19.05.2013.

Projektive Identifizierung

Manchmal löst ein anderer immer wieder dasselbe Gefühl in uns aus: Wir fühlen uns im Kontakt mit ihm hilflos, wütend, ohnmächtig oder schuldig. Kleine Kinder können uns “wütend machen”, wenn sie selbst wütend sind. Patienten in der Psychoanalyse, denen noch die Worte für Erlebtes und innere Nöte fehlen, “machen”, dass der Therapeut sich plötzlich so (traurig, neidisch, verzweifelt, stark) fühlt, wie sich selbst unbewusst fühlen. Wenn der andere “macht”, dass ich mich so fühle, wie er, dann spricht man von “Projektiver Identifizierung”. Der andere “legt” dann sein Gefühl, seine Eigenschaft oder Phantasie “in mich hinein”. Im Lehrbuch “Psychosomatische Medizin und Psychotherapie” (Kohlhammer 2004) wird es auf Seite 64 so erklärt: “Andere Personen werden durch Manipulation dazu gebracht, sich so zu fühlen, wie man sich selbst fühlt.” Die Projektive Identifizierung ist eine sogenannte “primitive” Form der Abwehr. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Water-Joy, Pixelio)

Gefühle werden in den anderen “hineingelegt”

Wird die “Projektive Identifizierung” in der Therapie erkannt, dann ist es dem Therapeuten möglich, zur Sprache zu bringen, was da passiert. Der Therapeut kann sich dann gut vorstellen, wie der Patient sich (unbewusst) fühlen muss oder wie er sich vielleicht als Kind immer gefühlt hat. Ebenso kann die Mutter genau fühlen, wie sich das traurige oder wütende Kind fühlen muss. Es ist mehr als ein “Einfühlen”. Es ist ein persönliches Betroffensein und oft ein unbewusstes Geschehen, was nicht sofort deutlich wird. Indem der Patient seine eigenen unerträglichen Gefühle quasi “in den Therapeuten rein tut”, kann er sie dort auch kontrollieren. Dieses “mächtige” Gefühl hat er dann zumindest. Der Patient kann seine Wut auf den Therapeuten projizieren, er kann den Therapeuten “wütend machen” und ihn dann zum Beispiel noch wütender machen oder aber auch beruhigen oder “zähmen”.

Abspalten von positiven Gefühlen

Doch auch positive Gefühle kann man von sich abspalten und in den anderen “hineinlegen”. Beispielsweise haben manche Menschen Angst vor ihren eigenen Liebesegefühlen. Wer einen anderen liebt, der macht sich in gewisser Weise auch abhängig von ihm. Das kann Angst machen und sogar Hassgefühle hervorrufen, weil man die eigene Abhängigkeit hasst oder den anderen dafür hasst, dass er Abhängigkeitsgefühle hervorruft. Also verleugnen manche Menschen ihre Liebe, sie spalten sie von sich selbst ab und legen sie quasi in den anderen hinein. So passiert es, dass manche Menschen sagen: “Immer verlieben sich die anderen in mich, aber ich verliebe mich nicht in sie.”

Die Gefühle zurückholen

Bild: Paulwip, Pixelio

Wenn Worte fehlen, weil Verletzungen zur Sprachlosigkeit geführt haben, dann handelt der Patient unbewusst “richtig”, wenn er sich auf diese Weise dem Therapeuten mitteilt. Er zeigt ja dem Therapeuten unbewusst: “Schau mal, so geht’s mir.” Wofür uns die Worte fehlen, damit “machen” wir etwas, damit “spielen” wir. Zunächst bedeutet dieser Schritt für die Psyche Entlastung. Wohl jeder kennt das: Wenn wir Unangenehmes abgeben, fühlen wir uns zunächst gestärkt (“Der andere ist ja schuld, ich kann Gott sei dank nichts dafür”). Doch auf der anderen Seite kommt eine Schwächung zustande, weil eigene Gefühle ja beim anderen untergebracht werden. Das kann dazu führen, dass man sich sogar “verfolgt” fühlt. Man hat Angst, dass die eigenen Gefühle “zurückkommen” oder bewusst werden. In der Therapie kann der Therapeut dem Patienten jedoch die Gefühle “zurückgeben”, sobald in der gemeinsamen Arbeit verstanden wurde, worum es geht. Dann hat der Patient sich selbst besser kennengelernt und kann seine Gefühle oder Eigenschaften bei sich lassen und kontrollieren. Das stärkt. Zwar sind Neid, Eifersucht, Ärger oder Verzweiflung unangenehm, aber immerhin sind es die eigenen Gefühle. Und das macht ein gutes Gefühl.
Der Begriff “Projektive Identifizierung” wurde von der Kinderpsychoanalytikerin Melanie Klein geprägt.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

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Identifikation und Introjektion
Übertragung und Gegenübertragung
Melanie Klein und die Kleinianer
Abwehr

Links:

Elisabeth Spillius and Edna O’Shaughnessy:
Projective Identification
The Fate of a Concept
http://www.melanie-klein-trust.org.uk/changes.htm

Robert T. Waska:
Hate, Projective Identification, and the Psychotherapist’s Struggle
J Psychother Pract Res 9:33-38, January 2000
http://jppr.psychiatryonline.org/cgi/content/full/9/1/33

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