Die Diagnose “Asperger Syndrom” ist relativ neu – erst 1989 wurden die ersten Diagnosekriterien dazu veröffentlicht. Kinder und Erwachsene mit “Asperger-Syndrom” mögen es oft nicht, mit anderen Menschen eng zusammenzusein – es setzt sie unter Stress. Laute Geräsuche und starke Gerüche belästigen sie starker als andere Menschen. Betroffene Kinder hatten oft schon früh einen großen Wortschatz und wetteifern mit ihren Lehrern um Wissen. Relativ häufig haben die Betroffenen ein außergewöhnliches Hobby. Die Diagnose “Asperger-Syndrom” ist nicht unproblematisch. Auch auf sogenannte “hypersensible Kinder” oder “schizoide Kinder” können diese Beschreibungen zutreffen – ebenso wie auf Kinder, die durch familiäre Gewalt traumatisiert sind. Welche Diagnose ein Patient letzten Endes erhält, hängt wesentlich von der Ausbildung und Richtung des Therapeuten ab. Die Diagnose “Asperger” wird häufig dann gestellt, wenn die Nähe zum Autismus relativ deutlich ist. Die Kinder zeigen ein ausgeprägtes Interesse am Detail (“Schau mal, auf diesem Modellschiff ist der Bug einen Millimeter länger als auf jenem.”) (Text: © Dunja Voos, Bild: © Willi Heidelbach, Pixelio)
Gerne ungestört
Menschen mit “Asperger-Syndrom” empfinden sich manchmal als “Sonderling”. Sie fühlen sich am wohlsten, wenn sie ihren Beschäftigungen alleine nachkommen können. Manchmal kommen sie anderen zu nah, ohne es zu merken. Möglicherweise treiben sie auch nicht besonders gerne Sport.
Diagnose “Asperger-Syndrom” nimmt zu
Das Asperger-Syndrom wird immer häufiger diagnostiziert – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Es ist der schizoiden Persönlichkeitsstörung sehr ähnlich (Sula Wolff, Ewa Sutscharewa). Manche Psychologen und Ärzte setzen die “schizoide Störung” mit dem “Asperger Syndrom” auch gleich. Menschen mit Asperger-Syndrom haben häufig eine besondere Teilbegabung und interessieren sich speziell für ein Thema. In Teilbereichen können sie Erstaunliches leisten: Manche Betroffene können zum Beispiel S-Bahn-Pläne leicht auswendig lernen oder extrem gut kopfrechnen. Doch auch ohne diese Hochbegabung in Teilbereichen wird die Diagnose “Asperger” heute relativ häufig gestellt. Der Name geht zurück auf den Wiener Kinderarzt Hans Asperger (1906-1980), der in den 40er Jahren feststellte, dass sich viele Kinder in einer Hinsicht ähneln: Sie haben schon früh einen reichen Wortschatz, bewegen sich ungeschickt, haben Schwierigkeiten, mit anderen Kindern zu spielen und reagieren auf Außenreize sehr empfindlich. Sie halten nicht gerne Blickkontakt. Manche dieser Kinder litten im Kleinkindalter an Autismus, haben sich aber dann sehr gut weiter entwickelt. Diese Kinder erhalten oft auch die Diagnose “High-Functioning-Autismus” (HFA).
Die Bezeichnung “Asperger-Syndrom” ist relativ neu
Viele Wissenschaftler setzen die Diagnose “High-Functioning-Autismus” mit dem Asperger-Syndrom gleich. Asperger selbst wählte den Begriff “Autistische Psychopathie im Kindesalter”. Erst die britische Kinderärztin Lorna Wing (Link zu ResearchAutism.net) verwendete im Jahr 1980 den Begriff “Asperger-Syndrom”.
Mehrere Diagnosen sind möglich
Vielleicht haben Sie selbst die Diagnose “Asperger-Syndrom” erhalten und sind nun verwirrt, weil zuvor schon viele verschiedene Diagnosen gestellt wurden. Häufig erhalten Patienten mit Asperger-Syndrom auch die Diagnose “Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom” (ADHS), Zwangsstörung, narzisstische oder schizoide Persönlichkeitsstörung. Alle diese Diagnosen können “richtig” sein, denn die Diagnose hängt stark von dem Arzt oder Psychologen ab, den Sie aufgesucht haben. Psychiater werden vielleicht eher die Diagnose “Asperger” stellen, während Tiefenpsychologen eher die Diagnose “Schizoide Persönlichkeitsstörung” stellen. Es ist wichtig, sich nicht an den Diagnosenamen festzubeißen. Es handelt sich bei der Diagnose “Asperger” – genau wie bei ADHS auch – um eine beschreibende Diagnose. Es wird also nur beschrieben, welche Symptome zusammenkommen. Die Ursachen können genauso vielfältig sein wie die Therapierichtungen, die helfen können.
Es gibt verschiedene Diagnosekriterien
Diagnosekriterien zum Asperger-Syndrom gibt es beispielsweise bei der International Classification of Diseases (ICD) oder im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Diseases (DSM). Den Kriterien von Asperger selbst kommen die Kiterien von Christopher Gillberg sehr nahe (Diagnosekriterien nach Gillberg auf www.asperger-eltern.de).
Experten
Es gibt viele Experten zum Asperger-Syndrom – besonders bekannt ist der australische Psychologe Tony Attwood. Sein Buch “Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom” ist sehr hilfreich. Ins Deutsche übersetzt wurde es von Rainer Döhle (Link zu 3SAT), der selbst betroffen ist und sich für Selbsthilfegruppen engagiert.
Psychoanalytische Texte zu diesem Thema sind nicht immer leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert ist dennoch die Doktorarbeit von Laura Strauß: Zur Metapsychologie des Autismus.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Schizoide Persönlichkeitsstörung
Autismus-Spektrum-Störung
Literatur:
Karl Mätzler:
Zur Bedeutung der psychoanalytischen Autismusforschung.
www.maetzler.info/autismus.html
Suchareva, Ewa; Wolff, Sula (1996):
The first account of the syndrome Asperger described?
Die schizoiden Psychopathien im Kindesalter.
In: European Journal of Child and Adolescent Psychiatry 5, S. 119-132
Tony Attwood:
Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom
Alle Fragen – alle Antworten
Trias-Verlag, Stuttgart 2008, 448 Seiten, 29,98 Euro
Laura Viviana Strauß:
Zur Metapsychologie des Autismus.
“Minus Projektive Identifizierung” als autistische Kommunikationsform.
Aus einer psychoanalytischen Behandlung.
Dissertation August 2009
Kasseler Online-Bibliothek KOBRA
Links:
www.autismus-frueherkennung.de,
eine Website des Arztes Jochen Busse





Es gibt zwei sehr sympathische Blogs einer hochbegabten Frau, die erst spät – durch die Asperger-Diagnose bei ihrem Sohn – selbst als betroffen diagnostiziert wurde und sehr reflektiert über sich und ihre Leben schreibt:
http://meineweltistanders.wordpress.com/
und
http://aspergerfrauen.wordpress.com/