Wie werde ich Psychoanalytiker*in? „Wie hältst Du die Geschichten aus?“

Bei der Vorstellung, Psychoanalytiker*in zu werden, fragen sich viele, ob sie die „Geschichten“ aushalten, die ihnen die Patienten erzählen. Man hält sie meistens gut aus, wenn man eine gute Ausbildung erhält. In der Ausbildung zum Psychoanalytiker begibt man sich selbst in Lehranalyse – bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) legt man sich in der Ausbildung 4-mal pro Woche bei einem Lehranalytiker auf die Couch, um eigene Probleme und Traumata zu bearbeiten.

Wer als Kind gequält wurde, kann auch als Erwachsener das Schreien anderer Kinder nur schwer ertragen. Zu schnell kommen die eigenen Körper- und Bild-Erinnerungen wieder hoch. Bevor man in der Psychoanalyse-Ausbildung den ersten Patienten behandeln darf, muss man zwei Jahre selbst eine Psychoanalyse bei einem Lehranalytiker machen (Beispiel DPV). In dieser Zeit kann man damit beginnen, eigene Lebenserfahrungen zur Sprache zu bringen.

Durch die eigene Analyse können die Erfahrungen, die man bisher vielleicht noch nie mit jemandem besprochen hat, bearbeitet werden. Es ist dann immer noch schlimm, ein Kind schreien zu hören, aber die Art des Mitgefühls hat sich verändert: Man will nicht mehr weglaufen, sondern man kann auf eine Art mitleiden und bleibt fähig, nachzudenken.

Was Angst macht, sind nicht die „Geschichten“

Wenn man dann anfängt, mit Patienten zu arbeiten, stellt man wahrscheinlich erstaunt fest, dass die furchtbaren Erlebnisse von Patienten oft kein unaushaltbares Problem darstellen. Wenn Patienten erzählen, was ihnen Schreckliches widerfahren ist, kann man in der Stunde oft erstaunlich gut zuhören. Was hingegen Angst machen kann, ist das unheimliche Unbewusste, das sich noch nicht sprachlich bemerkbar machen konnte.

Es sind oft nicht die offensichtlich „schlimmen Geschichten“, die belasten, sondern die überraschenden kleinen Szenen, die sich nicht direkt verstehen lassen. Vielleicht erzählt der Patient in einer Stunde ganz unbekümmert, dass er nachts um drei wach wurde und zum Kühlschrank ging, um sich ein Glas Milch zu holen. Und auf einmal spürt man als Analytiker eine unerklärliche Angst.

Diese Angst hat dann oft mit dem zu tun, was der Patient nicht fühlt, nicht ausspricht oder aussprechen kann. Es kann auch sein, dass das Unbewusste des Patienten auf die eigenen unbewussten und noch nicht verarbeiteten Traumata trifft. Es ist möglich, dass sich gar nicht mehr sagen lässt, mit wessen Unbewusstem es man hier zu tun hat (siehe Anthony Bass, 2008: Whose Uncoinsious Is It Anyway?). Es ist, als würden unreife Elemente (Alpha-Elemente) des Patienten auf unreife Elemente des Analytikers treffen. Auch ist es möglich, dass allein die Alpha-Elemente des Analytikers oder allein diejenigen des Patienten offenbar werden.

Da steht etwas im Raum, was noch völlig unverstanden ist – und das ist es, was einen überrascht und was einem den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Manchmal dauert das Gefühl nur einen Moment, manchmal muss man auch länger darüber nachdenken und darüber schlafen. Es kommt ganz plötzlich. Darauf ist man nicht vorbereitet.

Es kann auch passieren, dass einen der Patient in einer Art verwickeln kann, in der man sich wie gebannt, gelähmt und höchst unwohl fühlt. Man hat noch keine Vorstellung davon, was hier geschieht. Hier helfen Abwarten, Lehranalyse, Supervision, das Gespräch mit Kollegen und der Gang in die Einsamkeit, um die Angst verstehen zu lernen. Das geflügelte Wort „No Memory, No Desire“ des Psychoanalytikers Wilfred Bion geht eigentlich noch weiter. Vollständig heißt es: „No Memory, Desire, Understanding“. Eine ganze Weile lang das Nichtverstehen auszuhalten, das ist oft die eigentliche Herausforderung der Analyse.

„What is to be sought is an activity that is both the restoration of god (the Mother) and the evolution of god (the formless, infinite, ineffable, non-existent), which can be found only in the state in which there is NO memory, desire, understanding.“ (129) Bion, W. R. (1970) 13. Prelude to or Substitute for Achievement. Attention and Interpretation: A Scientific Approach to Insight in Psycho-Analysis and Groups 2:125-129

Sich mit dem Aversiven auseinandersetzen

Um Psychoanalytiker*in zu werden, brauchst Du ein Interesse daran, das Aversive zu untersuchen. Deswegen ist dieser Beruf oft auch so schwierig und deswegen scheuen sich viele Patienten davor, eine psychoanalytische Psychotherapie zu beginnen. Manchmal machen wir Halt, bevor es zu aversiv wird. Wir sagen, wir wollen den Patienten schonen, doch wollen wir häufig auch uns selbst schonen. Rasch schauen wir nach den den Stärken und Ressourcen. Doch wenn Patienten eine ähnliche Atmosphäre schaffen wie die, in der sie groß geworden sind, wenn es also auch um Gewalt, Schuld, Ekel und (noch) nicht Benennbares geht, dann ist es oft schwer auszuhalten.

In der Psychoanalyseausbildung arbeitest Du daran, Deinen eigenen psychischen Raum zu erweitern. Durch die Lehranalyse kannst Du, wenn sie gut ist, das Gefühl des Gehaltenwerdens verinnerlichen. Dabei lernst Du eigene Regressionstiefen kennen und bekommst auch ein Gespür dafür, wie Du später die Regressionstiefe Deines Patienten „dosieren“ kannst. Schweigen bewirkt, dass sich Unbewusstes weiter ausbreitet, Worte können wieder mehr Bewusstes mit hineinbringen.

Mit dem Patienten zusammen das Unaushaltbare auszuhalten und zu erforschen, ist oft schwierig, doch durch dieses gemeinsame Erleben hat das Aversive die Chance, anerkannt zu werden und sich möglicherweise auch zu wandeln. Dazu gehört immer wieder das Überwinden von Angst – oder das Mitgehen mit der Angst. Plötzlich wird vielleicht eine psychische Bewegung spürbar. Etwas Grässliches lässt nach oder bekommt einen Namen oder formt sich um. Und manchmal bleibt es auch, um immer wieder nahezu unverändert aufzutauchen.

Wer Psychoanalytiker*in werden will, braucht vielleicht eine gewisse „Liebe“ zum Aversiven. Häufig gibt es schier Unverdauliches, bei dem Therapeut und Patient immer wieder landen. Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich manchmal nicht bearbeiten und verdauen wie z.B. Folter oder schwere Gewalt in der frühen Kindheit. Man wird sich auch nie daran gewöhnen können. Doch das Aversive lässt sich nach und nach in Zusammenhänge einordnen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 4.6.2016
Aktualisiert am 28.7.2022

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