Subjekt und Objekt: Ich bin das Subjekt, die anderen sind meine „Objekte“. Die Vorstellungen darüber heissen Repräsentanzen

In psychoanalytischen Texten findet man häufig die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“. Mit „Subjekt“ ist die Person gemeint, um die es geht und deren Gefühle beschrieben werden. Wird zum Beispiel von Nina erzählt, dann ist Nina das Subjekt. Die „Objekte“ sind die Bezugspersonen. Mit „Objektbeziehungen“ sind die Beziehungen des Subjekts zu den Mitmenschen gemeint. Mutter und Vater sind die „primären Objekte“ (Primärobjekte). Als primäre Objektbeziehungen werden die Beziehungen zu Mutter, Vater und anderen nahestehenden Personen der frühen Kindheit bezeichnet.

Jeder hat eine Vorstellung (Repräsentanz) von seinen Bezugspersonen – wie sie sind, wie sie handeln, wie sie die Beziehungen gestalten. Diese Vorstellung von der Bezugsperson heißt „Objektrepräsentanz“. Die Vorstellung darüber, wer und wie man selbst ist, ist die „Subjektrepräsentanz“ (= „Selbstrepräsentanz“). Mit etwa 18 Monaten schafft ein Kleinkind es, in seinem Inneren eine „Objektkonstanz“ von Mutter und Vater aufzubauen: Auch, wenn sie nicht da sind, fühlt das Kind die feste Beziehung und Verbundenheit zu ihnen. Es hält das Bild von Mutter und Vater in sich, auch, wenn sie nicht da sind. So kann es kurzzeitige Trennungen gut aushalten.

Versorgungsobjekte Wenn ich andere Menschen fast nur dazu benötige, um selbst gut versorgt zu sein, dann sind die anderen für mich sogenannte „Versorgungsobjekte“. Die anderen sind dann nur dazu da, um zu bewundern, um mich materiell abzusichern, um mich zu unterhalten, zu trösten oder zu beruhigen. Wenn ich hauptsächlich diese Art von Beziehungen eingehe, habe ich gemäss der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) „Objektbeziehungen auf mittlerem Strukturniveau“.

Der Begriff „Versorgungsobjekt“ ist verwirrend, denn es gibt auch z.B. alte Ehepaare, in denen die gesündere Frau den im Rollstuhl sitzenden Mann versorgt und dadurch ihr Selbstwertgefühl steigert und ihre Schuldgefühle reduziert. Der Mann, der im Rollstuhl sitzt, ist das „Objekt“, das versorgt wird.

Teilobjekt-Repräsentanzen: Nach früheren psychoanalytischen Theorien (z.B. von Melanie Klein) nimmt der Säugling zuerst besonders die Brust der Mutter wahr. Wenn er Hunger hat, vermisst er nach dieser Theorie nicht die ganze Mutter, sondern besonders das „Teilobjekt Brust“. Manche Mütter sagen in dieser Zeit manchmal auch: „Ich komme mir vor, als sei ich nur noch Brust!“ In der psychoanalytischen Sprache sagt man, der Säugling habe „Teilobjekt-Repräsentanz“ von der Mutter in sich.

Das Kind nimmt wahr: Die „gute Brust“ der Mutter nährt mich, die „schlechte Brust“ verwehrt sich mir. die abwesende Brust ist die böse Brust. Das Lied der Mutter beruhigt mich, die schimpfende Mutter ängstigt mich, die abwesende Mutter ruft Not und Angst (aber vielleicht auch Erleichterung) in mir hervor.

Zunächst halte der Säugling diese Vorstellungen voneinander getrennt, so die Theorie z.B. von Melanie Klein. Die Mutter werde vom Säugling zunächst als „Entweder-Oder“ erlebt. Heute geht man doch eher von einer ganzheitlicheren Wahrnehmung aus. Auch als Erwachsene finden wir es manchmal schwer, den anderen Menschen als ein sowohl gutes als auch böses Objekt zu erleben. Manchmal müssen wir uns die Ganzheit des anderen Menschen bewusst „bewusst machen“.

Ziel von Psychoanalysen ist es unter anderem, die Vorstellung vom „Sowohl-als-auch“ zu stärken. Früher galten in der Psychoanalyse die Vorstellungen von „Nur-gut“ oder „Nur-schlecht“ als unreif. Heute sieht man es eher so, dass diese ersten „Spaltungen“ der Welt und der Menschen, die die Psyche unternimmt, ein wichtiger Differenzierungsvorgang sind. Solche Spaltungen sind eben auch Differenzierungen – ähnlich wie die Differenzierung von Innen- und Aussenwelt oder von „Ich und Du“, führen die getrennten Wahrnehmungen zu einer Ordnung der Welt, die wichtig ist, bevor wir die Welt als ein „Sowohl-als-auch“ betrachten können.

Ein „Sowohl-als-auch“ ist eben auch nur möglich, wenn die Einzelaspekte Grenzen haben. Wenn wir schliesslich ein „konstantes Bild“ vom anderen haben, dann haben wir innerlich eine „Objektkonstanz“ aufgebaut, das heisst, dass wir an den anderen als einen ganzen Menschen denken können, auch, wenn er abwesend (also eventuell „böse“) ist.

Selbstobjekte

Andere Menschen, die uns dabei helfen, unser Selbstwertgefühl zu stärken und unsere Lebendigkeit zu spüren, sind unsere „Selbstobjekte“. Wir alle brauchen Selbstobjekte, die uns lieben und mit denen wir in enger Beziehung stehen. Unsere Selbstobjekte beleben uns und geben uns das Gefühl, nicht ganz alleine zu sein, wenn wir einmal alleine sind.

Selbstobjekte gehören so sehr zu uns, dass wir manchmal das Gefühl haben, sie seien ein Teil von uns selbst. Wenn Menschen in ihrer Kindheit zu wenig gute Selbstobjekte hatten, kann es passieren, dass sie diese nachträglich äußerst intensiv suchen und andere Menschen sehr vereinnahmen. Sie haben dann die Vorstellung, der andere gehöre so sehr zu ihm selbst, dass man ihn kontrollieren könnte und müsste. Das ist bei narzisstischen Störungen oft der Fall. Durch den Mangel an guten Selbstobjekten und sicheren Beziehungen, halten die Betroffenen ihre nächsten Mitmenschen über die Maßen fest. Der Motor dafür ist oft eine unsägliche Angst vor dem Alleinsein und eine Vorstellung, im Alleinsein auch „von allen guten Geistern verlassen“ zu sein.

Selbstrepräsentanz und Objektrepräsentanz

Das Bild, das wir von uns selbst haben, wird „Subjektrepräsentanz“ oder auch „Selbstrepräsentanz“ genannt. Andere Menschen, die wir uns vorstellen können, sind „Objektrepräsentanzen“. Die ersten Vorstellungen (Repräsentanzen) von anderen Menschen, die wir normalerweise haben, sind die von Vater und Mutter.

Mutter und Vater sind unsere „Primärobjekte“. Sie prägen sehr stark unsere Vorstellung darüber, wie Menschen generell sind. Unsere Eltern hatten auch einen großen Einfluss auf das Bild, das wir von uns selbst entwickelten (Selbstrepräsentanz). Wurden wir von ihnen überwiegend liebevoll behandelt, können wir selbst größtenteils liebevoll auf uns blicken. Waren die Eltern eher feindselig, verachtend, überkritisch oder neidisch, so fällt es auch uns selbst schwer, uns so anzunehmen, wie wir sind.

Vorbilder und gute Menschen um uns herum sind also unerlässlich für unser psychisches Wohlbefinden.

Die Vorstellung vom Miteinander. Aus der Beziehung zu unseren Eltern erwächst die Vorstellung, wie Beziehungen überhaupt aussehen. Was wir von anderen erwarten können, haben wir uns früh ausgerechnet. Diese Vorstellung von Beziehung wird als „Beziehungsrepräsentanz“ bezeichnet. Andere Begriffe sind „Selbst-Anderer-Repräsentanz“ oder „Selbst-Objekt-Repräsentanz“. Solche Beziehungsvorstellungen können uns an unserer Entwicklung hindern oder sie fördern, je nachdem, ob wir überwiegend positive oder negative Beziehungserfahrungen gemacht haben.

Psychische Störungen und schwache Repräsentanzen

Viele psychische Störungen hängen mit schwachen oder negativen Repräsentanzen zusammen. Viele Patienten mit einer Angststörung leiden beispielsweise darunter, dass sie nur selten erfahren konnten, wie eine „gute Nähe“ zu einem anderen aussieht oder wie es ist, beschützt und beruhigt zu werden. Ihnen fehlen diese inneren Repräsentanzen, sodass sie sich häufig alleine fühlen. Die Ursache liegt in einer tatsächlichen Abwesenheit von guten Personen oder von emotionaler Zuwendung. In einer Psychoanalyse kann sich das ändern. Die Beziehung zum Analytiker kann als neue „Repräsentanz“ innerlich eingebaut werden, sodass das Gefühl der Verlassenheit nachlässt.

Selbstobjekt

In der Sprache der Psychoanalytiker ist mit dem Begriff „Subjekt“ derjenige gemeint, der im Blickpunkt steht – derjenige, der fühlt und erlebt. Hingegen ist das „Objekt“ der andere Mensch – der, der das Subjekt beeinflusst. Ein „Selbstobjekt“ ist ein anderer, der uns spiegelt, anerkennt und Einfluss auf unser Selbstwertgefühl hat. Unsere Selbstobjekte sind z.B. der Partner, die Eltern und Geschwister. Für kleine Kinder sind die Eltern ganz natürlicherweise die „Selbstobjekte“ – ohne Spiegelung, Bestätigung und Anerkennung der Eltern kann sich das Selbst des Kindes nicht gesund entwickeln.

Kinder können auch auf ungesunde Weise die „Selbstobjekte“ der Eltern sein, z.B. dann, wenn sie ein niedriges Selbstwertgefühl der Eltern aufwerten sollen. Der Begriff „Selbstobjekt“ geht auf den Begründer der Selbstpsychologie, Heinz Kohut (1913-1981), zurück.

Das Selbst-Objekt ist ein anderer, der das eigene Selbst stützt und repariert. Für das kleine Kind sind es in der Regel Mutter und Vater. Mit „Selbstobjekt“ ist in der Regel ein „guter Anderer“ gemeint, der einem sehr nahe steht und das eigene Selbst nährt. Es gibt jedoch psychisch schwache Menschen, die sehen andere Menschen ausschließlich als ihre Selbstobjekte an – die anderen sollen sie nähren und bewundern. Der psychisch schwache Mensch kann den anderen nicht als eigenständigen, freien Menschen anerkennen.

Beziehungsrepräsentanzen bestimmen mit, wie wir mit anderen umgehen

Wie wir mit anderen umgehen und wie andere mit uns umgehen, können wir uns ebenfalls vorstellen. Wir haben eine „Beziehungsrepräsentanz“. Die Gesamtheit aller Repräsentanzen nannte der Psychoanalytiker Joseph Sandler (1927-1998) die „Representational World“, die „Repräsentationale Welt/Repräsentanzenwelt“.

Jeder von uns hat eine „Innere Welt“. Sie ist angefüllt mit unseren Überzeugungen, Vorstellungen, Wünschen, Erwartungen und Ängsten. Unsere „inneren Objekte“, also die inneren Abbildungen von Menschen, die uns nahestehen, sind in uns angesammelt: Vater, Mutter, Geschwister, Großeltern, Freunde usw. Auch haben wir eine Vorstellung von „Fremden“. Unsere innere Welt ist das Ergebnis unserer Erfahrungen. Das meiste davon ist unbewusst geworden.

Erfuhren wir, dass uns unsere Eltern überwiegend warmherzig und respektvoll behandelten, nehmen wir auch unsere Umwelt überwiegend so wahr. Wir können uns vertrauensvoll anderen Menschen zuwenden. Erlebten wir als Kind eher Gewalt und Vernachlässigung, neigen wir dazu, misstrauisch zu sein und die anderen erstmal mit Vorsicht zu genießen. Wir verstecken unsere Aggressionen oder wir sind besonders aggressiv. Wie wir unsere Beziehungen gestalten, hängt eng mit unserer „repräsentationalen Welt“ zusammen.

„Charakteristische Interaktionsmuster zwischen dem Säugling und seinen primären Bezugspersonen bilden die Grundlage für Selbst-Repräsentationen und Repräsentationen des Anderen (Objektrepräsentationen) (BeatriceBeebe.com et al., 1997). Diese Repräsentationen sind vor-symbolisch, emotionsbeladen und körperbasiert. Sie befinden sich durch weiter wachsende Erfahrungen in einem ständigen Überarbeitungs- und Transformationsprozess, werden allmählich mit Wünschen, Fantasien und Ängsten angereichert und erschaffen so die repräsentationale Welt des Kindes (Sandler & Sandler, 1998; Steele, 2003).“ Angela Joyce: Die Eltern-Säuglingsbeziehung, S. 29, In: Psychoanalytische Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen. Routledge 2005, Klett-Cotta 2011)

Internalisierte Arbeitsmodelle (Internal Working Models)

Die Beziehungen, die wir in der Kindheit erfahren haben, bestimmen lange unsere weiteren Beziehungen. Erst völlig neue Beziehungserfahrungen können alte Beziehungserfahrungen abschwächen. Die Wissenschaftlerin Kim Bartholomew und Leonard Horowitz (Studie 1991) haben den Zusammenhang zwischen Beziehungserfahrungen in der Kindheit und den Beziehungen im Leben des Erwachsenen erforscht.

Bartholomew sagt, dass die vier Bindungsstile „sicher, ängstlich, besitzergreifend oder ablehnend“ das Ergebnis aus Erfahrungen in der Kindheit sind. Jeder trage verschiedene Vorstellungen über Beziehungen in sich (Beziehungs-Repräsentanzen). Sie hängen sowohl vom Selbstkonzept (positiv oder negativ) als auch vom Bild des anderen ab. Das verinnerlichte Bild davon, wie Beziehungen funktionieren, nannte Bartholomew „internalisierte Arbeitsmodelle“. In der Psychoanalyse spricht man von Beziehungs-Repräsentanzen.

Desobjektalisierung und Objektalisierung

In der Psychoanalyse wird derjenige, um den es geht, das „Subjekt“ genannt. Die anderen Menschen sind die „Objekte“. Wir alle haben auch „innere Objekte“ in uns: Wir können uns unsere Geschwister, unsere Eltern, unsere Lehrer innerlich vorstellen – sie haben uns sehr geprägt. Auch wir selbst sind uns ein Objekt, wenn wir z.B. sagen: „Ich pflege mich.“ Der steuernde Teil in uns, also unser „Ich“, pflegt unseren Körper.

Enge Beziehungen können große Angst machen, weil sich unsere Aggressionen und anderen Gefühle in engen Beziehungen stärker zeigen und schlechter verstecken lassen als in lockeren Beziehungen. Die engste Beziehung haben wir wohl zu uns selbst und zu unserem Körper. Wenn wir eine schlechte Beziehung zu unserem „Primärobjekt“ (also der Mutter) hatten, haben wir häufig auch eine schlechte Beziehung zu uns selbst.

Psychoanalyse ist Arbeit an der Beziehung

Psychoanalyse versucht zu heilen, indem eine enge Beziehung zwischen Patient und Analytiker hergestellt wird. So werden Probleme sichtbar, die in engen Beziehungen generell sichtbar werden. Der Analytiker wird vom Patienten emotional stark „besetzt“, so sagt man. Die Person des Analytikers wird für den Patienten sehr wichtig. Der Patient „objektalisiert“ den Analytiker.

Es kann aber auch dazu kommen, dass der Patient das Interesse am Analytiker vollkommen verliert oder gar nicht erst aufbaut, zum Beispiel, um sich vor der Nähe zu schützen. Man sagt, der Patient „zieht die Besetzung vom Analytiker ab“. Man spricht vom „Besetzungsentzug“ oder auch von „Desobjektalisierung“.

Der Analytiker wird nach der Desobjektalisierung vom Patienten nicht mehr geliebt und auch nicht mehr gehasst. Er ist kein Objekt der Begierde mehr – der Patient ist nicht mehr neugierig auf ihn. Der Patient hat den Analytiker „desobjektalisiert“.Auch, wenn der Patient an sich selbst das Interesse verliert und die Neugier, die Liebe, die Energie, also die „Libido“ von sich selbst „abzieht“, kann man von „Desobjektalisierung“ sprechen („Dessubjektalisierung“ klänge komisch). Der Trieb, den anderen oder sich selbst zu desobjektalisieren, ist ein Teil des „Todestriebes“.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Winkler, Sylvia:
Beziehungsrepräsentanzen bei Angstpatienten
Innsbruck, Univ., Dipl.-Arb., 2004

Jörg Doll et al. (1994):
Einstellungen zu Liebe und Partnerschaft: vier Bindungsstile
Universität Hamburg, 1994
www.researchgate.net/…

Paula R Pietromonaco & Lisa Feldman Barrett (2000):
The Internal Working Models Concept:
What Do We Really Know About the Self in Relation to Others?

Review of General Psychology, 2000, Vol. 4, No. 2, 155-175: DOI: 10.1037111089-2680.4.2.155
www.affective-science.org/…pdf

Literatur:

Gerhard Dammann (2014):
Desobjektalisierung: Theorie und Klinik eines Konzepts von André Green
Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 2014, 68(9-10):886-921
https://pep-web.org/search/document/PSYCHE.068.0886A

Bohleber, Werner (2014):
Auf der Suche nach Repräsentanz.
Analytisches Arbeiten an der Schnittstelle von Ungedachtem und symbolisch Repräsentiertem
Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse 68:777-786

Podcast-Tipp:

Elfriede Löchel:
Wie Freud den Todestrieb zur Sprache bringt- und was daraus wurde.
Jenseits des Lustprinzips wiedergelesen.
Podcasts zur Psychoanalyse, www.dpv-psa.de > Wissenschaft

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 24.1.2007
Aktualisiert am 17.1.2025

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