Das psychoanalytische Erstinterview – und dessen Ende

Bild Nr. 454 Angt vor dem Patienten von Dunja Voos

Wenn sich ein Patient zum ersten psychoanalytischen Gespräch anmeldet, passiert schon viel. Hat er uns eine Mail geschrieben? Konnten wir mit dem Patienten am Telefon sprechen oder hat er uns mit seinem Anruf irgendwo gestört? Die Vorboten des Erstgesprächs sind meistens genau so wichtig wie das Erstgespräch selbst – welche Phantasien sind uns zu diesem angekündigten Patienten gekommen?

Ein psychoanalytisches Erstgespräch können wir aufnehmen wie einen Traum oder wie ein Spiel. Wir bekommen einen ersten Eindruck. Und diesen gilt es, ernst zu nehmen. Wenn wir eine Psychoanalyse mit diesem Patienten machen werden, dann werden die ersten Szenen mit ihm eine bleibende Rolle spielen. Ähnlich wie der Initialtraum (= der erste Traum, den ein Patient in der Psychoanalyse erzählt) ist das, was wir mit dem Patienten in der ersten Stunde erleben, sehr bedeutungsvoll.

Heute führen wir leider häufig eine „Sprechstunde“ mit neuen Patienten durch und brauchen Eckdaten fürs Formular. Aber wenn wir uns uns bewusst die Freiheit nehmen, ein klassisches – und immer zeitgemäßes – psychoanalytisches Erstinterview zu führen, dann können wir dafür im Laufe der Analyse meistens sehr dankbar sein.

Was ist wichtig?

Achte auf Deine Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen. Beobachte, welche Art von Raum zwischen Dir und dem Patienten entsteht: Kannst Du ihm seinen Raum lassen oder bist Du geneigt, den Patienten mit Fragen zu bedrängen? Lass Dich ruhig verwickeln oder auch bannen, während Du versuchst, die Szene zu beobachten: Vor welchem Hintergrund tritt der Patient zu uns? Wie ist das Wetter, wie ist der Patient gekleidet, woran erinnert er uns, welche Atmosphäre herrscht vor? Gibt es etwas Düsteres oder Leeres? Habe ich das Bedürfnis, den Patienten zuzutexten oder würde ich lieber laufen gehen? Was geht zwischen uns beiden vor?

Die Beobachtung der Szene aus den Augenwinkeln kann uns viele Hinweise über den Patienten liefern.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt ins seinem Buch „Telepathie und das Vorbewusste“, dass man besonders Wichtiges über den Patienten häufig sozusagen nebenbei erfährt, wenn man nicht richtig hinsieht. Der Blick aus den Augenwinkeln kann uns Überraschendes bemerken lassen.

Wenn wir dem Erstgespräch genügend Raum für Phantasie und freie Entfaltung lassen und nicht zu viel konkret nachfragen, können wir schon viel Material für spätere Deutungen erhalten. Was uns an Daten fehlt, können wir in einem zweiten Gespräch erfragen.

Vielleicht träumen wir ja in der darauffolgenden Nacht etwas über den Patienten. Einmal las ich, dass ein Schamane gefragt wurde, welche Patienten er behandelt. Er antwortete: „Wenn ich in der folgenden Nacht vom Patienten träume, dann behandele ich ihn. Wenn ich das nicht tue, schicke ich ihn wieder weg.“ So konkret brauchen wir es nicht zu halten. Aber ich finde, es ist ein schönes Gleichnis für unsere psychoanalytische Arbeit.

Ähnlich wie die Kindheit uns die Skizze für unser weiteres Leben liefert, so ist das psychoanalytische Erstgespräch eine wichtige Vorlage für die kommende Psychoanalyse. Es ist gut, wenn wir das Erstgespräch wirklich ernst nehmen können. Heute weiß man, dass schon die Phantasien werdender Eltern einen enormen Einfluss auf das Leben des Kindes haben können. Ebenso bietet uns das Erstgespräch die Grundlage für alle weiteren Stunden. Und selbst, wenn wir das Erstgespräch nicht so gekonnt und elegant hinbekommen wie erfahrene Psychoanalytiker, so wird uns das Wichtigste schon hängenbleiben.

Ängste entstehen gerade am Anfang einer Analyse

„Du hast ja Angst vor Deinem Baby!“, wird Müttern manchmal vorgeworfen. In der Tat können Babys mit ihrer Unersättlichkeit Angst machen: „Was, wenn ich Fieber habe und mein Baby nicht versorgen kann?“, denkt die Mutter. Enge Zweierbeziehungen können sehr einengen. Gerade, wenn ich als angehende Psychoanalytikerin selbst frühtraumatisiert bin, kann ich erneut erleben, wie gefährlich eine enge und abhängige Beziehung werden kann.

Wenn Angst und Wut aufkommen, lässt die Mentalisierungsfähigkeit nach – ich bin damit beschäftigt, mich selbst zu schützen. Die Kunst ist es, in der Therapie weiterhin mentalisierungsfähig zu bleiben, auch, wenn man gerade Angst hat oder von Aggression überwältigt ist.

Mutter und Kind, Partner und Partnerin, Patient und Therapeut sitzen nicht selten in einem Boot. Hier ist es besonders wichtig, etwas Drittes zu haben – einen guten Supervisor oder eine Freundin, die auch eine psychotherapeutische Ausbildung macht. Dieses „Dritte“ bringt Abstand in die Enge.

Das Wichtigste ist vielleicht das „Ja“ zu der Angst. Es gibt verschiedene Gründe, warum wir als Psychoanalytiker Angst vor unseren Patienten haben können:

  • Eine sehr konkrete Angst: Ein Patient ist aggressiv oder schwer psychotisch und ich bin allein mit ihm in einem Raum. Schon manches Mal habe ich mir eine Art „Notknopf“ unter dem Psychotherapeutensitz gewünscht, den man drücken könnte. Hier kann es hilfreich sein, in einer Gemeinschaftspraxis zu arbeiten oder zu wissen, dass noch jemand nah im Haus ist. Dem eigenen Kompass zu folgen, ist wichtig: Fühlt sich etwas zu gefährlich an, muss man die Sitzung beenden, eventuell auch die Therapie.
  • Angst vor der eigenen Wut: „Meine Patientin kommt schon mit einem verachtenden Blick in die Praxis.“ So etwas kann auf Dauer zermürben, gerade in einer Analytischen Psychotherapie. Manchmal kommt die Angst schon, wenn man dem Patienten nur die Tür öffnet. So viel Kritik und Verletzungen werden in dieser Stunde wieder kommen – das ist sicher. Hier kann man sich immer wieder vedeutlichen, dass wahrscheinlich der Patient selbst massiv kritisiert und entwertet wurde. Er bringt uns in ein Gefühl, das er selbst kennt. Wir können beobachten, was passiert.
  • Angst davor, der Patient könnte die Therapie abbrechen, was in der Ausbildung dazu führt, dass man mit einem neuen Fall anfangen müsste. Auch finanzielle Not kann die Folge sein. Hier kann man versuchen, an den überstarken eigenen Wünschen zu „arbeiten“ und sich selbst wiederum etwas „Drittes“ zu schaffen wie z.B. eine private Beratungspraxis nebenher. Und wir könnten gemeinsam mit den Kollegen daran arbeiten, dass sich die Ausbildungsrichtlinien ändern, denn wenn Patienten „mindestens 250 (oder 300, DPV) Sitzungen“ bleiben müssen, ist das eine unmögliche Situation.
  • Angst vor Traumatisierung, Retraumatisierung und vor dem Verrücktwerden: das Zusammensein mit dem Patienten kann uns an frühe eigene traumatische situationen erinnern. Wir können getriggert werden. eine gute lehranalyse kann hier freiheit schaffen, doch traumatisierungen durch den patienten können immer wieder vorkommen. das lässt sich manchmal in die eigene „lebensmeditation“ aufnehmen. auch tagebuchschreiben hilft. die beschäftigung mit dem eigenen körper, yoga oder Ähnliches können helfen. es kann auch hilfreich sein, weniger patienten anzunehmen und sich mehr freiräume zu schaffen. die eigene kreativität ist ebenso hilfreich wie die beschäftigung mit psychoanalytischen theorien.
  • hinzu kann die angst davor kommen, man könnte sich in den patienten verlieben oder umgekehrt – wie damit umgehen? wie das halten? wie mit dem supervisor darüber sprechen?
  • nicht zu verachten sind auch psychosenahe ängste: was, wenn ich das gefühl habe, der Patient macht sich psychisch in mir zu breit? was, wenn der patient etwas von mir träumt, das stimmt oder wenn sich telepathische Erlebnisse mit ihm häufen? wenn ich nicht mehr aufhören kann, an den patienten zu denken? die sorge, dass das, was man selbst mit dem patienten erlebt, „zu krank“ sein könnte für die ausbildung, hindert sicher viele daran, darüber zu sprechen, was wirklich vor sich geht.

„Und dann habe ich die Stunde beendet.“

In Kasuistisch-Technischen Seminaren, in denen angehende Psychoanalytiker*innen ihren Fall vorstellen, ist oft der Satz zu hören: „Und dann war die Stunde zu Ende.“ Dieser Satz zeigt uns leider gar nicht, wie gehaltvoll der Anfang und das Ende der Stunde oft sein können. Gerade an diesen Rändern der Stunde, an den Übergängen „von der Realität auf die Couch“ und von der Couch zurück in die Realität, passiert ungeheuer viel.

Wie blicken sich Patient und Analytiker am Ende der Stunde an? Was wird gesagt oder nicht gesagt? Wie sieht das Schweigen aus? Was passiert noch im Flur? Oft merken wir auch, dass wir gegen Ende der Stunde etwas sagen, das uns danach irgendwie „nachläuft“. Wir spüren als Analytiker den „Druck des Endes der Stunde“ manchmal genau so wie wir ihn als Analysanden spüren. Wir machen noch „ein neues Fass auf“ oder wir sagen etwas, was uns später peinlich ist oder wir kauen daran herum, dass wir etwas Wichtiges am Ende eben nicht gesagt haben.

Manchmal möchte man sich als Ausbildungskandidat*in gerne verstecken. Während die „eigentliche Stunde“ detailliert ausgeführt wird, wird zum Anfang und zum Ende der Stunde oft wenig gesagt. Es erinnert mich an so manche Geburts- oder Todesanzeige: „Mutter und Kind sind wohlauf“ oder „Er starb im Kreise seiner Familie“ oder gar: „Er/sie suizidierte sich.“

Was uns brennend interessieren würde ist doch: Wie kam das Kind auf die Welt? War es ein Kaiserschnitt, eine natürliche Geburt, eine Geburt mit oder ohne PDA (Periduralanaesthesie)? Woran starb jemand genau und wie hat sich der oder die Suizidale schließlich genau das Leben genommen?

Jedem Stundenbeginn wohnt ein Zauber inne. Und jedem Abschied ebenfalls. Um möglichst viel vom Patienten zu verstehen, ist es wichtig, nicht nur die Stunde selbst, sondern ganz besonders auch den Beginn und das Ende der Stunde darzustellen (wobei der Beginn einer Sitzung meiner Erfahrung nach doch oft noch genauer beschrieben wird als das Ende der Sitzung).

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Literatur:

Annemarie Laimböck (2000):
Das psychoanalytische Erstgespräch. edition discord, zvab.com, Brandes & Apsel, 2011, amazon

Hermann Argelander (1970):
Das Erstinterview in der Psychotherapie. amazon

Beitrag vom 3.5.2026 (begonnen am 26.1.2023)

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