eigenen Handels und dafür, zu seinen Fehlern zu stehen. Es ist nah verwandt mit dem Begriff „Schuld“ und doch irgendwie schuldfreier. „Sie wollen keine Verantwortung übernehmen“, sagt der Therapeut vorwurfsvoll. Der erwachsene Patient schaut ihn mit großen Augen an. Er hat nur ein oberflächliches Bild von „Verantwortung“ im Sinn. Aber er versteht und begreift nicht, was das sein soll. Der Therapeut ist aufgebracht.

Die Seele kann alles. Oft gehen wir davon aus, dass unsere Psyche das kann: Symbolisieren, Spielen, Nachdenken, sich in jemand anderen hineinversetzen und Verantwortung übernehmen. Doch das ist nicht so. Die Dinge entwickeln sich in der Psyche nur teilweise von selbst. Sie entstehen beim Kind nur über die weitgehend gesunde Beziehung zu Mutter und Vater und auch nur dann, wenn das Kind selbst gesund ist. Es gibt Kinder, die können nicht spielen oder träumen, zum Beispiel manche autistischen Kinder.

Autor sein

Verantwortung zu übernehmen heißt, das Gefühl zu haben, dass man der Autor des Geschehens ist. Um Verantwortung zu übernehmen, brauchen wir ein starkes „Ich“. Wir brauchen das Gefühl, selbstwirksam zu sein. Dieses Gefühl, der Herr im eigenen Hause zu sein, ist bei Weitem nicht selbstverständlich. Schon allein bei Angststörungen geht es vielen Menschen verloren. Sie sagen: „Die Angst überfällt mich einfach, ich kann nichts dafür.“ Und so fühlen sie auch. Es ist die Hölle für sie, weil sie sich machtlos fühlen. Oft erst in einer langen Therapie gelingt es, den Betroffenen das Ruder in ihre Hand zu geben.

„Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, dann sind sie doch schuld, oder?“ Diese Frage stellte mir kürzlich eine Moderatorin in einer Radiosendung. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass es so ist. Doch wer selbst Gewalt in der Kindheit erlebt hat, bei dem drückt sich die Gewalt in die Psyche wie ein Stempel. Taucht eine ähnliche Situation auf, handelt der Betroffene wie automatisch. Er ist teilweise Opfer seiner selbst. Manchmal hasst er sich dafür, den eigenen Gewalttaten so ausgeliefert zu sein. Die Gefühle überschwemmen ihn und die Affektkontrolle ist zu schwach.

Wir haben die Wahl

Jeder könne sich dazu entscheiden, etwas zu verändern, sich Hilfe zu holen und Verantwortung zu übernehmen. Aus Sicht eines Menschen mit einem gut funktionierenden Ich ist das so. Er kann innerlich Abstand nehmen, er hat Entscheidungsfreiheit und die Fähigkeit, Kontrolle für sich zu übernehmen. Doch wir sollten immer berücksichtigen, dass es längst nicht allen erwachsenen Menschen so geht. Die Psyche im erwachsenen Menschen kann immer noch ganz Kind, ganz hilflos sein. Das Wort „Verantwortung“ hört so mancher Patient das erste Mal in seinem Leben ganz bewusst von seinem Therapeuten. Um zu begreifen, was das ist, dauert es manchmal viele Jahre.

Wir können nicht immer so, wie wir wollen

Wenn wir 100 Meter in einer bestimmten Zeit laufen wollen, können wir dafür trainieren, das Beste aus uns rauszuholen. Irgendwann wissen wir dann: Diese oder jene Zeit können wir schaffen, aber wir schaffen es sicher niemals, so schnell zu laufen wie ein Profi. Das ist allen klar, wir brauchen es nicht zu erklären.

Mit unserer Psyche sind wir da strenger: „Wenn die Eltern sich nur ein bisschen bemühen würden, dann könnten sie verstehen“, „Wenn er nur ein bisschen nachdenken würde, dann wäre ihm das klar“, „Die Eltern sind die Erwachsenen – wenn sie bewusst mehr Verantwortung übernehmen würden, ginge es auch ihrem Kind besser.“

Wir sagen solche Sätze oft aus Sicht des Profis: Wir selbst sind vielleicht fähig, unsere Kinder in diesen und jenen Punkten zu verstehen. Wir selbst wissen vielleicht, was „Verantwortung tragen“ und „Eigenverantwortung“ heißt. In vielen Bereichen jedenfalls – aber nicht immer.

Es gibt immer Punkte in unserer Entwicklung, da kommen wir nicht weiter. Alle Kinder stocken punktuell in ihrer Entwicklung – z.B., wenn ein Geschwister zur Welt kommt und es zu unlösbaren inneren Problemen kommt. Oder wenn ein Verwandter stirbt und nicht betrauert werden darf, wenn sich die Eltern scheiden lassen, wenn die Kinder geschlagen, verachtet, gedemütigt, alleingelassen werden. Dieses punktuelle Stockenbleiben kann uns ein Leben lang begleiten. Psychoanalytiker sagen dann: Die Person ist an diesem Punkt „fixiert“ auf diesen oder jenen Entwicklungsstand.

Jeder hat seine inneren „Haltestellen“

Wir haben alle unsere Punkte, in denen wir innerlich Kind geblieben sind, auch wenn wir äußerlich noch so erwachsen sind: Vielleicht bekommen wir unsere Spinnenphobie oder Platzangst einfach nicht in den Griff; vielleicht werden wir immer wieder laut, wenn wir wütend werden, obwohl wir das schon seit Jahren ablegen wollen. Vielleicht können wir partout Jugendliche nicht verstehen, die sich selbst verletzen.

Und wenn uns unsere Kinder sagen, sie würden hier oder da leiden und wir würden uns nicht ausreichend bemühen, können wir das manchmal nicht nachvollziehen. Unsere Welt ist voll von dem Vorwurf an die Eltern/an die Erwachsenen, sie seien doch erwachsen und müssten sich einmal „Wie Erwachsene benehmen und mit diesen Kindereien aufhören.“ Wie selbstverständlich erwarten wir, dass das so einfach geht. Aber die inneren Verletzungen sind echt.

Innere Behinderungen sind wie körperliche Behinderungen. Auch, wenn Eltern noch so sehr wollen, können sie ihre Kinder an vielen Punkten nicht verstehen – genau wie umgekehrt auch. Auch, wenn wir die eigene Wut noch sehr beherrschen wollen: Wenn uns an unserer wunden Stelle noch niemand wirklich zu Hilfe gekommen ist, wenn wir nie die Chance hatten, an unserem „Fixierungspunkt“ nachzureifen, weil niemand da ist, der uns da begleitet und wachsen lässt, dann sind wir tatsächlich an dieser Stelle nahezu machtlos. Wir sind dann wie ein Kind und spüren das auch.

Eigenverantwortung

Kürzlich sagte mir eine Freundin: „Wenn jeder Eigenverantwortung tragen würde, dann bräuchten wir keine Richter und keine Gefängnisse.“ So, als ob jeder könnte, wenn er nur wollte. Aber auch „Verantwortung“ ist etwas, das man lernen muss und zwar nicht durch sogenannte „gute Erziehung“ – Eigenverantwortung lernen Kinder dann, wenn sie Warmherzigkeit erfahren, wenn sie liebevoll gespiegelt werden, wenn sie das Gefühl haben, sie können etwas bei sich und anderen bewirken.

Dieses Gefühl der „Selbstwirksamkeit“ haben aber leider längst nicht alle Kinder. Es gibt Eltern, die psychisch selbst so eingeengt sind, dass sie ihren Kindern dieses Gefühl nicht mitgeben können. Die Kinder wissen auch als Erwachsene in der Tat nicht, wie sich Verantwortung anfühlt und was es ist. Es ist dann wie eine „Mangel-Krankheit“, die sie mitbekommen haben oder wie ein „psychisches Gen“, das sie psychologisch vererbt bekommen haben.

Menschen, die innerlich „verarmte“ oder „unterkühlte“ Eltern hatten, wurden mit diesem Mangel groß. Das heißt nicht, dass die Eltern komplett „unfähig“ waren – sie waren eben sehr stark eingeschränkt. Auch die „kränkesten“ Eltern „lieben“ (ein schwieriges Wort hier) ihre Kinder und können ihnen Gutes mitgeben. Das Ergebnis dieser emotional armen Kindheit ist jedoch unter Umständen ein sogenanntes „niedriges Strukturniveau“. Diese Menschen brauchen Hilfe und es ist wichtig, dass ihre „Helfer“ wissen, dass man nicht immer so kann, wie man gerne will. Erst, wenn wir unsere eigenen Schwächen gut kennen und wissen, wie schwer die Schwächen zu überwinden sind, können wir auch verständnisvoller auf andere blicken.

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