Sekundärer Krankheitsgewinn wird bei psychischen Erkrankungen oft überschätzt
Unter „Sekundärgewinn“ versteht man in der Medizin und Psychologie die „positiven“ Folgen, die eine Krankheit mit sich bringt: Wer mit der Grippe im Bett liegt, bekommt Tee und Kekse. Wer zu starke Rückenschmerzen hat, der bekommt die Rente. Dennoch wären die Betroffenen lieber gesund. Die Verlockung, sich in der Psychotherapie am Sekundärgewinn festzubeißen, ist groß, denn dieser ist leichter zu erklären und zu bearbeiten als die psychische Störung an sich.
Doch es ist nicht immer leicht, zu sehen, was nun Sekundärgewinn und was ein psychischer Mechanismus ist, der die Krankheit wirklich aufrecht erhält. Wer unter Zwangsgedanken leidet, hat auch „Vorteile“ davon: Er verdeckt mit den Zwangsgedanken vielleicht die Gefühle, Wünsche und Phantasien, die ihm Angst machen. Werden diese „wahren“ Gefühle und Phantasien gefunden und die Ängste bearbeitet, lassen die Zwangsgedanken oft nach.
Beispiel „Zwangsstörung“: Der Betroffene ist mit seinen Zwängen beschäftigt und spürt vielleicht die Einsamkeit dahinter nicht. Er hat vielleicht das Gefühl und die Vorstellung, durch seine Zwangsgedanken oder -handlungen etwas bewirken zu können, z.B. schreckliches Unglück abzuhalten. Die Zwangsgedanken haben somit eine Funktion. Die Einsamkeit zu spüren, erscheint möglicherweise unaushaltbar. Aber in der Psychotherapie oder Psychoanalsye können daneben viele andere Ursachen zum Vorschein kommen.
Es ist wichtig, sich immer wieder zu hinterfragen und die „wahren“ Verbindungen zwischen psychischem Symptom und Ursache zu suchen. Die Ursachen könnten z.B. auch sexueller Missbrauch, Gewalt oder extreme Übermacht der Eltern in der Kindheit sein. Treten ähnliche unerträgliche Gefühle oder Situationen später wieder auf, können die Symptome entstehen.
Wer psychische Symptome hat, der sucht mit seinem Psychotherapeuten vielleicht wenigstens die Vorteile darin, was enorm hilfreich sein oder aber auch vom Eigentlichen ablenken kann. Die offensichtlichen „Vorteile“ sind oft nicht die Ursache der psychischen Symptome – selbst, wenn der Gewinn durch eine psychische Störung relativ gross sein kann und somit die Störung chronifiziert, fühlen sich die Patienten dennoch im Stich gelassen, wenn man sich psychotherapeutisch darauf festlegt.
Beispiel Angststörung: Sicher ist der Vorteil der Angst vor dem Kino, dass man den Sonntagnachmittag gemütlich alleine vor dem Fernseher verbringen kann. Man hat vielleicht Konflikte vermieden, die durch ein einfaches „Ich möchte nicht ins Kino“ entstanden wären. Und doch spürt man: Das allein ist es nicht. Das wahre Problem ist die Angst, die entsteht, wenn man im Kino sitzt – schon der Gemanke daran lässt unser Nervensystem verrückt spielen. Vielleicht ist es die Enge, die Dunkelheit, vielleicht sind es die anderen Menschen oder auch das Gefühl, wieder etwas tun zu müssen, was man selbst nicht will, das zur Angst führt. Es ist oft immens schwierig, die Angst, den Zwang oder ein anderes psychisches Symptom besser zu verstehen. Es kann unter Umständen Jahre in Anspruch nehmen.
Beispiel Reizdarm: Die „Lust“, die der Reizdarm-Kranke aus seinen Durchfällen gewinnt, ist sekundär. Er will die anderen „bescheißen“ und kann sogar sexuelle Lust während des längeren, extremen Durchfalls empfinden – aber lieber wäre es dem Betroffenen, er hätte keine Durchfälle. Den wahren körperlichen, psychischen oder umwelttechnischen Grund für das Symptom zu finden, ist jedoch unglaublich mühselig.
Sowohl der Psychotherapeut als auch der Patient können dazu geneigt sein, die Sekundärgewinne wiederholt in den Fokus zu nehmen, aber irgendwann bemerken sie vielleicht, dass das eigentliche Problem davon nicht weg geht. Die Arbeit am Sekundärgewinn kann selbst zur Abwehr werden. Wenn es aber in der Psychotherapie oder Psychoanalyse gelingt, das Unwissen auszuhalten und irgendwann das Problem besser zu verstehen, dann fühlt sich der Patient erleichtert. Er verzichtet nämlich sehr, sehr gerne auf seine sämtlichen Sekundärgewinne.
Kein gesunder Mensch liegt über längere Zeit einfach nur gern auf der faulen Haut. Gesunde Menschen wollen lernen, sind neugierig, wollen arbeiten, wollen spielen, Kontakt haben und sich bewegen. Die „Faulheit“, das Hockenbleiben auf Sozialleistungen und ähnliches sind aus meiner Sicht Anzeichen dafür, dass der Betroffene an etwas Grundlegendem erkrankt ist. Er hat wahrscheinlich zu wenig Interesse, zu wenig gesunde Beziehung, zu ungünstige Umweltbedingungen, zu viel Gewalt erlebt.
Es gibt vielleicht immer mehrere „wahre Ursachen“. Eine Ursache von psychischen Beschwerden, die manchmal übersehen wird, ist der Körper – oder auch die Umwelt. Manchmal sind psychische Beschwerden wie z.B. Ängste eine körperliche Reaktion auf eine unbewusste Erinnerung bzw. auf eine Übertragung, wobei der Betroffene den anderen plötzlich wieder wie die alte Mutter/den alten Vater wahrnimmt. Früher wurde vielleicht tatsächlich etwas mit dem Körper des Betroffenen „gemacht“. Der andere wird in der unbewussten Phantasie zum Angreifer und der Körper reagiert wie früher. An den Kern eines Problems zu kommen, ist oft eine höchst frustrierende Arbeit. Aber sie lohnt sich – wer sich nicht durch Sekundärgewinne ablenken lässt und Ungewissheit aushält, wird eher den Weg zu tieferem Verstehen finden.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 19.4.2019
Aktualisiert am 7.8.2025