Angst vor Nähe und Beziehungsangst sind oft die Angst vor Selbstaufgabe. Wie kann ich Nähe herstellen und mich dennoch abgrenzen?
„Abgrenzung“ bedeutet, den richtigen Abstand zum nächsten herzustellen. Ein Abstand, in dem sich beide wohlfühlen. „Abgrenzung“ heißt, dass du ein gutes Gespür für dich hast und in kluger Weise zeigst, wie es dir geht und was du möchtest. „Abgrenzung“ bedeutet, dass du dem anderen zeigst, wenn er dir zu nahe kommt. Es kann „Nein-Sagen“ heißen, aber auch „Ja-Sagen“. Es gibt viele Gründe, warum wir uns oft nicht abgrenzen können.
Wenn wir es gegenüber den Eltern schwer hatten, einen eigenen Raum zu haben, dann bleibt dieses Thema schwierig. Immer, wenn Eltern die „Integrität“ des Kindes beschädigen, dann haben sie die Grenzen des Kindes überschritten. Das kann zum Beispiel schon diese Aussage sein: „Iss Dein Essen auf!“, wenn das Kind satt ist. Aber natürlich gibt es auch (teils unvorstellbare) Gewalt in Familien.
Die eigenen Grenzen kennen
Wer oft erlebt hat, dass die eigenen Grenzen überschritten wurden, dem fällt es oft schwer, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sie zu verteidigen. „Wann habe ich genug davon?“, „Wann tritt mir jemand zu nahe?“, „Wann stellt mir jemand zu direkte Fragen?“ Es ist nicht immer leicht, eine Antwort auf solche Fragen zu finden. Und selbst wenn man merkt, dass man „genug“ hat, dann ist es immer noch eine zweite Sache, das auch zu artikulieren.
Dem anderen die eigene Grenze zu zeigen, kann sehr schwer sein. Vor allem für denjenigen, dessen Eltern es als „persönliche Beleidigung“ verstanden haben, wenn man selbst die Tür zumachte. Bei dem Versuch, auf die eigene Grenze hinzuweisen, entstehen oft Schuldgefühle. „Ich möchte nicht, dass Du so mit mir redest“ ist eine einfache Aussage. Doch sie führt bei vielen, die sich schlecht abgrenzen können, bereits zu schlechtem Gewissen.
Hinausschießen über das Ziel
Wenn du Schwierigkeiten hast, dich abzugrenzen, können deine ersten Versuche ungeschickt wirken und über das Ziel hinausschiessen, was auch wiederum zu Schuldgefühlen führen kann. „Ich möchte das jetzt aber so und so!“, hörst du dich selbst sagen und merkst, wie es unbeholfen klingt wie von einem kleinen Kind. Du kannst es aber üben, indem du dir Vorbilder suchst, die sich auf eine ruhige Weise selbst vertreten können. Sie kannst du imitieren. Es kann leicht passieren, dass wir als Erwachsene selbst die Grenzen anderer überschreiten. Oft, ohne es zu merken. Wenn andere einen darauf aufmerksam machen, entsteht das Gefühl von Peinlichkeit und Schuld.
Vielleicht stellst du dich selbst aber auch manchmal aus Trotz alz „schwach“ dar und machst im abstrakten Sinne „jedem die Tür auf“, ohne vorher darüber nachzudenken, ob du den anderen überhaupt reinlassen möchtest. Und plötzlich ist es zu spät: Wieder wurde die eigene Grenze überschritten. Wut steigt auf. Auf den anderen, weil er grenzüberschreitend war und auf dich selbst, weil du dich „wieder einmal“ nicht abgrenzen konntest. Wichtig ist, dich zu beobachten, aber dich selbst auch in Ruhe zu lassen – du hast für alles deine Gründe. Und je besser du diese Gründe kennst, desto besser kannst du dich selbst steuern.
Sich nicht abgrenzen zu können und selbst die Grenzen von anderen zu überschreiten sind zwei Seiten einer Medaille. Je besser du dich selbst abgrenzen kannst, desto leichter fällt es dir auch, die Grenzen des anderen zu akzeptieren. Wenn du auf dich selbst achtest und aufmerksam beobachtest, wie du selbst Beziehungen gestaltest, wird es dir nach und nach immer besser gelingen, dich selbst abzugrenzen, die Grenzen des anderen zu wahren und den richtigen „Wohlfühl-Abstand“ herzustellen.
Grenzüberschreitungen werden oft mit „Nähe“ verwechselt. Tatsächlich ist wirkliche Nähe bei einer Grenzüberschreitung jedoch nicht möglich, denn sie macht Angst. Ein Kind, das von seiner Mutter wider Willen einen Kuss auf den Mund aufgedrückt bekommt, erfährt keine Nähe. Sowohl für die grenzüberschreitende Mutter als auch für das bedrängte Kind bleibt der Kuss unbefriedigend. Für die Mutter, weil das Kind ihn nicht dankbar annimmt und für das Kind, weil es ihm zu nah ist. So entsteht ein Teufelskreis: Weil das Gefühl von echter Nähe fehlt, kann man leicht denken, dass „mehr vom Selben“ zu mehr Nähe führt. Doch das kann dann in Gewalt übergehen, denn Gewalt ist oft nichts anderes als der verzweifelte Versuche, „endlich beim anderen anzukommen“. Doch echte Nähe kann nur durch Wahrung der Grenzen hergestellt werden. Nur, wer die Spannung der „richtigen Distanz“ aushält, kann dann auch Nähe zulassen und Zärtlichkeit spenden.
Der Verlust des Selbstgefühls
Wenn ein Kind ständig die Wünsche der Erwachsenen erfüllen muss, um „geliebt“ zu werden, dann verliert es den Kontakt zu sich selbst. Und auch dann wiederum wird es schwer, Grenzen zu setzen, da man ja gar nicht mehr weiß, was man eigentlich will. Als Erwachsene ist es dann für die Betroffenen eine mühevolle Aufgabe, wieder zu sich selbst zu finden: zu seinen Bedürfnissen, zu seiner Selbstachtung und – so weit wie möglich – zu gesunder Selbstliebe. Wer sich selbst respektiert und seine Bedürfnisse würdigt und anerkennt, dem ist es auch wichtig, sie zu wahren. Doch ein Bedürfnis zu spüren und zu äussern bedeutet nicht, dass der andere es auch erfüllen muss. Hier kann es lange Phasen der Enttäuschung geben. Die Auseinandersetzung mit dem unerfüllten Bedürfnis ist schmerzhaft.
Proxemik – richtiger Abstand durch Floskeln
„Machst Du bitte die Türe zu? Mir wird kalt“, sagte mir eine Freundin nach ihrer psychosomatischen Kur, in der sie gelernt hatte, ihre Bedürfnisse klarer zu äußern. Doch es fühlt sich nicht gut an, wenn jemand so spricht. Es klingt, als würde der andere sich über meine Nachlässigkeit ärgern. Manch ein Coach sagt: „Es geht nur um die Sache. Ein persönlicher Angriff ist das nicht.“ Aber warum fühlt es sich so an? Weil eine solche Aussage uns sprachlich zu nah kommt. So, wie wir körperlich einen gewissen Abstand zum Nächsten brauchen, so benötigen wir auch einen sprachlichen Abstand.
Wir können uns klar ausdrücken und die anderen dennoch berücksichtigen: „Ich würde gerne die Fenster schließen, weil mir kalt wird. Ist das in Ordnung für Dich?“ fühlt sich anders an als: „Ich möchte, dass die Fenster geschlossen werden.“ Die zweite Ausdrucksweise findet sich mitunter bei Menschen, die gerade eine Psychotherapie begonnen oder ein Kommunikationsseminar besucht haben.
Der Wohlfühl-Abstand
Floskeln, Füllworte und Höflichkeitsformeln führen dazu, dass wir uns nicht bedrängt fühlen. So fühlt es sich weniger absolut an: „Könntest Du vielleicht die Türe schließen?“ Proxemik ist der Fachausdruck für das Raumverhalten, das wir zeigen. Wie nahe wir einem anderen kommen dürfen, unterliegt ungeschriebenen Gesetzen. In der Gesellschaft haben sich gewisse Distanzen eingebürgert – und die sind von Kultur zu Kultur verschieden. Ein „Würde, Könnte und Vielleicht“ ist mehr als eine Floskel: Es ist das Zeichen dafür, dass der andere einfühlsam mit uns umgeht und unsere Grenze respektiert.
Beziehungsangst als Angst vor Selbstaufgabe
Ein bisschen Beziehungsangst haben wir vielleicht alle – besonders dann, wenn wir gerade neue Beziehungen knüpfen. Beziehungsangst sieht bei jedem Menschen anders aus – und doch gibt es viele Gemeinsamkeiten. Wer befürchtet, um einer Partnerschaft willen sich selbst, seinen Beruf, alte Verbindungen oder Angewohnheiten aufgeben zu müssen, der leidet unter Beziehungsangst. Es ist eigentlich die Angst vor der Selbstaufgabe in der Beziehung. Manche Menschen fürchten schon um ihre Beziehung, wenn sie andere Vorstellungen haben als der Partner. Doch wer keinen Privatraum in der Beziehung hat, der kann keine befriedigende Beziehung führen.
Sich fallen lassen und dennoch stark sein dürfen
Vielleicht fällt es dir schwer, dich einem anderen Menschen hinzugeben, weil du befürchtest, damit deine Selbstständigkeit und eigene Lebendigkeit aufzugeben. Doch wenn du feststellst, dass dich dein Gegenüber nicht mit Haut und Haaren vereinnahmt, geht es dir besser. Dein Partner ist vielleicht spürbar daran interessiert ist, dass du wachsen und dich entwickeln kannst. Er kann dich gut für dich sein lassen. Dazu brauchst du natürlich die Fähigkeit, dir solche reifen Menschen als Partner auszusuchen. Tief innen schlummert wohl in den meisten Menschen diese Fähigkeit, aber sie lassen sich aus den verschiedensten Gründen immer wieder auf Menschen ein, die ihnen tatsächlich nicht gut tun. Manchmal steckt die Vorstellung dahinter: Ich bin doch nicht gut genug für einen guten Partner!“ „Beziehungsangst“ heißt in diesem Fall: Angst vor der eigenen Wahl bzw. vor dem fehlenden Gespür.
Tür zu!
Wenn du vor deinen Etern nicht wirklich die „Tür zu“ machen durftest, zögerst du vielleicht auch heute noch, dich abzugrenzen, wenn du für dich sein möchtest. Du fühlst dich vielleicht in der Anwesenheit eines anderen wie gelähmt. Es taucht die Vorstellung auf, nicht mehr weglaufen zu können, wenn sich ein Partner liebevoll nähert. Manche Menschen suchen sich dann lieber einen Partner aus, der etwas Abstoßendes an sich hat oder der wenig liebenswert ist, weil das vor dem Sog der Liebe schützt. Das geht bei manchen so weit, dass sie sich Partner aussuchen, die sie „zum Kotzen“ finden. Die Gefahr, dass einer den anderen verschlingt, scheint somit gebannt.
Auch Verachtung „hilft“ dabei, Wünsche nach Abhängigkeit zu verdrängen. Verachtende Gefühle sind ein „Abstandhalter“ zum anderen. Erst, wenn uns diese Mechanismen bewusst werden, können wir aus unglücklichen Situationen herauswachsen.
Die geschundene Seele
Sowohl seelische als auch körperliche Angriffe der Eltern schunden die Seele eines Kindes zutiefst. Diese Wunden sind bei uns oft noch vorhanden. Die Liebe eines anderen wirkt dann wie ein echter Schmerz. So, wie die Haut eines Verbrannten keine liebevolle Berührung erträgt, so fühlt die geschundene Seele Schmerz, wenn sich jemand liebevoll nähert. „Es ist, als hätte jemand bei mir die Schalter für Schmerz und Liebe vertauscht“, sagt eine Betroffene. Tatsächlich hängen Schmerz und Liebe eng zusammen. Erst, wenn wir wirklich begreifen, dass uns der andere weder angreift noch verschlingt, heilen Seele und Haut. Erst dann sind liebevolle Berührungen wieder möglich und werden als Wohltat empfunden.
Der Unterschied macht den Schmerz
Aber auch aus einem anderen Grund kann die Liebe des anderen als Schmerz empfunden werden: Ein Kind, das von den Eltern nicht liebevoll behandelt wird, spürt den großen Unterschied zwischen dem „Ist-Zustand“ und dem „Soll-Zustand“. Es selbst liebt die Eltern und es ist auf die Liebe der Eltern angewiesen. Wenn die Eltern jedoch nicht ausreichend resonant sein konnten, dann spürt das Kind die ungeheure Sehnsucht nach Liebe, die nicht erfüllt wird.
Vielleicht versuchst du, deiner eigenen Sehnsucht aus dem Weg zu gehen. Vielleicht fühlst du dich in einem extremen Ausmass nicht liebenswert. Tritt dann doch die „große Liebe“ in dein Leben, wird die Kluft wieder spürbar: Der andere erinnert uns daran, wie es war, so bedürftig zu sein und dennoch keine Liebe zu erhalten. Es macht uns vielleicht Angst, wenn uns Liebe entgegengebracht wird – wir könnten sie ja wieder verlieren. Es geht ja auch ohne Liebe, denken wir uns. Wir wollen die Schmerzen, die mit der Liebe verbunden sind, vermeiden. Wir brauchen oft viel Mut, um uns für das Gute zu entscheiden.
Schadet mir die Beziehung? Die Angst vor dem Zu-Zweit-Sein.
Jede Beziehung kann uns – bewusst oder unbewusst – auch Angst machen. Genau wie jeder Mensch gut ist, aber auch (aufgrund von Ängsten, Nöten und Schmerzen) böse sein kann, so können auch Beziehungen gut oder schädlich sein. Wir können einander hilfreich sein, aber wir sind einander auch gefährlich. „Patienten können den Analytiker so krank machen, dass er sogar daran sterben kann“, hörte ich einmal. Aber natürlich auch umgekehrt: Manche Patienten sagen, dass ihnen die Psychoanalyse, die ja immer auf einer engen Therapeuten-Patienten-Beziehung beruht, geschadet hat.
„Mein Partner macht mich krank“, sagen wir manchmal. Und die meisten wissen auch, wie sehr die Familie krank machen kann. Andererseits kann auch das ständige Alleinsein problematisch sein. Manche, die ihren Partner verlassen haben, weil er sie „krank“ gemacht hat, fühlen nach der ersten Freude an der neuen Freiheit, dass auch Einsamkeit krank machen kann. Wie also dem Dilemma entfliehen?
Alles kann gefährlich sein
In unserem Leben kann alles gefährlich sein. Zucker, ohne den wir nicht leben könnten, kann uns umbringen. So mancher geht vor lauter Angst keine Beziehung mehr ein, so wie manche vor lauter Flugangst kein Flugzeug mehr betreten. Doch hier sagte schon Sigmund Freud, dass die meisten Menschen den Fehler machen, den Tod aus ihrem Lebenskalkül auszuschließen.
Wir alle sind Seefahrer, aber wir haben alle einen eingebauten Kompass: unser Gefühl. Wir spüren, wenn etwas stört und wenn sich etwas ungut anfühlt. Wir müssen es nur ernst nehmen. Und wir haben ein zweites Mittel gegen Unheil: unseren Verstand. Wir können also zum Einen fühlen und zum Anderen darüber nachdenken. Wir können uns auch innerhalb einer Be-ziehung/Bindung bewegen, wenn wir uns selbst gut kennen, wahrnehmen und ernst nehmen. Der Psychoanalytiker Adam Phillips sagt in seinem Video „Unforbidden Pleasures“: „It’s amazing how much pleasure we can get from each other’s company.“ (19.27) „Es ist wunderbar, wie viel Freude wir aneinander haben können.“
Das Nähe-Abstand-Paradoxon: Nahe sein wollen, aber Abstand schaffen, indem wir Ekeliges erzählen
Wenn wir selbst viele Grenzüberschreitungen erlebt haben, dann haben wir oft auch Probleme mit der Nähe-Distanz-Regulation: Unser Wunsch nach Nähe mit dem gleichzeitigen Wunsch nach sicherer Distanz kann zu einem merkwürdigen Verhalten führen. Wir geben uns offen und schamlos und erzählen Dinge, die die anderen abstossen, weil sie zu detailliert, zu körperlich, zu sexuell sind.
Die anderen ekeln sich und fragten sich: „Was soll das?“ Es ist ein langer Lernprozess, diese Mechanismen zu erkennen und zu verstehen.
Es ist wie mit dem Autofahren: Vollbremsungen und Rasen sind einfach. Schwierig ist es jedoch, ein feines Gespür für das Auto zu entwickeln. Wenn wir beginnen, die „ekligen“, intimen und allzu privaten Erzählungen zurückzuhalten und darüber zu sprechen, was in uns vorgeht, was uns bewegt und interessiert, dann können wir langsam mehr Nähe herstellen.
Nähe zulassen wird leichter, wenn wir eine spürbare Schutzhülle haben
Oft fällt es uns schwer, Nähe zuzulassen. Manchmal liegt der Grund darin, dass eine körperlich spürbare Schutzhülle zu fehlen scheint oder dass sich die körperliche Hülle undicht anfühlt. Auch das Bild vom anderen ist dann vielleicht nicht gerade vertrauenserweckend. Am besten können sich zwei Menschen nahe sein, wenn sie sich sicher voneinander getrennt fühlen. Wenn wir uns respektiert fühlen, können wir die Nähe zum anderen als etwas Gutes erleben.
Es gibt uns ein gutes Gefühl, wenn wir wissen, dass wir unserem Bedürfnis nach mehr Abstand oder auch mehr Nähe Ausdruck verleihen dürfen. Haben wir überwiegend bedrohliche Erfahrungen in engen Beziehungen gemacht, dann fühlen wir uns oft auch brüchig. Nähe bedeutet dann für uns, keinen eigenen Raum mehr zu haben. Manche Menschen spüren es in der Partnerschaft, in der Psychotherapie oder Psychoanalyse: Wenn es ruhig und friedlich wird, wenn es so aussieht, als ob man sich gut versteht, wenn es passt, dann wird man unruhig und ergreift die Flucht.
Es ist oft nicht leicht, sein Bedürfnis nach mehr eigenem Raum zu zeigen. Wenn wir davon ausgehen, dass der andere auf unsere Abstandswünsche empfindlich reagiert, dann werden wir vielleicht widerborstig. Vielleicht wollen wir uns dann streiten und den anderen harsch abweisen. Manchmal ist es aber sogar schon schwer, einen Menschen zu finden, der gut zu uns ist und den wir sympathisch finden. Nicht selten wollen wir „Nähe“ zulassen, einfach um es zu „können“, obwohl uns der andere gar nicht sympathisch genug für die Nähe ist.
Wenn Zwei beieinander sind, kann es prinzipiell gefährlich werden. Allein mit einem anderen zu zweit zu sein, kann im Extremfall heißen, umgebracht zu werden. Zu zweit zu sein kann auch heißen, dass unerwünschte Gefühle und Gedanken auftauchen. In der Regel sind dies Wünsche nach mehr Abstand. Wir finden den anderen auf einmal doof. Es ist nicht immer leicht, Abstandswünsche zu äußern. Vielleicht hast Du große Angst davor, dem anderen weh zu tun. In der Psychotherapie mit psychisch sehr schwer kranken Menschen geht es nicht selten zuerst konkret um den richtigen Abstand zwischen Therapeut und Patient.
Zuzweitsein heißt auch, dass man dem anderen immer wieder mal etwas zumuten muss. Und vielleicht hast auch Du manchmal Angst, der andere könnte Abstand brauchen. Dann ist vielleicht die Angst da, den anderen ganz zu verlieren. Wenn sich der andere etwas entfernt oder um mehr Abstand bittet, kann das sehr unangenehme Gefühle auslösen – ähnlich vielleicht wie bei einem Baby, wenn die Mutter den Raum verlässt.
Gebranntes Kind meidet Berührung
Wer als Kind massiv verletzt wurde, dem geht es als Erwachsenen oft ähnlich wie einem Verbrennungsopfer: Die Haut ist wund, der Schutz fehlt. Eigentlich bräuchtest Du nach schweren Verletzungen ganz besonders viel Berührung und Nähe, aber wenn ein anderer auch nur zärtlich die Hand auflegt, vergrößert sich der Schmerz immens. Doch zum Glück ist meistens nicht der ganze Mensch verbrannt: Es gibt auch Stellen, die nicht wund sind und an diesen Stellen kannst Du Dich gut berühren lassen.
In einer Psychotherapie oder Psychoanalyse spürst Du vielleicht, wie Deine Dünnhäutigkeit nachlässt. Wenn Du keine Gelegenheit zu einer Psychotherapie hast, dann kannst Du auch beginnen, konsequent Yoga zu üben. Mit der Zeit spürst Du Deine Muskeln und Deine Haut als verlässlichere Grenze. Das wiederum kann Dir das Gefühl vermitteln, auch psychisch besser geschützt zu sein. Es kommt Dir dann vielleicht vor, als bekämest Du nachträglich einen guten Schutz um Dich herum. „Schutz“ kann auch heißen, dass Du die Vorstellung gewinnst, dass der andere auf Deine Wünsche und Bedürfnisse reagiert. Wenn Du Dir sicher bist, dass der Wunsch, Dich zurückzuziehen vom anderen respektiert wird, ist das auch wie ein eigener Schutz. Nähe zulassen ist etwas, das vielen Menschen schwer fällt. Doch wir können diese Fähigkeit ein Leben lang weiter entwickeln.
Kann die Hab-acht-Stellung wirklich schützen?
Mit deiner ewigen Hab-acht-Stellung willst du dich schützen. Doch erschöpfst du dein Herz. Die Hab-acht-Stellung in einer friedlichen Umgebung bewirkt, dass du die Umgebung als bedrohlicher deklarierst, als sie ist. Die Hab-acht-Stellung ist veraltet. Sie stammt aus deiner frühen Kinder-Zeit, als du noch keine Worte hattest, als du noch nicht sehr weit denken konntest, als du noch nichts wusstest, als du völlig ausgeliefert warst. Siehe, die Zeiten haben sich geändert. Aber du schleppst deine Acht mit dir herum wie ein Ewigkeitszeichen. Schmeiß sie weg. Schmeiß sie weg.
Tief in dir bist du Beziehungs-fähig
„Du hast Angst vor Nähe und lässt Dich nie berühren! Du bist konfliktscheu und einfach nicht beziehungsfähig!“ Wie oft magst Du diese Sätze schon gehört haben? Du zweifelst an Dir. Ob Du jemals fähig sein wirst, einen Partner zu finden, vielleicht auch noch im Alter? Ob Du das kannst? Wenn ein Baby zur Welt kommt, dann trägt es ein Konzept in sich. Es kommt zur Welt und es will Beziehung. Es kommt zur Welt, wendet sich zur Mutter, sucht, saugt und trinkt. Es hat Hunger, Lebenshunger, Beziehungshunger, es nimmt Kontakt auf.
All die Schwierigkeiten kommen erst später. Doch denke an den Ursprung, er ist immer noch da. Die inneren Nervenbahnen, die inneren Schichten des Gehirns – sie sind uralt, waren immer zuerst da und sind immer die stabilsten, egal, was sich später darum herumlagert. Egal, was sich später außen aufsetzt. Ganz tief in Dir hast Du sehr wahrscheinlich immer noch – wie ein Neugeborenes – den Wunsch nach Beziehung und nimmst Kontakt auf. Manchmal muss man eben nur die ganzen Abwehrmauern wieder abtragen. „Nur“. Aber man gräbt gerne, wenn man weiß, dass der Schatz innen drin immer noch da ist.
„Wenn ich unausstehlich bin, nimm mich in den Arm!“
Wenn wir psychisch schwerverletzt sind, geraten wir immer in einen Zustand, der uns schrecklich weh tut. Es ist oft kein „normales Wehtun“, sondern ein angespannter Zustand. Wir haben dann schreckliche psychische Schmerzen. Doch das Problem: Wir können in dem Moment nicht zum Ausdruck bringen, was in uns vorgeht – wir verstehen es selbst nicht und wir finden keine Worte dafür. Dieser Zustand erinnert an die Verfassung eines kleinen Kindes, das sich völlig unverstanden fühlt. Es schreit und erhält als Reaktion im schlimmsten Fall eine erzieherische Maßnahme.
„Wenn ich unausstehlich bin, dann nimm mich einfach in den Arm“, sagen wir vielleicht. Doch das ist schwierig. Die anderen verstehen die Aussage als „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ Dieser Zustand furchtbaren psychischen Schmerzes erinnert sehr stark an eine schwere körperliche Verletzung: Der Betroffene schreit und sucht nach Nähe, aber man darf ihn nicht anfassen, weil die Verletzungen so groß und frisch sind. Der andere wendet sich möglicherweise ab, weil er sich völlig überfordert fühlt.
Im psychischen Ausnahmezustand fühlen wir uns so wie damals, als uns Verletzungen mit Gewalt zugefügt wurden. Was wir dann bei anderen vielleicht auslösen, ist möglicherweise Unbehagen. Die Umstehenden wenden sich vielleicht ab. Die Außenstehenden reagieren vielleicht mit ähnlichen Gefühlen wie wir selbst: mit Genervtsein, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit und Aggression. Will man im Bild der Spiegelneurone bleiben, so könnte man sagen, dass der „Zuschauer“ eine ähnliche Gereiztheit, Hoffnungslosigkeit, Angespanntheit, Auswegeslosigkeit, Verständnislosigkeit, Verlorenheit und Verzweiflung spürt wie wir als Betroffene.
Überwindung durch Verstehen
Es gibt Menschen, die können schwer Verletzten helfen. Sie haben gelernt, diese Wunden zu versorgen und sich selbst dabei intakt zu fühlen. Andere Menschen müssen immer weggehen, weil sie kein Blut sehen können. Wieder andere können in der Notsituation helfen, indem sie sich irgendwie „abstellen“ – erst später kommt der Schock, sodass sie nachträglich zittern und schwach werden. Was uns in unserer Verletzung hilft, ist das Verstehen. Andere können manchmal an unserem „bösen“ und unverständlichen Verhalten sozusagen vorbeischauen und den Weg zum eigentlichen Schmerz finden, zum Ursprung des unverständlichen Verhaltens. Wenn es jemandem gelingt, das in uns anzusprechen und uns wirklich zu verstehen, dann fällt die Mauer oft und neue, erträglichere, verständlichere und weichere Gefühle kommen zum Vorschein.
Die Angst vor dem Ja-Sagen
„Ja.“ Und dann hat man den Salat. Mit „Ja“ rutscht man in was rein, aus dem man nie wieder raus kommt, oder? Beim „Ja“ geht die Falle auf. „Ja“ zum Leben, „Ja“ zum Partner, „Ja“ zum Kind. Ja-Sager haben die Welt von jeher ins Unglück gestürzt. „Ja“ ist oft Gehorsam ohne Nachdenken. „Ja“ führt ins Leben – und dann ist es so schwer, wieder rauszukommen. „Ja“ braucht ein Gegenüber, das auch „Ja“ sagt, oder? Und dann verschmilzt man. Und sucht das Nein. Und sucht, und sucht, und sucht.
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Links:
Armin Poggendorf:
Proxemik: Raumverhalten und Raumbedeutung.
Umwelt & Gesundheit 4/2006: 137-140 (PDF)
Burkhard Brosig und Uwe Gieler:
Die Haut als psychische Hülle
Psychosozial-Verlag, 2016
Beitrag vom 30.1.2026 (begonnen am 23.10.2011)
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12 thoughts on “Angst vor Nähe und Beziehungsangst sind oft die Angst vor Selbstaufgabe. Wie kann ich Nähe herstellen und mich dennoch abgrenzen?”
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Netterweise ist dieses „keine-Grenzen-ziehen-können“ seit Jahrzehnten mein ständig her Begleiter. Das Grenzenziehen wurde von meinen Eltern als Unzulänglichkeit betrachtet – zudem haben die Einen andere Grenzen und Ziele als andere. Zumal ja auch die Gesellschaft immer nur ein Funktionieren erwartet. Mir ist auf jeden Fall bisher seltenst etwas Anderes widerfahren. Und jedes Mal führt es dazu, dass ich über kurz oder lang komplett außer mir gerate und auf Nichts mehr adäquat reagieren kann. Wahrnehmen tu ich meine Grenzen sehr wohl. Helfen tut da auch keine Therapie wenn du dann im „real life“ trotzdem nicht mehr zurückrudern kannst. Therapie-Setting ist halt nicht die Realität. 🤷â€â™€ï¸
Hallo an alle hier,
Erst einmal vielen Dank für die Texte. Gerade ist mir so vieles klar geworden, dass ich erst einmal geweint habe. Und es erleichtert so sehr. Ich habe den Cut zu der gesamten Familie gemacht, weil dieses Schmierentheater mich fast kaputt gemacht hat. Glaslighting, ich wusste gar nicht wie viele Menschen davon betroffen sind und es erschreckt mich, gleichzeitig aber gibt es mir die Hoffnung, dass alles gut wird. Von daher kann ich nun meine Gedanken, meine Gefühle, alles komplett neu ordnen. Die Dinge anders betrachten und ein für mich neues Leben beginnen.
Dankeschön
LG Gabi
Liebe Say,
vielen Dank für Ihren Kommentar! Wichtig ist immer das eigene Gefühl. Sie beschreiben das wirklich gut – man kann meistens nicht einfach gegen das eigene Gefühl „andenken“.
Ihnen alles Gute!
Hallo Frau Voos,
vielen Dank für diesen Text.
Ich habe eine Verhaltenstherapie gemacht, sowie einen stationären und teilstationären Krankenhausaufenthalt hinter mir.
Immer wurde mir gesagt, ich müsste nur schön weiter üben und mich zwingen meine Grenzen auszuweiten, um positive Gegenerfahrungen zu sammeln und Nähe als etwas Schönes zu empfinden. Egal, ob sich dies erst mal schlecht anfühlt und zu Flashbacks führt. Es klang logisch, doch fühlte sich sehr falsch an.
Ende vom Lied ist, dass ich noch viel stärker auf Trigger reagiere als früher.
Wenn ich diesen Artikel lese, ist mir auch klar wieso.
Viele Grüße
Say
Hi. Nachfolgend ein sehr hilfreicher Link zum gleichen Thema: http://www.hochsensibilitaet.ch/content/index_ger.html
Zitat Frau Voos: „Immer wieder erfahren Menschen beispielsweise in einer psychoanalytischen Therapie wie die “Hochsensibilität†im Laufe der Therapie zurückgeht. Durch die Beziehung zum Therapeuten, durch die Analyse von Projektion und Übertragung verändert sich die Empfindlichkeit“.
Hochsensible Menschen bestehen an sich auf den kleinen Unterschied, daß sie nicht empfindlich sind, sondern empfindsam. Das ermöglicht auch eine halbwegige Unterscheidung – die Unterscheidung ist etwas knifflig und nicht wirklich immer eindeutig – zwischen Hochsensibilität infolge Belastung (folgend zur besseren Unterscheidung Hochempfindlichkeit genannt), die bei Stärkung des Selbst nachläßt und Hochsensibilität (folgend: Hochempfindsamkeit genannt) infolge mehr „offenen Kanälen“ des Wahrnehmens. Die Kanäle lassen sich nicht verschließen, ähnlich wie man ein Ohr nicht einfach zuklappen kann.
Hochempfindsamkeit kann zur Belastung werden, allein infolge der Quantität der Wahrnehmungen (Reizüberflutung). Zudem unterscheiden die „offenen Kanäle“ nicht nach stärkend oder schwächend. Aber es gibt sie, diese stärkenden Wahrnehmungen. Dinge, die andere nicht wahrnehmen, oder abgeflachter wahrnehmen. Tiefe Sinneseindrücke (fühlen, spüren, sehen), die erfüllen, gehören zB. dazu. Das kennen Nichthochempfindsame von sich auch. Da einen konkreten Unterschied zu ziehen, halte ich für sehr schwer, auch wenn mich die halbe HS-Gemeinde köpft. Als Unterschied zwischen Hochempfindsamen und Nichthochempfindsamen könnte man versuchen, daß erstere dies nicht ausnahmsweise wahrnehmen und zweitere eher ausnahmsweise. Es geht da um die „Auftretkonstanz“ des Wahrnehmens.
Hochempfindliche, bei denen eine Stärkung eintritt und die Empfindlichkeit reduziert, sind für den Zeitraum, wo sie hochempfindlich sind, den Hochempfindsamen meiner Ansicht nach sehr ähnlich, wenn nicht gar gleich. (Da rollt jetzt mein zweiter Kopf. Es ist meine Ansicht, es gibt da unterschiedliche Betrachtungen zu.) Nur: Hochempfindsame werden durch eine Stärkung/Stabilität nicht minder hochempfindsam, sie bleiben es. Sie können durchaus einen anderen Umgang mit den belastenden Auswirkungen der Hochempfindsamkeit (wie Reizüberflutung) für sich finden und so die Belastungen senken. Gewisse Hochempfindsamkeiten sind jedoch schwer zu „lindern“, bei Gerüchen wird es zB. schwierig. Ebenso können Hochempfindsame infolge anderer Belastungen (Stress etc.) ebenso an sich empfindlicher werden. Und sei es dadurch, daß sie den Umgang mit den Belastungen (negativer Eindrücke) der Hochempfindsamkeit nicht mehr aufrechterhalten können.
Hochempfindsamkeit bezieht sich nicht rein auf Wahrnehmungen von Zwischenmenschlichem (Empathie) oder ist ein Vorhandensein sozialer Defizite oder seelischer Nöte.
Meine Frage etwas anderer Richtung ist, ob Menschen, die durch Stärkung/Stabilität ihre Empfindlichkeit reduzieren, eine Art Verlustgefühl spüren, diesem Nachtrauern.
Auch ich danke für den Text, Frau Voos ! Mir geht es sehr ähnlich und ich bin mit 19 ausgebrochen, habe die 12te Klasse abgebrochen und einige Jahre im Wagen gelebt, habe eine abgeschlossene Ausbildung als Tischlerin und lebe mit meinen Kindern das Leben, das ich immer wollte. Zwar beziehe ich staatlcihes Geld aber ich habe einen guten und richtigen Schritt gemacht und komme auch meinem beruflichen Wunsch Stück für Stück näher. Aber bis heute muß ich dafür büßen, was ich BÖSES getan habe und mir werden Erfolge aberkannt oder zynisch kommentiert mit Sätzen wie :“Wow ! Du wirst wohl doch noch erwachsen!“ Nur zur Info : ich bin 36 Jahre alt.
Mit meinem Vater habe ich vor Jahren schon gebrochen. Ich wollte nicht auch noch mit meiner Mutter brechen. Aber ich bin an einem Punkt … und das eine Woche vor Weihnachten, wo ich merke, daß ich mich so nicht mehr behandeln lassen will. Eine lange mail an die Mutter vor eineinhalb Wochen… keine Anwort.
Und das Wissen, das erwartet wird, daß man wie ein geprügelter Hund auf Knien angerutscht kommt und bettelt, daß man wieder beachtet und geliebt wird. Was sollen das denn für „Weihnachten“ werden !
Was so irre schwer jetzt ist : es geht mir eigentlich fantastisch…aber ich kann es nicht voll genießen, weil ich so sehr mit der Abgrenzung beschäftigt bin. Mich abzugrenzen gegen Hohn, Spott, Respektlosigkeit und auch Neid. Es lähmt und kostet richtig viel Kraft , dagegen anzukommen.
Aber ich bin sicher, ich werde den Berg auch schaffen und am Ende eben ein schönes Fest mit meinen Kindern und Freunden feiern.
Ich wünsche allen ein frohes und leichtes Fest und einen guten Jahreswechsel und VIEEL Liebe, Energie und Lebensfreude :)
Jesse A.
Liebe Grüße an meine Vor- und Nachschreiber..Kim : ja, es ist eine Lebensaufgabe !
Hallo Frau Voos,
schön, dass es jetzt den Gefällt-mir-Button gibt ;-)
Guter Text, interessantes Thema nachvollziehbar erklärt!
Viele Grüße, Christine S.
Liebe Gerda,
vielen Dank für Deinen Hinweis. Bei mir häufen sich die Anfragen von Müttern, die Sorge haben, ihr Kind sei hochsensibel. Ich glaube, hier ist es ähnlich wichtig wie beim Thema „ADHS“, dass die „Hochsensibilität“ nicht zu einer Diagnose wird, bei der die Betroffenen denken: „Das ist halt so.“
Immer wieder erfahren Menschen beispielsweise in einer psychoanalytischen Therapie wie die „Hochsensibilität“ im Laufe der Therapie zurückgeht.
Ich glaube nicht, dass „Strategien“ im Vordergrund der Behandlung stehen sollten und ich glaube auch nicht, dass der Ratschlag, „ganz bei sich selbst zu sein“ und „zu beobachten, was im eigenen Körper vorgeht“, hilfreich ist – im Gegenteil. Ich könnte mir vorstellen, dass sich durch die Eigenbeobachtung Symptome verschlimmern können. Vielleicht sind diese Ratschläge kleine Bausteine. Doch wer lang anhaltend unter seiner „Dünnhäutigkeit“ leidet, findet wirkliche Entlastung meistens in einer guten (psychoanalytischen) Psychotherapie.
Viele Grüße von Dunja
Liebe Dunja,
Rolf Sellin führt in seinem Buch „Wenn die Haut zu dünn ist – Hochsensibilität vom Manko zum Plus“ dieses „Nicht abgrenzen können“ auf hohe Sensibilität zurück. Hochsensible nehmen viel mehr wahr als andere Menschen. Sie hören mehr (auch zwischen den „Zeilen“), sehen mehr, denken mehr (was es ihnen schwer macht, den eigenen Standpunkt zu finden und Entscheidungen zu treffen). Und sie können sich intensiver in andere Menschen hineinversetzen – verschmelzen manchmal fast mit ihnen. Sich selbst, ihren eigenen Körper, nehmen sie dagegen oft nicht mehr wahr. Und sie brauchen andere Strategien als weniger sensible Zeitgenossen. Sellins Hauptaussage: Versuchen, ganz bei sich selbst zu sein – wahrnehmen, was im eigen Körper vorgeht!
Das Buch fand ich sehr hilfreich, es gibt bei jedem Menschen Zeiten in denen die Haut zu dünn wird. Übrigens sollen 20 % der Menschen hochsensibel sein.
Liebe Grüße
Gerda
Vielen Dank für diesen sehr aufschlussreichen Text. Vieles habe ich mir intuitiv so vorgestellt und es tut gut, eine Erlärung dafür zu lesen, was in mir vorgeht. Es hat also einen Grund! Meine Mutter hat mich als Kind sehr dominiert, und daraus resultierten Verhaltensweisen ähnlich den hier beschriebenen.
Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, herauszufinden, was ich eigentlich wirklich will und das ist für mich viiiiel schwerer als es sich anhört.
Und es scheint eine Lebensaufgabe zu sein :)
Ich bin durch Googlen auf diesen Text gestoßen, weil mich das Thema gerade selbst sehr beschäftigt. Danke für diese klare Beschreibung! Es tut gut, das eigene Erlebte so einfach dargestellt zu lesen. Ich habe lange gebraucht, um überhaupt zu kapieren, dass meine Grenzen wieder und wieder überschritten wurden – anhand dieses Textes verstehe ich ein bisschen besser, warum.