Das psychoanalytische Erstinterview – und dessen Ende

Wenn sich ein Patient zum ersten psychoanalytischen Gespräch anmeldet, passiert schon viel. Hat er uns eine Mail geschrieben? Hat die Sekretärin einen Termin für uns festgelegt und was erzählt sie darüber?

Konnten wir mit dem Patienten am Telefon sprechen oder hat er uns mit seinem Anruf irgendwo gestört? Die Vorboten des Erstgesprächs sind meistens genau so wichtig wie das Erstgespräch selbst – welche Phantasien sind uns zu diesem angekündigten Patienten gekommen?

Ein psychoanalytisches Erstgespräch können wir aufnehmen wie einen Traum oder wie ein Spiel. Wir bekommen nur einmal einen ersten Eindruck. Und diesen gilt es, ernst zu nehmen. Wenn wir eine Psychoanalyse mit diesem Patienten machen werden, dann werden die ersten Szenen mit ihm eine bleibende Rolle spielen. Ähnlich wie der Initialtraum (= der erste Traum, den ein Patient in der Psychoanalyse erzählt) ist das, was wir mit dem Patienten in der ersten Stunde erleben, sehr bedeutungsvoll.

Heute führen wir leider häufig eine „Sprechstunde“ mit neuen Patienten durch und brauchen Eckdaten fürs Formular. Aber wenn wir uns uns bewusst die Freiheit nehmen, ein klassisches – und immer zeitgemäßes – psychoanalytisches Erstinterview zu führen, dann können wir dafür im Laufe der Analyse meistens sehr dankbar sein.

Was ist wichtig?

Achte auf Deine Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen. Beobachte, welche Art von Raum zwischen Dir und dem Patienten entsteht: Kannst Du ihm seinen Raum lassen oder bist Du geneigt, den Patienten mit Fragen zu bedrängen? Lass Dich ruhig verwickeln oder auch bannen, während Du versuchst, die Szene zu beobachten: Vor welchem Hintergrund tritt der Patient zu uns? Wie ist das Wetter, wie ist der Patient gekleidet, woran erinnert er uns, welche Atmosphäre herrscht vor? Gibt es etwas Düsteres oder Leeres? Habe ich das Bedürfnis, den Patienten zuzutexten oder würde ich lieber laufen gehen? Was geht zwischen uns beiden vor?

Die Beobachtung der Szene aus den Augenwinkeln kann uns viele Hinweise über den Patienten liefern.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt ins seinem Buch „Telepathie und das Vorbewusste„, dass man besonders Wichtiges über den Patienten häufig sozusagen nebenbei erfährt, wenn man nicht richtig hinsieht. Wenn wir dem Erstgespräch genügend Raum für Phantasie und freie Entfaltung lassen und nicht zu viel konkret nachfragen, können wir schon viel Material für spätere Deutungen erhalten. Was uns an Daten fehlt, können wir in einem zweiten Gespräch erfragen.

Vielleicht träumen wir ja in der darauffolgenden Nacht etwas über den Patienten. Einmal las ich, dass ein Schamane gefragt wurde, welche Patienten er behandelt. Er antwortete: „Wenn ich in der folgenden Nacht vom Patienten träume, dann behandele ich ihn. Wenn ich das nicht tue, schicke ich ihn wieder weg.“ So konkret brauchen wir es nicht zu halten. Aber ich finde, es ist ein schönes Gleichnis für unsere psychoanalytische Arbeit.

Ähnlich wie die Kindheit uns die Skizze für unser weiteres Leben liefert, so ist das psychoanalytische Erstgespräch eine wichtige Vorlage für die kommende Psychoanalyse. Es ist gut, wenn wir das Erstgespräch wirklich ernst nehmen können. Heute weiß man, dass schon die Phantasien werdender Eltern einen enormen Einfluss auf das Leben des Kindes haben können. Ebenso bietet uns das Erstgespräch die Grundlage für alle weiteren Stunden. Und selbst, wenn wir das Erstgespräch nicht so gekonnt und elegant hinbekommen wie erfahrene Psychoanalytiker, so wird uns das Wichtigste schon hängenbleiben.

„Und dann habe ich die Stunde beendet.“

In Kasuistisch-Technischen Seminaren, in denen angehende Psychoanalytiker*innen ihren Fall vorstellen, ist oft der Satz zu hören: „Und dann war die Stunde zu Ende.“ Dieser Satz zeigt vielleicht, wie gehaltvoll der Anfang und das Ende der Stunde sind. Gerade an diesen Rändern der Stunde, an den Übergängen „von der Realität auf die Couch“ und von der Couch zurück in die Realität, passiert ungeheuer viel. Wie blicken sich Patient und Analytiker an? Was wird gesagt oder nicht gesagt? Wie sieht das Schweigen aus? Was passiert im Flur?

Manchmal möchte man sich als Ausbildungskandidat*in gerne verstecken. Während die „eigentliche Stunde“ detailliert ausgeführt wird, wird zum Anfang und zum Ende der Stunde oft wenig gesagt. Es erinnert mich an so manche Geburts- oder Todesanzeige: „Mutter und Kind sind wohlauf“ oder „Er starb im Kreise seiner Familie“ oder gar: „Er/sie suizidierte sich.“

Was uns brennend interessieren würde ist doch: Wie kam das Kind auf die Welt? War es ein Kaiserschnitt, eine natürliche Geburt, eine Geburt mit oder ohne PDA (Periduralanaesthesie)? Woran starb jemand genau und wie hat sich der oder die Suizidale schließlich genau das Leben genommen? Jedem Stundenbeginn wohnt ein Zauber inne. Und jedem Abschied ebenfalls. Um möglichst viel vom Patienten zu verstehen, ist es wichtig, nicht nur die Stunde selbst, sondern ganz besonders auch den Beginn und das Ende der Stunde darzustellen (wobei der Beginn einer Sitzung meiner Erfahrung nach doch oft noch genauer beschrieben wird als das Ende der Sitzung).

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Literatur:

Annemarie Laimböck (2000):
Das psychoanalytische Erstgespräch. edition discord, zvab.com, Brandes & Apsel, 2011, amazon

Hermann Argelander (1970):
Das Erstinterview in der Psychotherapie. amazon

Beitrag vom 3.5.2026 (begonnen am 26.1.2023)

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