Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Die Stunde wie einen Traum betrachten
In Alltagsunterhaltungen haften wir gerne dem Konkreten an. Auch in Psychoanalyse-Sitzungen können wir dazu verführt werden, uns mit dem Patienten in Rechthabereien und Richtigstellungen zu verwickeln. Wir können die Stunde jedoch auch ganz bewusst wie einen Traum betrachten und uns fragen: Wo gibt es Verdichtungen und Verschiebungen? Die Patientin erzählt zwar von zwei Kolleginnen, die sich stritten, doch könnte sie damit auch die Beziehung zwischen ihr und ihrer Analytikerin meinen.
Der Patient berichtet vielleicht von früher, meint aber das Hier und Jetzt. Er spricht von seinem Kollegen, beschreibt damit aber sein eigenes Erleben. Er ärgert sich über seinen Analytiker, spricht aber über ein ärgerliches Telefonat mit einem Freund. Diese Verschiebungen ähneln denen des Traums. „Ich habe geträumt, dass …“ Diesen Satz können wir einmal gedanklich vor das, was der Patient erzählt, stellen und schauen, was passiert.
Aufgetaucht
Wenn wir die Stunde wie einen Traum betrachten, kann so manches auftauchen, was uns vorher verborgen blieb. Es ist ähnlich wie mit den Zeugenaussagen nach einem Unfall – sie erscheinen oft falsch, doch bei näherem Hinschauen erkennen wir die kleinen „Richtigkeiten“ darin. „Der Täter trug eine rote Mütze“, sagt ein Zeuge. „Das ist falsch“, sagt der Kommissar. Er trug gar keine Mütze.“ Doch ganz so falsch ist es nicht, denn der Täter trug einen rot-weiß-gestreiften Pulli. Das „Rot“ wurde vom Zeugen nur woanders hin platziert.
Es hat eine Verschiebung stattgefunden, die vielleicht mit dem zu tun hat, was den Zeugen gerade besonders beschäftigt hat. Möglicherweise sorgte er sich um seinen eigenen Kopf oder war mit dem Thema „Schutz“ beschäftigt.
Bei der Traumdeutung können wir feststellen, wie eine Traumfigur manchmal den Träumer selbst, manchmal einen anderen oder den Analytiker darstellen soll oder wie die Traumfigur eine Mischung aus den Eltern, dem Geliebten und dem Analytiker beschreibt. Scheuen wir uns nicht, zu spekulieren. Es macht Freude und führt uns oft zu sehr sinnvollen Ergebnissen.
Sagen und Serien kennen!
Als Psychoanalytiker braucht man eine gute Allgemeinbildung. Supervisoren sprechen von griechischen Sagen, die jungen Patienten von Serien. Es erleichtert uns die Arbeit, wenn wir beides kennen – im Grunde ist es ja dasselbe: Die Themen der griechischen Sagen finden sich auch in den Serien wieder.
Es geht um unsere tiefsten Wünsche, Ängste und peinlichsten Phantasien. Ich empfinde es als hilfreich, wenn ich selbst die Filme gesehen habe, von denen die Patienten erzählen. Die Weihnachtstage eignen sich hervorragend, um die eigenen Bildungslücken aufzufüllen: Angefangen beim Grafen von Montechristo über „Harry Potter“ bis hin zu „Herr der Ringe“ und „StarWars“ kann man sich gemütlich noch einmal (oder auch erstmals) damit befassen.
Und natürlich: Märchen nicht vergessen! Freud, Faust und Dostojewski lassen sich dann in den Pausen zwischen den Feiertagen nochmal zu Gemüte führen, während man mit einem Auge „Twilight“ schaut …