Christopher Bollas: Wenn die Sonne zerbricht (Buchtipp)

Wer sich für die Psychoanalyse der Psychosen interessiert, wird viel Wertvolles im Buch des Psychoanalytikers Christopher Bollas (IPA) finden: „Wenn die Sonne zerbricht – das Rätsel der Schizophrenie“ (Klett-Cotta 2019). Bollas beschreibt seinen langen Weg von seiner Arbeitsstelle in einer Einrichtung für psychotische Kinder (East Bay Activity Center, EBAC) über seine Ausbildung zum Psychoanalytiker in der British Psychoanalytical Society bishin zu seiner Praxistätigkeit in den USA.

Unter anderem war er in eigener Praxis in North Dakota tätig, wo er die Hälfte des Tages Psychoanalysen via Skype durchführte. Christopher Bollas beschreibt den Prozess des Psychotisch-Werdens so plastisch, dass einem angst und bange werden kann. Man kann als Leser förmlich spüren, wie es dem Psychotiker ergehen muss. Doch Bollas sieht für den Patienten gute Chancen, wenn es gelingt, ihn direkt intensiv psychotherapeutisch und möglichst ohne Medikamente zu behandeln.

„Niemand, dem ein Analytiker begegnet, ist fesselnder als ein Schizophrener.“ Christopher Bollas, S. 12

„Ich halte eine Analyse dann für erfolgreich, wenn die Person nicht mehr halluziniert und ihre psychotische Abwehr aufgegeben hat.“ (S. 16)

„Mein Ziel ist es, einen Anstoß zu geben, Schizophrenie noch einmal zu überdenken.“ (S. 16)

Wie psychotische Kinder die Welt erleben

Besonders beeindruckend fand ich die Beschreibung eines Jungen, der immer wieder panisch wurde, wenn er seinen Fuß in Wasser steckte. Dadurch, dass sein Fuß von der Wasseroberfläche optisch gebrochen wurde, hatte er die Vorstellung, sein Fuß werde tatsächlich gebrochen. Ein anderer Junge konnte nicht auf einen Flughafen schauen, weil er überzeugt war, dass es eine Maschine gebe, die die Flugzeuge im Landeanflug schrumpfen ließ. Er glaubte fest, er sei größer als ein Flugzeug und würde dort nicht hineinpassen, weil sie aus der Ferne so klein aussahen.

Eine andere Patientin halluzinierte auf einmal von einem Drachen („Dragon“), nachdem Bollas in einem Satz das Verb „to drag on“ (= „sich in die Länge ziehen“) verwendet hatte.

Spezielle Phänomene

Interessant ist auch Bollas‘ Ansatz der Metasexualität, womit er meint, dass das Kind die Urszene (gemeint ist der Geschlechtsakt der Eltern) anders verarbeitet als gesunde Kinder. Für psychotische Kinder sei die Urszene eine Szene zu dritt – das Kind sei mittendrin, alles werde miteinander verschmolzen. Des Weiteren meint Bollas mit Metasexualität den Umstand, dass Psychotiker Sexualität in allem Möglichen erkennen würden, z.B. auch in der Vereinigung von Worten oder von Gegenständen. Differenzen würden aufgehoben, alles verpappt.

Es ist interessant, wie er psychotische Phänomene einfach beschreibt. Beim Stimmenhören z.B. handelt es sich oft um eine Art dumme Stimme: Die Stimmen geben zwar Anweisungen, aber man kann kein Gespräch mit ihnen führen. „Die Stimmen können nicht frei assoziieren“ (S. 129).

Bollas beschreibt, wie Psychotiker Teile ihrer Seele in Gegenstände projizieren und dann in Panik geraten, wenn diese Gegenstände wegkommen, indem sie z.B. weggeräumt werden.

Er geht auch besonders auf das Kauderwelsch ein, in dem Psychotiker mitunter sprechen. Psychotiker geben zuerst ihren Verstand ab. Sie verlieren das Wort „Ich“ und benutzen auch sonst nur wenige Personalpronomina (wir, ihr, sie). Er vergleicht die psychotische Sprache mit der Sprache der Poeten. Er weist darauf hin, dass in der östlichen Denkart ebenfalls Personal- und Objektpronomina seltener zu finden sind. Schizophrene wollen dem Gegenüber nicht „Etwas“ erzählen, sondern „vielmehr streben sie danach, dich durch die Syntax in ihre Art, die Welt zu erleben, einzuhüllen“ (S. 141).

Es geht in der Sprache der Psychotiker insbesondere um die Vermittlung von Gefühlen.

Beruhigung im Alltag finden

Sehr beruhigend ist es, wie Bollas den tröstlichen Alltag beschreibt. Er sagt, dass für Psychotiker oft nichts beruhigender ist, als Alltagsthemen und der Alltagstrott. Man könne mit Gesprächen über Alltagsdinge oft einen guten Einstieg in das Gespräch mit dem Psychotiker finden (S. 143).

Bei Psychotikern spielten besonders die sinnlichen (Körper-)Erfahrungen eine entscheidende Rolle, so Bollas. Sie könnten Farben beispielsweise so hervorstechend erleben wie wir im Fiebertraum oder als Kinder: Da war das rote Auto noch wirklich knallig rot. Auch der Geruchs-, Bewegungs- und Geschmackssinn sind bei Psychotikern mitunter stark aktiviert.

Bollas beschreibt, wie es manchen Eltern durch eigene Beschädigungen nicht gelingt, „das Sensorische, die körperlichen Ausdrucksformen des Babys zu übersetzen und in verbale Ausdrucksformen umzuwandeln“ (S. 179).

Vom Bild zum Wort

Am Ende des Buches geht Bollas nochmals stark auf den Gebrauch der Sprache und die Wichtigkeit der Sprache ein, So, wie wir im Traum eher in Bildern träumen und im Erwachsenenalltag eher in Worten denken, so ist bei Psychotikern oft das Bild vorherrschend und es fällt schwer, vom Bild zum Wort zu gelangen (S. 183). Dabei entziehen Psychotiker den Worten oft ihre Bedeutung.

„Worte werden zu Dingen“ (S. 194).

Bollas sagt: „Schizophrene sind als Kinder oft altklug, sprechen häufig früh und entwickeln ihre sprachlichen Fähigkeiten auf sehr hohem Niveau. Sie sind tendenziell begeisterte Anhänger der gesellschaftenlichen Normen und besessen davon, Teil der sozialen Ordnung zu sein … sie stellen geistiges Leben und akademische Leistungen höher als intime soziale Begegnungen. Was ihnen fehlt, ist eine Art emotionaler Intelligenz, eine entspannte und sensible Bezogenheit auf andere“ (S. 191f).

Am Ende des Buches sagt Bollas noch etwas, was mir aus dem Herzen spricht:

„Obwohl medikamentöse Behandlungen sich im Laufe der Psychotherapie als außerordentlich wertvoll erweisen können, hilft Schizophrenen nichts besser, als eine einzelne Eins-zu-eins-Verpflichtung von einem Mitmenschen, der oder die sich die Zeit genommen und die Ausbildung durchgehalten hat, um zu wissen, wie man ihnen zuhört, zu ihnen steht, sie versteht und mit ihnen spricht.“

Ein sehr empfehlenswertes Buch!

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Links:

Psychoanalysis and schizophrenia, November 7, 2015
Touching the Real – Psychoanalysis and its discontents
therapeia.org.uk/ttr/2015/11/07/psychoanalysis-and-schizophrenia/

Dieser Beitrag erschien erstmals am 8.3.2020

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