Psychose und die Welt der unbelebten Dinge
Bei schweren psychischen Störungen spielen unbelebte Dinge oft eine sehr große Rolle: Messies häufen Müll an, zwanghafte Menschen sammeln Briefmarken, Fetischisten erregen sich an Stöckelschuhen und narzisstische Menschen brauchen dicke Autos. Bei Psychosen werden Dinge oft ganz speziell verwendet. Beispielsweise versuchen sich manche Psychotiker, sich mit Alufolie vor Strahlen zu schützen. Andere verwenden einen Schrank als Symbol für den psychischen Container oder nutzen ihn als Projektionsfläche und fürchten sich vor dem Dunklen darin.
Auf kleine Kinder haben unbelebte Dinge eine ganz besondere Anziehungskraft. Vielleicht erinnern wir uns selbst daran, wie intensiv rot das Sandkastenförmchen für uns leuchtete oder wie wir unsere Puppe so „beleben“ konnten, dass sie uns im Puppenwagen wie ein echtes Kind erschien. Das „Übergangsobjekt“, also der Teddy oder das Schnüffeltuch (auch wenn Winnicott es darauf nicht reduziert sehen möchte), ist für kleine Kinder unerlässlich. Je älter und psychisch reifer wir wurden, desto mehr verlor sich der Zauber der unbelebten Dinge für uns.
Babys reagieren unterschiedlich auf belebte und unbelebte Dinge. Ob wir die Unterscheidung zwischen lebenden Objekten und unbelebten Dingen lernen müssen, darüber streiten sich die Geister. „From very early on, infants appear to react selectively to human and non-human objects (Lichtenberg, 1983). In response to the mother, the infant gives a social response, while in response to a toy, the infant gives an acquisitive response“ (Akhtar, 2003). „Von sehr früher Kindheit an reagieren Kinder unterschiedlich auf menschliche und nicht-menschliche Objekte (Lichtenberg, 1983). Wenn das Kind auf die Mutter reagiert, gibt es eine soziale Antwort – auf ein Spielzeug hingegen reagiert es mit Haben-Wollen.“
In dem wunderbaren Film „Verschollen“ (Cast Away, 2000) mit Tom Hanks als Chuck Noland zeigt sich, welch große Bedeutung Dinge in der Isolation bekommen: Er malt mit dem Blut seiner verletzten Hand ein Gesicht auf einen Volleyball und nennt ihn „Wilson“. Dieser Wilson wird zu seinem ständigen Begleiter und ernsthaften Freund. Als er verloren geht, ist Chuck zutiefst verzweifelt.
Übertragungen auf die Person als Umwelt
Der Psychoanalytiker Salman Akhtar (Jefferson University, Philadelphia) hat einen ausführlichen Beitrag über die Welt der unbelebten Dinge geschrieben und wundert sich, dass dies in der Psychoanalyse eher ein Randthema ist. Er erwähnt, dass der Psychoanalytiker Harold Searles (1918-2015) sich damit befasst hat.
Formen, Farben, Muster und Strukturen hinterlassen in unserer Psyche besondere Eindrücke. Wie fühlen sich die Dinge an? Als Baby wurden wir besonders von den sensorischen Eindrücken, die wir über die Haut, aber auch über das Gleichgewichtssystem bekamen, geprägt.
Wenn wir von „Übertragung“ sprechen, dann meinen wir meistens damit, dass der Patient Gefühle auf den Analytiker als Person überträgt, z.B. kann er den Analytiker lieben wie seinen eigenen Großvater. Die „Übertragung“ kann sich jedoch auch auf die Umgebung oder auf eine Mischung von Analytiker-Person und Umgebung beziehen. Beispielsweise kann ein Patient den Analytiker (und die Praxis) wie ein erholsames Meer erleben. Der Analytiker als Mensch kann mit seiner Menschlichkeit bzw. als Mensch seine Kontur für den Patienten verlieren und zu etwas Allumfassenden oder Umgebenden werden.
Salman Akhtar schreibt: „In psychopathological states, symptoms involving the inanimate world include
a regressive loss of humanness during psychosis, delusions of control by machines and computers, dehumanization of others in moments of rage and cruelty, autistic objects, fetishes, linking objects of the pathological mourner …“
In psychopathologischen Zuständen kann es zu verschiedenen Besonderheiten kommen wie z.B. zum Verlust der Menschlichkeit während der Psychose. Es kommt vor, dass die Patienten sich von Maschinen und Computern kontrolliert fühlen und dass sie in Momenten größter Wut auch andere Menschen entmenschlichen. Sie sind dann zu großer Grausamkeit fähig. Doch auch autistische Objekte, Fetische usw. bekommen bei der Psychose besondere Bedeutung.
Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gehen den belebten Dingen oft aus dem Weg und richten ihr Augenmerk auf die unbelebten Dinge. Dies zeigt Yannis in der 37-Grad-Dokumentation: Keine Filter! (Youtube) sehr deutlich.
In Psychotherapien spielen beispielsweise Geschenke eine große Rolle. Rituale, Christbaumkugeln, Fotos in Erinnerung an Verstorbene – all dies trägt zu unserem Wohlbefinden oder Unwohlsein bei. Manche Patienten bringen sich ihr eigenes Kissen mit. Ob sie die Decke benutzen, die der Analytiker auf die Couch gelegt hat, darüber ließen sich Bücher schreiben. Salman Akhtar rät, die leblosen Dinge bewusst mit zu beachten und sie, wenn es sich ergibt, in die Analyse mit einzubeziehen.
Gegenstände stehen oft für Körpergefühle – nicht nur bei Psychosen
Eines Morgens wachte ich mit einem intensiven Traum von Omas altem Toaster auf: Die Gitterstäbe der beiden Toastschubladen sah ich äußerst plastisch vor mir. Ich war erkältet und beim Wachwerden merkte ich, dass meine Stimmritzen zu waren und freigehustet werden wollten. Die Gitterstäbe des Toasters repräsentierten eindeutig meine Stimmbänder. Mein Gefühl im Hals und das Bild von den Toastergittern waren beim Wachwerden kaum voneinander zu trennen.
Mir fiel dann „wie Schuppen“ von den Augen, warum Menschen mit Psychosen so viel an Gegenständen festmachen. Über die Rolle von Gegenständen bei Psychosen hatte ich schon viel gelesen. Beispielsweise beschreibt der Psychoanalytiker Christopher Bollas in seinem Buch „Wenn die Sonne zerbricht“ (Klett-Cotta), wie Psychotiker ihre eigenen Gefühle in Gegenstände hineinprojizieren.
Wir sagen heute so oft, dass unsere Gedanken „zuerst“ da sind und sie dann unsere Gefühle beeinflussen. Dabei vergessen wir, dass es sich auch umgekehrt verhält: Aus unseren Körpergefühlen erwachsen unsere Gefühle. So ist da oft erst das schwere Gefühl im Magen und dann kommt die Vorstellung vom „Stein“, der darin liegt.
Auch unser Herz kann schwer sein. Nicht zuletzt benennen wir Körperteile nach Gegenständen: unser Kreuz (womit wir sowohl das Os sacrum, also das Kreuz im unteren Rücken bezeichnen, als auch das Kreuz in der oberen Brustwirbelsäule), unser „Schulter-Blatt“, unser „Schlüssel-Bein“ oder unsere „Knie-Scheibe“ heißen nicht nur so, weil sie so aussehen, sondern auch, weil sie sich so anfühlen. Vergessen wir nicht Hammer, Amboss und Steigbügel im Innenohr oder unser „Zäpfchen“ im Hals. Wenn wir einmal darauf achten, was wir kurz vor dem Aufwachen träumen, bemerken wir, wie oft unsere inneren Bilder uns auf unseren körperlichen Zustand hinweisen – das bekannteste Bild sind natürlich die Träume vom Wasser, wenn unsere Blase voll ist. Viel Freude beim Beobachten!
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Links:
Salman Akhtar (2003):
Things: Developmental, Psychopathological, and Technical Aspects of Inanimate Objects
Can. J. Psychoanal., (11)(1):1-44
pep-web.org/search/document/CJP.011.0001A
Joseph D. Lichtenberg (1925-2021) (1991):
Psychoanalysis and infant research
2. How Can We Examine the Beginning Sense of Self and Object?
Routledge
Edward Tronick (1986)
Psychoanalysis and Infant Research
1986, Journal of the American Psychoanalytic Association
www.academia.edu/106261860/…